Gib mir mein Herz zurück: Ein Wochenende auf dem Kosmonaut (Chemnitz Fanfiction)

Eigentlich wollte sie einfach nur noch raus. Raus aus dieser Stadt, die sie schon so lange zu kennen, so lange zu hassen glaubte. Doch dann erhält die wicked Wutbloggerin Rema den Auftrag, auf dem Kosmonaut-Festival über eine Band zu berichten. Aus dem Bericht wird nichts, aber nichts wird nach diesem Wochenende mehr sein, wie es mal war. Denn da war er plötzlich: Dieser eine Moment, in dem sich für die superjunge Journalistin alles verändert.

Disclaimer: Das ist unsere allererste Chemnitz-Fanfiction, wir hoffen, sie gefällt euch und würden uns sehr über Feedback, Verbesserungsvorschläge und ähnliches freuen. Alle Personen dieser Geschichte sind absolut frei erfunden, außer natürlich die Stadt Chemnitz.

Prolog: Die Straßen menschenleer und das Essen ohne Farbstoff
Ich laufe durch die Straßen, die Sonne versinkt gerade hinter den hässlichen Häusern. Es ist Mitte Mai, leiser Nieselregen fällt laut auf den Asphalt. Das Grau tropft von den Fassaden, die Freude ist längst aus den Gesichtern der Menschen hier geblättert, dahinter liegt sie brach, die plumpe Wut. Aus der Stadt dringt ein fernes Grölen, irgendwo wummern gnadenlose Tekk-Bässe, der Verkehr rauscht unaufhörlich, aber die Fußwege sind wie von Miko Runkel persönlich leer gefegt. Eine zahnlose Familie in Frakturschrift-Pullovern rast auf tiefergelegten Fatbikes an mir vorbei. Ich laufe schneller. Ich muss noch einen Beitrag für den Blog schreiben, für den ich arbeite. Über die Stadt. in der ich mittlerweile schon viel zu lange lebe. Die ich schon so lange kenne, an der ich schon lange verzweifle, und trotzdem bin ich noch hier. Ich will darüber schreiben, wie schwierig das hier alles ist, wieder mal. Will alles hassen. Will mich fies auslassen. Will einfach nur noch wegziehen. Würde viel lieber in einer schönen, in einer richtigen Stadt leben. Mit Spätis statt Nazis, mit Fashion statt Fressen. Mein Telefon klingelt, es ist Oliver, mein Blogger-Kollege. „Hi Chefin“, sagt er, „Ich hab eine Anfrage bekommen, ob wir was über’s Kosmonaut machen wollen? Ein Feature über BLOND. 48 Stunden unterwegs mit der Band. Klingt doch lustig. Also ja oder ja?“ „Pffff, ich weiß nicht. Auf dem Kosmonaut ist es immer so nett, und wir sind doch eigentlich ein Basher-Blog!“, sage ich zögerlich. „Na dann bashen wir eben die Klos oder so. Los!“ Olivers Dauer-Gute-Laune geht mir auf die Nerven, aber ich gebe mir einen Ruck: „Okay, okay, dann machen wir das eben“ .„Super, ich besorge uns Akkreditierungen“.
Verdammt, was habe ich mir da wieder eingebloggt, denke ich, nachdem Oliver aufgelegt hat und stampfe einsam durch die wütende Chemnitzer Nacht. Wenn das Kosmonaut ist, wollte ich doch schon längst weggezogen sein, wollte in Münchner Biergärten sitzen und tonnenweise Weißwürste zutschen, wollte das Feuilleton der Süddeutschen leiten, was man halt so will, wenn man nach zwölf Jahren immer noch in Chemnitz hängt. Zwei Monate noch. Zwei Monate noch. Ich sage es wie ein Mantra vor mich hin. Zwei Monate noch. Nur. Noch. Zwei. Verdammte. Monate.

