Säxit through the Giftshop: Eine dunkeldeutsche Reise durch Sachsen.

Vor(w)ort
Die Welt ist im Wandel. Die Welt war nie ein Status quo, und sie wird es auch nie sein – das ist allein schon wegen der Erdrotation unmöglich. Die Erde wird sich immer weiter drehen. Das haben viele erst jetzt erkannt, nicht alle haben es akzeptiert, einige werden vermutlich ewig daran knabbern: Gesellschaften verändern und Platten verschieben sich, bestehende Strukturen verschwinden, neue entstehen.
Während deutsche Medien plötzlich  erkannt haben, dass Positiv-Berichterstattung über Flüchtlinge und Flüchtlingshilfe sinnvoller ist als halbblinde Panik-Mache, rätselt der Rest der sich wandelnden Welt über das Negativbild, das die Sachsen gerade von sich auf die schroffen Sandsteinfelsen projizieren. Unzählige Ursachenforscher versuchten sich jüngst an kausalen Ausgrabungen im Tal der Ahnungslosen: Ist es die hohe Arbeitslosenquote, der geringe Ausländeranteil, der schlechte Westfernsehenempfang, der Wendeverlierer, die DDR-Erziehung, die CDU-Regierung? Und weiß man in der Sächsischen Schweiz überhaupt schon vom Mauerfall? Oder ist Sachsen jener mystischer, in Silbermond-Balladen besungener Ort, an dem die Welt still steht?
Die ganze Nation unterscheidet gerade in helles und dunkles Deutschland wie CSU-Politiker in gute und böse Flüchtlinge. Das eine Deutschland ist eifrig hilfsbereit, tolerant und solidarisch, es begrüßt die Flüchtlinge am Bahnhof in München mit Bonbons und Beifall, das andere Deutschland kauert wütend in der finsteren Ecke und wirft Steine auf fremde Menschen: Das schwarzgelbe Schaf der BRD, Dunkeldeutschland, manche fordern schon den Saxit: Sachsen, rechts unten. Einst Monarchie, dann Wiege des protestantischen Proletariats, heute ideologischer NPD-Nährboden mit SED-ähnlichen CDU-Quoten, scheint der Freistaat schon vor Jahren in ein ultrakonservaties Koma gefallen zu sein.

Wenn Leute – vor allem aus den alten Bundesländern – sagen „in Sachsen, da sind doch alle rechts“, dann ist das nicht nur falsch, es ist auch ziemlich unfair – als Sachse jedenfalls fühlt man sich direkt angegriffen. Denn dass die Sachsen oft peinliche Hohlköpfe und Nazis sind, darf man natürlich nur sagen, wenn man selber Sachse ist. Weil man als Sachse viele andere Sachsen kennt, weiß man selbstverständlich, dass das so nicht stimmt. Dass man nicht in bester Nazi-Manier alle stramm über einen Kamm scheren darf. Dass es in anderen Regionen auch rege Nazi-Szenen gibt. In Dortmund, zum Beispiel. Dass die Gesinnung in Bayern nicht besser ist – nur wird sie dort abends am Stammtisch vorm Bierkrug postuliert, und nicht mit Molotowcocktails und Fackeln vorm Asylbewerberheim. Ohnehin fragen wir uns oft, wer für die Gesellschaft gefährlicher ist: Der stumpfe hirnreduzierte Heimatschützer, der auf der Straße „Deutschland den Deutschen“ grölt – oder der biedere Arbeitnehmer aus der bürgerlichen Mitte, der seine rechtspopulistischen Ansichten auf Hochdeutsch artikulieren und mit akademischen Anstrich versehen kann, wenn er sie in den SPON-ZON-whatever-Kommentarspalten oder auf AfD-Parteitagen kundtut. In Sachsen sind die Stumpfen leider am lautesten – der berühmte Sachsenstumpf eben. Die Anständigen sind immer ein bisschen zu leise, zu zurückhaltend, aber sie sind auch noch da.

