Die Post der Moderne: Was im März in Chemnitz geschah.

Während unser Heimat-Horst im März mal wieder die  überflüssige Frage aufgeworfen hat,  was (und wer) zu Deutschland gehört und was nicht, haben wir uns dasselbe über Chemnitz gefragt. Erkenntnis: Der ICE gehört nicht zu Chemnitz. Die Dritte Liga gehört nicht zu Chemnitz. Der blaue Himmel gehört nicht zu Chemnitz. Moderne Mobilität gehört nicht zu Chemnitz. Gute Laune gehört nicht zu Chemnitz. Saubere Luft gehört nicht zu Chemnitz. Menschen nach 21 Uhr in der Innenstadt gehören nicht zu Chemnitz. Das fünfhundertste abgedroschene re:marx-Klischee gehört auch nicht zu Chemnitz. Die Post der Moderne? Entscheidet selbst.

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Die Post der Moderne: Was im Februar in Chemnitz geschah.

Es ist immer noch Winter in Chemnitz. Die Grippe- und die Kältewelle und die Kelly Family  haben die Stadt fest im Griff. Die Stadt selbst hat sich auch einigermaßen im Griff. Unsere Post der Moderne für den Monat Februar.

Das Lichtkonzept des Monats: 
Seitdem die einst finstere Stadt Chemnitz die wunderbare Welt der Elektrizität für sich entdeckt hat, rückt sie alles ins grelle LED-Licht, was bei Tageslicht eigentlich keiner sehen will: Den stillgelegten Hauptbahnhof hat man kurzerhand zur LED-Leinwand umfunktioniert, einen bedeutungslosen Schornstein zum Graypride-Tower der Stadt gemacht, der Zentrale Umsteigestelle einen funkelnden Sternenhimmel verpasst. Und nun soll auch das abrissgefährdetste Bauwerk seit der Wende illuminiert werden: Das Eisenbahnviadukt, das als eines der sieben Weltwunder und kleine Schwester des Pariser Eiffelturms seit jeher Millionen erzgebirgische Eisenbahnfans in die Stadt lockt. Auf Wunsch einiger Stadträte soll die stahlromantische Brücke jetzt angemessen beleuchtet werden, damit man die meisterhafte deutsche Ingenieursleistung noch besser würdigen kann. Außerdem passt die epochale Eisenbahnbrücke dann endlich besser zum hypermodernen Hauptbahnhof. Über das Farb- und Beleuchtungskonzept hielten sich die Räte noch bedeckt: Himmelblau oder Bahnrot? Oder lieber gleich in den lebensbejahenden Farben der MRB? Wir plädieren für eine öffentliche Ausschreibung und freuen uns schon: Eine leuchtende Eisenbahnbrücke. Über die kein Zug nach irgendwo fährt.

Ohnehin könnte die Stadt noch viel mehr beleuchten: Dem Nischel würden laserrote LED-Augen gut stehen, der CFC wäre mit feinen LED-Applikationen im Trikot garantiert nicht mehr abstiegsgefährdet, die Dealer-Hecken im Stadthallenpark wären mit Lichterketten ein viel freundlicher Ort

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Essen mit Sozialphởbie: Ein Streifzug durch die Chemnitzer Streetfoodszene.

Chemnitz ist eine Großstadt mit sehr dörflicher Struktur. Wissenschaftler der TU  Chemnitz haben herausgefunden, dass die Stadt so engmaschig vernetzt ist, dass alle Chemnitzer Frauen erwiesenermaßen zeitgleich menstruieren, dementsprechend auch zeitgleich ovulieren und demnach auch alle zur selben Zeit schwanger werden und dann reihenweise Kinderwägen über den Prenzlauer Kaßberg schieben. Aufgrund der dörflichen Stadtstruktur ist das Risiko also sehr groß, sogar bei einem vermeintlich harmlosen Imbissbuden-Besuch versehentlich auf einen alten Bekannten zutreffen und neun Monate später selbst einen Kinderwagen vor Emmas Onkel zu parken. Die Wahl des richtigen Imbisses gehört deshalb zu den größten Problemen des Firstworldlebens. Wo knallt die Knoblauchsoße am meisten, wie scharf ist eigentlich mittelscharf und vor allem: wie vermeide ich unangenehme Begegnungen mit losen Bekannten aus einem früheren Chemnitz-Leben? Wir haben alle angesagten Szene-Imbisse der Stadt für euch auf Sozial- und Lebensmittelverträglichkeit geprüft. Und denkt daran: Wer in Chemnitz essen geht, sollte seine Bestellung immer in der genuschelten Landessprache aufgeben, sonst gelten Westmarkpreise.


