Draußen vor Emmas Onkel: Eine Anleitung zum szenischen Sitzen.

Chemnitz war schon immer cool, das wusste bisher nur keiner, am wenigsten die Chemnitzer selbst. Hier hat man sich schon mit Pfeffi die Zähne geputzt und den Lippenstift abgeschminkt, bevor Puma überhaupt auf die Idee kam, Turnschuhe in „Berliner Luft“-Farben zu verkaufen, hier sind die Clubs schon gestorben, da hatten sie in Berlin noch nicht mal eröffnet, hier heißt das, was andere Städte „cornern“ nennen, schon immer „An der Zenti-Uhr treffen“ — und es ist auch kein Geheimnis, dass die „Russenhocke“ in den Neunzigerjahren im Heckert erfunden wurde. Doch seitdem die Stadt einen Ringbus hat und die Zenti das neue Kotti ist, hat es sich auch innerhalb der Stadt herumgesprochen: Chemnitz ist jetzt cool. Vielmehr noch, die Stadt ist kaum wieder zuerkennen: Auf den Straßen sind manchmal Menschen, und sie reden jetzt von der „City“, wenn sie das Zentrum meinen, sie sitzen vor Läden und sehen gut dabei aus und internationale Lifestyle-Trends kommen nur noch mit zwei Jahren Verspätung hier an. Chemnitz ist jetzt so hip, dass es nicht verwunderlich wäre, wenn eine Berliner Band bald ein Lied darüber singt, dass sie auf gar keinen Fall nach Chemnitz ziehen will, obwohl da jetzt alle ihre Freunde wohnen. Doch die neue Hipheit konzentriert sich glücklicherweise nur auf drei Stadtteile, einer davon ist der Kaßberg: Wer am Prenzlauer Berg keine Wohnung mehr bekommt, zieht jetzt hier her und nimmt uns die Spielplätze weg. Am Kaßberg wird gerade das letzte verfallene Haus eigentumssaniert und vor den vielen Cafés so häufig Englisch geredet, dass Jens Spahn in der Freie Presse schon einen Gastkommentar über die bieder-elitären Chemnitz-Hipster geschrieben hat. Weil das Viertel so gut wie durchgentrifiziert ist, wird es Zeit, dass wir endlich nach Zittau ziehen. Vorher müssen wir uns aber noch mal im angesagtesten Café der Stadt sehen lassen – klar, im Emmas Onkel. Wie man das am lässigsten macht, haben wir mittels intensiver Recherche für euch herausgefunden – eine Anleitung zum szenischen Sitzen.


Am Kaßberg: lebt man in einer Art stuckverzierter Filterblase, in der Zenti-Schlägereien und zänkische Zahnlose nicht vorkommen. Während sich Chemnitz im Stadthallenpark prügelt, bummelt der Kaßberger zwischen Biomarkt und Buchhandlung, gärtnert samstags im Karree und genießt generell sein schönes Boheeme. Wer zugibt, dass er auf dem Kaßberg wohnt, erntet oft abschätzige bis mitleidige Blicke aus anderen Hoods. Dann kann man kurz so tun, als würde man viel lieber auf dem Sonnenberg wohnen wie alle anderen wichtigen Kulturschaffenden, aber in Wirklichkeit liebt und lebt man das Kaßberg-Life, wo man ungestört das Parkett sauber lecken und einen auf Kygge machen kann – das ist die Chemnitzer Art der neuen Gemütlichkeit.

Die Achse Franz-Mehring-Ulmen-Weststraße: gilt als Torstraße von Chemnitz. Hier befinden sich vier Kneipen, zwei Läden, anderthalb Cafès, ein Italiener und ein Edeka, und überall sitzen im Sommer Leute davor. Emmas Onkel (wahlweise auch „Emmas“, „Onkel“ oder „Ommas Enkel“) ist die zentrale Eatery von Hipnitz: Es gibt Kuchen, Eis und abends Wurst – also alles, was man zum glücklich sein braucht. Doch im Grunde genommen ist das nebensächlich. Denn wo Gablenzer abends mit Bier zusammen vor ihren Garagen sitzen, sitzen Kaßberger nachmittags mit Limo vor ihrem Café. Es ist der soziale Knotenpunkt das Viertels, aber auch die perfekt ausgeleuchtete Bühne für die moderne Yuccie-Inszenierung: Hier treffen sich die Young Urban Creatives und die Young Urban Parents zu Kaffe, Kuchen und Kimchi-Rezept-Austausch. Der Laden ist mittlerweile so angesagt, dass angeblich selbst Leute aus Bernsdorf in Erwägung ziehen, für einen Wochenendausflug mal mit dem Ringbus rüber auf den Kassi zufahren.

