Die Post der Moderne: Was im November in Chemnitz geschah.

Es wird kalt in Deutschland. Es wird gemütlich in Chemnitz. Es wird Weihnachten auf der Welt, und alle schlimmen Dinge pausieren im Sinne des scheinheiligen Weihnachtsfriedens. Selbst Pro Chemnitz geht in die Winterpause, die hoffentlich bis zum nächsten Asteroiden-Einschlag dauert. Weil bei den harten Temperaturen die Reichsfahnen einfrieren und natürlich aus Rücksicht vor dem Weihnachtsmarkt und seinen glühweinseligen Besuchern sowie dem Weihnachtsgeschäft, wolle man erstmal pausieren, erklärte Kohlmann. Das finden wir wirklich großzügig. Konsumtradition und traditionelle Trunkenheit müssen schließlich beschützt werden, mehr noch als demokratische Grundwerte und dieses vollkommen überbewertete gesellschaftliche Miteinander, von dem  immer alle reden. Und während sich ganz Twitter gerade wegen „Soko Chemnitz“ an der Zenti für politische Schönheit prügelt, wird es Zeit für unseren meditativen Monatsrückblick: Die Post der Moderne für November.

Die Bombendrohungen des Monats:
Wenn man als Chemnitzer früher unzufrieden mit etwas war, hat man einfach eine Lärmbeschwerde eingereicht: Gegen das Weltecho, gegen Ampelsignale, gegen das brutale Dröhnen der Bobby-Cars in den Kindergärten, gegen Jugend, gegen das generelle Sodom und Gomorra des Stadtlebens. Doch in Zeiten der zunehmenden Empörung ist die einfache Lärmbeschwerde zu leise geworden. Sie geht meist ungehört im Tumult der alltäglichen Aufregung unter, ist selbst der Freie Presse nicht mal mehr eine Meldung neben dem wöchentlichen Baustellenbericht wert, wirkt so altmodisch wie die Neunzigerjahre-Einrichtung in der alten Lieblingseisdiele. Und so kommt es, dass sich in Chemnitz gerade eine völlig neue, wesentlich illegalere Ausdrucksform etabliert: Die Bombendrohung.
Die Bombendrohung passt perfekt zum neuen wutblinden Umgangston unserer Gesellschaft, sie ist eine Art radikalisierte, blutleere Beschwerde, die Eingabe der Neuzeit, der analoge Trollkommentar: Man kann sie per Telefon, Einschreiben, Post-It oder Fax einreichen, moderne Telefonzellen, wie man sie beispielsweise am Ende des Brühls findet, verfügen sogar über einen SMS-Service. Man kann sie betrunken in den Hörer lallen oder wütend ins Telefon brüllen, Rechtschreibfehler sind so egal wie auf Twitter, man muss nur irgendwie versuchen, dabei anonym zu bleiben. Wobei das eigentlich auch egal ist, denn die richtig guten Bombendrohungen sind die, bei denen der Möchtegern-Gefährder versehentlich seinen Namen als erstes in die Hörmuschel nuschelt. Nirgendwo wird die Bombendrohung derzeit besser aufgeführt als in Chemnitz. Deshalb hier eine kleine chronologische Kostprobe:

November/Oktober 2018: Sechs Bombendrohungen gegen das Jugendamt, weil eine Frau wohl nicht so richtig zufrieden mit dessen Arbeit war.
August 2018: Bombendrohung gegen das Weinfest, ganz Chemnitz freut sich. Aber nur innerlich.
Juli 2018: betrunkene Bombendrohung gegen Galeria Kaufhof, der Bedroher meldete sich mit Namen am Telefon.
Dezember 2017: Bombendrohung gegen die Innenstadt. Punkt.
Frühjahr 2017: Mehrere Bombendrohungen gegen das Finanzamt
Februar 2017: Bombendrohung gegen den McDonalds mit anschließender Zenti-Evakuierung
April 2017: Bombendrohung im Marktkauf im Chemnitz Center, eingereicht als Brief, der beiläufig in einem Warenregal platziert wurde.
Dezember 2016: Eine Bombendrohung gegen die Sachsen Allee wird per Fax eingereicht.

Und dann wäre da noch die vielleicht dümmste aller Chemnitzer Bombendrohungen: Die gegen das Konzert von Feine Sahne Fischfilet im AJZ, Mitte November. Die bewegte sich nicht nur an der Grenze der Lächerlichkeit, sie war außerdem völlig zwecklos: Das Konzert fand trotzdem statt, und gemeinsam auf der Straße frieren schweißt noch viel mehr zusammen. Angstmache ist die neue Volksverführung, und Bombendrohungen sind Angstmache für Arme.
Warum ausgerechnet in Chemnitz das Minusgeschäft mit den Bombendrohungen derart floriert, ist uns unklar. Vielleicht ist es eine perverse Lust am Ausnahmezustand: “Es fährt nichts, wir ham’ heut Bombendrohung” sagte neulich eine VMS-Mitarbeiterin mit leichtem Stolz in der Stimme zu uns, als wäre endlich mal was los in der Stadt. Oder es ist genau anders herum: Bei Bombendrohung ist nämlich gar nichts los in der Innenstadt, denn die ist ja evakuiert, und dann fühlt sich der Chemnitzer am wohlsten.
Vielleicht ist man in Chemnitz aber auch einfach nur faul und feige wenn es um wütenden Widerstand gegen die üblichen empörenden Kleinigkeiten geht:
Das Finanzamt fordert 5000 Euro Steuernachzahlung? Bombendrohung.
Der Nachbar schnappt den letzten Kaßbergparkplatz weg? Bombendrohung
Keine Lust auf Arbeit? Bombendrohung.
Die Liebste hat leider Spätschicht im Mäcces? Bombendrohung.
Der CFC verliert einfach nicht mehr wie gewohnt? Bombendrohung.
Differenzierte Konsumkritik an der Sachsenallee? Bombendrohung via Fax.
Wild cornernde Jugendliche hören laute Trap-Tunes an Bushaltestelle? Bombendrohung auf Insta.
Gelangweilt, frustriert oder einfach nur besoffen? Bombendrohung.
Pro Chemnitz nervt am Nischel?  Baustelle!

