Fantasy Land – Die Geschichte des Großen Exodus aus dem Kosovo.

Gewitterzellen ziehen über das klimawandelnde Land, von der Faulbrut verrückt gewordene Wespen verüben Selbstmordattentate auf unbekümmert bloß gelegte Körperpartien, unbekannte sirtakitanzende Gläubiger ziehen dem ordinären Girokontobesitzer das Geld schneller aus der Tasche als er seine IBAN aufsagen kann, der BVB kommt ausgerechnet dann, wenn man gerade nur ein halbes Stadion hat und dann wird Chemnitz auch noch von Asylbewerbern überschwemmt, geflutet und gestürmt. Es sind Krisenzeiten.
Kaum treibt der ehrlich zusammengeklaute Exportüberschuss sogar im ewig nicht blühen wollenden Osten ein paar zarte Blüten, da trampeln Flüchtlingshorden alles wieder platt und in unsere schönen leeren Platten ein. Als Chemnitzer steht man immer mit einem halben Bein auf der Wiese des Absurden, auch wenn man dabei jetzt keine auf dem Kopf stehenden Bilder mehr betrachten kann.
Aber es fällt trotzdem schwer zu verstehen, mit wie viel Futterneid und Fremdenhass und Existenzangst viele Menschen auf die Ankunft von Asylbewerbern reagieren, wie Politiker und Medien diese Entwicklung für Populismus und Propaganda ausnutzen als gäbe es tatsächlich eine Krise – so lange, bis es eine wird. Und man merkt, dass selbst eine ehrliche, tröstende Geste wie das Streicheln über die Wange eines weinenden Mädchens verlogen sein kann – weil es eben wegen der eigenen Politik und ihren Folgen weint. Scheiß Merkel, möchte man da manchmal sagen, wäre man nicht Merkel und hätte keine Alternative.
Weil remarx die Worte Party, Pop und Poesie und nicht Politik, Moral und Demagogie im Untertitel führt, wollen wir uns dem Thema Asyl auf eigene Weise nähern und haben uns ein paar Wochen im Kosovo umgesehen. Kosovo ist halb so groß wie Hessen. Schon ganz Hessen wäre den meisten trotz Äppelwoi, Schirrn und DFB wahrscheinlich zu klein, um ein ganzes Leben dort zu verbringen. Aber dann gibt es auch noch keine Arbeit. Einige Gründe, Kosovo für eine Weile zu verlassen, liegen also auf der Hand. Dass so viele von ihnen nach Deutschland kommen, liegt auch an den vielen Gerüchten, die es dort über Deutschland gibt – und die, wie das bei Gerüchten so ist, ziemlich viel über Deutschland verraten und über seine Krisen.IMG_3165

Der Europäische Traum
Es ist eine andere Welt dort. Die Städte und Hochhäuser sind endlos. Die Leute haben schicke Autos und fantastische Wohnungen. Jeder kümmert sich um sich selbst und keiner hat Probleme mit irgendjemandem. Alle arbeiten und machen sich ein schönes Leben, und sogar die, die nicht arbeiten, haben ein gutes Leben. Die Felder sind voll mit Obst und Gemüse, von dem wir noch nie gesehen oder gehört haben. Wenn man nicht mehr genug Geld hat, geht man einfach zur Bank und sie geben dir Geld und du musst es nicht mal zurückzahlen. Die Mädchen sind klasse und machen niemals Schluss. Es ist das Paradies auf Erden. Es gibt endlose Seen und blaue Flüsse in jeder Stadt. Die Lebensmittelläden heißen Supermarkt, weil es dort Superlebensmittel gibt. Ihr Honig ist süßer als unserer und der Schnee auf den Bergen schmeckt wie Eiscreme. Ihre Hunde beißen nicht und ihre Mücken stechen nicht. Sie lassen ihre Haustüren den ganzen Tag und die ganze Nacht offen, weil niemand etwas klaut – denn alle haben alles. Dort ist es wunderbar. Dort ist alles mit Gold überzogen. Dort ist es wie in einem schönen Traum, von dem du willst, dass er niemals endet. (Prolog zum Drama “Peer Gynt from Kosovo” von Jeton Neziraj)