Wann: Montags ist Ruhetag, aber man kann sich eine durchfallfördernde Eis-Bier-Kombination im Spätika besorgen und trotzdem auf die Mauer davor setzen, wenn man es gar nicht ohne aushält. Unter der Woche zeigt man sich hier am besten zwischen 15 und 17 sowie ab 20 Uhr, am Wochenende ist es egal wann, Hauptsache, man zeigt sich — es reicht auch, einfach nur beiläufig vorbei zu schlendern und quasi blind in die Masse zuwinken, irgendjemand wird schon dabei sein, den man kennt.  

Stimmungsbild: Die Torstraße von Chemnitz

Sitzen: An einem Sonntag auf Anhieb einen Sitzplatz zu bekommen ist so selten wie ein sächsischer Roster-Stand ohne Bautz`ner Senf oder ein Auswärtssieg des CFC. Ihr solltet dafür folgende Methoden in Betracht ziehen:
Reservierung: Wer vorher reserviert, geht auf Nummer sicher, aber auch auf Nummer uncool, denn Reservieren ist nur was für Leute, die auch ihre Laptop-Kameras abkleben und im Bus vorsichtshalber zwei Stationen eher aufstehen.
Halbe Stunde eher: Emmas Onkel öffnet 14 Uhr, und manche gehen eine halbe Stunde eher hin, um schon mal anzusitzen, das ist einfach so verankert in der DDR-DNA. Dafür hat man dann aber auch freie Platzwahl, seine Ruhe und die volle Auswahl an ofenfrischen Traum-Torten.
Besetzen: Malle ist nur einmal im Jahr, Onkel ist mehrmals in der Woche. Deshalb gibt es Leute, die gute Tische besetzt halten wie Liegestühle am Hotelpool, mit Jacken und Gepäckstücken oder Handtüchern. Alternativ kann man die Plätze auch von Freunden besetzen lassen, während man selbst noch das Fixie am Chemnitztalradweg ausfährt. In beiden Fällen aber zieht man den Zorn der anderen auf sich.
Mal was riskieren: Wer sich seine Chemnitzstreetcred trotz Kassi-Altbau-Wohnung bewahrt hat, geht einfach so hin. Wenn es voll ist, muss man eben auf der Mauer abhängen wie Senioren im Wartezimmer vom Internisten — das gibt zusätzliche Coolnes-Punkte. Gewöhnlich wird nach zehn Minuten ein Tisch frei und man kann die Wartemauer verlassen. Rasches Handeln ist gefragt, denn Tische sind nie länger als drei Minuten unbesetzt. Es ist übrigens keine Schande, wenn ihr euch wie Aasgeier auf frei werdende Plätze stürzt, sondern nur ein angeborener Lebenserhaltungstrieb.
Obendrüber/Gegenüber einziehen: Den besten Platz haben die Leute, die sich rechtzeitig die frisch sanierten Wohnungen und Balkone direkt überm Cafè oder gegenüber davon sichern konnten. Sie sehen immer, was dort geht, ohne sich selbst zeigen zu müssen.

Gesprächsthemen: Die anstehende Tadschikistan-Reise, wie gut Yoga für alles ist, warum hier auf einmal so viele Hipster sind, wie lecker das vegane Schoko-Eis und wie wichtig Selbstliebe ist, Fahrräder im Allgemeinen, ob und womit sich eine Bewerbung bei KRACH lohnt, dass sich die fünf Stunden Wagner-Inszenierung wirklich nur wie drei anfühlen, wer vom Influencer-Tisch die meisten Insta-Follower hat, dass man jetzt auch nur noch eine 25-Stunden Woche arbeitet, wer wohl gerade vorm Lokomov sitzt, wo sich der Rückbildungskurs lohnt, welches Krabbelgruppenkind so richtig nervt, ironische Bemerkung über den CFC.

„Ich hätte gerne einen Latte Macchiatto ohne Sojamilch“

Dresscode: Gemeinhin gilt: Ohne Kind geht nichts auf dem Kaßberg. Wer keines hat oder will, hält sich einen kleinen Hund, eine Französische Bulldogge vielleicht. Wer auch das nicht hat oder will, trägt Culottes wie die Leute vor drei Jahren schon in Berlin, hochgezogene Tennissocken in Turnschuhen, Sonnenbrille, zersauste Buns und alles, was „undone“ aussieht, aber drei Stunden Stylingaufwand bedarf. Da das aber immer noch Chemnitz ist (zum Glück, möchte man meinen), ist es auch okay, wenn man mit Rollator kommt.

Sehen: Es bedarf enormer Selbstbeherrschung und asketischer Impulskontrolle, am Onkel vorbeizulaufen, ohne zu gucken, wer drin oder davor sitzt. Kurz: es ist unmöglich. Dabei kann es vorkommen, dass man beim Glotzen über den unebenen Bordstein stolpert, der genau am besten Aussichtspunkt aus dem Fußweg ragt, und das ist dann peinlich. Andererseits: Ist der Ruf erst ruiniert, guckt’s sich völlig ungeniert. Aber auch als Cafè-Gast sitzt man eigentlich nur da, um zu gucken, was auf der Weststraße passiert und wer gerade zum Einkaufen rüber indn Edeka macht. Während man so tut, als würde man mit dem Gegenüber ein tiefgreifendes Gespräch führen, legt man im Kopf Listen an:
Leute, die man kennt und grüßt: IIIIIIIIIIIIII
Leute, die man kennt, aber nicht grüßt (nichts persönliches): IIIII
Leute, die man nicht kennt, aber ausversehen grüßt (Brille vergessen): II
Wem immer noch langweilig ist, der kann sich eines der Stadtmagazine nehmen und gucken, ob jemand, der da drin vorgestellt wird, draußen gerade zufällig im Real Life vorbeiläuft (Abbildung ähnlich).

