re:marx in Hundehaar-Gefahr: Als Straßenköter auf der Rassehundeschau.

Das menschliche Wesen hat viele Abgründe. Manche davon werden täglich im verdorbenen Licht der großen Weltbühne präsentiert, viele jedoch eher im schimmligen Finster des heimischen Hobbykellers versteckt: Motorsportzeitungen, Modelleisenbahnen, senfgelbe Single-Speed-Räder, das neue Blog-Layout von Re:marx. Da der menschliche Abgrund es so will, dass das dunkle Hobby auch irgendwann im Rampenlicht glänzt, hat er Hobby-Messen erfunden, auf denen er seine alltäglichen Ausfluchten präsentieren und damit vielleicht auch noch Geld verdienen kann — denn das ist ja mit Abstand der Menschheit größter Abgrund.

Über die abgrundtiefe Absurdität von Rassetierschauen haben wir ja schon ausführlich geschrieben. Darüber, dass die putzigen Zuchttiere Namen wie Promikinder haben (Jimmy Blue Wilson Gonzales) und vermutlich auch ähnliche Karrieren. Über die Züchter, die die Mängel in ihrem Leben durch gottgleiches Schöpfertum kompensieren und ihre Tiere anschließend wie Produkte präsentieren. Der arisch reine Perserstammbaum als haariger Spiegel des narzisstischen Selbst — all das gilt auch für die 8. Internationale Rassehundeausstellung.

Alles ist hier genauso und doch anders als auf der durchkastrierten Katzenshow. Das beginnt schon beim Namen: Während die „SaxCat“ allein durch schlüpfrige Obszönitiät im Titel rollige Ragdolls in die Messe lockte, heißt die Hundemesse harmlos „Chemnitz gibt Pfötchen“: Der Hund als treudoofer Menschenfreund, dem man noch herrlich herrisch befehlen kann, während die Katze erotisch schnurrend in der Ecke liegt und ihre Besitzer ignoriert. Katzen sind die Stars des Internet, spielen Keyboard, gucken grimmig und sind generell Pioniere im Weltall. Katzen sind aber auch das tierische Symbol der vereinsamten Singlefrau, die irgendwann hochbetagt und sehr verzweifelt zwischen 30 Katzen und 300 Spitzendeckchen sitzt. Der Hund hingegen beißt, kämpft, rennt, riecht, bewacht und bellt und guckt dabei derart herzzerreißend, dass er für uns Menschen vermutlich eine Sonderfunktion zwischen sabbernden Nutztier und bedingungslosem Liebesersatz erfüllt. Deshalb bekommt der Hund auf der Chemnitzer Messe auch gleich beide Hallen und den Außenbereich sowie mehrere Fressbuden für Mensch und Tier, während die Katzen mit der mausekleinen Messehalle 2 Vorlieb nehmen mussten. Immerhin hatten sie aber ein Maskottchen, das auch als Küchwald-Entblößer hätte arbeiten können — der Hund wiederum hat sowas gar nicht erst nötig.

Jede Rasse wird in einem eigenen Ring vorgeführt. Um die quadratischen Ringe reihen sich die Züchter und kämmen ihre Tiere, die in Boxen und Hundekinderwagen auf ihre großen Auftritte warten. Gequälte Blicke, Angstpisse, verzweifeltes Heulen, leiderfüllte Lethargie. Es riecht nach Angst und Ausscheidungen, nach der Angst vorm Ausscheiden, im Wettbewerb versteht sich. Getrimmt werden die rassigen Rüden mit dem Equipment von etwa zehn handelsüblichen Friseursalons mit Haarspiel im Wortwitz, das, in pinken Glitzerkoffern verstaut, an mobile Nagelstudios erinnert. Gezeigt werden sie von ihren Züchtern einer Jury, die eifrig Bewertungsbögen über Felldichte und Farbstandard ausfüllt. Man weiß nicht, was schlimmer ist: züchten oder richten. Man weiß nur, was wichtig ist: Gesundes, glänzendes, prächtig fallendes Fell als primäres Potenzmerkmal, ganz wie beim Menschen eben. Alles, was man über Hunde und die Frisuren ihrer Besitzer sagt, stimmt.

