Der Mann hinter re:marx beantwortet Leserfragen. Diesen Monat: Dr. Sammer und die WM-Sorgen

Die heiße Glut des wärmsten Pfingstens aller Zeiten flimmert noch in unseren Köpfen, raubt uns die Klarsicht und den Weitblick, stattdessen sehen alle nur noch schwarzrotgold, die Feuerwehr löscht Sonnenbrände, das Sommerloch hat seinen gierigen Schlund geöffnet und verschlingt gnadenlos, was vom frühsommerlichen Rest-Niveau übrig geblieben ist. Die Deutschen grillen sich lieber krank oder liegen teilnahmslos im Freibad und braten das körpereigene Fett in den uns so wohlgesonnenen Sonnenstrahlen. Smells like Sommermärchen, inklusive Hitzschlag und Hitzefrei. Inhaltlich könnte man jetzt eigentlich Insolvenz anmelden und auch beim Blick in den Termin-Kalender gefriert uns das Blut eiskalt in den Adern: Abgesehen vom kommenden Wochenende und dem Kosmonaut, passiert im Juni gefühlt nichts und zwar absolut gar nichts. Der vermutete Grund dafür lässt sich mit zwei Buchstaben abkürzen und absurd vermarkten: We Em. Weltmeisterschaft im Fußball – und die beginnt am Donnerstag, falls es irgendjemand noch nicht mitbekommen haben sollte.
Beim Gedanken an die Fußball-Weltmeisterschaft erleidet die politische Korrektheit  vermutlich schon wieder Schnapp-, und das vereinigte Proletariat Schnaps-Atmung: Darüber, dass die Fifa pervers und Fußball ein schmutziges Geschäft ist, sind wir uns wohl alle einig. Oder darüber, wie schwachsinnig 95% der allerorts angepriesenen WM-Produkte sind. Zu allem Überfluss hat sich vergangene Woche dann auch noch der letzte lebende Sozialist, der Nischl, ein Trikot übergeworfen und die re:marx-Redaktion sich daraufhin beinahe zerworfen –  aber dann entschieden wir uns in letzter Minute für einen Rundum-Bash in alle Richtungen, der endlich auch mal Früchte des Zorns trug.

Prinzipiell sind auch wir eher keine gröhlenden Schland-Fans und ein Teil der Redaktion ist ebenfalls allergisch gegen Fahnen an Autos. Wir sind außerdem gegen Blut und Spiele und wären wir in Brasilien, würden wir niemals in der VIP-Lounge, sondern in einer gentrifizierten Favela sitzen und den ersten Stein aufs Maracanã werfen. Wir würden auch so etwas wie olympische Winterspiele in Katar nie befürworten, wenn die Scheichs vorher nicht genug Geld überwiesen haben. Und wir hoffen heimlich auf das Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft und zerstören wutwillig Rewe-Papier-Fähnchen mit Thomas Müllers diabolisch grinsender Visage und ersetzen sie durch Fotos von Hans Sarpei.

unschuld

Original-Aufnahme aus dem WM-Finale 1974. Die Deutschen wurden Weltmeister im eigenen Schland.


Aber troz alldem, trotz partieller Sklavenarbeit und genereller Menschenfeindlichkeit und trotz dem unsäglichen Anblick eines deutschen WM-Trikots, ersticken wir fast an der Vorfreude und an den schwarzrotgoldenen M&Ms oder den Chicken Nuggets in Fußballer-Form. Wir zählen die Tage und kleben Panini-Bilder und wir wischen uns den Arsch mit Fußball-Klopapier ab und waschen uns danach die Hände mit Brasil-Special-Ananas-Kokos-Seife. Vollkommen inkorrekt alles, aber es wird Zeit der auf dem Platz liegenden und leise röchelnden Wahrheit ins Auge zu blicken: Wir sind eklige Firstwörld-Bonzen und unkritische Konsumopfer, die Spaß auf Kosten der Armen haben, weil wir mit großer Freude die WM gucken werden und weil irgendjemand ja auch mal an die armen Fußballer und ihre mickrigen Preisgelder denken muss. Jetzt ist es raus.

Deshalb nutzen wir den feierlichen Anlass und vor allem auch das Sommerloch, um eine neue Rubrik bei re:marx einzuführen. Eigentlich als Dr. Spätherbst – Der Mann hinter re:marx beantwortet Leser-Fragen zum Thema Liebe angedacht, haben wir uns dazu entschlossen, diesen Monat mit einer Sonderausgabe zum Thema Fußball ins interaktive Kummer-Kasten-Geschäft einzusteigen. Schließlich ist Fußball ja für viele auch sowas ähnliches wie Liebe. Weil Günter Hetzer schon für die 11Freunde arbeitet, haben wir mit einem knallharten Transfer Dr. Sammer ins Team geholt, der sich in den kommenden vier Wochen euren WM-Sorgen annehmen wird.

Hilfe, ich halte auf die Deutschen – bin ich ein Nazi? Wird Belgien wirklich Weltmeister? Welchen Druck hast du als Spieler, wenn du auf dem Platz stehst? Wieviele Eier isst Oliver Kahn täglich? Wo ist das Ding? Hat der „echte“ Stürmer ausgedient? Was soll eigentlich der Scheiß mit der „falschen Neun“? Wo kann ich in Chemnitz ungestört Fußball gucken? Wie hoch ist der durschnittliche Haargel-Verbrauch von Cristiano Ronaldo pro Halbzeit? Ist Iker Casillas noch solo? Wie funktioniert die Abseits-Falle? Wieviel Geld muss ich Sepp Blatter denn noch überweisen, um die WM nach Chemnitz zu holen oder wenigstens Fifa-Funktionär zu werden?
Wenn euch solche und ähnliche Fragen mehr plagen als juckende Mückenstiche oder sinnfreier Herzschmerz, dann schreibt uns einfach eine Mail oder hinterlasst einen Kommentar hier oder bei Facebook und gewinnt mit etwas Glück das Original-Trikot vom Nischl. Und denkt daran: Ein echter Dr. Sammer kennt keinen (Herz)Schmerz.

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