Im Kosovo geht ein Gerücht um: Deutschland nimmt zwar keine Flüchtlinge auf. Aber dort warten schon Beamte aus Kanada, um gestrandete Asylbewerber mitzunehmen, weil man in Kanada Arbeiter braucht. Man erzählt sich auch: Die Deutschen sind so alt, sie bekommen kaum noch Kinder. Wer soll einmal ihre vielen schönen Schulen und Kindergärten besuchen? Darum gibt es jetzt Asyl für Kosovaren, die jüngsten und kinderreichsten Bürger Europas. Es gibt so viele Gerüchte in dem Land, dass es sogar Gerüchte darüber gibt, wo die Gerüchte herkommen. In einigen Moscheen warnten die Imame, dass die Gerüchte von den Serben und ihren westlichen Verbündeten gestreut wurden. Sie wollen die muslimischen Kosovo-Albaner in den Westen locken und so das Land re-christianisieren.

Laut dem Think Tank GAP haben rund 120.000 Menschen seit Ende 2014 Kosovo – ein Land halb so groß wie Hessen – verlassen. Die Medien tauften die Migrationswelle den “Großen Exodus.” „Merkwürdige und falsche Gerüchte“, erklärte Außenminister Hashim Thaci der FAZ, hätten seine Landsleute in Scharen über die Grenze getrieben. Thaci war im Kosovo-Krieg Kommandeur der paramilitärischen UCK. In Lageberichten des BND, die von Wikileaks veröffentlicht wurden, wird er als Kopf der Organisierten Kriminalität beschrieben. Er ist einer der Architekten der Unabhängigkeitserklärung von 2008, die unter anderem von Russland, Serbien, Spanien und Griechenland noch immer nicht anerkannt wird. Als einziges Balkanland unterliegen die Kosovaren noch der Visum-Pflicht. Korruption, Arbeitslosigkeit, Armut, Umweltverschmutzung – bei allen Werten ist das Land Europas Klassenletzter. Noch immer hat die Nato rund 5000 KFOR-Soldaten hier stationiert. All das ist nicht neu. Das Kosovo stagniert abseits der Scheinwerfer der deutschen Presse seit vielen Jahren vor sich hin. Und nun sollen ausgerechnet „merkwürdige Gerüchte“ auf einmal für eine massenhafte Auswanderung gesorgt haben?

Es begann alles in Mirash, 70 Kilometer südlich von der Hauptstadt Prishtina – sagt ein Reporter der Zeitung Koha Ditore: „Drei junge Männer sind bei einem Einbruch erwischt worden. Um nicht im Gefängnis zu landen, gingen sie nach Deutschland. Über Facebook hielten sie Kontakt in die Heimat. Sie haben damit geprotzt, wie bequem man es sich auf Kosten deutscher Behörden machen kann. Es dauerte nicht lange, bis die Facebook-Freunde hinterher reisten. Und dann deren Freunde.“ Und das Gerücht verbreitete sich immer weiter.  In Mirash kennt man die Geschichte anders. Besser gesagt: In Mirash kennt man andere Geschichten. Von einer berichtet mir der Schuldirektor des kleinen Ortes, Bashkim Bytyqi. Seit vergangenen November haben 20 Schüler Mirash verlassen. Insgesamt 80 der 1700 Einwohner des Ortes haben ihre Sachen gepackt und sind nach Deutschland, Österreich, Belgien oder in die Schweiz gegangen. Die meisten hatten Arbeit und ein durchschnittliches Einkommen. “Ich kann bis heute nicht verstehen, warum sie gegangen sind”, sagt Bytyqi.

