Wrestling in Chemnitz: Eine Bestandsaufnahme.

Helden unserer Kindheit: Was wären wir nur ohne sie! Ob Mega Man, Darkwing Duck oder Pikachu – jeder nannte mindestens einen dieser Art sein eigen und bewunderte sie aufgrund ihrer Unerschrockenheit, ihres Heldentums oder ihrer Stärke. Für die gänzlich Unerschrockenen unter uns zählten jedoch die männlichsten Männer des kompletten Universums zu den absoluten Vorbildern: Die Wrestler! (Für die Älteren auch gerne als Catcher bezeichnet.) Je nach Generationszugehörigkeit zählten Testosteronübermenschen wie Hulk Hogan, Tatanka, The Rock oder John Cena zu den nicht-zu-hinterfragenden Idolen. Wer ein böses Wort über sie verlor, bekam ohne Vorwarnung eine niederschmetternde Clothesline um den Hals gepfeffert.

Wenn sich also nach all den Jahren die Möglichkeit ergibt, jungfräulich einer Veranstaltung beizuwohnen, die genau diesen Legenden Tribut zollt und dabei noch ihre eigene Note hinzufügt, kann dies absolut niemand ablehnen. Und so machten wir uns weltoffen und unerschrocken am 25. Oktober 2013 in das berühmt-berüchtigte Chemnitzer Haus des Gastes, wo das Westside Extreme Wrestling (wXw),…ähm…zu Gast war.
Bereits die Reise dorthin stellte sich als Fahrt ins Ungewisse heraus. Nur so viel sei dazu gesagt: Es gibt tatsächlich Buslinien, die weitab vom Zentrum unserer modernen Metropole ihre Runden ziehen, ohne dass sie je jemand zu Gesicht bekommt, der nicht gerade im sagenumwobenen Reichenbrand haust.
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(c) Chris Lässig

Die Ankunft ließ bereits erahnen, was in den kommenden Stunden zu erwarten sein würde, denn ein leerer Kasten Bier, inklusive fachmännisch verteilter Flaschen, schmückte die Fahrbahn. Später durften wir vom Veranstalter erfahren, dass sich die Hardcore-Fans bereits eine Stunde vor Einlass zur kollektiven Abendvorbereitung beim Veranstaltungsort getroffen haben, um, nun ja, richtig in Stimmung zu kommen. YOLO!
Nach freundlicher Begrüßung und kurzem Standardcheck der Location konnte der erste Schock kurzzeitig überwunden werden: sauberes Örtchen, kaltes Bier und billiges Essen wie typisch italienische Cheeseburger und Pommes. Mamma mia!
Danach folgte die obligatorische Inspektion der Zuschauer: Vom jungen Heranwachsenden bis hin zum alteingesessenen Uraltfan, der wahrscheinlich noch Antonino Rocca bei seinem Debüt die Hand geschüttelt hat, war alles vertreten. Doch bereits direkt zu Beginn fiel auch das Klientel auf, das für „das kleine Missgeschick“ außerhalb verantwortlich schien: die volltrunkenen Mittzwanziger. Unsere Generation! Und genau diese machten sich direkt beim ersten Kampf zwischen Axel Dieter Jr. und Robert Kaiser bemerkbar, denn Rufe wie „Zigeeeeuuuuneeeeer, Zigeeeeuuuuneeeeer!!!“ oder vor allem das immer wieder auftauchende „OST-DEUTSCH-LAND! OST-DEUTSCH-LAND!“ sorgten bei vielen Zuschauern für fassungslose Gesichter. Konnte man anfänglich noch darüber schmunzeln, machte sich schnell Ernüchterung breit, was sich später noch durch Rufe wie „… ist die schwulste Sau der Welt!“ und „Steht auf wenn ihr Deutsche seid!“ manifestierte. Nun sind wir nicht dafür da, abermals Rassismusdebatten loszutreten, aber hier wurden direkt zu Beginn zu viele Grenzen eingerissen. Es blieb lediglich die Möglichkeit, sich auf das sportliche Event zu konzentrieren.
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So folgten Einzelmatches zwischen Wrestlern wie Big Van Walter und Vincent Schild oder Kim Ray und Johnny Rancid, bei denen meist der Bösewicht letztendlich das Zepter in der Hand hielt. Generell fiel auf, dass in jedem Kampf ein Catcher den Buhmann mimte, der sich vor allem durch Beleidigung des Publikums auszeichnete, und ein Publikumsliebling auftrat, der mit allen abklatschte und sich gebührend feiern ließ. Nach dem immer gleichen Ablauf dieses Musters trat zwar etwas Ernüchterung ein, aber anders lässt es sich wohl nicht lösen, Spannung für ein Publikum aufzubauen, dass zum Teil zum ersten Mal von den Kontrahenten gehört hat.
Als zwischenzeitlicher Höhepunkt folgte ein Flaggenkampf (die eigene, in der Ringecke befestigte Flagge musste herausgezogen und dem Referee wedelnd präsentiert werden) zwischen dem Russen Ilja Dragunov und dem Deutschen Robert Schild. Neuer Nährboden also für unglimpfliche Zwischenrufe. Aber nicht nur das: Auch hatten beide, wrestlingtypisch, leicht bekleidete Assistentinnen dabei (mit den zauberhaften Namen Melanie Gray und Svetlana Kalashnikova), was beim alkoholisierten Publikum selbstverfreilich für Zwischenrufe wie „Titten raus“ sorgen musste.
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(c) Chris Lässig

