Zehn/Kurze Fragen mit Playfellow

„Dummheit frisst, Intelligenz säuft“, sagte mal wer. Wer wissen wir gerade nicht genau.
„Happiness in intelligent people is the rarest thing I know“, schrieb mal wer. Das war Hemingway, der depressive Säufer mit der nüchternenen Sprache.

Wer sehr intelligent ist, ist selten glücklich, und wer selten glücklich ist, trinkt intellektuell-bordaeuxfarbenen Wein wie Wasser, schlussfolgern wir daraus und aus unserer eigenen, über Jahre hinweg angetrunkenen Rotwein-Weisheit.

Chemnitz ist in ihrer nischlbetonharten Modedrogenresistenz seit jeher eine Stadt, durch die zwar nur ein kleiner unbedeutender Fluss, dafür aber ein kontinuierlicher Strom Alkohol fließt, der viele immer wieder ins Verderben reißt.

Daran, dass die Chemnitzer besonders intelligent sind, liegt das vermutlich nicht. Daran, dass die postsozialistische Traurigkeit in Chemnitz so großflächig grau erlebbar ist, wie nirgendwo sonst (übertrieben geschrieben) vielleicht schon.

Vor zwei Wochen haben wir uns mit der traurigsten Band der Stadt getroffen, um all das kollektive Chemnitz-Leid in Gin zu ertränken, uns melancholisch im Schnaps zu baden und peinliche Lanz-Fragen zu stellen.  Es folgen: Zehn/Kurze Fragen mit Playfellow, genau, die, die heimlich bei Radiohead klauen und die ab morgen mit ihrem neuen Album „Ephraim’s House“ ein Stück der Chemnitzer Melancholie in die weite Welt tragen.

Abgefakt: Holding Back The Years – Studentendisko revisited.

Wir sind wieder hier. In unserm Revier. Warn nie wirklich weg. Ham uns nur versteckt. Nach gefühlten Jahrzehnten der Abstinenz begab sich re:marx, getrieben von Nostalgie und Wermut äh Wehmut, bei der allseits beliebten Chemnitzer Studentendisko auf die Suche nach dem Gefühl von früher und der Antwort auf die Gretchen-Frage: Sind die anderen uncool, oder sind wir einfach nur alt geworden? Ein Abgefakt: Studentendisko. Oder ist es ein eher ein Abgefakt: Wir selbst ?

Das war:
Nichts wie es heute ist. Bevor man dem Johannisplatz die graue Kellnberger-Glasfassaden-Uniform übergestülpt und mit der Ansiedlung eines Vapianos endgültig zum Einkaufsstraßen-Einerlei komplettiert hatte, befanden sich hier kreisrunde Blumenbeete, meist mies bepflanzt. Hip sahen die nicht aus, aber man konnte auf ihren gekachelten Rändern sitzen und sich von der Clubnacht abkühlen. Bier trinken, rauchen, seriöse Suff-Gespräche führen, nach Gras gefragt werden. Anlass dafür war meist die Studentendisko: Jeden soundsovielten (wir wissen es gerade gar nicht mehr, so lang ist das schon her) Mittwoch im Monat, der Eintritt war frei – ein Highlight im studentischen Veranstaltungskalender. Immer traf man hier alle, die man gern treffen wollte, und auch die anderen. Immer liefen hier handfeste Indie-Hits und immer Madness. „Our House“ bis zum Britpop-Erbrechen. Irgendwann konnte man es nicht mehr hören: Tausend mal gehört, tausend mal ist nichts passiert.

konfetti

Früher war mehr Konfetti.

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Die Post der Moderne (KW wasweißich): Was letzte Woche im Chemnitzer Internet geschah.

Weil wir von Re:marx uns als zwangsklicks-finanziertes, öffentlich-nichtganzrechtliches Blog dem Bildungsauftrag verpflichtet fühlen, wollen wir euch an dieser Stelle mal ein essentielles kommunikationstheoretisches Konzept vorstellen: Die Schweigespriale. Das ist keine besonders stille Verhütungsmethode, sondern eine Theorie zur öffentlichen Meinung. Und im Kern ganz einfach: Merkt man, dass man die Meinung, die man hat, scheinbar alleine hat, weil sie nicht konsensfähig ist, verzichtet man lieber darauf, diese Meinung öffentlich zu äußern. Man hüllt die strittige Meinung in den sanften Schutzmantel des Schweigens. Warum das so ist? Weil der Mensch als Rudeltier Angst vor sozialer Isolation hat und stets nach gesellschaftlicher Anerkennung und Inklusion strebt. Glaubt man aber zu wissen, dass die eigene Meinung gerade angesagt ist, steigt die Bereitschaft, sie zu äußern, bzw. sie in grausamen Deutsch in die Kommentarspalten unter diverse Facebook-Posts zu tippen und dafür mit Zustimmung – also Likes und „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Kommentaren – überhäuft zu werden. Fast fertig ist die Theorie, über die man sich als angehende_r KommunikationswissenschaftlerIn im Laufe des Studiums gefühlt 30 Referate anhören darf. In jedem dieser 3000 Referate über Noelle-Neumanns Schweigespirale gab es jedenfalls ein spezifisches Beispiel: Die BILD-Zeitung.

