Spätestens seit der Kulturhauptstadtbewerbung ist es weltweit offiziell: Chemnitz hat den Größten!  Also nicht siebenfarbigen Schornstein, Wohnungsgenossenschaft-Phallus oder Meth-Anteil im Abwasser, wobei das natürlich auch alles richtig ist — nein, wir reden vom wirklich Allergrößten: Unserem Minderwertigkeitskomplex. Der Minderwertigkeitskomplex klebt in jeder Chemnitzer Betonritze, in jedem Chemnitzer Nebensatz und unter jedem zweiten Chemnitzer Facebookpost. Er hängt in den herabgezogenen Mundwinkeln und sitzt im Rathaus. Er kommt auf jede Party und hat Bedenken ohne Grund, man trifft ihn besoffen am Tresen und auch ziemlich oft in unseren Texten. Zeit, ihn endlich mit einem ausführlichen „abgefakt“ zu adeln. 

Das ist: In Chemnitz glaubt niemand an Chemnitz. Vielmehr ist Chemnitz das Gefühl, sich für Chemnitz rechtfertigen oder endlich mal wegziehen zu müssen. Allein die vermeintlich harmlose Frage „Wohnst du noch in Chemnitz?“, die man einfach mit „Ja“ beantworten könnte, löst gleichzeitig Herzrasen, Scham, extreme Gefühle des Versagens und wüste Rechtfertigungsorgien aus. Noch in Chemnitz wohnen – das ist wie nach dem Abi nicht in Neuseeland oder während des Studiums nicht im Ausland gewesen zu sein oder wie mit 45 noch bei den Eltern leben. Das ist das Gefühl, dass sich das echte Leben in „richtigen“ Städten abspielt, dort, wo andere auf Drogen hängen bleiben wie wir hier auf Chemnitz. Das ist keine Lücke, sondern ein ganzes Contiloch im Lebenslauf. Das ist chronische Fomo auf einem schwer pathologischen, für gewöhnliche Großstadtmillennials nicht nachvollziehbarem Level. Und das wiederum ist nur ein Aspekt des sehr komplexen Chemnitzer Minderwertigkeitskomplexes.
Der klassische Minderwertigkeitskomplex beschreibt ein permanentes Gefühl der eigenen Unvollkommenheit: Die Stadt fühlt sich kollektiv schlecht, weil sie nicht so belebt, nicht so ICE, nicht so schön und nicht so fame wie andere Städte ist. Und als der lang ersehnte Fame dann doch endlich kam, war es ausgerechnet wegen Nazis vorm Nischel. Das ist derart tragisch, dass es fast schon wieder ironisch ist.

Das ist eigentlich:  Viele der besten Chemnitz-Momente wurzeln im Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex, den wir mit CMWK abkürzen werden, weil das fast so klingt wie ein populäres Farbmodell oder der Name einer James Blake EP oder weil so auch der Sohn von Elon Musk heißen könnte. Der CMWK ist nicht nur der Urvater der Chemnitz-Fresse, er ist auch der beste Exportschlager der Stadt: Ohne den CMWK hätte sich die Stadt nie ins Kulturhauptstadt-Finale geningelt und es gäbe auch garantiert keinen großen Chemnitz-Hit namens „Karl-Marx-Stadt“. Ohne den CMWK hätten wir definitiv nicht den längsten neonfarben leuchtenden Schornstein der Welt und der Chemnitzer Halbkreis wäre nie mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Ohne den CMWK gäbe es die vielen kleinen, provinziellen Peinlichkeiten, die uns hier jeden Tag erheitern, überhaupt nicht: Keine bunten Treppen, keine urbanen LED-Konzepte, keine schildbürgerlichen Stadtrat-Eskapaden, keine überkompensierenden Image-Filmchen, in denen nicht genug Sächsisch geredet wird. Ja, ohne den CMWK würde re:marx gar nicht funktionieren. Warum hat Dresden in fünfhundert Jahren Pegida absolut gar nichts und Chemnitz innerhalb einer Woche „Wir sind mehr“ und direkt danach das Kosmos hinbekommen? Weil Dresden völlig komplexfrei ist und es bisher einfach nicht für nötig hielt, sich und irgendwem etwas beweisen zu müssen. Und weil Chemnitz auch echt cool sein kann, wenn es darauf ankommt. Die Stadt macht ständig einen auf CFC, also irgendwas zwischen Regionalliga-, Drittliga- und peinlicher Nazi-Stadt. Dabei könnte sie auch einfach mal die Betonzähne zusammenbeißen und sich Niners-mäßig in die Erste Städteliga kämpfen. 

