Dieunterenzehntausend, 1. Konzert: Friends of Gas

Am kommenden Dienstag startet Dieunterenzehntausend, eine Veranstaltungs-Kooperation von Re:marx und dem Atomino, bei der wir tief ins Chemnitzer Veranstalter-Leben eintauchen und uns danach auf jeden Fall in misanthropischen Konzertberichten verlieren werden, ganz egal wie viele Leute kommen.

Den Auftakt machen Friends of Gas, und die sind mindestens die Band der Stunde, obwohl sie aus München kommen. Alles, was ihr sonst noch über die Band wissen und warum ihr am Dienstag unbedingt ins Atomino kommen müsst, steht in unserem Bandportrait.


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abgefakt: Konzerte in Chemnitz

Ein schönes Konzert  findet in Chemnitz mindestens einmal wöchentlich statt, natürlich je nach dem, was genau man als schön empfindet.
Wer kuschelige Folklore und große Gefühle in kleinen Räumen mag, kann sich im aaltra einlullen, mit echt gefühltem Befindlichkeitsfolkpop bespucken lassen und dabei vielleicht das ein oder andere frisch gezapfte PU-Tränchen vergießen.
Wer cool ist und die Intro oder zufällig Mitglieder einer (über-)regional agierenden Band kennt, steht an der Bar im Atomino und trägt ein fliederfarbenes Unknown-Basics-Sweatshirt.
Wer cool ist und die Intro kennt, dabei aber rotzigen Chuzpe beweisen will, steht halblässig verkrampft  im Tesla rum.
Wer im Herzen Punk oder vom Phänotyp her Hardcore ist, fährt mit dem Klapprad bis ins AJZ oder ins AC17. Wer generell geschmacklos ist, blüht im Flowerpower auf.
Wer ausgewiesener Popkulturkenner und etwas mutiger, also experimentell und so, und überwiegend in Nischen heimisch ist, geht einfach ins Weltecho zu HGichT oder einem Montagskonzert.
Wer alt ist, klatscht in der Stadthalle bei der großen PinkFloydQueenKaisermaniaLedZepplinPhuddys-Revivalshow sture Vierviertel-Takte in die Welt.
Wer gebildet und alt ist wartet damit bis zum vierten Satz.
Wer gerne Avocados isst, sitzt bei noch untapezierten Indieperlen gemütlich im Lokomov.

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Zehn/Kurze Fragen mit Playfellow

„Dummheit frisst, Intelligenz säuft“, sagte mal wer. Wer wissen wir gerade nicht genau.
„Happiness in intelligent people is the rarest thing I know“, schrieb mal wer. Das war Hemingway, der depressive Säufer mit der nüchternenen Sprache.

Wer sehr intelligent ist, ist selten glücklich, und wer selten glücklich ist, trinkt intellektuell-bordaeuxfarbenen Wein wie Wasser, schlussfolgern wir daraus und aus unserer eigenen, über Jahre hinweg angetrunkenen Rotwein-Weisheit.

Chemnitz ist in ihrer nischlbetonharten Modedrogenresistenz seit jeher eine Stadt, durch die zwar nur ein kleiner unbedeutender Fluss, dafür aber ein kontinuierlicher Strom Alkohol fließt, der viele immer wieder ins Verderben reißt.

Daran, dass die Chemnitzer besonders intelligent sind, liegt das vermutlich nicht. Daran, dass die postsozialistische Traurigkeit in Chemnitz so großflächig grau erlebbar ist, wie nirgendwo sonst (übertrieben geschrieben) vielleicht schon.

Vor zwei Wochen haben wir uns mit der traurigsten Band der Stadt getroffen, um all das kollektive Chemnitz-Leid in Gin zu ertränken, uns melancholisch im Schnaps zu baden und peinliche Lanz-Fragen zu stellen.  Es folgen: Zehn/Kurze Fragen mit Playfellow, genau, die, die heimlich bei Radiohead klauen und die ab morgen mit ihrem neuen Album „Ephraim’s House“ ein Stück der Chemnitzer Melancholie in die weite Welt tragen.

Abgefakt: Holding Back The Years – Studentendisko revisited.

Wir sind wieder hier. In unserm Revier. Warn nie wirklich weg. Ham uns nur versteckt. Nach gefühlten Jahrzehnten der Abstinenz begab sich re:marx, getrieben von Nostalgie und Wermut äh Wehmut, bei der allseits beliebten Chemnitzer Studentendisko auf die Suche nach dem Gefühl von früher und der Antwort auf die Gretchen-Frage: Sind die anderen uncool, oder sind wir einfach nur alt geworden? Ein Abgefakt: Studentendisko. Oder ist es ein eher ein Abgefakt: Wir selbst ?

