Die Post der Moderne: Was im März in Chemnitz geschah.

Während unser Heimat-Horst im März mal wieder die  überflüssige Frage aufgeworfen hat,  was (und wer) zu Deutschland gehört und was nicht, haben wir uns dasselbe über Chemnitz gefragt. Erkenntnis: Der ICE gehört nicht zu Chemnitz. Die Dritte Liga gehört nicht zu Chemnitz. Der blaue Himmel gehört nicht zu Chemnitz. Moderne Mobilität gehört nicht zu Chemnitz. Gute Laune gehört nicht zu Chemnitz. Saubere Luft gehört nicht zu Chemnitz. Menschen nach 21 Uhr in der Innenstadt gehören nicht zu Chemnitz. Das fünfhundertste abgedroschene re:marx-Klischee gehört auch nicht zu Chemnitz. Die Post der Moderne? Entscheidet selbst.

Das Ranking des Monats: Normalerweise scheitertet Chemnitz an Spitzenpositionen in Rankings stets so zuverlässig wie deutsche Kandidaten am ESC. Doch jetzt hat die Stadt endlich mal wieder die Sniffer-Nase vorn — und zwar beim Abwasser. Einmal im Jahr untersucht die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht das Abwasser europäischer Städte auf Drogenrückstände. Zum ersten Mal überhaupt nahm Chemnitz 2017 an der Studie teil — und landete direkt auf dem ersten Platz: Chemnitz hat mit 240 mg pro 1000 Personen täglich europaweit die höchsten Methamphetamin-Rückstände, mehr als beispielsweise Brno und Budweis in Tschechien, obwohl in Böhmen die meisten Crystal-Küchen sind.  Drogenreste im Abwasser: Da schafft nicht mal Berlin eine Spitzenposition, sondern landete beim täglichen MDMA-Entsorgen im Jahr 2017 nur auf Platz sechs.
Chemnitz hingegen ist jetzt offiziell Meth-Meister. Das ist mit Abstand der traurigste Titel seit „Chemnitz, die älteste Stadt Europas, also demographisch“. Die Stadt hat sofort Maßnahmen angekündigt: Ein Fußweg-Fully-Verbot im Stadthallenpark soll es richten, und dann natürlich ganz viel Prävention und ganz viel Polizeikontrolle, denn die hilft gegen gesellschaftliche Problemzonen bekanntermaßen so gut wie Clearasil gegen Akne.
Uns bleibt nur übrig, in die Meister-Proper-Kraft der Kläranlagen zu vertrauen, wobei die auf menschgemischte Chemikalien nur so semi gut klär kommen, weshalb es immer wieder mal Antibiotikum- oder Anti-Babypillen-Reste in den Wasserkreislauf schaffen. In Chemnitz denken jetzt alle: Das muss bestimmt auch im Leitungswasser sein, das Meth, denn das würde einiges erklären.  Warum die Chemnitzer so leicht reizbar sind und immer passiv-aggressiv gucken, warum alle deine Freunde so weird sind und du der einzige Normale bist, warum die Chemnitzer von Chemnitz so schlecht loskommen wie Stricher von billigen Straßendrogen: Weil das Wasser schwer abhängig macht. Vermutlich findet die Polizei bei Verkehrskontrollen auch gar keine Meth-Tütchen, sondern immer nur Flaschen voller Leitungswasser.
Die gesamtdeutsche Presse jedenfalls kann jetzt weiter so genüsslich auf Sachsen einprügeln wie ein Chemnitzer Polizist auf jugendliche Demonstranten, weil sie erkannt hat, dass Sachsen nicht nur ein Nazi- sondern auch ein Methproblem hat. Sachsen ist mittlerweile das Herpesbläschen der Republik – alles ganz schön eklig und leider auch ansteckend, was hier so passiert.