Die Baustelle des Monats:
In anderen Städten ist der Freitag casual friday oder Framstag oder friyay oder irgendein anderer happy Hash-Tag, in Chemnitz ist der Freitag seit September überflüssig, denn da ist Nazitag, und zwar noch mindestens bis zum Sommer 2019, dann ist sowieso Landtagswahl.
Und während alle diskutieren, welche Art von Protest oder Diskurs nun die wirksamste ist, hat die Stadt Chemnitz einfach still und heimlich über Nacht den Begriff “Protest” neu definiert: Eine Aktion, so einfach, brachial, brutal, so stellvertretend für das Chemnitzer Lebensgefühl, da kann selbst das Zentrum für politische Schönheit noch von lernen. EINE BAUSTELLE. An der Brückenstraße, vorm Nischel, der Platz sei mehrere Wochen nicht begehbar hieß es. Brillant. Chemnitz gräbt endlich seine festgefahrenen Strukturen um, mit Baggern und Bohrern und Bauarbeitern. Warum nicht einfach alle Probleme mit einer Baustelle lösen, fragen wir uns da? Die Sache mit den gestutzten Hecken hat doch auch ganz prima funktioniert. Warum also nicht die Zenti noch mal umgraben, den Stadthallenpark betonieren, den CFC weggreißen, den Bahnhof sprengen? Letzte Woche wurde vermeldet, dass die Baustelle nun leider länger daure als die ursprünglich geplanten zwei Wochen. Ein eigenes Großbauprojekt, endlich: Möge der Nischel zum Chemnitzer BER, zur Elbphilharmonie des Ostens und nie fertig werden.

Der Baum des Monats: Der Chemnitzer Weihnachtsbaum ist meistens eine fremdländische Fichte aus dem Vogtland, eher ein südländischer Typ mit starkem Akzent, der den ganzen Tag lang sowieso nur faul in der Innenstadt rumlungert, sich aber trotzdem eine fette Lichterkette leisten kann, viel fetter als die Lichterketten in unseren Fenstern.
Jedenfalls ist der Baum kein Chemnitzer, sondern ein Fremder und das kann schon mal problematisch werden, weshalb der Baum stets unter Polizeischutz angeliefert werden muss. Aber weil Weihnachten das Fest der Liebe ist, sogar in Chemnitz, hat man hier zur feierlichen Baum-Anlieferung eine Willkommenskultur erlebt, wie man sie sonst nur vom Münchener Hauptbahnhof 2015 kennt. Ein episches Ereignis: Der 28,5 Meter hohe, 55 Jahre alte Baum, der vermutlich durch Kettensägenmigration sterben musste, wird durch die Stadt geschleift wie ein gestrandeter Wal, Leute filmen, laufen hinterher, jubeln, bekommen Gänsehäute und später dieses penetrant laute Glühweinlachen, das Mittevierziger-Menschengrüppchen mit blinkenden Weihnachtsmützen immer ganz besonders pflegen.
Die feierliche Anlieferung des Chemnitzer Weihnachtsbaumes ist ein Event, das mehr Menschen auf die Straße bringt als alle Gegen Rechts- und Pro Chemnitz-Demos zusammen: Es gibt Glühwein, es gibt einen Anheizer wie sonst nur beim CFC, es gibt Après-Ski-Musik von den Randfichten, es gibt eine Afterhsow mit einem einsamen Alleinunterhalter und es gibt Kran Walther – die lokale Kran-Legende, der Käse Maik der Chemnitzer Kranszene. Kran Walther jedenfalls lässt den Baum mit spielerischer Leichtigkeit über den Neumarkt schweben als wäre er Siegfried und der Baum Roy. Einen magischen Augenblick später steht der Baum und uns das Wasser in den Augen, weil er so majestätisch ist und weil es Applaus gibt für Fremde in der Chemnitzer Innenstadt.

Was sonst noch geschah:
In Gablenz formiert sich bürgerlicher Widerstand; der kleine Mann gegen die großen Ungerechtigkeiten des Lebens. In Gablenz soll nämlich eine Schule umgebaut werden – und 600 unschuldige Garagen zum Opfer fallen, und wenn’s ums Auto geht, hört der Spaß in Chemnitz bekanntermaßen auf. Außerdem: Wer braucht schon Bildung, wenn er Auto fahren kann?
Angela Merkel war endlich zu Besuch, und das war weniger Bluthochdruck, als befürchtet. Unser geliebter So-Geht-Swagsisch-Minister war derweil für eine neue Folge „Undercoverboss“ inkognito in der Chemnitzer Innenstadt unterwegs, um sich einen Eindruck vom ganz normalen Chemnitzer Roster-Alltag zu machen, und zu gucken, ob unsere Bratwürste überhaupt noch sicher sind. Sein Urteil: „Fröhliches Chemnitz. Kurze Mittagspause mit netten Menschen am besten Bratwurststand von #Chemnitz #Zentralhaltestelle“
Chemnitz in a nutshell.

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