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Post der Moderne (KW 16): Was diese Woche überall geschah.

Was für eine Woche! Wieder einmal scheint die Welt aus den Fugen geraten zu sein: Tief erschüttert vom #Trainerbeben liegt sie nun in tausend schwarz-gelbe Einzelteile zerbrochen rautenförmig vor uns. Für alle die, die Mittwochmittag durch nutzlose Taten wie Arbeit oder Studium oder Vergleichbares verhindert waren und somit keinen einzigen der unzähligen Katastrophen-Live-Ticker live mitverfolgen konnten, haben wir die spekulativen Live-Ticker-Ereignisse des gestrigen Tages im ersten großen re:marx Live-Ticker-Live-Ticker zusammengestellt. Hier und jetzt zum Nachlesen, für die, die nachlesen möchten, in dieser professionellen PDF-Datei. Warum? Weil #slowjournalism der neue Live-Ticker ist: Trainerbeben-Liveticker-Liveticker
Alle anderen lesen einfach unten weiter.

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Post der Moderne (KW 15): Was diese Woche in Chemnitz geschah.

Zunächst eine allgemeine Meldung, die uns diese Woche sehr bewegt hat: Der Chef von Rügenwalder Mühle hat gesprochen und es klingt ein wenig wie eine wegweisende Weisheit von Konfuzius: „Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft“, sprach er.  Weil die Wurst zunehmend unbeliebter wird und Wurstesser im veganen Weltbild ähnlich beliebt sind wie Raucher in Restaurants. Allein die Gefahr des Passiv-Wurstessens könnte schließlich Tiere töten und darf auf keinen Fall unterschätzt werden. Es dürfte also nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich das Wurst-Verbot in Supermärkten durchsetzt. Was ungerecht wäre, denn auch Rohkost kann gefährlich sein. Wir finden die Rügenwalder Analogie aber ganz aufregend: Denn irgendwie galt Rauchen ja mal als cool, als ein Ausdruck der Rebellion, ein stinkendes Statement der Non-Konformisten und war manchmal trotzdem sexy. Wenn das nun bald auch für die Wurst gelten sollte, dann haben wir bisher alles richtig gemacht.

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Der Rock’n’Roll-Lifestyle geht weiter – on the road als Merchboy von …Thanks And Get Ready! Teil 2 – Seiffen: JFV, 28.02.2015

TEIL 1

Chemnitz, Bernsdorf, Samstag Nacht, 28.02.2015, 02.03 Uhr: Völlig aufgekratzt aufgrund des vergangenen Abends liegt der Merchboy in seiner 1,40 Meter Furzmolle und versucht vergeblich, das voller Impressionen vollgesaugte Köpfchen zum Entspannen anzuregen. Doch es will einfach nicht klappen – zu präsent schwirrt L. in den tiefen Bahnen der Gehirnrinde, zu schwer wiegt der Selbstzweifel, ob das komplette Verkaufstalent zum Einsatz kam. Einen WWF Royal Rumble von 1996 später gelingt letztendlich der lang ersehnte Fall in den Tiefschlaf – und das erstaunlicherweise exklusive traumatischer Verarbeitung jeglicher Erlebnisse.

