Shades of Grey – Diese 88259847 Grautöne musst du gesehen haben, bevor du nichts mehr siehst.

Grau ist das Eigenschafts-Wort, das auf diesem Blog mit Abstand am häufigsten geschrieben wurde, das verrät uns zumindest die gefühlte Wahrheit, und die lügt bekanntermaßen nie. Ja, das farblose Wörtchen „grau“ haben wir als Adjektiv und Substantiv bereits derart oft verwendet, dass wir es fast schon zum Verb erklären könnten. Grauen. Ich graue, du gräust, er graut: Grau ist unsere Stimmung, grau ist unsere Stadt, grau werden auch bald unsere Haare sein, wenn wir hier so greisgrämig weiter schreiben.

Grau – das ist schwärzer als Weiß und weißer als Schwarz. Besser als böse, böser als gut. Mehr nichts als sagend, mehr trüb als sinnig, mehr Mono als Ton. Dauerfröhlichcamper und versonnenstrahlte „Die Welt ist schön“-Finder werden uns an dieser Stelle natürlich wieder Graumalerei vorwerfen. Aber Grau ist ja auch die Nicht-Farbe der Melancholie, jenem Gemütszustand der schönen Traurigkeit, in dem wir uns so gerne suhlen, und deshalb lieben wir Nebelschwaden. Sogar in Chemnitz. Denn Chemnitz ist die graue Eminenz unter den deutschen Großstädten. In jeder Hinsicht: Sachlich, alt, unscheinbar, bescheiden, langweilig, gleichgültig und zubetoniert. Eine gigantische Grauzone.

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Das liegt einerseits natürlich an Hitler, wie eigentlich alles Grausame in Deutschland, zum anderen an stadtplanerischen Verfehlungen in der Nachwendezeit. Die wiederum führten dazu, dass die Stadt ihre kriegsgeschundene Seele an einen Immobilienmogul aus Bayern verkauft hat – den Grauleiter von Karl-Marx-Stadt, Klaus Kellnberger.  Dem grauen Star der Stadt gehören unter anderem das Terminal 3 und der Asphalt an der Zenti und ins Conti-Loch baut er gerade das nächste Beton-Monster, das neue Technische Rathaus, und neulich war sogar von einem geplanten Kellnberger-Tower die Rede, dem World Gray Center von Chemnitz.

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In farb- und selbstloser Mission haben wir an einem sonnigen Mittwochmorgen die Grauzonen des ehemaligen Zonengraus durchstreift, um für euch eine Chemnitz-eigene Farbenunfroh-Palette anzulegen. Und präsentieren nun stolz: Die Shades of Grey der Chemnitzer City.  Grau wird ja fälschlicherweise häufig als eintönig empfunden, als fade Farbe der Monotonie – dabei hat Grau mindestens so viele Gesichter wie die Zenti und ist facettenreicher als jeder siebenfarbige Schornstein dieser Welt. Deshalb gilt hier und jetzt:
Diese 98273498 Grautöne musst du gesehen haben, bevor du erblindest.

Als Endgegner auf einer Farbskala von hässlich bis deprimierend diente dabei übrigens das Grau der Gräue, der absolute Super-GRAU – der Weinholdgrau an der TU Chemnitz, das höchste Paint- und härteste Beton-Level architektonischer Graustufen-Kunst.

Es folgt ein kleiner digitaler Stadtspaziergang in der Grauen Hölle von Ostdeutschland, den wir zukünftig auch als geführte Tour anbieten werden – bei schönem Wetter würden wir allerdings davon abraten.

Nischl/Brückenstraße:

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Von oben nach unten: Sozialistisches Relief in der Farbe Grau-Hemden. Fassade in Silberkappengrau A. Der Säulengang wurde in der postsozialistischen Bürger-Farbe Joachim-Grau-ck gestaltet.

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Karl-Marx-Kopf, Betonklotz mit Gesicht, Nischl: Eine Büste in Super-Zonen-GRAU.

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Feuerfalle Mercure – das Empire State Building von Chemnitz erstrahlt in Silberkappengrau B und schimmert in schönsten Schimmelgrau-Nuancen.

Straße der Nationen/Opernplatz:

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Wände in stolzem Nischlgrau und Fensterrahmen im seriösen Farbton Gundula Grau-se machen die StraNa zum Prachtboulevard.

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Pflastersteine in lustvollem Leberwurstgrau und marmorierte Platten in natürlichem Gesichtsgrau: Der Opernplatz ist ein greyometrisches Kunstwerk.

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Nischlgraue Wand, gesichtsgraue Treppen, die Platten in der Mitte sind in einem dezenten Grau-Pelschauer gehalten: Auch der Treppenaufgang am Opernplatz kann sich sehen lassen.

Brühl

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Ein Haus in zartem Zahnherbstgrau wird von leberwurstgrauen Bäumen verdeckt.