Die Abendveranstaltung des Monats: 
Wie sagen wir Chemnitz-Romantiker immer so schön? Morgenstund hat Gold im Mund, AfD-Blau ist die Abendstund. Also zumindest im Brauclub, ihr erinnert euch vielleicht: Das ist der Club, in den man nur reindarf, wenn man sich ein ordentliches Hemd anzieht und ordentlich Deutsch spricht. Im Brauclub gibts Modern-Talking-Revival-Shows, Neunzigerjahre-Parties, Malle-Feten mit Melanie Müller, freien Eintritt für die „ersten hundert Mädels“ und manchmal auch Lesungen, sogar mit Martin Sonneborn. Der Brauclub ist der Club des kleinen Mannes, der Partykeller für Ottonormal-Chemnitzer und Karohemd-Träger, denen das Atomino zu melancholisch und das Lokomov zu interllektuell ist — und das ist vollkommen okay, denn auch das muss es geben. Doch wo im Brauclub meistens nur die Gäste blau waren, sind es jetzt plötzlich die Veranstaltungen: Im Blauclub gibt’s jetzt nämlich auch AfD-Vorträge, am Freitagabend zur besten Partyprimetime: Programm nicht nur für den kleinen, sondern auch für den alten, weißen Mann mit fortgeschrittener Heimatparanoia. Für ein bisschen mehr Abendland im Nachtleben, schließlich trägt der Brauclub ja  ein traditionelles Brau im Namen, das klingt so schön nach Tradition und Wirtshaus und Stammtisch und deutsch, da kann man auch mal was für den Heimatschutz machen. Und so sprach kürzlich ein grauer Herr namens Dr. Hugh Bronson, der europaskeptisch im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt und seit Bernd Lucke (#neverforget) Parteimitglied ist, über den Brexit — natürlich nicht, ohne sich bei Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik zu bedanken. Der Brauclub hat mit dieser Veranstaltung 888 Euro oder so verdient, Geld, das man bestimmt auch mit zwei Modern Talking-Revival-Shows oder einem Auftritt von Malle-Melli hätte reinholen können, egal was – alles ist besser, als dieser kulturfeindlichen Partei ein Podium zu bieten.

Das Bauprojekt des Monats:
Jahrhundertelang transportierte die Parkeisenbahn, die erste historische Dampflok von Chemnitz,  Küchwaldperverslinge und Kindergartenausflugsgruppen unversehrt durch den finstren Wald, und doch blieb sie immer Außenseiter im Chemnitzer Verkehrsnetz, ein Schienen-Sonderling, so nutzlos  wie ein ausrangierter Reichsbahnwagon – aber selbst der darf noch regelmäßig Leute nach Leipzig fahren. Die alte Parkeisenbahn hingegen dampft von der Außenwelt isoliert: Zum Hauptbahnhof hat sie es aus eigenem Antrieb nie geschafft, als Technobus kam sie nicht wegen Mobilitäts-Einschränkungen in Frage, für das Chemnitzer Modell wurden jüngere und schönere Modelle bevorzugt. Doch jetzt hat sie dank Maussteiger Klaus endlich Anschluss gefunden: Die Parkeisenbahn soll ans Chemnitzer Modell gekoppelt und (hoffentlich) in Technoparkeisenbahn umbenannt werden. Direkt vom Campus in die Parkeisenbahn ohne Umsteigen – das ist die beste Bahnverbindung in Chemnitz seit es historische Dampfloks gibt.

Die MRB des Monats:  
Kein Monat ohne Reichsbahn-Entgleisung: Erst wollte SPD-Bundestagsabgeordneter und Stadtrat Detlef Müller den Vertrag mit dem Mitteldeutschen Verkehrsverbund kündigen, jetzt verspricht der Betreiber, die Züge zu ersetzen, und das, obwohl diese  „bei vielen Reisenden auch beliebt sind, unter anderem wegen der Beinfreiheit“. Klar ist es praktisch, die Beine ausstrecken oder mit dem Sterni-Kasten ungestört durch die Gänge torkeln zu können, wenn der Zug wieder mal 50 Minuten lang  im Hinterland von Geithain rumsteht. Ersetzt werden sollen die Züge aber nicht durch einen ICE 4 namens „Anna Karenina“ und auch nicht durch die Parkeisenbahn, die ist ja jetzt dem Chemnitzer Modell verpflichtet, sondern einfach nur durch andere alte Züge. Die haben dafür aber tolle moderne  Scheibenbremsen und  – siehe da – barrierefreie Einstiege. Für Chemnitz kann das nur eines bedeuten: Eisenbahnfans aus aller Welt werden demnächst wieder am Chemnitzer Hauptbahnhof mit ihren Kameras zwischen den Gleisen kauern, um seltene Aufnahmen von einer neuen historischen Zugsensation zu machen.