Das war:
Nichts wie es heute ist. Bevor man dem Johannisplatz die graue Kellnberger-Glasfassaden-Uniform übergestülpt und mit der Ansiedlung eines Vapianos endgültig zum Einkaufsstraßen-Einerlei komplettiert hatte, befanden sich hier kreisrunde Blumenbeete, meist mies bepflanzt. Hip sahen die nicht aus, aber man konnte auf ihren gekachelten Rändern sitzen und sich von der Clubnacht abkühlen. Bier trinken, rauchen, seriöse Suff-Gespräche führen, nach Gras gefragt werden. Anlass dafür war meist die Studentendisko: Jeden soundsovielten (wir wissen es gerade gar nicht mehr, so lang ist das schon her) Mittwoch im Monat, der Eintritt war frei – ein Highlight im studentischen Veranstaltungskalender. Immer traf man hier alle, die man gern treffen wollte, und auch die anderen. Immer liefen hier handfeste Indie-Hits und immer Madness. „Our House“ bis zum Britpop-Erbrechen. Irgendwann konnte man es nicht mehr hören: Tausend mal gehört, tausend mal ist nichts passiert.

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Früher war mehr Konfetti.

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Die Chemnitzer Lügen-WordPress propagiert: 1×2 Freikarten für Von Spar zu gewinnen!

Chemnitz wehrt sich also. Eine friedfertige Facebook-Gruppe für Rechtsgesinnte und Pöbel Kind und Kegel, in der man sich gegenseitig liebevoll daran erinnern muss, ausnahmsweise mal auf volksverhetzendes Vokabular wie „Gesocks, Pack und vergasen“ zu verzichten und die schwarz-weiß-rote Fahne heute dann doch lieber über dem Bett neben dem Frei.Wild-Poster hängen zu lassen, um endlich ernst genommen zu werden. Man will ja schließlich nicht in die rechte Ecke gestellt werden, denn mit den Nazis hat man absolut nichts gemein, außer dass man halt rein zufällig die gleichen dummen Meinungen, Vorurteile und Hetzparolen teilt und deshalb von den manisch manipulativen Medien immer wieder in die rechte Ecke gestellt wird – was zu ständigem Unverständnis, Wut und massenhaften Freie-Presse-Abo-Kündigungswellen führt. Die, die sich hier wehren, sind lediglich besorgte Bürger, allesamt neutraler als die Schweiz – diese ist ja schließlich auch das große Vorbild in Sachen „Masseneinwanderung stoppen“. Und niemand, wirklich niemand hat was gegen Ausländer, aber, und aber wird man ja wohl noch sagen dürfen, darf man aber nicht mehr sagen: aber armes Deutschland! Samstagnachmittag hat sich jene im Voraus vorsorglich entnazifizierte Entourage in der Chemnitzer Innenstadt mal so richtig gegen Asylbewerber und die schon so gut wie abgeschlossene Islamisierung der Stadt gewehrt und zwar vor dem Karl-Marx-Monument, weil der Karl ja auch so ein Freigeist und Querdenker war – wie die besorgten Bürger eben.
Die Lügenpresse jedenfalls behauptet, am Samstag hätte da ein brauner Bürger-Mob demonstriert und liegt damit wie immer vollkommen falsch: Es war ein kackbrauner Bürger-Mob. Aber wir wissen ja selbst wie das ist mit der Meinungsfreiheit. Sie existiert nicht.

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Chemnitz wehrt sich gegen Schleichwerbung von Atomicc (Bitte dem Link folgen)

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Wieder im Angebot: 10 Kurze/Fragen. Heute mit: Sir Henry.

