Die Post der Moderne: Was im Juli in Chemnitz geschah.

Früher war mehr Loch: Mehr Sommerloch, mehr Conti-Loch, mehr Schlagloch. Na gut, vielleicht war früher ein bisschen weniger Arschloch, aber das sind ja angeblich immer nur gefühlte Wahrheiten. Und weil heute viel mehr Arschloch ist, also gefühlt, gibt es auch kein Sommerloch mehr. Stattdessen überall menschlich vollkommen verkorkste Debatten: Darüber, ob Özil nun ein aufrichtiger Deutscher ist oder ernsthaft auch darüber, ob man ertrinkende Menschen aus dem Meer rettenden sollte, viel zu wenig aber darüber, was eigentlich mit dieser verdammten Gesellschaft gerade nicht stimmt. Wer das alles nicht mehr erträgt, weil das alles kaum noch zu ertragen ist, der kann nach Chemnitz gucken.
In Chemnitz ist alles wie immer, denn das Einzige, das hier debattiert wird, ist die Frage, ob Chemnitz jetzt fast wie eine richtige Stadt oder doch nur ein bedeutungsloser Furz zwischen Gera und Görlitz ist. Deshalb haben wir ein neues Sommerloch für euch ausgehoben: Die Post der Moderne im Juli. 


Der Slogan des Monats:
In Chemnitz Mitte schlägt der Puls der Zeit, das war schon immer so. Deshalb haben die feinen Chemnitzer Trendspürnasen jetzt den neusten Grammatik-Hype gewittert, nämlich den angesagten WUTbürgerLICHen CAPLOCK, und ihn direkt in den Slogan für die Kulturhauptstadtbewerbung integriert: „aufBRÜCHE“, huch, sorry, kurz mausgerutscht, — wir meinen natürlich „AUFbrüche“. Damit das jetzt nicht gar zu progressiv wird, hat man auf das altbewährte Sicherheitskonzept der Beliebigkeit gesetzt und noch ein paar Random-Floskeln dazu gelost, für mehr Individualität und Internationalität. AUFbrüche. Opening Minds. Creating Spaces, heißt das Ganze jetzt also. Ein Slogan, der aussieht wie eine Mischung aus einem dümmlichen Facebook-Kommentar inklusive Autokorrektur-Versagen und einer stylischen Koks- und kurze Sätze-Orgie des zuständigen Werbetexters (wenn es denn einen gäbe), und der so viel aussagt wie ein dauerglückliches Grapefruit-Gedicht von Julia Engelmann. Anfang Juli wurde der Slogan feierlich präsentiert, und als die Stadt damit fertig war, da sah man sie fragend an: Ist das alles? Ist das alles? IsT DaS ALLes?
Ja, das ist alles.
Seit diesem schwarzen Tag im Juli, der eigentlich ein sonniger war, denn es gibt ja kein schlechtes Wetter mehr, herrschen in der Chemnitzer Szene-Bevölkerung Unverständnis, Unmut und Bestürzen darüber, wie viel Potenzial an dieser Stelle wieder mal verschenkt wurde, welche Alternativen die besseren gewesen wären (ganz klar: unsere), warum keine professionellen Agenturen beauftragt und keine Bürger bzw. Kulturelle befragt wurden, aber das ist alles viel zu spät. Der Slogan steht. Also nicht mehr traurig sein, denn wenn ihr fest daran glaubt, werdet ihr trotzdem glücklich, und morgen gibt es Grapefruit zum Frühstück, ein neuer Tag, ein neuer Aufbruch, ein neuer inhaltsleerer Kalenderspruch. Außerdem schwimmt wohl doch noch ein partizipatives Körnchen Hoffnung im Chia-Müsli: Jetzt, wo sich die Stadt ein Motto gewürfelt und ein Narrativ — übrigens das Jugendwort des Jahres in der Projektpitch-Szene — ausgedacht hat, weiß sie anscheinend auch nicht mehr weiter. Und plötzlich sind wir gefragt, wir alle als Chemnitzer Creative Crew, denn man kann sich ein Kommunikationskonzept für das Ganze ausdenken, mit allem Drum und Dran und Hin und Her, man kann pitchen wie ein angesagter Autotune-Produzent. Erste Ideen und Entwürfe könnt ihr bis 24.08 als Kurzkonzept an die Stadt schicken oder gleich an party-pop-poesie@remarx.eu — da sind sie vermutlich  besser aufgehoben. 