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Die Post der Moderne: Was im Januar in Chemnitz geschah.

Der Januar ist der längste Monat des Jahres, ein nie enden wollender Montag, und jetzt endlich vorbei: Chemnitz hat einen Tiger weniger, ein paar Lausbuben mehr und endlich wieder Charisma. Die Post der Moderne ist zurück – jetzt regelmäßig als Monatsrückblick.

Die Substanz des Monats:  Chemnitz ist eine abgasaffengeile Autostadt, quasi das sächsische Los Angeles, und gilt als die Wiege des deutschen Parkhauses. Die Fußwege sind nicht etwa leer, weil hier niemand wohnt, sondern weil hier jeder Auto fährt, als gäbe es keinen Technobus mehr.  Deshalb schmeckt die Chemnitzer Luft auch immer ein bisschen dunstig nach Diesel und nach dem Krebsrisiko, das so schön auf der Zunge prickelt, wenn man am Ampelstau vorbei schlendert und tief ein- und danach schwarze Feinstaub-Brocken wieder ausatmet. Weil Chemnitz gemeinhin als Peking des Ostens gilt, war die Feinstaubbelastung zu Silvester hier dezent höher und stieg auf 670 Mikrogramm pro Kubikmeter.  Zum Vergleich: Die karg besiedelten Ökohippiehochburgen Leipzig und Dresden lagen mit lächerlichen 90 Mikrogramm weit abgeschlagen hinter Chemnitz, das sich endlich mal gegen die beiden durchsetzen konnte und sich dem Traum von der Kulturhauptstadt-Medaille ein kleines bisschen näher böllerte. Klimaforscher und weltweite Wissenschaftler rätselten derweil, wie es in einer Stadt namens Rußchams zu derart hohen Werten kommen konnte, und machten Böller dafür verantwortlich. Gemessen wurde der Wert jedoch an der Leipzigerstraße, die bekannt ist für ihr ausgeprägtes Feinstaubmilieu, weil sie ständig als Ersatzspur für die dauerkaputte Reichsbahnanbindung nach Leipzig herhalten muss. Wir vermuten: Die explodierten Feinstaubwerte lagen gar nicht am Geböller, sondern daran, dass selbst in der Silvesternacht viel zu viele Autos unterwegs waren. Vermutlich wurden die meisten Chemnitzer Böller einfach während der Fahrt zum nächstgelegenen Mäcces schön aus dem SUV heraus gezündet — das ist erstens viel sicherer und zweitens muss man dabei nicht raus an die frisch verpestete Luft.

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re:marx in Gefahr: Als Reptiloid auf der Esoterik-Messe.

Jedes Jahr zum Jahreswechsel beschließt re:marx überhaupt gar nichts, außer an Silvester kurz vor zwölf ins Bett zu gehen und die Welt zu hassen, aber nicht mal das bekommen wir hin. Und so stehen wir jedesmal doch wieder mit Wunderkerzen an Kaßbergkreuzungen, und nehmen uns fest vor, endlich ein besserer Blog zu werden. Das nennt sich „guter Vorsatz“ und hält meistens genau drei Minuten, dann ist der letze Funke Optimismus schon wieder im Feinstaub verglüht und der Vorsatz liegt zwischen Böllerresten und dem Traum von der eigenen ICE-Verbindung auf dem kalten Boden der Tatsachen. Jetzt ist 2018, und alles soll sich ändern, denn wir wollen bessere Chemnitzer werden und Menschen sowieso. Wir wollen optimaler werden als all die egozentrierten Selbstoptimierer mit ihren Schritt- und Kalorienzählern, Healthgoals und handgepflückten Avocado-Broten. Nein, wir streben nach Höherem: Nach Ganzwerdung — unsere Seele im Einklang mit dem Turmglockenspiel, mit Chemnitz, mit sich selbst. Wir sind auf der Suche nach unserer inneren Mitte, das ist quasi die Zenti der re:marx-Seele: Dauerbebaut, dauergestresst, von Konflikten zerrüttet, von der Stadt überrollt. Wir wollen uns von eins Energien befreien. Wir wollen uns von mehr als nur dem Lulatsch erleuchten lassen. Wir wollen positiver werden.
Wir waren auf der Esoterik-Messe.