Sachsen muss sich wehren – gegen Sachsen nämlich. Das sagen wir hier zwar nur, weil wir selber Sachsen sind, aber weil wir gleichzeitig auch re:marx und normalerweise Nihilisten sind, sagen wir auch, dass es absoluter Bullshit ist, sich über ein Bundesland oder überhaupt irgendeine Nationalität zu definieren und definieren zu lassen. Trotzdem haben wir letzte Woche unser Heimatbundesland per Bahn bereist, um in Freital, Heidenau, Dresden und der Sächsischen Schweiz nach den Rechten zu sehen. Danach, wie die Heimat aussieht, die hier beschützt werden soll. Eines vorweg: Auch in Freital, Heidenau, Pirna und erst rechts in Dresden gibt es Menschen, die sich aktiv für tolerante und weltoffene Städte einsetzen und Flüchtlingen helfen. Unsere fiesen Vorurteile haben sich trotzdem bestätigt.

Folgende Grafik kartographiert unsere Reise und porträtiert die besuchten Orte in Fakten für die Lesefaulen – hier gibt es sie nochmal in groß. Was wir wirklich erlebt haben, steht im Text, der wie immer viel zu lang ist. Aber viele Fotos hat.


IMG_8635Freital.
erreichbar:
von Chemnitz aus mit der Regionalbahn Richtung Dresden, Fahrzeit etwa eine Stunde.
Was hier sehenswert sein soll: Deutschlands dienstälteste dampfbetriebene Schmalspurbahn, Schloss Burgk, die erste elektrische Grubenlok der Welt – „Dorothea“, die Windbergbahn, der Friedhof in Döhlen (sic!)
Ödnis-Faktor:
fünf von fünf
Was hier sonst noch passiert ist:
Als bekannt wurde, dass das Hotel Leonardo vorübergehend zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wird, mobilisierte sich der Mob samt Motto „Kein Ort zum Flüchten“ vorm Asylbewerberheim. Wie das zum Teil aussah, kann man sich auf YouTube anschauen, allerdings wird einem dabei nach etwa drei Minuten kotzübel. Bereits vorher hatten besorgte Bürger Unterschriften gegen das Heim gesammelt. Die Internetseite „Perlen aus Freital“ sammelt seitdem fleißig Facebookkommentare.

Freital schlummert tief und fest eingekuschelt zwischen grünen Hügeln und schroffen Felsen, im Schatten des Windberges. Durch Freital schlängelt sich die Weißeritz, ein kleinerer Fluss, der im nur neun Kilometer entfernten Dresden in die Elbe mündet. Freital entstand 1921 als Zusammenschluss der Gemeinden Deuben, Döhlen und Potschappel. Die Stadt ist also nicht einmal hundert Jahre alt, und damit eigentlich viel zu jung für das ausgeprägte Traditionsbewusstsein mancher Bewohner. Im Laufe der Jahre kamen bis 2011 zwölf weitere Stadtteile mit einladenden Namen wie Niederhäslich, Schweinsdorf und Wurgwitz hinzu, weshalb Freital heute etwa 40.000 Einwohner zählt. Freital darf sich große Kreisstadt nennen, ist im Grunde aber nur eine Ansammlung leise schnarchender Dörfer, die im Tal zu nah beieinander liegen – was böse Zungen übrigens auch über die Verwandtschaftsgeflechte im Ort behaupten.
IMG_8650Es gibt keinen richtigen Ortskern, keine richtige Einkaufsstraße, keinen großen Marktplatz. Aber es gibt fünf Bahnhöfe und eine Straße nach Dresden, auf der die Autos schneller rauschen als das Wasser im Fluss gen Elbe fließt.

IMG_8649Wir fahren nach Deuben: Am Bahnhof Deuben befindet sich eine Kneipe mit einer freundlich verriegelten Theke, an der man klingeln muss, falls man sich ein Bier für die lange Regionalbahnfahrt kaufen möchte: Schotten dicht, Willkommenskultur in Sachsen. Im Hundesalon „Lucky“ wird immerhin keine Glatze geschoren, sondern nur ein schwarzer Terrier geföhnt. Am Busbahnhof wird gebaut, vor der Absperrung parkt ein ehemals weißer VW-Transporter, an dessen Tür klebt das eiserne Kreuz und auf der Motorhaube die Reichsflagge. Willkommen in Freital.