Die Verhaftung des Monats:
Neulich wurde ein Chemnitzer vom eigenen Auto überrollt, was einerseits sehr tragisch, andererseits bestimmt auch der Traumtod vieler Chemnitzer ist, ein bisschen so wie beim Segway-Erfinder, der mit seinem Segway verunglückte. In einer Stadt, in der wegen eines winzigen Lackschadens die Polizei informiert und selbst der Weg vom Tesla ins Lokomov mit dem Auto zurückgelegt wird, sind Autos ungefähr so heilig wie Kühe in Indien und Hakenkreuze auf dem Sonnenberg. Und genau diese heiligen Autos waren in Gefahr, jahrelang, von keinem beschützt, nicht mal von der Polizei, die ein Fahndungsfoto zurückhielt, aus Persönlichkeitsrechten angeblich, aber was ist mit unseren Autos, die haben auch Rechte, vor allem haben sie Gefühle. Gesucht wurde der Reifenstecher, auch Stechi genannt, der Michael Kohlhaas der Parkwächter, der nachts im Regen unschuldige Reifen aufschlitzte wie der böse Wolf schlafende Lämmer. Ein Selbstjustiziar, der sich an vermeintlichen Falschparkern rächte, woraufhin die vermeintlichen Falschparker und Stechi-Opfer wiederum selbstjustizmäßige Mahnwachen vor ihren Autoreifen abhielten, Chico-Style. Über 500 grausam gekillte Reifen und zwei schlaflose Jahre später hat ihn die Polizei vergangene Woche endlich gefasst, natürlich auf frischer Tat, natürlich nur dank der überragenden Polizeiarbeit einer Überwachungskamera.
Was ist das für ein Mensch, fragen wir uns, der allein durch die Chemnitzer Nacht schleicht und falschparkende Autos aufspürt wie ein Drogenspürhund kolumbianisches Kokain? Hat er eine steile Amtskarriere nur knapp verpasst oder langweilt er sich als Mitarbeiter im Ordnungsamt? Ist er Einzelgänger oder Familienvater, fährt er einen praktischen Kombi oder einen narzisstischen SUV, wählt er AfD oder doch die Grünen? Wir hoffen auf irgendwas mit Doppelleben, auf filmreifen Stoff — wir sehen schon einen fünfteiligen Krimi im Ersten mit Jan Josef Liefers und Simone Thomalla als Polizei Chemnitz und Jürgen Vogel als Autoschänder mit schwerer Beamtenvergangenheit: Angst und Stechen in Karl-Marx-Stadt, so wird das dann heißen. 

Fans des Monats:
Fußball-Fans machen die verrücktesten Sachen: Manche fahren zu jedem Auswärtsspiel, und sei es auf Bora Bora, andere lassen sich das Vereins-Wappen großflächig irgendwohin tätowieren, es gibt Leute, die schlafen in Mönchengladbach-Bettwäsche, zünden Bengalos, bekommen Herzinfarkte im Stadion oder Kinder im CFC-Kreissaal — und es gibt Leute, die schmieren Nazikram an kurdische Bäckereien. So geschehen im Januar in Chemnitz, ein Fall, der durch die nationale Medienlandschaft schwappte, weil es so schien, als wäre die Polizei am Tatgeschehen vorbeigefahren, ohne einzugreifen. Jetzt stehen die drei Täter vor Gericht und behaupten so lustige Sachen wie „sie würden rechte Meinungen vertreten, seien aber keine Nazis“ oder „nicht zu wissen, was die SS gewesen ist“, oder dass „NS jetzt“ doch nur eine typische Fußballparole sei. Genau! „NS jetzt“, das ist gar nichts rechts, das ist einfach nur typisch Fußball, das heißt was ganz anderes, dieses NS. Ähm: Nach-Schusschance zum Beispiel oder Nutmeg-Skills oder Nuri Sahin oder Neymar da Silva Santos oder ganz einfach Nachspielzeit, die hätte der CFC vergangene Saison nämlich dringend nötig gehabt. Besorgte Fans eben.