10.30 Uhr: Während die wahren Rockstars am nächsten Morgen in einem nach Puma riechenden Nightliner aufwachen, ohne überhaupt ansatzweise eine Ahnung zu haben, in welcher Stadt sie dieses Mal sabbernde Groupies begatten dürfen, erwacht der Merchboy einsam und #AlleinAllein in seinen eigenen vier Altbauwänden. Eine Low-Carb-Mahlzeit und etliche YouTube-Videos später wächst behutsam die Vorfreude auf Tag 2 der umfassenden 2-Tages-Tour. Dieses Mal sollte alles anders werden: Keine bekannten Gesichter und ein bisher völlig unbekannter Kurort standen auf dem Programm – inklusive der Möglichkeit, gänzlich neue Verkaufsstrategien zu testen, ohne dabei seinen kompletten Ruf zu ruinieren.
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Das harte Leben als Rockstar – on the road als Merchboy von …Thanks And Get Ready! Teil 1 – Chemnitz: Club Sanitätsstelle, 27.02.2015

Fußballer, Feuerwehrmann, Fernsehstar – ein jeder träumt seit der Möglichkeit, klare Gedanken zu fassen und nicht einfach nur bei jeder Notdurft seinen Unmut mit Hilfe von lautstarken Ausrufen zu äußern, von einer späteren Bilderbuchkarriere. In diese Riege fällt auch das Dasein als Rockstar – auch wenn dies eher selten bei vorpubertierenden Teenies der Fall ist und sich erst später als zukünftige Traumeinnahmequelle manifestiert (es sei denn man hört auf einen klangvollen Namen wie Justin Bieber oder Bruce Schröder). Problematisch wird das nur, wenn derjenige vom lieben Jott weder mit einem gewissen Gesangstalent, noch mit jeglichem Taktgefühl gesegnet wurde. Um trotzdem zumindest ansatzweise das #lifeontheroad kennenlernen zu können, bleibt so nur die Arbeit im Hintergrund übrig. Was wäre schließlich ein Axl Rose ohne seine Roadies? Korrekt: Eine Rose im Wind, die ziellos durch die Welt umherirrt – unfähig, seine Knospen an einem Fleckchen Erde zum Sprießen zu bringen. … … … Zurück zum eigentlichen Thema: Wenn die beste Chemnitzer nicht-mehr-zweier-sondern-mittlerweile-dreier Kombo fragt, ob man bereit sei, während ihrer Tour quer durch Deutschland mit dem verheißungsvollen Namen „we never split-reunion show“, die stolze zwei Tage umfasst und in Chemnitz und dem weltberühmten Kurort Seiffen hausieren sollte, den Merchboy zu mimen, dann macht man nicht nur unzählige Nebensätze, sondern kann zudem einfach nur zusagen. Schließlich starteten viele Karrieren erst im hohen Alter. So viele, dass eine Aufzählung nahezu unmöglich und absolut sinnlos wäre. Was während den beiden Tagen alles an Impressionen gesammelt wurde, darf nicht der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Desdawegen hier nun der erste Teil des harten Tourlebens:

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Zehn/Kurze Fragen mit: Kraftklub.

Was haben wir nicht alles diskutiert: Über den Verfall unserer Arbeitsmoral, über die Verherrlichung von Alkoholismus und über die Zumutbarkeit von zwanzigminütigen YouTube-Videos, in denen es eigentlich nur darum geht, viele seltsame Fragen mit vielen schmackhaften Schnäpsen zu rechtfertigen. An Streitpunkten wie „Mit fünf Schnäpsen macht das Format doch überhaupt keinen Sinn“ oder „Eine zweite Kamera wirkt viel zu professionell“ oder „Wir schneiden diese Frage auf keinen Fall raus“ wäre die Redaktion fast zerbrochen. Gebrochene Leute waren auch unsere exekutierenden Redakteure nach den Interviews, nicht nur weil sie Goldspray gekotzt, sondern weil sie stets das letztes Hemd, die letzte Hirnzelle und vielleicht auch ihre Herzgesundheit gegeben haben. So sieht echte Hingabe aus und davon lebt re:marx, aber sie hinterlässt eben auch Spuren.
An unseren Interview-Gästen scheinen die Schnäpse jedoch nahezu spurlos vorüber gegangen zu sein. Nur einer, der danach sein Handy gesucht und nur einer, der sich danach über zu volle Gläser beschwert hat. Zehn/Kurze Fragen wird ein Jahr alt! Zu diesem beeindruckenden Jubiläum (länger hat es kaum eine andere Kategorie bei re:marx ausgehalten) schenken wir uns Weltmachtfantasien und euch ein Gespräch mit (Trommelwirbel!): Kraftklub.
Beziehungsweise mit Felix und Till, über die wir nicht mehr viel sagen müssen, außer dass sie uns im Interview unter erheblichen Mengen Alkohol endlich verraten haben, dass sie eigentlich Brüder sind. Weswegen wir ihnen spontan einige Fragen stellten, die wir auch dem Mann stellten, der damals dafür gesorgt hat, dass sie heute Brüder sind.