WLAN-Anschluss oder Heizpilzkabel?

Gesehen werden: An der Franz-Mehring-West-Ulmenstraßen-Kreuzung kann der Kaßberger schöner schaulaufen als Aljona Savchenko. Dabei haben wir voll meta verschiedene Inszenierungsstile beobachtet. In schummrigen Eckkneipen gibt es einen Stammtisch, hier  gibt es einen Influcencer-Tisch, an dem sich die Instagram- und Fahrrad-Szene auf ’ne Fixie-Limo trifft. Am Konkurrenztisch sitzen die Blogger, die, um als solche erkannt zu werden, ihre Spiegelreflex prominent auf dem Tisch platzieren und auffällig Sachen irgendwo hin schreiben, natürlich nur so alibi-mäßig. Pärchen erleben hier entweder gerade öffentlich ihren zehnten Frühling, tragen Partnerfrisuren oder reden kaum miteinander, weil sie am Smartphone verzweifelt nach dem WLAN-Netzwerk oder einem besseren Match auf Tinder suchen. Trotz beabsichtigter WLAN-Losigkeit kann es vorkommen, dass sich ein einsamer Freelancer hier her verirrt, der dann bei prallem Sonnenschein mit MacBook drinnen sitzen muss, weil das Retina-Display zu sehr spiegelt. Draußen trösten Helenenhof-Muttis ihre weinenden Kinder mit Eis und sich selbst mit Schuss im Cafè Con SojaLeche, an ihren Tischen ist es immer etwas lauter. Manche setzen sich ganz allein hin, um Zeitung, ein Buch oder Push-Nachrichten zu lesen, aber das ist nur was für Fortgeschrittene und Leute mit Wurzeln in Paris oder Wien. 

Nicht gesehen werden: Manchmal hat man schlechte Laune, Heulschnupfen oder fettige Haare, und will  einfach niemanden sehen. Doch am Kaßberg kann man neuerdings nicht mal mehr ungestört Klopapier im Edeka kaufen, ohne angesagten Influencern zu begegnen, wobei man sich dort ja notfalls noch in der Bio-Abteilung verstecken kann. Auf der Weststraße aber ist man dem Sozialkontakt gnadenlos ausgeliefert. Da hilft nur der Umweg über die Horst-Menzel- oder die Hoffman-Straße, oder noch großräumiger über Schönau. Geheimtipp: An der Barbarossastraße in den Bus (62/72 // Nicht: 82) steigen und für nur 2,20 Euro eine Station zur Ulmenstraße fahren, das funktioniert in beide Richtungen. Natürlich nimmt man den Fensterplatz — vielleicht entdeckt man im Vorbeifahren ja doch noch jemanden vorm Café, für den man nochmal zurücklaufen würde. 

Die Chemnitzer Influencer-Basisausstattung. Nicht im Bild: Schnaps.

Alternativen: Gleich gegenüber ist die „Haamit“ mit ihrem schattigen Freisitz für Leute mit Sonnen- und Menschenallergie, wo man sich alternativ zum intellektuellen Weintrinken treffen, dabei aber trotzdem die Terrasse vom Onkel im Blick behalten kann. Außerdem kann man zum Onkel Franz gehen – heißt fast genauso, fühlt sich aber anders an – und dort ein Schweineschnitzel und als Vorspeise ein Ragout Fäng essen, um ein Statement gegen Hipster im Allgemeinen zu setzen. Auch der Bäcker im Edeka bietet Sitzgelegenheiten am Fenster mit Blick auf Parkplatz und Pfandflaschenrückgabe und hohem Sozialkontaktfaktor. Manche erwägen auch, einfach auf den Brühl zu ziehen, aber der ist in Wahrheit noch viel bürgerlicher als der Kaßberg. Vielleicht ist die einzige legitime Lösung, dass im ganzen Stadtgebiet bald noch zwanzig andere gute Cafés und fünf Spätis aufmachen, und vor allen sitzen dann Menschen.
Chemnitz ist jetzt endlich bereit dafür.

2 Gedanken zu „Draußen vor Emmas Onkel: Eine Anleitung zum szenischen Sitzen.

  1. Immer wieder herllich!!!11!!1
    Ich bin zwar nicht der Freund von längeren texten aber eure lese ich immer mit Vergnügen 😀
    Grüße aus Hypzig

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