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Weinholdgraue Fassaden erstrahlen am Brühl in extravagantem Glanz.

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Das legendäre Schild über dem Brühl-Boulevard  changiert tolerant in einem grün-rot-versifften Regenbogengrau.

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Die Pfandflaschensammler-freundlichen Papierkörbe tragen ein hochprozentiges Nachts-sind-alle-Chemnitzer-Grau.

Hauptbahnhof:

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Grautöne im Bild, von unten nach oben: Fuchsgrau Gesichtsgrau Nachts-sind-alle-Chemnitzer-Grau Grau-Käsemaik Reiher-Grau Dessgrau und Grey West

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Ein Fußboden in galantem Gunzengrau, Bankfassungen in beruhigendem Grau-Pause sowie Sockel in müdem Morgen-Grau laden auch im Bahnhof zum Verweilen ein.

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Grautöne von links nach rechts: Regenbogengrau, Leberwurstgrau, Nischlgrau, Gesichtsgrau, Morgen-Grau, Grau-Stolz.

Conti-Moloch

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Zentral im Bild: Bombastische Beton-Wände in den Tönen Graus Kellnberger A, B und C.  Nicht im Bild: Die große, fette Planiergraupe

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Wohnst du noch, oder lebst du schon? Balkone in prunkvollem Plattengrau und Wände in androgynem Arschgrau erinnern an die goldgraue Ära des Postpunk-Sozialismus.

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Auch bei eins energie ist Grau tonangebend: Treppen in charakterstarkem Grau-Stolz , Fassaden in sanftem Grau-Licht, Stahl-Elemente in Graus-Kellnberger B und Morgen-Grau, Pflaster in lebhaftem Leberwurst- und Gesichtsgrau.

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Fassade im Farbton Graue Narzisse, sozialistische Sandstein-Statue in einem beißenden Besorgtem Grau.

Zentralhaltestelle/Cash-Center

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Parkhaus in der Chemnitz-typischen Farbe GGG (internationale Abkürzung für GrauGrauGrau)

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Grauschutzpark Zenralhaltestelle: Hier findet man längst ausgestorbene Grautöne wie Lulatschgrau, Verkehrsgrau, Kotzgrau und Grau-Ferei. Auch ein Penisgrau wurde hier kürzlich von Grau-Forschern gefunden.

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Grau wie ein verbrannter Geldschein: Bankgebäude. Im Falle der Sparkasse dominieren die tollen Töne Graue Narzisse, Gunzengrau, Zwickgrau sowie ein majestätisches Morgenpost-Grau

Galeria/Innere Klosterstraße

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Göttliches Licht fällt in warmen Strahlen auf eine Parkhauswand in drittklassigem Chemnitzer Himmelgrau.

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Himmelgraue Wände, silberkappengraues Vordach, Elemente in etabliertem Plattengrau: Die Galeria Grauhof statuiert ein Exempel höchster Grautonkunst.

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Auch Treppen, Fahrstuhl und Überdachung sind in freundlichem Himmel- und Neon-Grau gehalten. Hin und wieder blitzt ein leichtes Glasgrau auf.

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Blaugrau bleibt Brauglau und Graublau bleibt Glaubrau!

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Fast so farbenfroh wie der Karneval in Rio: Der silberkappengraue Turm des Brasil mit weinholdgrauen Rolläden.

Am Wall/Stadthallenpark

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Ein Parkgraus thront in herrlichstem Himmelgrau über der Champs-Elysees der Stadt.

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Optimisten sehen im Dach der Stadthalle die Farbe Weiß oder wenigstens Beige. Wir von re:marx aber wissen – auch das ist Grau, und zwar ein fesches Floriansilber-Grau.

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Grauer Blick verweile doch, du bist so schön: Bank in Sauergrau, Papierkorb in Wutgrau, Pflastersteine in Leberwurst-, Platten in Gesichtsgrau.

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Über einem Boden in wuchtigem Wut-Grau steht eine Bank in Sauergrau, wer darauf sitzt, ist häufig dauergrau.

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Die kleine Schwester des Conti-Lochs besticht in fragilem Fuchs-Grau.

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Fahrradständer in naughty Nachts-sind-alle-Chemnitzer-Grau, Wand in Gunzengrau, Boden in den üblichen deprimierenden Farben.

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Neongraue Fassaden locken Touristen ins Biendo. Unter großen Schirmen schlecken sie dann leckere Eis-Greyme auf plattengrauem Beton.

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Ein graziöses Grabsteingrau lässt die Treppen am Stadthallenbrunnen in grauem Glanz leuchten.

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Kunst im urbanen Gewässer: Sitz-Inseln in den Tönen „Grau, grau, grau blüht der Enzian“ sowie „Schwarzgrau ist die Haselnuss“

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