IMG_3213Die Pausenklingel dringt in das Büro des stämmigen 50-Jährigen wie das Geknisper einer Chipstüte. Die Vorhänge sind zugezogen. Auf seinem Schreibtisch steht, neben der Standarte der Republik Kosovo, ein Tesla-Transformator in der Größe eines Toasters. Bytyqi kurbelt an der Spule, um einen kleinen blauen Blitz zwischen den beiden kugelförmigen Induktoren entstehen zu lassen. “Vorsicht, nicht berühren”, sagt er, “ihr könntet sonst einen Schlag bekommen.” Dann fasst er selbst an die Spule, zuckt zusammen und lacht wie ein Junge, der gerade beim Katze-am-Schwanz-Ziehen erwischt wurde. Er lässt türkischen Kaffee und Kamillentee bringen. “In den vergangenen Jahrzehnten sind etwa 400 unserer Mitbürger legal ausgewandert. Einer von ihnen, der seit Langem in Deutschland lebt, erzählte, die Reisefreiheit sei eingeführt worden. Binnen 24 Stunden sind zehn unserer Bürger nach Deutschland aufgebrochen. Es hat sich wie ein Echo im Ort verbreitet und wurde eine Euphorie. Erst gingen nur die jungen Leute. Bald verließen uns ganze Familien.” Bis Ende März sind zehn von ihnen zurückgekehrt. “Sie sind sehr deprimiert. Sie wissen, dass sie mit ihrem Schicksal gespielt haben”, sagt Bytyqi, der sieben Jahre Bürgermeister war, nun im Gemeinderat sitzt und Geschichtslehrer ist. Mirash besteht hauptsächlich aus rötlichen, einstöckigen Lehmziegelhäusern mit Zäunen aus geflochtenen Weiden davor. Sie sind in gemütlichem Abstand voneinander an der holprigen Straße aufgereiht, die den Ort umringt. Es gibt eine Moschee, einen Supermarkt, einen Fußballplatz mit verrosteten Torpfosten. Die Arbeitslosenrate beträgt 40 Prozent, was 20 Prozentpunkte unter dem Landesdurchschnitt liegt.

Valmir Murati, einer der „verlorenen Söhne“ des Ortes, ist vor vier Tagen zurückgekehrt und hat sofort eine Anstellung auf der Obstplantage gefunden. Bytyqi ruft ihn an, zwanzig Minuten später sitzen wir in einem hölzernen Unterstand, umgeben von sieben Hektar Apfelbäumen und Erdbeerpflänzchen. Valmir sitzt neben seinem Ex-Lehrer Bytyqi. Er trägt einen sauber gestutzten Bart und eine Fußballer-Frisur mit kurz rasierten Seiten, im linken Ohr hat er einen kleinen Glasbrilliantenstecker. Er ist 19, sieht aber älter aus, “wegen der vielen körperlichen Arbeit”, sagt Bytyqi und schlägt ihm väterlich auf die Schulter.
Im November ist Valmir nach Deutschland gereist. Auf die Idee brachte ihn ein Freund, der jemanden kannte, der von jemandem gehört hatte, dass die Chancen für Ausländer gut stehen, in Deutschland einen Job zu finden. In Mirash wohnt er mit seinen vier Geschwistern im Haus der Eltern. Mit dem Segen der Familie packte er seine Tasche und ging. Am 1. November fuhr er in die Hauptstadt Prishtina und bestieg dort einen Bus nach Belgrad.

IMG_3184Der Busbahnhof der inoffiziellen Hauptstadt ist ein Parkplatz mit Grill und Kiosk, in die Kniebeuge einer Autobahn gezwängt, unter einem Blechdach stehen rote Plastiksessel für Wartende, an manchen Bussen leuchten noch die Ziele ihres Vorlebens: Günzburg Bhf. oder Fuldabrück. Während des Großen Exodus’ fuhren hier statt fünf plötzlich bis zu 15 Busse am Tag Richtung Serbien. Eigentlich hätten die Busunternehmen dafür eine Genehmigung gebraucht. Aber sie haben niemanden gefragt. Und niemand hat sie aufgehalten. Die Fahrkarten gingen für 50 Euro und mehr von Hand zu Hand. Als sich herumgesprochen hatte, dass die Schmuggler an den Grenzen zu Serbien, statt wie früher 400 bis 800 Euro zu nehmen, ihre Leistungen nun für 150 Euro anbieten, brachen alle Dämme. Junge Männer verkauften ihre Smartphones und fuhren nach Budapest oder Berlin. “Sie hatten gar nicht vor, zu bleiben. Sie wollten einfach mal was anderes sehen, ein Abenteuer erleben, ganz normale Touristen sein”, sagt Politikwissenschaftler Bekim Baliqi.

