Zwischen Dirndln, Maßkrügen und Hühnern – ein Blick hinter die Kulissen des Chemnitzer Oktoberfestes am Uferstrand

Hamburg hat die Elbe. Berlin die Spree. Köln den Rhein. Und Chemnitz? Nun ja – die Chemnitz eben. Auch wenn der reißende Fluss weniger deutschlandweite Anerkennung erhält, bedeutet das noch lange nicht, dass gewiefte Chemnitzer Szenemenschen versuchen können, alles aus ihm herauszuholen. So mutet der Name „Uferstrand“ im ersten, und eigentlich auch im zweiten und fünfzigsten, Moment in Bezug auf >unsere< Stadt tatsächlich zunächst etwas…weit hergeholt an. Doch er hielt auch im zweiten Jahr das, was er versprach: Sand, Cocktails, und Würste. Um es mal dezent zusammenzufassen. Und auch wenn das Wetter größtenteils nicht besonders mitspielte, so gab es doch zum Abschluss des Uferstrandjahres eine königliche Abschiedsfeier in Form eines ebenfalls chemnitz-untypischen Oktoberfestes. re:marx ließ sich nicht lumpen, und hat still und leise eine Kamera in einem versteckten Winkel der Küche, dem Herz des Gaumenschmauses, installiert, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Schaun wir mal rein, was dort abseits von Maß und halligalli abging:

17.07 Uhr: Ankunft von Assistenzkoch und „Weltmeister des Aufwärmens“ Jochen. Chefkoch Klaus steht bereits seit drei Stunden in der Küche und halbiert Hühner. Glücklicherweise sind diese bereits tot und müssen lediglich warm gemacht werden. Jochen hätte dabei eh nur im Weg gestanden, da er eher der Typ in der Küche ist, der nur das machen kann, was ihm gesagt wird. Klaus wiederum lebt den Scheiß einfach, wie die Jugend heutzutage sagen würde. Jochen erkennt dies nahtlos an und kommt deswegen auch extra ein paar Minuten zu spät.

17.15 Uhr: Jochen ist immer noch nicht so wirklich angekommen. Erst einmal müssen in Ruhe die Servicekräfte in ihren schnieken Dirndls begrüßt werden. Hallo? Es ist Oktoberfest!!! Jochen muss sich kurz sammeln und umgehend wieder dran denken, warum er überhaupt hier ist. … Achja – die Hühner! Klaus verbreitet die ersten kritischen Blicke des Abends an seinen Quasi-Lehrling. Es sollen nicht die Letzten bleiben.

17.19 Uhr: Endlich hängt die Schürze um Jochens Lenden. „Schwarze Dose – und der Tag hat 28 Stunden“. Na wenn das mal nicht pusht! Er beginnt, seinen Bereich vorzubereiten. Dazu gehören die kalten Speisen wie Fettbemme (der Name sagt alles), bayrischer Wurstsalat (Inhalt: Wurst, Wurst, Wurst, und Zwiebeln) und Obazda (eine Art von Käsecreme). Noch ist alles ruhig. Die ersten Gäste sollen erst gegen 18.00 Uhr eintreffen. Zeit genug, um Klaus noch ein paar Hühner abzunehmen, und dann fix noch einmal die Servicekräfte zu nerven.

18.08 Uhr: Die Band fängt an zu spielen (Aufteilung des Abends: erst etwas unbekanntere Rocklieder, schließlich nur noch Lieder, die auch mit gefühlten fünf Promille noch mitjodeln kann) und die ersten Bestellungen treffen ein. Ein halbes Huhn auf den Teller, bisschen Krautsalat daneben – und raus kann das Vieh. Jochen hilft Klaus bei allem, was er kann. Noch ist alles machbar, und die Stimmung innerhalb des Personals freundlich bis neckend. Jochen hat noch zu viel Zeit und sich entschieden, wer am besten im Dirndl aussieht. Später erfährt er, dass jemand anderes regelmäßig dieses Dirndl öffnen darf. Düdüm.

18.31 Uhr: Der Tisch mit den Bestellungen füllt sich immer rasanter. Endlich darf auch Jochen seine Künste unter Beweis stellen. Bayrischer Kartoffelsalat: rasch in die Schüssel und ab dafür. Beim Wurstsalat sieht’s ähnlich aus. Doch der Obazda und die Fettbemmen fordern das gesamte, nicht-vorhandene Können vom Wurstmeister ab. Sehnsüchtig denkt er an die Zeit vor dem Oktoberfest zurück, als noch Normalbetrieb am Uferstrand war, und er lediglich Würste drehen musste, während er just in diesem Moment mit zwei zitternden linken Händen versucht, das Essen zumindest halbwegs ansehnlich auf die Teller zu befördern. Die Dirndl sind vorerst in weite Ferne gerückt.