10854873_828001920601401_5056623529558631891_oUnd vielleicht verschafft uns dieses Video ja endlich den lang ersehnten Weltruhm, vielleicht aber auch nur die Klage irgendeines Ethik-Rates – wie auch immer: Es folgt das Video vom Vergnügen, mit Kraftklub für den Tourstart (heute!) trainieren zu dürfen.
„Entweder du stirbst oder du hörst auf“ – ein Gespräch über das Rauchen, Til Schweiger, Heinz Harald Frentzen und Triceratops:

abgefakt: Zeitgeist 2014. Teil II (Juli bis Dezember)

Juli:
Eintrag vom 02. Juli 2014
Liebes Tagebuch,
„Heute ist wieder einer dieser Tage. An dem eine unendliche Leere die Seele umschlingt wie Lianen die Bäume im Dschungel. Denn heute ist fußballfrei. […] kein Tor in der Nachspielzeit der Nachspielzeit, kein Wet-Look-Jogi im Regen von Recife, keine Kathrin Müller-Hohenstein, die mit Poldi am Pool sitzt und mit den Füßen leise Muster ins Wasser malt. Und so droht man in ein bodenloses Loch zu fallen, ein Loch, größer als das Conti-Loch, ein Loch, größer als das größte Sommerloch jemals sein kann.“


Was sonst noch geschah:

Der Aufreger des Monats:
Diese „bloggende Selbstherrlichkeit“, diese „Bastion der Arroganz“, dieser „lose Verband wahnsinniger Geisteswissenschaftler“ (Zitat re:marx über re:marx) ging uns so richtig auf die Eier. Zeit für ein abgefakt! Die Chemnitzer Community dankte es uns inständig – scheinbar haben wir damit vielen Lesern aus der Seele geschrieben.

IMG_6249Was außer sonst noch sonst noch geschah:

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abgefakt: Zeitgeist 2014. Teil I (Januar bis Juni)

Die Jahresrückblicke im Fernsehen inszenieren die bewegensten Momente des Jahres ja gerne als diejenigen, in denen sich eine ganze Nation stolz selbst feiern darf: „Deutschland“, wie es vorübergehend auf dem ersten Platz des Medaillien-Spiegels der olympischen Winterspiele steht, Bastian Schweinsteiger, wie er mit blutigem Heldengesicht den Pokal küsst, Helene Fischer, wie sie im Lady-GaGa-Gedächtnis-Dress Millionen Deutsche atemlos macht, ganz Berlin, wie es leuchtende Luftballons in den dunklen Novemberhimmel stiegen lässt. Natürlich gab es auch schlimme Bilder, die man für die tägliche Dosis Unwohlsein zwischen den ganzen Jubelarien immer mal wieder einschieben sollte: Ebola, wie es Europa bedroht, der IS, wie er britische Geiseln köpft, Putin, wie er ungeniert vor sich hin annektiert oder natürlich jüngst Ramelow, wie er als erster linker Ministerpräsident für konservative Kräfte eine größere Terror-Bedrohung darstellt als sämtliche Salafisten in Frankfurt. Aber solche schrecklichen Dinge will man doch eigentlich gar nicht mehr sehen, wenn einen der schöne Schein der Adventskerzen bereits in vorweihnachtliche Besinnlichkeit gelullt hat. Wir sind Weltmeister, das ist Erinnerung genug. Schnell noch mal  die schwarzrotgoldenen Millionen am Brandenburger Tor zeigen. Für manche war das einer der finstersten Momente deutscher Jubelgeschichte seit 1933, für viele Leitmedien war es jedoch endlich der Weg zur geschichtsbefreiten Selbsterkenntis Deutschlands als liebenswerteste, beliebteste und wirtschaftlich geilste Nation aller Zeiten –  endlich on top of the world, und das auf völkerrechtlich absolut legitimen Weg. In diesem Rahmen möchten wir unsere liebenswerte Nation ganz ohne Hintergedanken übrigens noch einmal an den Slogan der WM 2006 erinnern, die dieses tolle „Wir-Sind-Schland“- Gefühl einst so fürsorglich reproduzierte: Die Welt zu Gast bei Freunden. Hust.
Weil re:marx typisch deutsch ist und sich 2014 selbst endlich als liebenswertestes, beliebtestes und wirtschaftlich geilstes Blog in Chemnitz erkannte, beweihräuchert es sich deshalb anlässlich des großen Finales mit einer emotionalen Chronik der bewegensten Bilder, Wortspiele, Schnapsideen und Alliterationen des Jahres noch mal so richtig selbst!

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