Herrenlose Hundehaarknäule rollen wehend durch die Halle wie Tumbleweeds durch die amerikanische Wüste. Alles sieht verwüstet aus, aber der Man-Bun des Maltesers sitzt perfekt. Hier sieht man Hunderassen von denen man gar nicht glauben kann, dass sie wirklich existieren: drei Meter große Irische Wolfshunde zum Beispiel, pittoreske Pitbulls, Eurasische Fellberge oder Hunde, die aussehen wie Abschussrampen und „Bedlington Terrier“ heißen. Als ottonormaler Mischlingshund bekommt man hier bestimmt gigantische Minderwertigkeitskomplexe, die man verzweifelt in die Welt kläfft. Tatsächlich muss man als Besucherhund zwei Euro Eintritt bezahlen und einen gültigen Impfausweis vorlegen, nur um Hunde zusehen, die größer, schöner, besser sind und ein glänzenderes, bestenfells bodenlanges Fell haben. Das muss wehtun. Immerhin darf man auch als gewöhnlicher Besucherhund zeigen, was man kann, aber eben nur ganz am Rande der Ausstellung.  Der schönste Mischlingshund wird zwar auch gekürt, im Internet werden aber nur die  reinrassigen Tagessieger Great Michel vom Brendelstein (Zwerg-Teckel) und Balou Lhassa Valley (Tibetische Dogge) zu sehen sein. Whitest show ever.

Man-Bun mal anders.

Ein schwarzer Afghane ist auch dabei und kommt in die Top drei der besten Junghunde, was uns freut, denn der Mann hinter re:marx ist großer Windhund-Fan, obwohl er Rennen würdelos findet oder genau deswegen. Insgeheim träumt er davon, wie er mit zwei Barsois namens Tolstoi und Shostakovich über den Kassberg stolziert und sich selbstgefällig als stilbewussten Bohèmian präsentiert. Die Windhund-Besitzer unterscheiden sich erheblich von den anderen HerrchInnen: Sie tragen Leopardenmäntel und wehendes Haar, geben sich edel, elaboriert und elegant, während Bulldoggenbesitzer aussehen wie dem amerikanischen Vorort entflohen und schwer parfümierte und toupierte Frauen ihre Pudel pudern. Hier macht alles Sinn, hier passt alles zusammen.

Schnell wird klar: Diese Hunde sind keine Tiere, sie sind Kleinkinder, deren Eltern für sie eine glorreiche Werbe-Karriere planen. Sie werden „Mäuschen“ gerufen und fürs Schlafen und Scheißen gelobt, sie sitzen in Kinderwagen und werden mit Spielzeug beschäftigt, ihre Besitzer tauschen sich eifrig aus über Gebisse und Grundbefehle wie Krabbelgruppenmuttis über die ersten Schritte. Man weiß nie ob der Bernhardinerbesitzer gerade seine Frau ruft oder seine Hündin.

Es ist Sonntagnachmittag, die Sonne scheint, die Halle stinkt nach Futter und feuchten Fürzen, überall sind Haare, wirklich überall. Vorwerk hat hier ganz zufällig auch einen Stand. Die letzten Boxer sind noch im Ring, die anderen Ringe sind schon menschen- und hundeleer. Hund und Mensch haben eine Traube um die den großen roten Showring gebildet, wo gerade ein Riesenschnauzer zum besten Veteran gekürt wird. Er kämpfte bereits  in der Normandie und auch in Korea, ein echter Kriegsheld. Der schöne Barsoi, der sich Menschen gegenüber zunächst distanziert gibt, scheidet als bester Junghund aus und posiert für ein Trostpreisfoto, der schwarze Afghane wird noch vorgeführt und muss mit Frauchen hin- und her rennen. Ein Wolfspitz-Mann steht da wie ein König, er hat die alleinige Gewalt über vier hungrige Hunde. Ein riesiger Hund mit nervösem Magen hat einen imposanten Angstschiss auf dem Messevorplatz hinterlassen, seine Besitzerin beseitigt schnell die Schande.
Hier werden nicht nur Tiere ausgestellt.

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