Im Chemnitzer Oktober drehte sich wirklich alles um die wirklich alles entscheidende dreifache K-Frage, nämlich: Wer wird Kanzler von Karl-Marx-Stadt? Wie beschissen wird das Komeback von Korona? Und: Kann Chemnitz Kulturhauptstadt?
Wer ernsthaft noch andere Gesprächsthemen außerhalb von Corona, Kuha und OB-Wahl hatte, musste entweder in einer abgefahrenen, nahezu beneidenswerten Parallelwelt leben — oder eben im abgehängten Chemnitzer Umland, in Leipzig zum Beispiel. 


Die OB-Wahl war in etwa so unangenehm wie wir uns eine Darmspiegelung vorstellen: Man saß eine Stunde lang verzweifelt in der Wahlkabine, hat schließlich mit zögerndem Stift irgendwo ein Kreuz gesetzt und anschließend schuldig schweigend das Wahllokal verlassen und nie wieder drüber geredet. Kanzler von Chemnitz wurde am Ende mit erdrutschsiegartigen 34 SPD-Prozent ein kleiner Mann namens Sven Schulze, ein versierter Verwalter, ein fingierter Finanzprofi, ein knadenloser Kulturkürzer, aber wenn er redet — und er redet öffentlich ziemlich gut — denkt man: Ja, dieser Mann passt einfach perfekt zu Chemnitz. Sven Schulze hat außerdem mal in London gelebt, weiß daher was eine richtige Stadt ist und kann sogar Englisch. Man könnte ihn durchaus als „modern“ bezeichnen. Kein Wunder also, dass er als erste Prä-Amtshandlung erklärt hat, er wolle Chemnitz zur internationalen High-Tech-Burg für Senioren-StartUps machen, zum „Senoir Valley“.  Klingt irgendwie lustig, ist andererseits aber gar nicht so dumm, als demographisch älteste Stadt der Welt die stärkste Zielgruppe digital zu fördern: E-Rollatoren, die APP-O-Theke, Arzt-Tinder, Schlagerfy, Co-Mecker-Spaces, meinschlüpfermarktplatz24.de, die Dritten aus dem 3D-Drucker, TickTack, da geht einiges. Der Rest der Wahl lässt sich so zusammenfassen: Die AfD landet abgeschlagen auf dem letzten Platz, was Chemnitz quasi zu einer stabilen Linken-Hochburg im Osten macht, Lars Fassmann bleibt trotzdem Sonnenkönig und Frau Ludwig dankt mit einem absoluten Traumfinale ab. 

In Sachsen gibt es ein jahrhundertealtes Sprichwort: Dresden ist Landeshauptstadt, Leipzig ist Hypestadt und Chemnitz ist Europäische Kulturhauptstadt.
Letzten Mittwoch wurde in Wien der wichtigste Zettel seit dem von Schabowski gezückt. Der beste Zettel aller Zeiten, in einer Wiener Altbauwohnung noch schnell im Homeoffice ausgedruckt, sachgemäß in einen wenig feierlichen Umschlag gesteckt und dennoch extrem elegant in die Kamera gerückt: Chemnitz wird Kulturhauptstadt. Nein, Chemnitz wird Europäische Kulturhauptstadt – und das vollkommen überwältigte Freude-Kreischen ist bis nach Hannover zu hören.

Die Bewerbung war ein verrückter Ritt: aufmüpfige Abgabefristen, aufgeopferte Freizeiten, aufmunternde EUJA-Sticker, dauerbeleidigte Akteure, die offenkundig viel lieber in Hannover wohnen würden, heimlich hinter dem Rücken gezückte Mittelfinger, Stunden der Verzweiflung, nächtliche Panik-Attacken, Karma-Beschwörungen an jeder Ecke, eine protzige Sugarcity-Konkurrenz — der Bewerbungsprozess bot einfach alles. Und am Ende wurden dann doch so viele ehrliche Freudentränen vergossen, dass man damit locker den Brunnen im Stadthallenpark füllen könnte. Wir wünschen uns jedenfalls einen trockenen dreistündigen deutschen Independent-Film mit leichtem Humor namens „Der Prozess“ , bei dem Stromberg Ferenc Csák und Corinna Harfouch Frau Ludwig und Bjarne Mädel irgendwie auch mit spielt. 