1. Kapitel: Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau. Du liebst dich ohne Schminke,bist ne ehrliche Haut, leider total verbaut, aber genau das macht dich aus
Zwei Monate später. Die Sonne taucht die Parteifalte in sanftes Sommerlicht, die graue Fassade funkelt, als hätte jemand heimlich Glitzer drüber rieseln lassen. Ich laufe durch die Straßen, aber dieses Mal bin ich nicht allein. Überall sind Menschen, in der Stadt verstreut wie buntes Konfetti. Sie stehen Schlange vorm Supermarkt, sie tanzen in stickigen Zelten und vor dem Döner-Laden, sie sitzen auf der Brückenstraße und schwenken Europa-Fahnen. Überall ist Musik, sind Diskussionen, Vorträge und Langos natürlich, ein Snack, der vor vielen Jahren exklusiv für Chemnitzer Stadtfeste erfunden wurde. In Chemnitz ist heute aber nicht Stadtfest, sondern das Kosmos, eine Art neues Stadtfest, nur in cool und mit angenehmeren Diskussionsrunden als den üblichen besoffenen Prügeleien am Braustolz-Stand. Ich bin mit Freunden verabredet, wir wollen unbedingt zu Omar Souleyman. Ich trage einen modischen Midi-Rock und dazu ein schwarzes Shirt und Turnschuhe, meine arschlangen Haare habe ich betont lässig hochgebunden. Heute kann man in Chemnitz endlich mal unbehelligt cool aussehen, heute sind die CFC-Schals in der Unterzahl und die Frakturschrift-Pullover zur Söhne Mannheims-Show auf dem Sachsenring. Die Stadt sieht einfach nur umwerfend gut aus, wie ich mir zähneknirschend eingestehen muss. Als wir den Boiler Room Spot erreichen, hat Omar Souleyman schon angefangen. Das ganze Zelt tanzt, viele Geflüchtete sind da, überall haben sich interkulturelle Tanzkreise gebildet, die Menschen werfen die Arme in die Luft, jubeln, sehen glücklich aus. Mir läuft ein eiskalter Schauer den Rücken herunter, meine Augen werden feucht. Für einen Moment vergesse ich alles um mich herum, es gibt nur noch mich und diese Stadt. Ich zucke panisch zusammen: War das gerade eine Gänsehaut des Glücks, sind das Tränen der Rührung, woher kommt das positive, warme Gefühl in meinem Brustkorb? Herbert hat Flugzeuge, ich habe scheinbar MRB-Züge im Bauch. Mir wird schwindelig. Ich stürme aus dem Zelt und lasse mich auf den vertrockneten gelben Rasen fallen, der so tot ist wie die Stadt nach Acht. So hätte ich das vor paar Wochen noch gesagt. Doch plötzlich ist da dieses neue Gefühl. Dieses zaghafte Kribbeln in den Knien. Das Gefühl macht mir Angst. Mich durchfährt ein Schauer: Habe ich mich etwa in die Stadt ….
verliebt? 

2. Kapitel: The Question is what is the question?
Der nächste Tag. Mein iPhone Ys vibriert stürmisch: Es ist Björn, ein anderer Kollege vom Blog. Es gibt Probleme mit der Akkreditierung sagt er. Ich tue kurz empört, atme innerlich aber erleichtert auf, sehe mich schon das ganze Wochenende im Bett liegen und Chemnitz-Frust schieben, so wie es sein sollte. Doch alles beim Alten, denke ich beruhigt, werfe mich auf mein Sofa und hämmere erste grimmige Worte in meinen Laptop. Mein Handy summt. Wieder Björn. Läuft jetzt, schreibt er. Ich stöhne auf: Kann man nicht mal in Ruhe über die Stadt abhaten, ohne dass wieder irgendwas Schönes dazwischen kommt? Also gut. Dann doch die BLOND-Geschichte. Ich schmeiße mir ein supercooles Space-Sweatshirt über, schlüpfe in meine Lieblings-Sneaker, schnappe meine Kamera und mache mich auf den Weg nach Rabenstein. Kosmonaut. Das ist für Chemnitzer so etwas wie das coole Klassentreffen, das man nie hatte: Keiner stellt hier die lästige Frage „Und, was machst du jetzt so??“, stattdessen freut man sich einfach nur, die anderen zu sehen und geht gemeinsam an die Bar, eins bis zehn Biere trinken. Und statt schlechter Dorf-DJs, die Keimzeit auflegen, kann man sich coole Konzerte angucken.