IMG_8608IMG_8674Deuben liegt gleich neben Döhlen – und in Döhlen steht das Hotel Leonardo.“Genieß‘ die Heimat“ wirbt ein Plakat für Mineralwasser: plakativer Zynismus.
IMG_8628Ein Mann mit seriöser Mappe unter dem Arm, vielleicht Mitte fünfzig, sicher aber jemand, der vor noch nicht all zu langer Zeit hier in Freital Asyl gesucht und gefunden hat, fragt uns in brüchigem Englisch nach dem Weg zum Jobcenter, den unser brüchiges Smartphone nur zögerlich ausspuckt. Der Weg zum Jobcenter führt ihn in die gleiche Richtung wie uns – die Straße in Richtung des Wohngebietes „Am langen Rain“ ist gepflastert mit Aufklebern. Auf denen steht entweder „Asylmissbrauch stoppen“ oder sie zeigen ein Ortsschild, auf dem Islamismus durchgestrichen ist, weil in Freital die Freiheit regiert. „Refugees Welcome“-Sticker wurden fürsorglich abgekratzt.
IMG_8614IMG_8613„Am langen Rain“ ist die langweiligste Wohnsiedlung, die man sich vorstellen kann: Altneubauten, Geranien auf dem Balkon, Rosen im Vorgarten, Autos vor Eigenheimen. Keine Menschen auf der Straße. Beängstigende Ruhe liegt über der Siedlung, stiller als ein Montagabend in Chemnitz.

IMG_8619IMG_8623Wären da nicht die Kinderstimmen aus dem Hof des Hotel Leonardo. Was im Juli in Freital los war, weil in diesem Hotel keine Touristen mehr wohnen, sondern etwa 280 Flüchtlinge, dürfte über die Freistaatsgrenzen hinaus bekannt sein. Das Hotel jedenfalls wirkt heruntergekommen, Fenster fehlen, wurden durch Pappen ersetzt, zwischen zwei Fußballtoren im Hof spielen Kinder. Ansonsten herrscht Ruhe – ganz so, wie man es sich als geistiger Frührentner wünscht.

IMG_8665IMG_8654Im „Zentrum“ von Freital-Deuben kann man in einem neu angelegten Park am Fluss wandeln oder bei Penny einkaufen.Die Fassade des Einkaufszentrums, das auch die Stadtbibliothek beherbergt, in die manch ein Freitaler vielleicht öfter hätte gehen sollen, ist so bunt wie die Stadt Freital auch sein könnte, hätten dumpfe Nazis und sture Jammer-Senioren hier keine Angst um ihren selbst gestrickten Sparstrumpf, ihre Frauen und die Geranien in ihrem Garten. Der Fluss plätschert, die Enten schlafen, die Autos rauschen Richtung Dresden. Der einschläfernde Geruch von Langeweile liegt wie eine graue Wolke über der Stadt. Freital – ein Ort zum Flüchten!
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IMG_8720erreichbar ab Dresden mit der S-Bahn-Linie 1 Richtung Schöna, Fahrzeit etwa 20 Minuten
Was hier sehenswert sein soll: Barockgarten Großsedllitz, Stadtpark, Elbwiesen, Platz der Freiheit
Ödnis-Faktor: 5 von 5
Was hier sonst noch passiert ist: Muss man nicht weiter erklären – hier, hier und hier kann man es gerne noch einmal nachlesen.

