Die Post der Moderne: Was letzte Woche in Chemnitz und Texas geschah.

Wir von re:marx lieben es ja, im Zuge unserer maßlos arroganten Meta-Selbstironie vor allem das öffentlichkeitswirksam (mehr oder weniger) zu hassen, was wir selber sind. Also Blogger, Eltern, Schnapstrinker, Medienkommunikationsstudentinnen. Oder eben Sachsen.
Manchmal sitzen wir aber auch gemütlich bei einer heißen Kanne Pfeffi-Tee zusammen und finden, dass wir echt mal wieder was Positives schreiben sollten, um dann wiederum festzustellen, dass uns nichts Positives einfällt und grimmiges Gebashe die einzige schwermutige Sprache ist, die wir fließend sprechen. So geschehen der Autorin, als sie die Ereignisse der Woche zu einer Post der Moderne zusammentragen wollte. Es ließ sich einfach nichts Erhellendes finden. Wir leben schließlich in Sachsen.

pdm

Die Sachsen rüsten auf. Leider nicht geistig, da rüsten sie beachtlich schnell ab. Die Sachsen decken sich lieber mit Waffen ein – oder nachts zu: Pfefferspray, Schreckschusspistolen, Reizgas, Messer, Elektroschocker, alles was in Deutschland an Waffenbesitz eben so legal ist. Sogar die mittelalterliche Armbrust feiert gerade Renaissance.  Eine Armbrustlänge Abstand halten, das will man hier scheinbar. Bereits im November berichteten Waffenhändler dem MDR, „dass die Kunden bereits vor der Ladenöffnung Schlange stehen würden“ wie sonst nur vor Applestores oder neu eröffneten Primark-Läden, die nicht in Dresden sind. Vor allem das leckere Pfefferspray mit bitterem Beigeschmack geht weg wie warmes Pfeffi-Spray: 100 bis 200 Exemplare verkaufe man jetzt pro Tag, sagte ein Händler, statt wie bisher fünf pro Woche. Der Großhandel sprach von „Lieferengpässen“, die Anzahl der Kleinwaffenscheine hat sich verdoppelt. Die meisten Waffen registrierte man 2015 übrigens im… na? … genau, Erzgebirgskreis (17.290), dem ausgemachten Problemviertel des Freistaates. Platz zwei belegte Bautzen, Platz drei das Vogtland, auch so ein ewiger Unruheherd. Statistisches Schusslicht ist, wie so oft, Chemnitz mit nur 4.407 registrierten Waffen. Und wenn man alle fünf Augen ganz fest zudrückt, ist das vielleicht sogar eine positive Meldung.
Aber so ist das in den Südstaaten halt. Sachsen, das Texas des Ostens: Ein Bundesland voller kauziger Konservativer mit komischem Akzent und seltsamem Selbstverständis. Keine Wüste zwar, dafür aber viele stumpfsinnig wütende Wüstlinge.

Über die Ursachen der steigenden Waffen-Nachfrage braucht man nicht weiter großartig zu spekulieren.
Denn.
Meanwhile in der Empathie-Wüste Einsiedel:

Das „Volk“ übt sich in debilen Ungehorsam und blockiert sich in der vorhöllischen Idylle den Arsch ab. Das „Volk“ hat schon mal Arabisch gelernt – um den Flüchtlingsfamilien, die diese Woche eingezogen sind, freundlicherweise mitzuteilen, wie willkommen sie hier sind. Das „Volk“ zeigt den Hitlergruß, denn jetzt, wo „Mein Kampf“ Schulstoff in Sachsen werden soll, kann man ja schonmal demonstrieren, was man bisher alles so gelernt hat. 400 Polizisten waren im Einsatz, die Freie Presse schreibt immer noch von „Asylgegnern“ und erwähnt im gleichen Atemzug, wer hier eigentlich protestiert: Kaum noch echte Einsiedler, sondern gelangweilte Erzgebirgler ohne eigene Erstaufnahmeinrichtung und angekarrte Rechte aus Pro Chemnitz- und radikalen Pegidakreisen sowie andere Kotzhohl-Koriphäen der aufstrebenden Chemnitzer Nazi-Jugend. Einsiedel, das neue Urlaubsparadies für gestresste Nazis. Das perfekte Naherholungsgebiet für alle, denen der Tellerrand schon immer zu weit weg war. Das sächsische Frust-Spa, in dem man einfach mal abschalten kann, was ohnehin nie an war.

Darüber hinaus gäbe es andere schrecklich-nette Sachsen-Sachen zu schreiben: Über den warmherzigen Tweet des sächsischen Sozialministeriums, Massenschlägereien, Messerstechereien, menschenfeindliche Angriffe, Achim Mentzel, der uns verlassen hat, verdächtige Koffer voller  Socken, betrunkene Bombendroher, die sich durch ihren sächsischen Akzent verraten, und lauter solche Dinge, die Texas wie ein links-liberales Hippie-Eldorado erscheinen lassen.

Widmen wir uns lieber Puls-beruhigenden Banalitäten.

Was sonst noch geschah:
Während die Medienwelt, in der wir leben, gerade sexistisch über Sexismus debattiert, liefert unsere geliebte MoPo ihren ganz eigenen Beitrag. Diese listete nämlich die sächsischen Kulturhighlights des Jahres 2016 auf, die da wären: AC/DC in  Leipzig, Stadtfest in Dresden, Dixieland, Semperopernball, 800 Jahre Kreuzchor, Buchmesse, BRN, Highfield und irgendwas mit alten Dampffahrtschiffen. Und: Nacktrodeln in Schlettau. Da dürfen dieses Jahr nämlich nur Frauen mitmachen. Die MoPo quittiert das mit einem Bild von einem halbnackten Hintern mit RSA-Logo (das neue Arschgeweih der Oldiefans) und einem optimistischen „Das dürfte aber auch die Männer trösten.“
Am Markt wurde der Weihnachtsbaum abgebaut und jetzt ist ganz Chemnitz traurig. In der Freie Presse berichtet ein Zeitzeuge, wie die Fichte im November eine ganze Stunde zu spät gekommen sei,  weshalb seine Frau gefroren und er das freudige Ereignis der Nadelbaum-Niederkunft verpasst habe. Dennoch sei sie „sehr schön dicht gewesen“, die dichte Fichte, mindestens so dicht wie der Durchschnittschemnitzer nach acht Bechern Glühwein. Und während ihre Zweige jetzt an die Tiere im Tierpark verfüttert werden, hat die Stadt für die Verwendung des Holzes „andere Pläne“ – ein Schelm, wer da an Einbaumbänke denkt.
Im schönsten und größten Schlagloch der Stadt, im Conti-Loch, haben endlich die Bauarbeiten für das Kellnberger-Monument, das Technische Rathaus begonnen. Und während re:marx im Gegensatz zur MoPo schon mehrfach am lasterhaft Vice-artigen Rotlicht-Report scheiterte, schließt das Amt im benachbarten Erdmannsdorf den einzigen Swinger-Club, von dem wir bisher nichts wussten.

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