Ich treffe Thorben und Sven, zwei Bekannte von mir, und wir unterhalten uns über sächsische Verhältnisse, über AfD-Onkels und Alltagsrassisten, über was man in Chemnitz eben zurzeit so redet. Dann reden wir über das Kosmos, darüber, wie schön es war, so viele Menschen in der Stadt zu sehen. „Bis es wieder einen neuen CFC-Skandal gibt“, sagt Thorben zynisch. Wir gucken uns alle an, stumme Panik flackert in unseren Augen: „Die Landtagswahl!“, raunen wir fast zeitgleich mit gedämpften Stimmen. Ich lasse meinen Blick über den See schweifen, der Himmel ist pastellig getupft, die Tannen rauschen sanft, einige Menschen planschen unbesorgt im Wasser, es sieht aus wie ein Gemälde von Bob Ross. „Vielleicht“, seufze ich, „sollten wir das kurze Zeitfenster bis zur Landtagswahl jetzt einfach nur genießen.“ Oh Gott. Habe ich das wirklich gerade gesagt? Genießen? Chemnitz??

Doch ich habe keine Zeit, meinen unkontrollierten Gefühlsausbruch zu bereuen, denn plötzlich tauchen hinter einem Baum Mitglieder der Band auf. Ich springe sofort auf, um ein Foto für unsere Titel-Geschichte „48 Stunden mit BLOND“ zu machen, was witzig gemeint sein soll, weil wir uns nach einem unangenehmen Vorfall mit Björn im Atomino der Band nur noch auf 50 Meter Entfernung nähern dürfen. Zurück am See-Ufer treffe ich Oliver, Björn, Wilma, Thorben und die anderen aus meiner Gang, und gemeinsam machen wir uns auf den Weg zu der Atomino Bühne, wo die sehr gute britische Band shame spielt. „I feel better when you’re not around“ gröle ich, und muss dabei an Chemnitz denken. BLOND sind auch im Publikum und ich schaffe es, unauffällig ein Foto zu machen.  

Nach dem Konzert reden und trinken und trinken und reden wir, aber dieses Mal nicht über den Zustand der Stadt, sondern über den Geheimen Headliner. Es ist Scooter, sagt Gute-Laune-Oliver und guckt plötzlich ernst. Wir lachen. Niemals. Es sind Papa Roach, sagt Cora. Wir singen „This is my Last Resort“. Ich muss an Chemnitz denken. „Nee. Es sind Puddle of Mudd“, ruft Wilma. Wir singen „She fucking hates me. Nananana. I tried too hard and she tore my feelings like I had none“. Ich muss an Chemnitz denken. „Nein, Leute, es sind die Ärzte“, sagt Pina. „Wenn es die Ärzte sind muss ich weinen“. „Oar ja, ich auch“, nicke ich, sehe im Geiste schon vor mir, wie der Vorhang fällt und Farin „Hurra“ ins Mikro schreit, und bete inständig, dass es heute Abend nur einen Gott gibt. Aufgeregt machen wir uns auf den Weg zur Hauptbühne. „Ich liebe diesen magischen Moment kurz bevor der Enttäuschung“, sage ich, und muss schon wieder an Chemnitz denken.

Es sind nicht die Ärzte, denn es sind nie die Ärzte. Es sind auch nicht AnnenMayKantereit, es ist nicht Dendemann, und Papa Roach sind es zur Überraschung aller auch nicht.
Es ist Eminem. Es ist also doch Farin Urlaub. Denn es ist:
Scooter. H.P. shouted „Wickeeeeeed“ und ich muss an Chemnitz denken, schon wieder muss ich an Chemnitz denken. Denn wo zur Hard-Trance-Hölle sind die Nischelhupper? Und würde das Bexstage heute vielleicht noch existieren, wenn es sich damals H.P. Baxxstage genannt hätte? Während ich in tiefgründigen Grübeleien versinke, eskaliert das Publikum in Neunzigerjahre-Nostalgie. Nachdem Scooter rasiert hat wie bisher kein Headliner jemals zuvor, trinken wir 40 Schnäpse an der Teslanauten-Bar und tanzen zu Bloc Party wie früher, bei der Studentendisko.

