Die unmögliche Anonymität des Chemnitz-Daseins

Vor etwa hundert Corona-Jahren, im Januar war das, haben wir mal einen Text angefangen, der ein gängiges Chemnitz-Phänomen beleuchten wollte, nämlich die unerschütterliche Tatsache, dass man in dieser Stadt das Haus nicht verlassen kann, ohne jemanden zu treffen, den man kennt. Egal wie sehr man sich im Edeka hinterm Bio-Regal oder vor Emmas Onkel hinter der Sonnenbrille versteckt, egal welches komplexe System an umständlichen Umwegen man für sich etabliert hat, egal ob man sich dabei als vermeintlich dubioses Maskottchen oder in Camp-David-Chemnitz-Camouflage verkleidet, egal ob man alleine im Auto fährt oder zur frühesten Morgenstunde aus dem Haus schleicht — es geht einfach nicht. Man kann machen was man will: Man kennt mindestens die Hälfte der Menschen, denen man begegnet, mindestens vom Sehen oder vom Instagram her. Und wenn man niemandem begegnet, was sehr möglich ist, kennt man mindestens die Hälfte aller Autos und Fahrräder vom Sehen her. Man muss das Ganze als eine Art Chemnitzer Naturgesetz betrachten, das sich sich genauso wenig abschirmen oder aushebeln lässt wie die Schwerkraft. Die Fallhöhe ist in Chemnitz immer da.
Wir wollten praktische Tipps sammeln, wie man sich ungesehen durch die Stadt bewegen kann, doch alle Selbstversuche sind gescheitert, und zwar daran, dass wir dabei jemanden getroffen haben. Dann wollten wir unsere Theorie der Unmöglichen Chemnitzer Anonymität wissenschaftlich verifizieren und sind nach Berlin gefahren, mit dem erklärten Ziel, dort zufällig irgendjemanden auf der Straße zu treffen, den wir aus Chemnitz kennen — genau das ist dann auch passiert (ernsthaft!). Dieses Phänomen geht weit über die Stadtgrenzen hinaus: Man trifft Chemnitzer selbst dann, wenn man nicht in Chemnitz ist. Selbst wenn alles um einen herum hektisch, anonym und egal ist, steht da plötzlich ein Dorf namens Chemnitz, und da ist nichts anonym und egal, da kennt man sich, da wird getratscht.

Der Text ging dann so:

„Die Welt ist ein Dorf“. Das sagt man manchmal, wenn man im Neuseeland-Urlaub mal wieder jemanden aus Chemnitz trifft. Oder wenn man im Chemnitz-Urlaub mal wieder jemanden aus Neuseeland trifft. Die Welt, das ist in dem Fall Chemnitz. Eine Welt, die man einfach nicht verlassen kann, egal wie sehr man sich bemüht, egal wie weit weg man fährt oder zieht: Chemnitz ist überall, Chemnitz ist immer, Chemnitz hört nie auf, weil Chemnitz eine Geisteshaltung ist — manchmal weiß man nicht mehr, wo Chemnitz aufhört und wo man selbst beginnt. Die Stadt verpflichtet gefühlt mehr als Adel oder die eigene Familie: Blut ist dicker als Wasser, aber Beton ist grauer als euer betrunkener AfD-Onkel, und hier gibt es bekanntermaßen die besten Familienfeiern. (Bitte diesen Satz nicht auf Logik prüfen, der hat keine.)
Chemnitz funktioniert wie ein handelsübliches Dorf im Erzgebirge: Jeder kennt jeden, jeder ist mit jedem verwandt, jeder ist mit jedem zusammen. Manchmal sagt man zynisch „Chemnitz-Inzest“ dazu, und wenn man endlich erkannt hat, dass man diesem perfiden, ja fast schon sektenähnlichen Netz entfliehen und einfach nur wegziehen muss, um „glücklich“ zu werden, ist es meistens schon zu spät. Dann hat man sich längst ein chronisches Stockholmsyndrom eingefangen, und kann gar nicht mehr wegziehen. Denn die ewige Crux mit Chemnitz ist ja, dass es gleichzeitig auch eine richtig geile Stadt ist, also manchmal: Mit Nächten, die wie die Schachtel Pralinen von Forrest Gump (Spoiler: man weiß nie, was man bekommt), und Mitmenschen, die alle irgendwie ein bisschen schräg sind, was total super ist. Mit Straßen, die so leer sind, wie die Versprechen von „richtigen Städten“ und Mieten, die man in „richtigen Städten“ für einen Witz halten würde. In ihren besten Momenten ist die Stadt dann überhaupt gar nicht inzestuös, sondern sehr familiär, das mag man ja auch so an ihr. Der Dorf-Faktor ist gleichzeitig das Beste und das Schlimmste an Chemnitz. 