IMG_8691Heidenau liegt nur einen.. Steinwurf von Dresden entfernt. In der freundlichen Elbe-Stadt Heidenau steht ein riesiger Palast, der Real-Supermarkt. Einmal hin, alles drin: Ein gigantischer Konsum-Tempel, in dem man alles findet, worauf die westliche Welt so stolz ist, weil sie es dem Konsumenten als einen Teil der großen Freiheit verkaufen kann. Freiheit, das heißt fünfhundert laktosefreie Jogurtsorten im Kühlregal.
IMG_8704IMG_8701Für die 600 Menschen, die gegenüber des Real-Marktes in einem leerstehenden Praktiker untergebracht wurden, bedeutet Freiheit, heute nicht mehr um ihr Leben fürchten zu müssen oder nachts von Bombenhagel geweckt zu werden. Das Gewerbegebiet an der Heidenauer Hauptstraße ist wohl der bedrückendste Ort dieser Reise. Dass hier ein alter Baumarkt unter Polizeischutz gestellt werden muss, finden wir hochgradig beschämend. Ein jugendlicher Flüchtling, der gerade telefoniert, winkt mir freundlich zu, als wäre er es, der uns Willkommen heißen müsste. Eine Familie macht Picknick auf dem Grünstreifen, eine Gruppe junger, gemeingefährlicher Männer sitzt mit Dosenbier vor einer Garagensiedlung, ein Vater sammelt mit seinen zwei kleinen Töchtern den Müll auf der Wiese ein. Eine Frau vom DRK sagt uns, was hier gebraucht wird: Kinderwagen, Kinderfahrzeuge. Zur Lage am Lager meint sie: „Das ist jetzt wieder ruhig hier. So ist das doch immer – am Anfang, wenn irgendwo was Neues da ist, ist die Aufregung groß, aber dann legt sich das schnell wieder.“ Vor zwei Wochen war die Aufregung über das Neue hier so groß, dass ein aggressiver Nazi-Mob mit Steinen auf Praktiker und Polizisten warf, die Bruchstücke jener besonders dunklen Nacht liegen noch immer am Straßenrand.

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IMG_8740IMG_8763Dass sich Heidenau „freundliche Elbe-Stadt“ nennt, scheint fast ein bisschen bemitleidenswert. Heidenau liegt am Elberadweg, aber man sieht keine Elberadtouristen. Ganz in der Nähe des Praktikers kann man Ferienwohnungen mieten, für acht Euro pro Person am Tag. Abgesehen von uns befindet sich an einem Mittwochnachmittag keine Menschenseele auf dem Marktplatz. Neben der Touristinformation verspricht Brot für die Welt: „Es ist genug für alle da“.Das Eiscafè wirkt wie ein vergessenes Relikt der Nachwendezeit, der Putz blättert ab, die weinroten Stuhlgarnituren, Modell „Anfang der Neunziger“, bleiben heute unbesetzt, die Gäste aus, die Sonnenschirme zugeklappt.

IMG_8745Gegenüber hat auch das einzige Szene-Restaurant der Stadt geschlossen, das „Safran“ – bekanntermaßen ein orientalisches Gewürz – heißt und sächsische Hausmannskost anbietet. Rettet die Rouladen! Vietnamesische Läden, die gleichermaßen frische Blumen und miefige Kittelschürzen aus Dederon anbieten, scheinen ein beliebtes wie einzigartiges Geschäftsmodell in Heidenau.

IMG_8758Bürgerliche Villen mit gepflegten Vorgärten säumen die Nebenstraßen. Ungefähr zwanzig Menschen begegnen uns. Es ist keiner da, mit dem man hier Kontakte knüpfen könnte. Von einigen bierbäuchigen Bürgern werden wir misstrauisch beäugt – Fremde kommen scheinbar nur selten in die Stadt, und die Medienberichterstattung der letzten Tage hat noch mehr Skepsis geschürt. Wir fühlen uns fremd im eigenen Bundesland.

IMG_8751Wer die große Welt sehen will, steigt in Heidenau abends lieber in die Nachtbuslinie nach Dresden. Die nennt sich übrigens „Gute Nacht Linie“. Na dann.

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IMG_8811erreichbar ab Dresden mit der S-Bahn-Linie 1 Richtung Schöna, Fahrzeit etwa 25 Minuten
Was hier sehenswert sein soll: alles.
Ödnis-Faktor: 2,5 von 5
Was hier sonst noch passiert ist: Pirna ist seit jeher bekannt für seine Neo-Nazi-Szene. Der Oberbürgermeister wird bedroht, das Büro der Linkspartei angegriffen, eine Frau von herabfallenden Fassadeteilen erschlagen. Das passt zwar nicht herein, wir wollten das aber trotzdem erwähnen.