Die Grube des Monats:
Bergbau ist ja mittlerweile eigentlich was für’s Museum oder vielmehr was für Horsts Heimatmuseum: Bergbau, das ist Tradition, das ist Tracht, das sind Paraden der Heimatverbundenheit, das ist ein Teil der regionalen Geschichte, der seit der Wende eigentlich nur noch in Aue-Fangesängen aktuell ist. Doch zum Glück gibt es Chemnitz, die Stadt der Moderne, die jetzt wieder zur Bergbaustadt werden könnte: Ein Freiberger Unternehmen möchte in Röhrsdorf, vermutlich direkt unter dem Chemnitz Center, nach Nickel, Kobald und Chrom suchen. Dort werden derart große Rohstoff-Vorkommen vermutet, dass man damit für jeden in Chemnitz zugelassenen PKW ein neues Elektroauto bauen könnte. Wie schön das wäre: Chemnitz wird endlich wieder zur Grube, Chemnitz bietet endlich wieder harte und ehrliche Maloche, statt all der outgeboreten Kreativ“arbeiter“, deren First-World-Problems sich traurig in den Fenstern ihrer Co-Working-Spaces spiegeln, Chemnitz wird endlich wieder dreckig oder endlich wieder noch dreckiger, Chemnitz kann endlich mal wieder was anderes erzählen, außer dass es früher kurz „Karl-Marx-Stadt“ hieß. Eine schnelle Zugverbindung braucht es dann auch nicht mehr: Die Grubenbahn ins Röhrsdorfcenter ist für die Chemnitzer Bedürfnisse vollkommen ausreichend.

Der HSV des Monats: Der CFC ist aktuell sowas wie der HSV von Chemnitz, nur ohne Uhr und nicht ganz so gut. Wer jetzt noch an den Klassenerhalt glaubt, glaubt auch daran, dass Chemnitz das neue Leipzig ist. Wobei: Leipzig hatte auch mal nur den SSV Makranstädt und der spielt jetzt europäisch. Chemnitz hat immerhin schon mal das schönste Viertliga-Stadion der Welt, und wenn man das einfach beleuchtet und von einem Franzosen bunt bemalen lässt, kann man auch daraus sicher eine tolle Touristenattraktion machen.

Das Clickbait des Monats: 
Traumschlagzeilen von Tag24.de: „Irrer Sex-Stalker terrorisiert Frauen mit Porno-Zetteln“ tittelte die MoPorno virtuos über einen Stalking-Fall. Und noch viel besser, dramatischer und hinterhältiger:  „Nach vier Monaten: Eins Energie schaltet unseren Lulatsch ab“ Warum diese Schlagzeile sinnlos ist, erfährt man nur, wenn man auf diesen Mist klickt. Also klickt lieber nicht, klickt nicht, klickt nicht, klick dich, nicht klicken, nicht…
klicken!

2 Gedanken zu „Die Post der Moderne: Was im März in Chemnitz geschah.

  1. Kleiner Kommentar zur Veranstaltung des Monats: Der „Brauclub klein“ wurde für eine GESCHLOSSENE Veranstaltung gemietet. Entgegen Absprachen war die VA plötzlich öffentlich und stand im Netz. Weitere AfD Veranstaltungen wird es im Brauclub nicht geben.

  2. … dann ist da noch das ehemalige Forsthaus , Annaberger Str 110 !
    Eine Lachnummer, wenn es nicht so traurig wäre. Chemnitz hat schon nicht so viel interessante Architektur zu bieten und die, die wir haben, lassen die Stadtväter noch vergammeln. Ich war zu DDR-Zeiten noch als Student dort ein
    Bierchen trinken, jetzt löst Niederschlagswasser das Gebäude auf. Chemnitz pennt und will einen ICE-Anschluß. Wozu ? Damit potentielle Geschäftsleute und Touristen wunde Augen bekommen wegen so viel Wunden dieser Stadt ?
    Man traut sich schon kaum noch zu sagen, dass man Chemnitzer ist, wenn man anderorts gefragt wird:“ Wo kommen Sie denn her ?“ Man ist geneigt zu sagen: “ Bei Leipzig“.

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