Valmir rechnete damit, von der Polizei in Serbien erwischt zu werden, aber es passierte in Ungarn. “Sie haben uns 24 Stunden festgehalten, dann gaben sie uns unsere Papiere und unser Geld zurück und sagten, wir sollen uns im Flüchtlingslager in Szeged melden.“ Die Polizisten zeigten dann noch in die Richtung, in der Wien liegt. Ihr müsst in die andere Richtung, sagten sie. Valmir verstand.
Sie fuhren mit dem Zug über Wien und München nach Stuttgart. Dort meldeten sie sich bei der Polizei, um einen Asylantrag zu stellen. Valmir kam in eine Erstaufnahmeeinrichtung in Karlsruhe, sein Freund wurde in ein 300 Kilometer entferntes Heim gefahren.
Valmir schiebt die Hände in die Taschen seiner roten Arbeitsweste, und lässt den Blick über die nahen Ausläufer des wolkenverhangenen Sharr-Gebirges schweifen. Er lehnt sich über den Tisch: “Es war ein gefährlicher Ort, eine improvisierte Containerunterkunft, mit Messerstechereien fast jeden Tag.” Jeden Morgen stand er 7 Uhr auf, ging im winterlichen Baden-Württemberg von Tür zu Tür und fragte nach einem Job. “Einige haben sich über uns lustig gemacht”, sagt er schulterzuckend,  “aber die meisten waren freundlich und erklärten, dass sie niemanden ohne Arbeitserlaubnis nehmen dürfen.” Viereinhalb Monate ging Valmir Klinken putzen. Ende März wurde es ihm zu müßig, auf eine Antwort der Asylbehörde zu warten, zumal alle seine Freunde im Heim bereits abgelehnt wurden. Er lieh sich 80 Euro von Verwandten und kaufte sich ein Rückflugticket. Alles in allem hat ihn die Reise 580 Euro gekostet. Das Durchschnittseinkommen liegt im Kosovo bei 300 Euro.
Valmir versenkt den Kopf zwischen den Schultern, blickt kurz zu Bytyqi, als suche er seine Zustimmung. Aber sein ehemaliger Lehrer versucht gerade mit dem Autoschlüssel etwas aus einer Kerbe des Holztisches heraus zu pulen. “Ich habe als erster das Land verlassen. Aber ich habe nie irgendjemandem erzählt, dass es toll wäre in Deutschland”, sagt er mit erhobenen Händen.

IMG_3207Nach dem Treffen mit Valmir zeigt mir Schuldirektor Bytyqi – er fährt einen mattroten, 30 Jahre alten Mercedes E 190 – noch, wo man in Mirash Party machen kann. In einem 70 Quadratmeter großen Raum über dem Supermarkt. Er erinnert an das Büro eines Tiefgaragenbesitzers. Nur dass es hier einen Kicker-, einen Billard- und einen Tischtennistisch, eine Dartscheibe und einen Fernseher für Fußballübertragungen gibt. Auch eine Theke ist da, aber keine Flaschen. “Hier treffen sich Einwohner jeden Alters in Harmonie”, sagt Bytyqi. Er sitzt an einem Tisch am Fenster. Von dort hat man eine gute Aussicht auf den Friedhof und die Berge. Vor dem Supermarkt tuckert eine Tischkreissäge vorbei, die auf Räder gestellt und mit einem halben, rückwärts aufgesetzten Autochassis verschweißt wurde.
Eine der beiden Supermarktverkäuferinnen kommt hoch und stellt Coladosen und Aschenbecher auf den Tisch. Bytyqi fordert sie auf, ein Erinnerungsfoto zu machen. Dann erzählt er, wie der Ort am 16. April 1999 von serbischen Paramilitärs besetzt wurde. Wie ein 14-Jähriger erschossen wurde. Dass alle Einwohner binnen einer halben Stunde fliehen mussten. Felder und 36 Häuser wurden niedergebrannt, das Vieh im Stall getötet. Als sechs NATO-Kampfbomber über dem Ort kreisten, zogen sich die Serben zurück. Am nächsten Tag kehrten die Bürger von Mirash, die zwischenzeitlich im Gebirge Zuflucht gefunden hatten, zurück.
“Am schönsten ist es hier im Sommer”, findet Bytyqi, wenn all die Ausgewanderten ihren Urlaub in Mirash verbringen. “Dann ist dieser Raum immer voller Menschen.” Er verliert sich darüber so sehr in Gedanken, dass er vor Schreck vom Stuhl springt, als sein Telefon klingelt. Sein Klingelton ist die Melodie von Roadhouse Blues.