Das war: So richtig kommen wir dem Ursprung des CMWK auch nicht auf die Schliche. Deshalb haben wir mal bei Wikipedia nachgefragt. „Betroffene wurden in der Kindheit meist selten gelobt und häufig kritisiert.“ Ok, Chemnitz hatte eine schwere Kindheit und wurde schlecht behandelt, aber wann und von wem? Wer hat Chemnitz jemals gesagt, dass Chemnitz nicht gut genug ist, außer die Chemnitzer selbst und die Deutsche Bahn, die einfach keine Fernbeziehung mit uns eingehen möchte? An der Chemnitzer Geschichte kann’s eigentlich nicht liegen, die ist so gewöhnlich wie Makkaroni mit Jagdworschd zum Mittag in jeder guten Ost-Kantine. Die Stadt wurde im Krieg zerstört wie viele andere Städte auch und lag danach in der DDR wie einige andere Städte auch und danach war sie eben ein bisschen hässlicher wie sehr viele andere Städte auch (wir empfehlen z.B. eine Reise nach Weil am Rhein, der hässlichsten Stadt aller Zeiten). Man sagt oft, Minderwertigkeitskomplexe wären ein Ost-Ding, aber weder Dresden noch Leipzig noch das Erzgebirge scheinen schwerwiegende Selbstvertrauensprobleme zu haben, oder sie kompensieren einfach besser. Langsam dämmert es uns: Das Besondere an Chemnitz ist, dass Chemnitz gar nichts Besonderes ist. Vielleicht hat die Stadt auch gar keinen besonderen Minderwertigkeits- sondern einfach nur einen ganz beliebigen Mittelmaßkomplex. 

Wie sich der Chemnitzer Mittelmaßkomplex äußert:  Während jeder dritte Fassbook-Post mit „Während andere Städte“ losgeht, vergleichen sich andere Städte gar nicht erst mit anderen Städten. Jedenfalls ist es schwer vorstellbar, dass die Leipziger völlig ausrasten, weil wir hier in Chemnitz mal wieder einen internationalen Nazi-Skandal haben, und sie in der New York Times nur als super angesagtes Reiseziel abgestempelt werden. Chemnitz vergleicht sich ständig und wird ständig verglichen (vor allem von uns, weil wir Vergleiche einfach lieben): Das sächsische Manchester war schon tausendmal das neue Berlin, das dritte Leipzig, das Paris oder Pjöngjang des Ostens, das neue Rostock-Lichtenhagen, aber nie einfach mal Chemnitz. Oder Maßstab für andere Städte. Warum sagt man nie: “Hab gehört, Plauen soll das neue Chemnitz sein“ oder „Ich war im Herbst in New York, dem Chemnitz der USA“ und warum nennt sich Manchester eigentlich nicht „das britische Chemnitz“? Chemnitz macht sich kleiner als es ist, Chemnitz traut sich selbst nichts zu, traut sich nicht, Chemnitz auch einfach mal gut zu finden. Chemnitz hat ständig Angst, etwas falsch zu machen. In Chemnitz sind nicht die Autos tiefer gelegt, sondern die Erwartungen, so kann man sich wenigstens selbst nicht enttäuschen. Chemnitz bewirbt sich als europäische Kulturhauptstadt, sucht aber erstmal nach Fehlern im Bewerbungsbuch und stellt sich dann die überflüssige Frage „Kann Chemnitz Kulturhauptstadt?“ (Natürlich nicht!) (Lol, Spaß). Chemnitz saniert sich ausgerechnet „Ich wär‘ gern weniger wie ich, ein bisschen mehr so wie du“ in die Bazillenröhre, und man fragt sich, ob mit „du“ jetzt Leipzig oder doch direkt Berlin gemeint ist. Chemnitz hat eine völlig verkorkste Selbstwahrnehmung, weil es sich selbst nicht als richtige Stadt wahrnimmt, sondern als irgendeine seltene, unerforschte Spezialform von Gemeinde. Deshalb sagen wir hier „Für Chemnitz gar nicht mal so schlecht“, wenn mehr als zehn Menschen zur Anti-Rassismus-Demo kommen, „fast wie in einer richtigen Stadt“, wenn irgendwo eine neue Bar aufmacht, „Statt der Moderne, haha“, wenn wir uns mal wieder bei Fassbook aufregen oder „Für Chemnitz reichts“, wenn wir richtig begeistert sind. 