Wimmelbild: Finde Chemnitzer:Innen, die du NICHT kennst

Egal, wo man hin- oder langgeht, egal wann man dort hin- oder langgeht, man trifft immer, wirklich immer, jemanden, den man kennt. Im Bau- oder auf dem Schlüpfermarkt, am anderen Ende der Bazillenröhre, im Finanz- oder Arbeitsamt, beim Töpferkurs in der Volkshochschule, beim Trödeln auf der Schnellschwimmerbahn, in der Wanne auf dem Weihnachtsmarkt, im Live-Stream vom Atomino-TV, bei der peinlichen Comedyshow in der Stadthalle, im Wartezimmer, in der Dampfsauna, am Altglascontainer, auf der Auto- und in der Parkeisenbahn, ja sogar im längst stillgelegten Triff-Chemnitz-Forum.
Abends alleine ausgegangen und trotzdem zusammen gefeiert. 75.000 Menschen beim „Wir sind mehr Konzert“, und trotzdem grüßt man jeden Dritten. Keine Menschenseele nach Acht in der Innenstadt, und trotzdem hat man sie erst gestern hier gesehen. In Chemnitz muss niemand alleine sein. In Chemnitz steht man Chemnitz gemeinsam durch. Und wenn man sich doch mal einsam fühlt, geht man fünf Minuten raus auf die Straße, grüßt 50 zufällig vorbeilaufende Bekannte und schon ist die Welt wieder besser. 

Manchmal gibt es aber Tage, da hat man gerade Klopapier gekauft (Text wurde eindeutig vor Corona geschrieben), PMS oder einen sonstigen schweren Misanthropieschub. Manchmal hat man versehentlich den alten CFC-Schal um, weil gerade nichts anderes griffbereit war, oder semi-anonym einen gemeinen Blog-Artikel geschrieben. Manchmal ist man gerade auf dem Weg zu einem Treffen der Anonymen Melancholiker, oder generell seltsam, weil man den ganzen Tag mit niemanden geredet hat, manchmal will man einfach nur wild im Chemnitzer Halbkreis tanzen, ohne dass alle komisch gucken oder subtil abfällig die Augenbrauen nach oben ziehen. Es gibt Tage, an denen will man einfach niemanden sehen, treffen, grüßen, muss aber trotzdem raus. Dann wird Chemnitz zur Hölle, und der Spaziergang zum Spießrutenlauf. In Feuilleton-Artikeln, Songtexten und Social Media Posts ist immer wieder die Rede von der „harten Chemnitzer Straße“ — also von einer Straße, auf der man sich nicht frei bewegen kann, ohne das Maul aufzubekommen und Leute grüßen zu müssen. Die Stadt sieht alles: Im tietz-Bücherschrank Literatur hamstern ohne selbst was reinzustellen, ohne cooles Fixie aber mit ekligem Herpes in den Weltecho-Hof einlaufen, ohne Hut auf das Hutfest oder bei Rot über die Ampel gehen, ethnisch fragwürdige Billig-Berner Würstchen im Kaßberg-Edeka aufs Kassenband legen, sich bei Emmas einfach an einen reservierten Tisch setzen, beim Kaßbergauffahrt-Runterradeln bremsen, beim Kaßbergauffahrt-Hochradeln schieben, im Underworld Record Store eine Herbert Grönemeyer-Platte kaufen, beim Filmnächte-Facebook-Gewinnspiel mit peinlichen Emojis kommentieren und Tickets für die „Dirty Dancing Nacht“ gewinnen, im Germens Online-Shop zehn Hemden der Sorte „Germanio“ in den Warenkorb legen —  ALLES, die Stadt sieht alles. Im Prinzip ist das alles scheißegal, aber eben nicht im Chemnitzer Sozialgefühl. Hier verurteilt zwar niemand, aber viele fühlen sich so: Sobald man mal kurz stolpert, taumelt auch das Selbstbewusstsein, und dann meldet sich der miese Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex, aber das ist ein anderes Naturgesetz (wir forschen aktuell daran!).

Na okay, einen Versuch hast du noch: Finde Chemnitzer:Innen, die du NICHT kennst!

Hier endet der Text, weil uns einfach keine sinnvollen Tipps eingefallen sind, wie man bei Bedarf nicht gegrüßt oder gesehen wird, außer „sich als Lars Fassmann verkleiden“, „konstantes Lächeln auf Creep-Niveau“ und „Niners-Spiele meiden“. Und weil sich dann ironischerweise herausgestellt hat, dass das Chemnitzer Naturgesetz der Unmöglichen Anonymität doch ausgehebelt werden kann, nämlich durch ein Arschloch-Virus. Nachdem wir dann wochenlang überhaupt gar niemanden mehr in Chemnitz beim Rausgehen getroffen haben, weil Rausgehen generell uncool und gefährlich war, und alle heiß- und hassgeliebten sozialen Hotspots, bei denen wir Vermeidung empfehlen wollten, schließen mussten, haben wir beschlossen, uns nie wieder, wirklich nie wieder, über die Unmögliche Chemnitzer Anonymität zu beschweren. 

Deshalb wollen wir an dieser Stelle einfach mal alle ganz lieb grüßen, die uns kennen. 

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