Interview mit Super700

Wenn Kritiker- und Publikumslieblinge unsere Stadt aufsuchen, sollten diese wenn möglich bereits beim Passieren des Chemnitzer Ortseingangsschildes abgefangen werden, um sie dann mit knallharten Fragen zu durchlöchern. Gesagt, getan: Die Berliner Indie-Pop-Gruppierung Super700 war im Rahmen der Tour zu ihrem aktuellen dritten Album „Under The No Sky“ zu Gast im Atomino, und wir von re:marx ließen uns natürlich nicht lumpen, wie aus einer Limette alles aus ihnen herauszuquetschen.

Seid ihr zum ersten Mal in Chemnitz?

Wir haben bereits in Chemnitz gespielt. Das ist aber bestimmt schon sieben Jahre her. Damals noch im „Bunker“. Kalt und schlimme Akustik.

Euren ersten beiden Alben „Super700“ und „Lovebites“ wurden mit zwei weltweit bekannten Produzenten (Gordon Raphael – produzierte bereits unter anderem die Strokes und Regina Spektor; Rob Kirwin – produzierte bereits unter anderem U2 und Get Cape. Wear Cape. Fly) aufgenommen. Wie ist der Kontakt zu Stande gekommen?

Das war tatsächlich immer Zufall. Wir haben uns zunächst schlicht und einfach gewünscht, einen Produzenten zu finden. Dann haben wir bei einer Party namens Planet Rock im alten DDR-Rundfunkgebäude gespielt. Dort war Gordon anwesend und hat uns direkt nach dem Konzert angesprochen, ob wir nicht mal zusammen etwas aufnehmen wollen würden. Beim zweiten Mal haben wir bei uns geprobt, während Rob etwas mit einer anderen Band in der Nähe aufgenommen hat. So kreuzten sich auch hier die Wege.


Euer aktuelles Album „Under The No Sky“ habt ihr im Gegensatz dazu selbst produziert. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Wir sind jetzt berühmt – und wir waren die berühmtesten greifbaren Menschen. Also haben wir einfach uns selbst gefragt. Aber vielmehr war es so, dass, wie du bereits sagtest, wir bereits mit Produzenten zusammengearbeitet haben. Ganz autark haben wir jedoch vorher noch nie aufgenommen. Deswegen war das dieses Mal unser Vorhaben. Zusätzlich passten die Umstände auch dazu: Es fehlte etwas an Geld und wir hatten kein richtiges Studio. Die Umstellung war auch ehrlich gesagt gar nicht groß. Bisher verhielt es sich auch nicht so, dass jemand kam und gesagt hat, was wir tun sollen. Es war eher immer jemand da, der uns geholfen hat. Und dieses Mal halfen wir uns einfach gegenseitig.

Aber ist es nicht von Vorteil, wenn eine außenstehende Person dabei ist, die noch einen anderen Blickwinkel auf die Songs hat und Tipps beisteuern kann, wie man noch etwas verändern könnte?

Das kann natürlich spannend sein und die Sache in eine andere Richtung bewegen. Aber die anderen Platten sind eben schon genau so, und das war dann das Experiment und die Erfahrung, die wir machen wollten. Außerdem können wir uns glücklich schätzen, in Berlin mittlerweile einige Freunde zu haben, die auch Musiker, Produzenten oder Mischer sind, und mit denen wir eine Art Gemeinschaft bilden. Dadurch kann man auch einfach mal herumfahren und sich Ideen gegenseitig vorspielen, wodurch ebenfalls Feedback zurückkommt. Das benötigt wiederum insgesamt natürlich mehr Zeit und Ruhe. Aber dann hat es eigentlich auch sehr gut funktioniert.

Eigentlich kann man ja dann schon fast nicht nur von einer „Gemeinschaft“, sondern von einer „Szene“ reden, oder?

Es gibt nicht DIE Szene, sondern viele kleinere. Das ist auch nicht mal unbedingt musikalisch festgelegt. Es können auch Leute sein, mit denen man über die Jahre zu tun hatte, mit denen wir früher gejammt haben oder mit denen mal eine Band hatte. Oder eben wirklich Leute, die man musikalisch schätzt. Die können dann aus den unterschiedlichsten Ecken kommen: An dem einen Tag aus der Seeed-Ecke, an dem Anderen aus der elektronischen Region.

Ihr hattet vor Veröffentlichung des aktuellen Albums mit sehr vielen Mitgliederwechseln zu kämpfen (vier Mitglieder verließen die Band, ein Neues kam hinzu). Ändert sich dadurch die Herangehensweise, Musik zu machen?

Das hat sogar sehr viel mit der Entscheidung zu tun, warum wir dieses Mal auf einen Produzenten verzichtet haben. Wenn man zu siebt ist, ist es natürlich viel schwieriger, eine Entscheidung zu treffen. Da war es am Ende dann immer sehr angenehm, wenn jemand da war, den alle als Außenstehenden akzeptierten, der teilweise letztendlich die Entscheidung traf, in welche Richtung es gehen solle. Zu viert sind solche Entscheidungen bedeutend einfacher: Man kann mehr an einem Strang ziehen und gemeinsam in eine Richtung arbeiten.

Was macht ihr lieber – Studioarbeit oder Konzerte spielen?