Wie Chemnitz kompensiert: Gar nicht, das ist ja das Problem. Der Minderwertigkeitskomplex ist normalerweise der Lauteste im Raum oder wenigstens ein bisschen verhaltensauffällig oder drängelt sich gern ins Rampenlicht. Eigentlich wäre es nur logisch, wenn Chemnitz permanent auf dicke, statt auf tote Hose macht. und überall den langen Lulatsch raushängen lässt. Aber stattdessen trägt man in Chemnitz den Selbsthass ganz offen als eine Art trauriges Statussymbol, die Stadt ist eben ehrlich. Problematisch ist nur, dass der Selbsthass häufig in Hass gegen andere umschlägt, denn dann wird hier ein hässliches Fremdenhass-Fass aufgemacht. Das richtet sich gegen „die Ausländer“ oder „die Wessis“ oder gegen alle Menschen, über die man abfällig „die sind aber ne von hier“ sagen kann, weil man auch gern von anderswo wäre. Und dann richtet es sich wieder gegen sich selbst — zum Beispiel, wenn sich die Kulturszene gegenseitig in den Kommentarspalten zerfleischt. Man macht sich selbst und andere runter — nicht etwa um sich besser, sondern um sich noch schlechter zu fühlen. Für die Opferrolle gibt es vielleicht keinen stürmischen Applaus, aber immerhin ein bisschen Selbstmitleid.  Weitere bekannte Symptome des CMWK sind: Dauerhaft schlechte Laune, die Verhärtung der Mundwinkel zur Chemnitz-Fresse,  eine übermäßige Verwendung von Wörtern wie „grau“ und „leer“, der städtische Straßenverkehr als Aggressionsventil, und natürlich das legendäre never ending Rumgeopfer. Nur noch mal kurz bei Wikipedia checken, ob das so passt: Minderwertigkeitsgefühle führen zu Kompensationsverhalten wie einer gut wahrnehmbaren Opferrolle (ha!), bei Männern – häufig besonders in jungen Jahren – nach außen gerichtete Aggressivität (siehste!), Alkohol-Überkonsum (jap) und Flucht in Statussymbole (Lulatsch) oder unangemessen teure Wertgegenstände (SUVs in jeder noch so kleinen Parklücke).

Das Verhältnis zu anderen Städten: Paradox. Man hasst andere Städte. Vor allem, weil man schon so verdammt viele gute Freunde an Leipzig oder Berlin verloren hat, aber auch, weil andere Städte im Stadtsein so viel besser performen oder weil die andere Stadt zufällig Dresden, und Dresden bekanntermaßen viel schlimmer als Chemnitz ist. Gleichzeitig romantisiert man andere Städte, nennt sie liebevoll „richtige“ Städte, glorifiziert sie heimlich als die Stadt, mit der man viel lieber zusammen wäre als mit der eigenen. Und vielleicht wäre das Leben in der anderen, richtigen Stadt ja auch wirklich besser und man selbst viel glücklicher, wenn man endlich wegzieht und „Wohnst du immer noch in Chemnitz“ nicht mehr mit „Ja“ beantworten muss. Aber andere Städte sind auch nur Städte. Andere Städte haben auch Probleme, und manchmal sind die gar nicht groß anders als bei uns. Wir haben vielleicht keinen Späti, dafür aber auch kein gentrifizierungsbedingtes Späti-Sterben. Wir haben vielleicht keinen coolen Berliner Mietendeckel, dafür zahlen wir aber auch kaum Miete. 

Das könnte sein: Chemnitz absolviert einen „Liebe dich selbst“-Kurs bei einem windigen und völlig überteuerten Citylife-Coach oder gründet eine „Ja, ich lebe in Chemnitz“-Selbsthilfegruppe oder wird einfach Kulturhauptstadt, was im Prinzip dasselbe ist, und kommt endlich klar. Die Stadt akzeptiert ihre eigene Mittelmäßigkeit, überlässt das Rumopfern den Dresdnern, entwickelt so etwas ähnliches wie Selbstvertrauen, wir wollen ja realistisch bleiben, und kann endlich auch wieder andere lieben. 

Das wird leider nix mehr:  Chemnitz bekommt den langersehnten ICE-Anschluss nach Bitterfeld, die berühmte Berliner „Karl-Marx-Allee“ wird in „Karl-Marx-Stadt-Allee“ umbenannt und Lonely Planet erklärt Leipzig zum „Chemnitz der Leipziger Tieflandsbucht“.

5 Replies to “abgefakt: Der Chemnitzer Minderwertigkeitskomplex”

  1. Naja, jetzt wo wir Kulturhauptstadt sind kanns ja nur besser werden… Schon alleine die Tatsache, dass wir Nürnberg geschlagen haben, kann uns verdammt stolz machen.

    Weil, die hatten wirklich eine verdammt gute Bewerbung

  2. Über die Jahre der Draufsicht-Perspektive auf die Stadt ist mit dieser CMWK erst so richtig klar geworden. Dieser Text spricht mir als frisch zurückgezogener aus der Seele. (Ja, so etwas gibt es!)

    Jedes Mal wenn ich erzähle, dass ich aus Hamburg nach Chemnitz zurückgezogen bin, Ernte ich von den Chemnitzern Fassungslosigkeit. Und jedes Mal möchte ich schreien: „Jetzt sei Mal ein bisschen Selbstbewusster“!

    Danke für den Text. Ich werde ihn teilen! Weiter so!

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