IMG_3220Bei GAP schätzt man die Zahl der Kosovaren, die legal oder illegal im Ausland leben, auf etwa 1,3 Millionen. Ihre Geldüberweisungen in die Heimat machen 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Überall trifft man Menschen, die Deutsch sprechen. Der Taxi-Fahrer vom Flughafen hat in München in einer Hotelküche gearbeitet. Der Koch im Fleischlokal war mal Gärtner in Kassel. Der Kellner im “Aurora” würde gern Gärtner in Frankfurt werden. Der Handy-Verkäufer war Busfahrer in Düsseldorf, der Fahrer vom Zahnarzt Bauarbeiter in Basel. Und Schuldirektor Bytyqi machte in Österreich Sauerkraut.

Zurück in Kosovos Hauptstadt Prishtina treffe ich einen Mann, der mir als “the driver” vorgestellt wird. Er heißt Muhamet Arifi, ist 42 Jahre alt, hat dichtes, schwarzes Haar, und beendet seine Sätze immer mit “yes?”, was einen bald dazu zwingt, ihm permanent zuzustimmen. Er nimmt mich mit nach Plemetina, einen Ort mit 1400 Einwohnern.
Arifi hat seinem Bruder 1500 Euro geliehen, damit der nach Deutschland geschmuggelt werden kann. “Jeder Mensch hat das Recht frei zu wählen, wo er leben möchte. Und wem kann man es übel nehmen, wenn er hier wegziehen will?”, sagt er auf dem Weg nach Plemetina. Der Ort hat ähnliche Erfahrungen mit Migration gemacht, und ist dennoch mit dem idyllischen Mirash nicht vergleichbar. Plemetina ist mit Millionen Plastikteilchen übersät. Der süßlich-scharfe Geruch brennender Chemikalien klebt in der Luft. Kinder durchwühlen Schuttcontainer auf der Suche nach Altmetall. Andere schaukeln an einer Kette aus Lumpen, die sie an einer Hochspannungsleitung fest geknotet haben. Manche drehen auf zusammengestückelten Fahrrädern ihre Runden im Ort. Es wirkt wie die zynische Version eines Wes Anderson-Films.

IMG_3072Rund 400 Roma, Ashkali und Ägypter sind nach dem Krieg 1999 in Plemetina angesiedelt worden. Die meisten leben in zwei Hochhäusern, die vor zehn Jahren neben den Bahngleisen errichtet wurden. Von fast jedem Balkon hängt Wäsche zum Trocknen. Neben jedem Balkon markiert ein großer schwarzer Rußfleck den Ausgang des Ofenrohres.Der Horizont wird beherrscht von der größten Dreckschleuder Europas: Zwei Braunkohlekraftwerke, aus denen lange, braune Wolken aufsteigen. Im Umkreis von sechs Kilometern ist das Risiko, hier Krebs zu bekommen, 30 Prozent höher als im Rest des Kosovo.

IMG_3066Arifis Bruder ist mit seiner Frau und den vier Kindern Ende des Jahres nach Deutschland gegangen. “Er hat einen Asylantrag gestellt. Er weiß, dass das höchstwahrscheinlich nicht klappt. Aber in der Zwischenzeit, im Asylbewerberheim, erhält er rund 1500 Euro Sozialhilfe im Monat. So viel verdient er hier im Leben nicht. Also versucht er, so lang wie möglich zu bleiben. Ist das nicht nachvollziehbar?” Er schaut mich durch den Rückspiegel an und wartet auf ein Zeichen des Einverständnisses, um fortfahren zu können. “Das einzige, was mir leid tut, ist, dass seine Kinder ein Jahr in der Schule verpassen werden.”Arifi ist nicht bloß “the driver” bei Balkan Sunflowers, einer nationalen Hilfsorganisation für Flüchtlinge, sondern ihr Direktor, wie er kurz vor Ende der Fahrt sagt. In Plemetina arbeiten sie an der “Inklusion sozial marginalisierter Gruppen.”