Die Chemnitzer Zukunft steht in den Stadthallen-Sternen.

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re:marx in Gefahr: Beim Heimspiel der Niners.

Wenn man von etwas keine Ahnung hat, soll man einfach mal die Schnauze halten. Oder einen Beitrag schreiben. Wenn re:marx von einer Sache ganz besonders wenig Ahnung hat, dann von Sport. Sport ist für uns das, was Churchill angeblich mal gesagt hat: Mord. Wobei Churchill natürlich nur „No Sports“ gesagt hat, was aber gar nicht belegt ist, weshalb man vermutet, dass die Aussage in Wirklichkeit von re:marx stammt.

In der Grundschule mussten wir zum Sport-Förderunterricht, weil wir an der Kletterstange scheiterten wie der (Lieblingsvergleich!) CFC am Zweitliga-Aufstieg, später waren wir nach der Sportstunde mal alleine in der Turnhalle eingeschlossen, weil wir selbst beim Umziehen die Langsamsten waren. Einmal wollten wir beim Dodgeball in der Mensa zugucken, doch dann haben wir den Ball direkt an den Kopf bekommen und mussten weinen vor lauter Schreck und Unsportlichkeit und generellem Bewegungsunvermögen.

Wir wurden immer als Letze in die Mannschaften gewählt.
Wir werden nie ein Fitnessarmband tragen.
Wir können nur mittelmäßig gut Fahrrad fahren, manchmal sogar geradeaus.
Wir schreiben auch dann in der Wir-Form, wenn wir nur ein Ich sind, so groß ist unser Teamgeist, immerhin.
Wir sind sportlich einfach unbegabt.

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Der re:marx-Leserpoll 2017. Die Ergebnisse. 

Ihr habt gevotet, wir haben ausgewertet.

Club des Jahres:
Kaum eröffnet, schon hängt er alle anderen ab: Der Technopark konnte beachtliche 82% der Stimmen auf sich vereinen — der beste Umfragewert für einen Chemnitzer Club seit Martin Schulz. Der Vorjahressieger N’Dorphin landete trotz Schließung im Sommer mit 10% auf Platz zwei. Sax und Pentagon3 teilen sich den dritten Platz.

Bar des Jahres: Hier konnte vor allem das oberschichtige Oberdeck (37%) überteuerte Longdrinks abräumen. Andere Bars landeten auf anderen Plätzen.

Regionaler DJ des Jahres:  Der aufstrebende Newcomer „Der Musikling“ (35%) ist euer Plattenteller-Darling des Jahres.  Auf Platz 2 performt die Freiberger Flower-Power-Legende Falko Rock (FR%), auf den dritten Platz habt ihr überraschenderweise DJ Uwe Bier (20%) gewählt.

Festival des Jahres:
Ein herber Rückschlag für das Kosmonaut Festival: Aus Solidarität mit re:marx haben viele von euch den Rabensteiner Ringelpietz hart abgestraft. Sieger wurde stattdessen mit über 50% das MS Beat 2014, das vielen Szene-Kennern als Vorbild fürs Kosmonaut gilt. Auch die Makers Faire freut sich zunehmender Beliebtheit und konnte 20% der Stimmen für sich gewinnen. Die restlichen Stimmen sind wild über die Chemnitzer Festivalszene verteilt: Von „Brühlfest“ über „buntes Brühlfest, bis hin zu „Baumwollbaum“ und „Kiezmarkt Brühl“ ist alles dabei.

Leerstes Konzert des Jahres: 
5 Prozent stimmten für das „Friends of Gas“-Konzert im Rahmen der Reihe „Die unteren Zehntausend“. 95 Prozent gaben an, gar nicht auf Konzerte zu gehen. Weiterlesen

Vom hässlichen Schlot zum schönen Schornstein: Lang leuchte der Lulatsch.