Von BLOND fehlt jede Spur, deshalb mache ich mich auf den Weg nach Hause. Im Shuttlebus singen die Leute „Halt mal, Halt mal“ statt „Hyper Hyper“ und „Döb döb döb da da döb döb döb döb“ Mir wird warm um’s Herz und gleichzeitig klamm im Knie: Liebe ich diese Stadt, die ich schon so lange kenne, schon so lange zu hassen glaube, in Wirklichkeit, und wollte es die ganze Zeit einfach nicht wahrhaben? Kann ich jetzt Ende des Monats einfach so aus Chemnitz wegziehen? Woher kommt plötzlich dieses diffuse Gefühl? Ich seufze laut auf. Ich weiß es einfach nicht. Der Bus spuckt uns an der Zenti aus. „Montag Seniorentag“, steht auf einem Plakat. „20 Prozent für alle über 60“. Ich schaue genauer hin: Es ist Apotheken-Werbung. 

3. Kapitel: It’s nice to be important, but it’s more important to be nice
Es ist der zweite Tag auf dem Kosmonaut und alle kommunizieren nur noch in Scooter-Zitaten miteinander, singen am Einlass „Döb döb döb da da döb döb döb döb , begrüßen sich mit „Wickeeeeeed!“, High Fiven sich mit „Hyper, Hyper“, wollen sich „God save the rave“ tätowieren lassen, bestellen sich ein Grilled Cheese Sandwich und fragen dabei „How much is the fish?“ „Respect to the man in the ice cream van“, sage ich zu Wilma, als wir am Eisstand vorbei kommen, und gönne mir wie immer fünfzehn Kugeln Schoko.

„Komm schon! Move your Ass“, drängelt Wilma ungeduldig, wir wollen zusammen BLOND gucken, obwohl ich die Reportage längst aufgegeben habe. Vielleicht kann ich später versuchen, ein schönes Foto aus zwei Kilometern Entfernung zu machen, jetzt muss ich aber erstmal „Angels“ von Robbie Williams singen. „Wer jetzt nicht mitsingt, hat Popmusik nicht verstanden“, scherzt Wilma neben mir, und ich fühle mich irgendwie ziemlich Hardcore. „Fuck the Millennium“ brülle ich Wilma zu und zücke meine Taschen-Lampen-App, um sie romantisch zum Robbie-Williams-Cover zu schwenken. Scooter haben schon Recht, denke ich und grinse verträumt in mich hinein: „Get the sound, join the crew, and you feel alright“ – nirgendwo stimmt das mehr als auf dem Kosmonaut. 

Später am Abend treffe ich nochmal Sven, und wir reden wieder über das Kosmos. „It’s the first page of the second chapter“, sagt er. „Naja, aber the chase is better than the catch“, entgegne ich. Dann fragt mich Sven, ob ich das Kosmos auf dem Blog bashen will. „Ach, das Spalten überlasse ich dieses Mal den anderen“, sage ich. „Und außerdem: It’s nice to be important, but it’s more important to be nice! Weiß du, was ich meine?“ Ich halte inne. Was labere ich hier gerade? Ich erkenne mich selbst kaum wieder. Vor drei Tagen wollte ich noch etwas total Chemnitz-Kritisches schreiben, und jetzt lehne ich diese Steilvorlage ab. „Rema, was’ eigentlich los mit dir?? Als Leser eures Blogs erwarte ich das doch von euch. Wenn ich euch lese, will ich doch keine rosaroten Lovestorys aufgetischt bekommen“, schimpft Sven und schaut mich fassungslos an…

Fortsetzung folgt: Ist der Blog nach diesem Wochenende überhaupt noch zu retten? Wird Rema wieder die Alte und zieht doch noch aus Chemnitz weg? Oder kann sie sich ihre Gefühle endlich eingestehen, bleibt in der Stadt und startet einen neuen rosigen Hippie-Blog namens „Re:SpeCT“. Wird sich das Blogger-Team jemals wieder mit BLOND versöhnen? Was genau ist damals im Atomino passiert? Und wie wird es nach der Landtagswahl weitergehen?

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5 Gedanken zu „Gib mir mein Herz zurück: Ein Wochenende auf dem Kosmonaut (Chemnitz Fanfiction)

  1. Bin seit 10 Monaten in Down Under und war die letzen Wochen einfach nur niedergeschlagen das ich nicht in C-Town sein durfte
    Und wegen Kiz und Scooter verliert man hier doch ein Tränchen

    Diese Stadt ist ein Miracle

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