“Der Große Exodus hat nicht erst im November begonnen. Zu der Zeit ist die albanische Bevölkerung in Größenordnungen ausgewandert. Aber die Roma, Ashkali und Ägypter gingen schon viel eher”, sagt Bashkim Ibishi, Chef der Hilfsorganisation KAAD. Laut seinen Zahlen haben 2867 Mitglieder dieser Minderheiten Kosovo innerhalb der letzten acht Monate verlassen. Das sind rund acht Prozent. In den meisten Kommunen leben sie getrennt von der albanischen oder serbischen Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit unter ihnen beträgt selbst nach Regierungsangaben 90 Prozent. “Die Rechte der Minderheiten gibt es nur auf dem Papier”, sagt der 50-jährige Ibishi, “in Wirklichkeit haben sie aber keinen gleichrangigen Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung, Arbeit, Wohnraum etc.” Er alarmierte die Regierung, als es los ging mit der Flucht im Juni 2014, und verschickte Pressemitteilungen an die Medien. “Aber niemand hat reagiert.”
Ibishi sagt, wie viele andere, dass die Politik die Migrationswelle absichtlich ignorierte. Nachdem im Dezember fest stand, dass die neue Regierung wieder die alte sein wird, und wiederholt Berichte über bestechliche europäische Richter, die im Kosovo im Rahmen der EU-Mission EULEX aktiv sind, erschienen waren, kam es zu gewaltsamen Protesten in Prishtina. “Indem die Regierung die Leute einfach gehen ließ und gemeinsam mit Serben und Ungarn einen Fluchtkorridor nach Westen offen hielt, hat sie Druck aus dem Kessel genommen”, sagt Ibishi. Wer in Deutschland Asyl beantragt, der wirft keine Steine, so die Logik, und der fällt auch aus der Arbeitslosenstatistik. Die Serben freuen sich über alles, was den Kosovo stabilisiert. Und die Ungarn kassieren von der EU für jeden registrierten Flüchtling. Umso besser, wenn die dann gar nicht bleiben.
Wer Ibishi für einen Verschwörungstheoretiker hält, sei daran erinnert, was allein die Ankündigung bevorstehender Reisemöglichkeiten für DDR-Bürger am 9. November 1989 in Berlin auslöste.

IMG_3159Eines der Gerüchte, die die Menschen zur Flucht bewegten, dreht sich um eine ominöse Quote, die sich die deutsche Regierung selbst verordnet habe. Demnach müsse Deutschland immer eine bestimmte Anzahl schwarzer und weißer Flüchtlinge aufnehmen. Da zur Zeit so viele Araber und Afrikaner kommen, gäbe es nun wieder gute Chancen auf Asyl für Weiße wie die Kosovaren.
“Viele Kosovaren haben ein sehr geringes Bildungsniveau. Sie glauben das, was eine Person mit Autorität zu ihnen sagt. Die googlen das nicht erst”, sagt Dramatiker Jeton Neziraj, der mit “Peer Gynt from Kosovo” ein Theaterstück geschrieben hat, das sich den oft unrealistischen Erwartungen an ein Leben im Ausland widmet.
Dass Kosovos Bevölkerung sehr jung ist, ist allerdings Tatsache. Mit 55 Prozent Unter-30-Jährigen ist sie sogar die jüngste Europas. In einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung äüßern 55 Prozent von ihnen die Bereitschaft, ins Ausland zu emigrieren.

Ein wenig erinnert das alles an die großen Flüchtlingsströme aus Osteuropa während der Hungersnöte im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Menschen strömten auf die Schiffe nach Übersee, um ein gelobtes Land zu erreichen, das sie nur vom Hörensagen kannten. Damals waren es die USA. Heute ist es die Europäische Union, die sich allerdings weniger gastfreundlich gibt. Nur 0,3 Prozent der Kosovaren, die in Deutschland Asyl beantragen, dürfen bleiben.

Gegen Ende meines Aufenthalts in Prishtina besuche ich einen stillgelegten Vergnügungspark namens Fantasy Land. Auf dem Weg zum Eingang sind ein buntes Karussell, der Autoscooter und eine Geisterbahn zu sehen. Clown- und Ballerina-Statuetten lächeln mir durch den Zaun entgegen.  Beim Hineingehen stoppt mich ein Mann. “Es ist geschlossen”, sagt er, “aber Sie können gern im Park nebenan spazieren gehen.”

 

Die Autoren: 

Valentina Nicolae arbeitet in Rumänien für das Magazin Sapte Seri und das unabhängige Journalistenkollektiv Casa Jurnalistului.

Christian Gesellmann ist Redakteur bei der Freien Presse.

Der Text erschien in einer gekürzten Version im aktuellen Fluter (Bundeszentrale für politische Bildung), im Dandy Magazin (Zürich) sowie in den jeweiligen Landessprachen auf kosovotwopointzero.com und casajurnalistului.ro

 

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