IMG_8822Wenn es eine Sache gibt, vor der sich der Sachse fürchtet, dann wohl vor der Flut. Überall entlang der Elbe sind Hochwasserstände markiert, ständig wird mit sich selbst solidarisiert. In der Fußgängerzone von Pirna prangt groß ein Plakat, das ein Bild eines Jungen zeigt, auf dessen Stirn klebt ein Pflaster und neben seinem Gesicht der Spruch: „Das Hochwasser hat Wunden hinterlassen. Wir heilen mit neuem Pflaster.“

IMG_8793Zurzeit haben viele Sachsen – und hier muss leider eine geschmacklose nautische Metapher her – jedoch Angst vor einer humanen Flut, die ihre schon so oft in Mitleidenschaft gezogene Heimat jetzt zusätzlich überschwemmen könnte. Pirna kann man als pulsierende Perle an der Elbe bezeichnen – ein perfektes Ausflugsziel, eine vorbildlich sanierte Kleinstadtidylle. Der Tourismus hat Geld angespült: Gastronomie, Hotels, kleine Läden. Gute Flut, böse Flut.

IMG_8803IMG_8801Das Leben läuft über die Straßen der hübschen Altstadt, sonnt sich am Elbufer, winkt von den Dampffahrtschiffen. Es trägt meist viel zu enge Fahrradfunktionsbekleidung oder beige Westen. In Pirna findet auch öffentliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus statt – Verdrängung kann man der Stadt nicht vorwerfen. Doch erst vergangene Woche wurde das Büro der Partei „Die Linke“ angegriffen, alle Fensterscheiben, bis auf eine, sind zerstört. Das Büro der CDU befindet sich übrigens direkt gegenüber – es blieb unversehrt.

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IMG_8839erreichbar ab Dresden mit der S-Bahn-Linie 1 Richtung Schöna, Fahrzeit etwa vierzig Minuten
Was hier sehenswert sein soll: Kirnitzschtalbahn, Elbpromenade, Kurpark, St. Johannis Kirche, Botanischer Garten im Kirnitzschtal, historischer Personenaufzug
Ödnis-Faktor: 6 von 5
Was hier sonst noch passiert ist: 2013 wurde ein Hamburger Schüler mit chinesischen Wurzeln während einer Klassenfahrt zusammengeschlagen – man erklärte den Vorfall für einen Einzelfall und warnte davor, die Sächsische Schweiz – kurz SS – als Nazi-Hochburg zu stigmatisieren. Was sich aber nur schwer abstreiten lässt.

IMG_8826In Bad Schandau gibt es nichts Besonderes zu sehen, außer die saftigen Pfirsiche, die in den Vorgärten an den Bäumen reifen. Bad Schandau ist nicht mehr als ein beschaulicher Kurort, in dem jemand dünn und krakelig „Fuck Linke“ auf den Gehweg gesprüht hat. Umgeben von Bergen und Naturschutzgebiet, liegt Bad Schandau nahe der tschechischen Grenze eingekeilt im Tal des Elbsandsteingebirges und lockt Touristen und Kurgäste mit geografischer Schönheit. Man kann also nicht behaupten, die Gegend hätte noch nie Fremde gesehen. Im Gegenteil: Gerade hier sollten Fremde besonders gern gesehen sein, zumindest so lange sie die Kurtaxe zahlen und die Hotelbetten füllen.

IMG_8865Bad Schandau haben wir als städtischen Stellvertreter der Sächsischen Schweiz gewählt – einer Region, die vom Tourismus, von fremden Gästen lebt, und in der gleichzeitig die Ideologien der NPD, einer Partei, die im Zuge ihres fragwürdigen Heimatschutzversuches alles „Fremde“ ablehnt, giftige Blüten treibt. Vielleicht haben die Nazis nach der Wende eine Deutschlandkarte aufgeschlagen und sich ein Parolen-Paradies gesucht, dessen Initialen mit SS beginnen. Hier haben sie es gefunden. In Band Schandau kam die NPD bei der letzten Landtagswahl „nur“ noch auf 9,1 Prozent – im benachbarten Sebnitz auf stattliche 15,2 Prozent – und damit auf fast zehn Prozentpunkte mehr als die SPD. In den vergangenen Jahren sah das alles noch viel schlimmer aus,  da saß die NPD noch im sächsischen Landtag, bis ihr die AfD ein bisschen die Butter vom deutschen Brot nahm.  Auch das Dorf Reinhardtsdorf-Schöna bekleckerte sich mit zweifelhaften Ruhm, wurde vom digitalen Boulevard-Blatt Huffington Post zur „größten Nazi-Gemeinde Deutschlands“ gekürt. Die Einwohner dieser 1.500-Verlorenen-Seelen-Gemeinde tragen ihre „Heimat im Herzen“ und  verkleiden sich zum Karneval als „reisefreudige Afrikaner“.