Es sollte zum ersten Mal unser Held des Abends auftauchen: Karsten Beck betrat die Bühne, um eine der besten Stand-Up-Nummern der jüngeren Zeitgeschichte darzubieten. Und das ist durchweg als Kompliment gemeint. Es handelt sich bei ihm einfach mal um den bösesten aller bösen Wrestler. Chemnitz mochte er nicht so wirklich, weswegen er dem Publikum ins Gesicht brüllte, dass „Chemnitz scheiße ist“, dass alle „aussehen wie Bauern“ bzw. „Schlampen“ und überhaupt alle Chemnitzer „Bauernschlampen“ wären. Während sich der Sarkasmus geprüfte re:marx-Redakteur über sowas nichts anderes als köstlich amüsiere konnte, brachte dies die immer betrunkener werdenden „Hardcorefans“ auf die Barrikaden. Bierbecher flogen, kreative „Karsten Speck“-Chöre wurden angestimmt und auch die Kinder durften die Stinkefinger rausholen und dem bösenbösen Karsten entgegenstrecken.
Aber auch Karsten Becks Gegner tauchte zum ersten Mal auf: „Bad Bones“ John Klinger, ein Vieh von einem Mann, versöhnte das Publikum, denn ja, er ist einer von uns. Zusammen mit uns will er später Karsten Beck zeigen, was Bauernschlampen so drauf haben. Der Hauptkampf des Abends war angesetzt. Es folgte eine etwa zwanzig-minütige Pause.
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(c) Chris Lässig

Nach einem weiteren Einzelkampf und einem sogenannten Tag-Team-Match zwischen jeweils zwei rivalisierenden Catchern, wurde immer mehr deutlich, wie voranschreitende Zeit und Bierkonsum korrelieren, denn eine Gruppe von insgesamt etwa zehn Leuten war kaum mehr zu halten und musste wieder und wieder vom Ringrand entfernt werden.
Was folgte, war der auch von uns heiß ersehnte Fight zwischen Karsten Beck und „Bad Bones“. Ein Feuerwerk an Beschimpfungen, Schlägen und Würfen wurde gezündet, beide boten eine tolle Show, die genau das erreichte, wofür Wrestling steht: Begeistern. Für eine gewisse Zeit in eine andere Welt eintauchen. Nach K.O. von nacheinander zwei Referees und zwischenzeitlichem Abbruch des Kampfes konnte nach Wiederbeginn der Publikumsliebling einen Sieg erringen. Die Menge tobte und ließ Freudentränen in leere Bierbecher fallen.
Versöhnt verließen die Gäste das Haus, nachdem sich so manch einer noch Autogramme und Fotos von seinen persönlichen Helden schnappte.
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(c) Chris Lässig

Wrestling kann selbst in einer Stadt, die nicht gerade für diese Sportart bekannt ist, wunderbar funktionieren. Ein ausverkauftes Haus spricht da Bände. Dennoch ist es in negativer Weise immer wieder faszinierend, wie unfassbar hohl Menschen sein können. Anders lässt sich das leider nicht formulieren. Aber wir sprechen hier glücklicherweise von einer kleinen Menge, für deren Anwesenheit der Veranstalter nicht unbedingt verantwortlich gemacht werden kann. So ziehen wir insgesamt ein positives Fazit und können jedem empfehlen, sich selbst ein Bild von der Faszination des Wrestlings zu machen. Die Möglichkeit besteht beispielsweise an folgenden Tagen:

11.04.2014: Limbach-Oberfrohna (Stadthalle)

12.04.2014: Dresden (Alter Schlachthof)
13.04.2014: Leipzig (Hellraiser)

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