Das redaktionelle Re:marx-Jahr folgt einem strengen Zyklus: Winterschlaf, Osterloch, Frühlingshoch, Sommerloch, Herbstdepression, Conti-Loch, Weihnachten: Best-Of-Loch-Listen. Da bleibt kaum Zeit für echte Inhalte, weshalb wir den Autorenkreis von fünf auf einen reduzieren, die Schnapsatmungs-Patienten zur Kur schicken, Rico Ranunkel als schlechtbezahlte Aushilfskraft ausbeuten und unser Erfolgsformat  „10 Kurze/Fragen“ vorerst auf Trockeneis legen mussten. Doch hiermit soll die fünfmonatige Durststrecke nun endlich offiziell enden, denn auf dem Sonnenberg – dem derzeit angesagtesten Viertel der Stadt – hat ein neuer Club eröffnet, der Nikola Tesla heißt und dem Kritiker einen gewissen Verwandschaftsgrad mit dem Atomino unterstellen. Weil Club-Betreiber erfahrungsgemäß die härtesten Interviewpartner sind und zehn+ Schnäpse trinken wie ayurvedisches Ingwerwasser, haben wir Sir Henry, Chemnitzer Adelsexperte und Ritter aus Leidenschaft, zur verheerenden Verbal-Verkostung geladen – oder war es eher umgekehrt?
Egal! Schonungs- und hemmungslos wie eh und je haben wir uns auch in diesem Gespräch an die Grenzen der menschlichen Würde herangetastet und die vielgefürchtete Lanz-Frage („Wieviel?“) gleich zum Einstieg gestellt – zumindest wenn man dem durch Schnitttechnik stark manipulierten Video glaubt. Was Nikola Tesla außer Wechselstrom sonst noch zu bieten hat, was an den Verschwörungstheorien rund um’s Atomino dran ist und ob wir wirklich alle Alkoholiker sind, verrät ein Klick auf folgenden Film.

Das Nikola Tesla steht auf der Zietenstraße, gegenüber vom Lokomov. Wir sagen: Nix wie gin!

Gebraut to beer a Chemnitzer! Abgefüllt: Die Nacht der langen Schnäpse.

Fast jeder, der schon mal in Italien war, erzählt von typisch italienischen Nächten, in denen man nachts draußen sitzt, statt in Clubs oder Kneipen zu gehen. Auf Treppen, in Parks und an Brunnen in historischen Stadtzentren. Doch das bedeutet eben auch: Mehr Müll, mehr Lärm und mehr Wildpinkler – was im inkontinenten sozialen Gefüge einer Stadt wie Chemnitz manche mehr und manche weniger stört.
Diese Italiener sind uns jedenfalls sehr sympathisch. Und immer, wenn wir nachts draußen sitzen, auf Treppen, in Parks und an Brunnen und was trinken oder auch nicht, weil in Kneipen oder Clubs nichts los ist oder gerade deswegen, denken wir: Ist ja fast wie in Italien. Oder in Spanien.
Nur eben hier.
Warum ist Draußensitzen nicht gleich Draußensitzen? Hat der Italienneid ein Zimmer im champagnerfarbenen Neubaublock des kollektiven Unterbewusstseins der Karl-Marx-Städter? Was ist der Unterschied zwischen Großstadtflair und Ruhestörung? Wir wissen nicht, ob das die Fragen sind, die Rico Ranunkel beschäftigen. Der hat einen Abend, bevor das Alkoholverbot in der Innenstadt in Kraft getreten ist, zur Nacht der langen Schnäpse eingeladen. Zeit für ein sommerlich-schnapsgetränktes Abgefakt Abgefüllt über den ersten Chemnitzer Flasch-Mob.

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Ein Ort friedlicher Ko-Existenz, die Quelle italienischen Lebensgefühls: Der Brunnen im post-historischem Stadtzentrum.


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Zehn Kurze/Fragen mit: Jan Kummer.

Aus Rücksicht auf die Wähler ist er nicht Bürgermeister geworden.
Wenn es nach ihm ginge, würde Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt heißen.
An seinen Texten hat sich die Stasi die kleinen grauen Zellen wund geschubbert.
Und seine Hochzeit hat er beinah beim Friseur verpennt.
Jan Kummer ist der erste Interview-Gast, bei dem wir überlegt haben, ob wir ihn nicht Siezen müssten. Der Don Brummer, Maler, Atomino-Gründer, Papa von zwei Kraftklub-Kids, 371-Kolumnist etc. pp., Jahrgang 1965, muss auch darüber nachgedacht haben. „Hallo, ich bin der Jan“, ist das erste, was er sagt. Und dann redet er vier Stunden ununterbrochen, signiert ein AG Geige-Plakat, raucht eineinhalb Schachteln Petra, die Mutti aus Tschechien mitgebracht hat, trinkt eine halbe Flasche Whiskey, hat nix zum Abendbrot gegessen und sieht trotzdem so aus als könnt er noch fahren:
Zehn Kurze/Fragen mit dem ewig unverstandenen Chuck Norris von Chemnitz!