MRB des Monats:
Auch der Juli darf nicht ohne unsere Lieblingsrubrik enden: Letzten Monat machte die MRB fast schon Positiv-Schlagzeilen, falls das geht. Zum einen hat man sich gemeinsam mit dem VMS eine Direktverbindung nach Berlin ausgedacht, die es ab Juni 2019 geben könnte, Betonung auf dem Konjunktiv. Und zwar über Elsterwerda, das liegt im Großraum Berlin und da fährt schon seit Jahren ein Zug hin, sowohl von C als auch von B aus. Jetzt kam man auf die glorreiche Idee, beide miteinander zu verbinden sowie einst die Vogtlandbahn – aber nur vielleicht und auch nur dreimal am Tag. Dafür braucht man dann bestimmt zehn Stunden, aber immerhin besser als nichts.
Zum anderen hat man beschlossen, dass auf der beliebten Eisenbahnfreak-Pilgerstrecke Chemnitz-Leipzig ab Anfang 2019 neue Züge eingesetzt werden, wobei „neu“ natürlich relativ ist und in erster Linie bedeutet, dass die Züge nicht mehr aus dem Jahr 1899 sind. Sondern hochmoderne Doppelstock- und Reisezugwagen von 1992, die früher als Nachtzüge durch Europa fuhren, also schon mal Fernverkehrsluft geschnuppert und die weite Welt gesehen haben – im Gegensatz zu den meisten Chemnitzern, die es wegen Mangel an Fernverkehr ja selten über Sachsens Grenzen hinaus schaffen. Als andere Alternative für die altersschwachen Reichsbahnen wurden übrigens ausrangierte ICEs vorgeschlagen. Kein Witz! Stellt euch mal vor, wie grandios das wäre – und wie zynisch auch: Eine kommende Kulturhauptstadt ohne ICE-Anbindung, in der aber stündlich ein arbeitsloser ICE als Regionalbahn mit fünfzehn kmh nach Leipzig rattert. Genial.

Was sonst noch geschah:
Die CVAG will ihre Busse mit W-Lan ausstatten, hat selbst aber immer noch keine App für Abfahrtszeiten, sondern postet ihre Verkehrsausfälle auf Facebook, die dann mit der algorithmischen Verspätung von 24 Stunden aber auch nur vielleicht beim Fahrgast ankommen. Die CVAG owned das Neuland immer noch like a Bus!
Die Freie Presse wiederum hat am Ende doch noch ein kleines Sommerloch neben einer Baustelle entdeckt und es mit einer doppelmoralischen Debatte über das anstehende SXTN-Kopp-Konzert gestopft, die vermutlich niemand führen würde, wenn da Snoop Dog oder ein irgendein anderer männlicher Rapper stehen würde.
Die Kleingartenanlagen in Schönau und die pulsierende Kneipenmeile auf der Weststraße sind wieder sichere Herkunftsorte und gehören laut sächsischen Innenministerium nicht mehr zu den „verrufenen Orten“, die Chemnitzer Innenstadt hingegen bleibt ein flächenübergreifendes Gefahrengebiet – hier gibt’s alle weiteren Infos sowie eine interaktive Karte zum aktuellen Stand der „Verrufenen Orte“.

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