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IMG_8867Nichts davon ist hier offensichtlich, die Meinung hält man hinter der Spitzengardine versteckt oder im Kunstblumentopf vergraben. Die Gegend ist freundlich und ruhig, und würde hier die nicht die Elbe Richtung Hamburg fließen, könnte man glauben, die Achse des totalen Stillstandes erreicht zu haben. Schließlich soll man sich in Bad Schandau ja auch nur auskurieren. Dabei wäre vor allem die geistige Rekonvaleszenz der Einwohner der Region wünschenswert.
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IMG_6849Dresden.
erreichbar ab Chemnitz mit Regionalbahn oder dem Regionalexpress, Fahrzeit etwa eine Stunde
Was hier sehenswert sein soll: Semperoper, Zwinger, Primark, Frauenkirche. Die Neustadt, das grüne Gewölbe, die gläserne Fabrik, das Schloss, der Strietzelmarkt.
Ödnis-Faktor: 1,5 von 5
Was hier sonst noch passiert ist: Die Geschichte des bedrohten Pegida-Landes ist bekannt. Viele relevante Informationen zu den Ansichten und Auftritten der irren Abendländer findet man hier. Wälzt man die Chronik der fremdenfeindlichen Straftaten 2015 stößt man immer und immer wieder auf Dresden.

IMG_6874Endstation Dresden. Eindeutig zu viele Menschen, die in die rings um die Prager Straße errichteten Einkaufstempel strömen und prall gefüllte Tüten über die Straßen schleppen – darunter übrigens auch viele wohlhabende Araber, die hier vor allem dann willkommen sind, wenn die Kaufkraft stimmt. Dresden ist in erster Linie die Hauptstadt des Landes Sachsen, dann die Hauptstadt des Konservativen, neuerdings auch die Hauptstadt der Pegida-Bewegung, was eine Art negativer Superlativ von Konservativismus ist. Ausgerechnet Dresden, die große Kulturstadt, das Elbflorenz, in das Touristen aus aller Welt strömen um zwischen barocken Bauwerken einen überteuerten Kaffee zu trinken. Blöd nur, dass ein vorbestrafter Nazi Dresden im vergangenen Winter in ein derart unsympathisches Licht gerückt hat, dass die Touristen gerade lieber fernbleiben. Ausgerechnet Dresden auch, das am 13. Februar 1945 von Alliierten bombardiert und im Feuersturm zerstört wurde. Dresden, die brennende Stadt, die zerstörte Stadt. Über die Anzahl der zivilen Opfer streitet man bis heute, mit geschätzt über 20.000 Toten ist sie allerdings hoch genug. Ausgerechnet den Einwohnern dieser Stadt, auch den Alten und den Geistig-Vergreisten, deren (Groß-)Mütter und -Väter vielleicht selbst erlebt haben, was es heißt, wenn der Krieg die Heimat zerstört, mangelt es heute an Empathie. Beziehungsweise haben sie jegliche Empathie bereits auf das eigene Leid kanalisiert. Ohnehin muss man sich fragen, wieviele Eltern und Großeltern derjenigen, die jetzt gegen Flüchtlingsheime protestieren, nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat flüchten mussten, in ein Land, in dem es tatsächlich nichts mehr gab außer Trümmer. Die Hälfte der Re:marx-Redaktion würde heute nicht über Chemnitz schreiben, wären unsere Großeltern damals nicht aus Schlesien, Ungarn, etc. nach Sachsen gekommen. Achso – das waren ja Deutsche. Genauso wie die wirtschaftsflüchtigen DDR-Bürger, die 1989 plötzlich in Scharen in die BRD ausreisten. Oder die, die heute zum Arbeiten nach Österreich und in die Schweiz fahren, um dort mehr Geld zu verdienen. Deutsche dürfen das.
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IMG_6853Hätte es die Anschläge auf Asylbewerberheime ohne Pegida in diesem Ausmaß so auch gegeben?, fragen wir uns. Und: Hätte es die Pegidaversammlungen in diesem Ausmaß ohne die Unterstützung der geballten NPD-Power aus der Sächsischen Schweiz so auch gegeben? Auferstanden aus Ruinen steht am Altmarkt, wo sich heute Pegida immer noch – immerhin aber stark dezimiert – versammelt, die Frauenkirche, das Symbol des zerstörten Dresdens, und auch ein bisschen das Symbol des wiederaufgebauten, strahlenden (Osten) Deutschlands. Heute, im Spätsommer 2015, denkt man automatisch an die Pegida-Demonstrationen, wenn man die Sandsteinkuppel sieht. Dabei sind wir von re:marx alle alt genug, um uns an den Trümmerhaufen im Herzen der Stadt erinnern zu können, der fast 40 Jahre lang an den Krieg mahnte.