„Nie wieder Buchmesse“. Ein Gespräch mit Linus Volkmann und Felix Scharlau

Wir sind (angehende) Geisteswissenschaftler, Kreative, Freiberufler. Tausend Semester Studium, hundert Jahre Eigenwilligkeit, ohne Zukunft, ohne Geld. Ohne Perspektive führen wir ein wirres Dasein am Rande der ökonomischen Akzeptanz, vereint im Kampf gegen die mörderischen Mechanismen der Leistungsgesellschaft. Diese Sonderform der geisteswissenschaftlichen Umnachtung führt zur fortschreitenden Identifikation mit allem Randständigen und das wiederum lässt unser Herz für Minderheiten schneller, weiter und höher schlagen. Eine solche Minderheit soll heute nun im Fokus dieses im Beschäftigungsmangel wurzelnden Beitrags stehen. Es geht um ein Phänomen, das beim hyperaktiven Internetnutzer mittlerweile etwa so beliebt ist wie Markus Lanz beim Rundfunk-Gebührenzahler: um den Text.
In unserer schnelllebigen Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne der Webuser die einer Eintagsfliege kaum übersteigt, scheint der Text, der langweilige, der konservative, der eindimensionale Text schlichtweg nicht mehr tragbar, eine unpopuläre Randerscheinung, die kaum noch mit glühender Aufmerksamkeit gehuldigt, sondern nur noch mit bitteren Vorwürfen torpediert wird. Denn mal ganz ehrlich – wer liest den Scheiß?

Stattdessen locken Fotos mit Brüsten, Einhörnern und Katzenbabys vor Hubble-Space-Teleskop-Aufnahmen und verheißen Klicks und Shares, Content-Gold, Facebook-Geld. Ästhetisch inszenierte Werbefilmchen, retro-rote Instagramm-Filter-Fotos von Cheeseburgern, Musik, das geht immer. Auch das ist Text (um mal medienwissenschaftliche Verwirrung zu stiften). Wir aber meinen das, was höchstens noch hip ist, wenn man es sich von blonden Psychologie-Studentinnen auf Poetry-Slams vorlesen lässt oder im Rahmen der virtuellen Selbstdarstellung auf 140 belanglose Zeichen komprimiert – Text in Textform. Nicht nur ein Wort, oder zwei, oder drei, oder fünf, nein, viele viele Wörter, bestehend aus Buchstaben, inflationär angehäuft zu einem Müllberg der Zeitverschwendung. Unzählige nutzlose Worte nebeneinander, große, kleine, federleicht und tränenschwer, prosaisch, poetisch,vernichtend, erhaben, bedeutungsvoll und sinnentleert, sinnvoll und bedeutungsleer, einfach nur so, ohne Foto, ohne Youtube-Einbettung, ohne Spotify-Link. Kurzum: Ekelhaft! Das liest doch kein Schwein!
Doch damit sei der Gipfel der Textlastigkeit noch nicht erreicht: Am Donnerstag sandten wir unsere Atomino-Außenkorrespondenten aus, um ihm Rahmen der „Monsters of Borderline“-Lesung mit zwei Männern zu sprechen, die als Musikjournalisten nicht nur täglich mit Text und Elend zu tun haben, sondern die erst kürzlich Text in seiner vielleicht brutalsten Form bewältigt haben – dem Buch. Wem beim bloßen Anblick von so viel Text schon ganz übel und sterbenselend zumute geworden ist, der sollte an dieser Stelle eigenverantwortlich handeln und lieber nicht weiterlesen.

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Für alle militanten Hard-Core-Leser folgt nun ein Gespräch mit Linus Volkmann, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur der INTRO sowie Felix Scharlau, dem Textchef des Musik-Magazins, über Gentrifizierung, Chemnitz und den Brühl, Bücher, die Buchmesse, das Schreiben und den Text im Allgemeinen und Besonderen.

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Blinded by the traffic lights: Laut, lauter, Gehörsturz, Fußgängerampeln.

Dass man das Leben im „Tor zum Erzgebirge“ mit großstädtischer Kleingeistigkeit anstatt mit weltoffenen Armen empfängt, dürfte mittlerweile weit über die Stadtgrenzen von Chemnitz hinaus bekannt sein. Nicht nur das Atomino wurde von Lautstärke-Klagen einmal quer durchs Dorf gejagt, auch das Weltecho sieht sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert, ja sogar Kraftklub, der Chemnitzer Export-Schlager schlechthin, drohte erst kürzlich den absoluten Super-GAU an: den Wegzug aus Chemnitz. Grund für die zusehend schwindenden Zukunftsperspektiven: die Stadt ist zu leise. Doch als wenn das alles noch nicht genug wäre, hat das urbane Biedermeiertum nun ein bisher nicht für möglich (oder doch?) gehaltenes Niveau erreicht. Denn jetzt ist ein neues Opfer in den Fokus des seit Jahren laufenden städtischen Lautstärke-Sanierungsplans gerückt: Fußgängerampeln.

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Wir müssen draußen bleiben: Ampeln sind die jüngsten Opfer der gnadenlosen Chemnitzer Lärm-Sanierungs-Politik.


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