19.20 Uhr: Die Personalstimmung sinkt merklich: Zehn bis fünfzehn gleichzeitige Essensbestellungen, die zeitnah bearbeitet und herausgebracht werden müssen. Der Hühnerofen läuft ununterbrochen auf Hochtouren, das Brotmesser findet keine Ruhepause mehr, und vor allem die „Essen-ist-fertig-Klingel“ bringt die Mitarbeiter zur Weißglut. Jochen gönnt sich eine klitzekleine Ruhepause. Dieses Mal werden die Dirndl außen vor gelassen. Seine besten Freunde sind heute ebenfalls zu Gast und werden wärmstens empfangen. Klaus‘ Blicke könnten ein zweites Mal töten.

19.51 Uhr: Die ersten Tränen fließen. Die weiblichen Servicekräfte sind am Ende ihrer Nerven und Kräfte. Jochen lässt sich nicht lumpen und seinen männlichen Aufmunterungscharme spielen. Mit geringem Erfolg, aber hey – er hat es zumindest versucht! Aber auch seine Grenzen sind nahezu erreicht. In Akkordarbeit müssen Hühner aufgetischt, Pommes zubereitet (die Friteuse läuft über!!!) und fettige Stullen geschmiert werden. Der Wunsch, selbst im Festzelt auf einem der Tische zu stehen und „hoooch auf dem gelbeeen Waaaaaageeeeen“ zu singen, steigt von Sekunde zu Sekunde. Erschreckenderweise.

20.20 Uhr: Es sind nur noch Automatismen, die Jochen vollzieht. Die Handgriffe sitzen endlich besser, aber jede Bewegung wird gleichzeitig immer anstrengender. Die Band spielt bereits zum vierten Mal innerhalb von zwei Stunden „ein Proooosit, ein Prooooooosit – der Gemüüüütliiiichkeeeeiiiiiit“. Die Nerven liegen auch bei Jochen endgültig blank.

20.52 Uhr: Es wird ruhiger. Nur noch vereinzelte Essensbestellungen treffen ein. Zeit, sich spannenden Aufgaben zu widmen, die vorher liegen bleiben mussten: Teller und Besteck säubern! Jochens Laune erreicht ihren absoluten Tiefpunkt: Aus dem Zelt sind die feiernden Kehlen von hunderten Leuten zu hören. Und er selbst kratzt Essensreste von Ikea-Tellern. Wie also aufmuntern? An die Kohle denken? An die Dirndl? Nichts will helfen. Also Augen zu und durch.

22.00 Uhr bis 0.30 Uhr: Die Band spielt ihr letztes Lied. Wie immer: „Hit the road, Jack“. Inklusive allen Servicekräften. Jochen gönnt sich eine weitere kleine Pause und bestaunt das Geschehen. Jeder Gast tanzt auf dem Tisch. Die Servicekräfte singen um ihr Leben, und wissen dabei nicht so wirklich wohin mit den Armen beim Bewegen zur Musik. Deswegen werden im Takt die Dirndl ein wenig gelupft. Man könnte meinen, Jochen sei in seiner Brunftzeit.
Glücklicherweise herrscht auch Küchenschluss. Ab jetzt gibt’s nur noch Getränke. Hunger hat eh niemand mehr. Fünf Maß sind schließlich auch ein Schnitzel. Oder so ähnlich. Die restliche Zeit verbringt Jochen damit, alles zu säubern und das liegen-gebliebene Essen wieder gut verpackt in die Kühlschränke zu verstauen. Klaus kümmert sich um die Hühner für den nächsten Tag. Viele Worte wurden auch an diesem Oktoberfesttag nicht zwischen beiden gewechselt, was auch nicht weiter störte, da die Rollen eh verteilt waren. Jochen macht sich auf seinen verdienten Heimweg. Alleine.

Ein vermeintlich ganz normaler Tag beim Oktoberfest des Uferstrandes. Höhen und Tiefen liegen nah bei- und oft nur Minuten auseinander. Am 25. September endete das Oktoberfest, und somit schloss auch der Uferstrand (vorerst) seine Pforten. Anfang November soll es jedoch an gleicher Stelle weitergehen: Mit dem ersten Chemnitz Winterdorf. Lassen wir uns überraschen, mit welchen Importen uns die Macher dieses Mal überraschen werden.

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