IMG_6840In Dresden gibt es übrigens ein großes, alternatives Stadtviertel, das die Touristen weg von den Dampfern, hinein in die hippen Cafès und Bars holen soll, die Neustadt. Einmal im Jahr, Mitte Juni, findet hier ein riesiges linksalternatives Stadtviertel-Fest statt – die Bunte Republik Neustadt, kurz BRN. Dann sind die Straßen der Neustadt so voll, dass es einem die Luft zum Atmen nimmt – zumindest wenn man unter schwerer Platzangst leidet. Über 100.000 Besucher feiern hier – gegenüber von der monarchisch-konservativen vor sich hin protzenden Barockfassade der Altstadt – jährlich ihre bunte Stadt. Auf den Gegendemonstrationen zu Pegida waren im Februar keine 10.000 Menschen.

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Die Rückfahrt:

Vielleicht könnte man auch über den Einfluss der SGD auf die Wut der Bürger im Dresdner Umland spekulieren, aber das würde den ohnehin schon überlasteten Rahmen dieses Reiseberichtes sprengen: Der Text ist voll! Füllwörtermissbrauch stoppen. Auf unserer Rückfahrt jedenfalls trug sich folgendes zu. Zwei Angehörige der deutschen Herrenrasse, geistig nur mit vier Promille und einem Deutschland-Rucksack bewaffnet, steigen in Dresden in die Regionalbahn und singen ihre Lieder. Also „Dödödödödö (Star Wars Melodie“) – SGD!“ , „Scheiß CFC“ und – natürlich – „Antifa Hurensö-hö-ne“. In Freital steigen sie aus. In Tharandt steigen auch zwei Leute aus. Am Bahnsteig begrüßt man sie mit einem freundlichen „Sieg Heil!“.
Kein Scherz. Nur ein weiteres hässliches Vorurteil, das sich bestätigt hat.

IMG_4055Nach(w)ort:
Zum Schluss müssen wir noch was über Chemnitz sagen, Anfangs- und Endpunkt unserer Reise. Auch in Chemnitz wohnen Nazis und besorgte Bürger, aber trotzdem haben wir (noch!) das Gefühl, dass Lärm hier als die größere Bedrohung angesehen wird. Fremdenfeindliche Straftaten oder Ansichten wurden hier vor allem in Nachbarkäffern wie Nassau oder Limbach-Oberfrohna registriert Was schlimm genug ist und keine Entschuldigung sein soll. Mit PC-Records befindet sich eines der größten Rechtsrock-Labels Deutschlands in der Stadt und auf der Reichsstraße tagt die Redaktion der  „Blaue Narzisse“. Eine Zeitschrift für rechte Jugendkultur, die sich direkt neben Pegida positionierte und 2014 übrigens den renommierten „Michel-Houellebecq-Jugendkulturpreis“ ausschrieb – schließlich schreibt der ja auch über Islamisierung und so, fühlte sich davon merkwürdigerweise aber eher weniger geehrt.
In Ebersdorf patrouilliert eine von Pro Chemnitz initiierte Bürgerwehr vor der Erstaufnahmeeinrichtung, die kürzlich folgendes beobachtete: Zwei Asylbewerber sprangen schnellen Schrittes über den Zaun einer privaten Gartenanlage. Man alarmierte sofort die Polizei.