Das Eine braucht das Andere: Wenn man sich den ganzen Tag in einem Raum befindet, dann ist irgendwann der Drang da, sich wieder zu bewegen und unterwegs zu sein. Und wenn man dann wiederum wieder unterwegs ist, dann will man eben irgendwann wieder in einem Raum sein. Das Schöne ist dabei wirklich die Abwechslung. Das sind ja letztendlich zwei völlig verschiedene Arten von Arbeit: Bei dem einen kreiert man etwas und erschafft Sachen, die es vorher nicht gab. Auf Tour wird dann genau das den Leuten präsentiert und erweckt es damit zum Leben. Die Songs entwickeln sich dadurch vor allem weiter. Wenn wir die Platte jetzt machen würden, würde sie ganz anders klingen.

Wenn man sich Rezensionen oder Beschreibungen eurer Musik durchliest, stößt man auf viele verzweifelte Versuche, euren Sound einzuordnen. Nahezu jedes Genre wird genannt, bis auf Death Metal vielleicht…

Sag das nicht! Wir waren mit dem aktuellen Album in den Metal-Charts bei Amazon, und das sogar unter den Top 20!

Nicht übel. Aber wie würdet ihr jemandem euren eigenen Sound beschreiben, der noch nie von euch gehört hat?

Schlicht und einfach mit: Pop! Es ist populär im besten Sinne, und genau das soll es auch sein. Die Leute sollen es hören – egal wer. Es handelt sich ja nicht um Elite-Musik. Die meisten fragen dann natürlich direkt: „Pop? Wie? Wie Britney Spears?“ Da sag ich dann: „Nein – eher handgemachter Pop.“ Da kann man sich dann eher etwas darunter vorstellen.
Pop heißt für uns auch eher: Wir machen das, was wir finden, das populär sein sollte. Das heißt aber auch nicht, das wir alles versuchen, um populär zu sein.
Pop ist ja auch in jedem Land etwas Unterschiedliches: Was der geneigte Mitteldeutsche darunter versteht, kann etwas Anderes sein, als der Engländer am Nachbartisch.

Populärmusik also – darf es dann später auch gerne die sehr große Bühne sein? Oder spielt ihr lieber im kleineren Rahmen?

Wir haben ja schon ab und an die große Luft schnuppern dürfen. Aber der persönliche Rahmen ist da schon eher unser Favorit.

Und wie sieht’s mit Festivals aus? In diesem Jahr habt ihr ja nicht unbedingt alles mitgenommen wie manch andere.

Das Problem ist: Wir machen keine Musik, zu der man unfassbar gut Bier trinken kann. Wir haben tatsächlich bereits Festivalabsagen bekommen mit der Begründung, dass man bei uns nicht gut trinken könne. Bekannte Bands können natürlich auch schon mal im Hauptprogramm spielen, auch wenn dies bei denen ebenfalls nicht gut möglich ist. Meistens sind ja dann auch schon alle betrunken. Um die Mittags- bzw. frühe Abendzeit, was so unsere Zeit wäre, soll eben hauptsächlich zur Musik konsumiert werden.

Ihr kommt in der Presse immer sehr be- und nachdenklich rüber. Könnt ihr eigentlich auch mal richtig rock’n’roll-mäßig die Sau rauslassen?

Das sagen wir jetzt nur euch, aber wir sind die Erfinder des Spiels „Wer kann am lautesten aus dem Schrank kommen?“. Wir mussten schon sehr viele Schranktüren in verschiedensten Hotelzimmern ersetzen aufgrund dieses Spiels. Es gibt natürlich auch verschärfte Versionen, wie zum Beispiel: „Wer kann am lautesten nackt aus dem Schrank kommen?“ oder „Wer kann am lautesten mit dem Schrank aus dem Zimmer kommen?“. Aber das ist dann schon die ziemlich krasse Version. Es bietet eben viele Varianten. Deswegen hat es übrigens auch bereits jetzt den Spielepreis 2013 erhalten. Wir arbeiten auch schon an einer Brettspielversion, aber leider ist bisher immer der Tisch kaputt gegangen.

Es ist ja eher so, dass ihr jetzt nicht unbedingt wie Coldplay oder Radiohead nur von der Band leben könnt. Ist das aber ein Ziel, das ihr euch gesetzt habt? Oder lautet das Motto eher: „Wenn das mal so sein sollte, ist das schön und gut, aber wenn nicht, werden wir auch nicht verzweifeln.“?

Wir leben schon alle von der Musik, haben jedoch noch unterschiedliche Projekte wie Unterricht oder Theatermusik. Natürlich wäre es schön, wenn wir es nur mit Super700 schaffen würden, davon zu leben, und das auf ein gutes Level zu hieven. Aber wir würden auf keinen Fall unsere Musik beziehungsweise Aussage dafür verformen.

Habt ihr musikalische Vorbilder?

Alle Bands mit „-head-“: Motörhead, Machine Head, Talking Heads, Radiohead, Blonde Redhead, Portishead und Screaming Headless Torsos.

Wenn das all eure aktuellen Einflüsse sind, können wir ja sehr gespannt auf euer nächstes Album sein. Vielen Dank für das Interview!

Internetpräsenz
Informationen
Klangbeispiele
Fotos vom Konzert in Chemnitz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*