Chemnitz wird sich verändern, Chemnitz ist schon jetzt kaum noch wieder zu erkennen:
In fünf Jahren weiß man wahrscheinlich nicht mehr, ob man sich die XXL Pumpkin Spice Latte jetzt im Starbucks Bernsdorf oder im Starbucks Adelsberg holen soll, E-Roller-Berge werden sich vorm Nischel türmen und Lärmbeschwerden auf Französisch eingereicht, aus remarx.eu wird remakerspace.eu und aus dem heimeligen (H)ARTbeat eine Art Coachella der stillen Mitte, eine Netflix-Serie über eine Influencerin namens „Emily in Chemnitz“ wird uns alle schrecklich aufregen, die Straßen sind nachts nicht mehr leer und die Häuser sind  tagsüber nicht mehr grau, weil die Melancholie raus gentrifiziert wurde, man kann plötzlich auch montags was trinken gehen, ICEs werden unermüdlich Touristen am Chemnitzer Hauptbahnhof ausspucken, die Mieten werden steigen, vermutlich werden wir es alle hassen und nach Magdeburg ziehen, weil wir dort noch einen Hauch vom alten Chemnitz ahnen.
Jetzt gilt es, noch schnell in Immobilien zu investieren, Geschäftsideen anzumelden und sich Merch-Artikel oder Chemnitz-Witze patentieren zu lassen, bevor es wieder dieser unsägliche Human-Blood-Typ tut. 

Chemnitz wäre aber nicht Chemnitz, wenn nicht längst der Minderwertigkeitskomplex leise  anklopfen und erste Zweifel servieren würde, unheilvolle Gedanken wie „Am Ende sind wir die erste Kulturhauptstadt, die es verkackt“. Oder wenn da nicht das Gefühl wäre, dass man es mit dem Freuen nicht übertreiben darf. Schließlich ist man immer noch Chemnitz, die „von NPD und Identitären durchseuchte Progromstadt“, wie Internet-Hater aus Brandenburg – ausgerechnet – kommentieren. Klar, wir begrüßen uns hier aktuell alle noch standesgemäß mit Hitlergruß auf der Straße und Chemnitzer Kinder kommen prinzipiell in SS-Uniform auf die Welt, aber wer sagt denn, dass das auch in fünf Jahren noch so ist? Genau dafür ist die Bewerbung doch da – um das zu ändern. Nicht nur im äußeren Image, sondern vor allem im Inneren der Stadt. 

Chemnitz wäre auch nicht Chemnitz, wenn nicht der emotionalste Glücksmoment seit der feierlichen Anlieferung des Weihnachtsbaumes 2019 zeitgleich mit der Ankündigung einer bundesweit verordneten Herbstdepression passiert wäre. Typisch: Da wird Chemnitz schon mal europäische Kulturhauptstadt (!!!!!!!), und dann kann man das gar nicht richtig feiern, weil eben Corona und weil die Chemnitzer Inzidenz schon länger höher als die von Leipzig ist, und weil man jetzt sowieso in den Lockdown muss, und weil schon alle von Depressionen reden und schreiben, bevor die große Einsamkeit überhaupt angefangen hat. Kollektive Kulturhauptstadttitel-Euphorie und Einsamkeit, Freudentaumel und Lockdowner, Chemnitz eben. Und so haben wir uns letzte Woche alle zur Kulturhauptstadt gratuliert und uns im gleichen Aerosol-Atemzug einen „schönen“ Lockdown gewünscht, und irgendwie ist das passend. Nicht nur, weil die Sperrstunde bekanntermaßen 2014 von Miko Runkel erfunden wurde, sondern auch, weil Lockdown einfach wie Chemnitz ist – nur eben deutschlandweit. 

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