Die städtische Stromerzeuger-Koryphäe eins energie hat erkannt, was wir schon lange wissen: Die DDR ist vorbei, der Nischel muss weg! David Hasselhoff wird kommen und den Marx-Kopf niedersingen und damit wohl auch die indigenen Nischel-Jumper ausrotten. Das wird dann kurz traurig, aber irgendwie sind trotzdem alle glücklich, liegen sich in den Armen, tanzen auf den Trümmern, schwingen Wunderkerzen. Denn: Endlich kann sich die Stadt ein ordentliches Vermarktungskonzept zulegen, die Bronzezeit ist vorbei. Chemnitz braucht dann eine neue Corporate Identity, und da diese wohl eher nicht himmelblau wird, haben wir da sieben ganz besondere Farben im Sinn. Der Lulatsch — auch bekannt als „Heizkraftwerk Chemnitz-Nord“ — trägt nicht umsonst den gleichen Namen wie Oberbürgermeisterin Babalulatsch:

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Re:marx steigt in den Ring. Eine Anleitung zum Ringbusfahren.

Der Tag, an dem sich alles ändert, ist ein Sonntag im Dezember. Zweiter Advent, der wintergraue Himmel hat den Lulatsch verschluckt, Schnee wirbelt von den Dächern. In den Kaßberg-Fenstern strahlen prachtvolle Schwibbögen, blinken epileptische Leuchtsterne — ein heimliches Wettrüsten um die größte Erzgebirgskredibilität. Alles scheint wie immer in Chemnitz, und doch ist nichts mehr wie es war. Chemnitz hat jetzt einen Ringbus. Chemnitz ist jetzt Berlin.

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Abgevagt: CVAG. Weil wir auf dich abfahren. 

Zugegeben, so schlecht steht es gar nicht um die CVAG, der schönsten Nahverkehrsgesellschaft, seit es intimen Stadtverkehr gibt. Die Busse und Bahnen fahren meistens, und das sogar nachts. Außer natürlich, es ist gerade Winter, womit aber vorher niemand rechnen konnte, mitten im Januar. Oder es ist gerade Unfall, Bergparade, Roland Kaiser oder Bombenfund, da kann es schon mal zu Ersatzverkehr kommen. Die Preise sind je nach Kontostand mit 2,20 Euro pro Stunde einigermaßen akzeptabel oder unverschämt teuer. In Berlin kostet das aber auch nur 60 Cent mehr, und dort gibt es U-Bahnen, Doppelstockbusse und das Kotti. Hier gibt es stattdessen immerhin die Zenti, die ist mindestens genau so gefährlich, und überhaupt ein krasser Partytouristen-Hotspot, vielleicht sogar der einzige der Stadt. Und obwohl niemand versteht, was genau da eigentlich gerade „modernisiert“ wird an der Zenti und warum sie jeden Tag anders aussieht und der Bus schon wieder an einem anderen Bahnsteig abfährt, ist im Prinzip alles okay mit der CVAG: Es gibt das Chemnitzer Modell und ab Sonntag eine revolutionäre Ringbuslinie im 20-Minutentakt. Wären da nicht der Youtube-Kanal, die Image-Filme und die Fahrplanauskunft auf der Homepage.

Plötzlicher Wintereinbruch im Januar. Das konnte wirklich keiner wissen. Alle Screenshots sind  von der CVAG-Facebookseite.

Der Medienauftritt einer Verkehrsgesellschaft muss nicht unbedingt immer aufregend sein, außer natürlich, man ist zufällig „Arm-aber-Sexy“-Berlin und muss mit poppigen Kampagnen davon ablenken, dass es mit anderen Verkehrsprojekten gerade eher nicht so gut läuft. #weilwirnichtfliegen
Vielmehr sollte der Medienauftritt einer Verkehrsgesellschaft funktionieren, Übersicht geben, durchs Liniennetzdickicht navigieren. Außer natürlich, man ist zufällig „Alt-aber-Sexy“-Chemnitz, dann ist der Medienauftritt weder aufregend noch übersichtlich, sondern hochgradig modernisierungsbedürftig.

Alle elf Minuten übergibt sich ein Single an der Zenti.

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