Die Post der Moderne (KW wasweißich): Was letzte Woche im Chemnitzer Internet geschah.

Weil wir von Re:marx uns als zwangsklicks-finanziertes, öffentlich-nichtganzrechtliches Blog dem Bildungsauftrag verpflichtet fühlen, wollen wir euch an dieser Stelle mal ein essentielles kommunikationstheoretisches Konzept vorstellen: Die Schweigespriale. Das ist keine besonders stille Verhütungsmethode, sondern eine Theorie zur öffentlichen Meinung. Und im Kern ganz einfach: Merkt man, dass man die Meinung, die man hat, scheinbar alleine hat, weil sie nicht konsensfähig ist, verzichtet man lieber darauf, diese Meinung öffentlich zu äußern. Man hüllt die strittige Meinung in den sanften Schutzmantel des Schweigens. Warum das so ist? Weil der Mensch als Rudeltier Angst vor sozialer Isolation hat und stets nach gesellschaftlicher Anerkennung und Inklusion strebt. Glaubt man aber zu wissen, dass die eigene Meinung gerade angesagt ist, steigt die Bereitschaft, sie zu äußern, bzw. sie in grausamen Deutsch in die Kommentarspalten unter diverse Facebook-Posts zu tippen und dafür mit Zustimmung – also Likes und „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Kommentaren – überhäuft zu werden. Fast fertig ist die Theorie, über die man sich als angehende_r KommunikationswissenschaftlerIn im Laufe des Studiums gefühlt 30 Referate anhören darf. In jedem dieser 3000 Referate über Noelle-Neumanns Schweigespirale gab es jedenfalls ein spezifisches Beispiel: Die BILD-Zeitung.

pdm Weiterlesen

Viel Lärm um Nichts: Das große FP-Leserkommentar-Bullshit-Drama in vier Akten.

Auch wenn man als echter Ureinwohner des Internets die digitale Weisheit mit goldenen Löffeln gefressen und das gesamte Internet schon mindestens einmal ausgedruckt und auswendig gelernt hat, so wird man doch täglich auf’s Neue von weltweitwebbewegenden Erkenntissen erschüttert. Zum Beispiel durch diese: Facebook-Kommentare sind das neue Unterschichten-Fernsehen!
Wo früher konfliktgeile Koriphäen wie Britt, Bärbel, Arabella und Vera, Andreas Türck und Oliver Geissen prekäre Familienstreits und bumsfidele Bumsgeschichten schlichteten, klafft heute eine große Lücke, die weder von „Mitten im Leben“ noch durch formvollendete Formate wie „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ mit dem entsprechenden Müllgehalt gefüllt werden kann. Weil der Fernseher ja aber ohnehin ein nahezu archaisches Gerät aus dem letzten Jahrhundert und in der digitalisierten wie intellektuell inszenierten Welt vom Aussterben bedroht ist (Stichwort: „Zum Glück schaue ich schon seit Jahren kein Fernsehen mehr“), sind solche Formate auch gar nicht mehr von Nöten, denn stattdessen gibt es heute ja glücklicherweise das dicke große Facebook, in dem man abends lieber liest, anstatt sich durch Zwangsgebühren finanzierte Volksverdummungsmusikshows anzuschauen. Anstelle des trashigen Nachmittagstalks, mittels dessen man sich stets so wunderbar über die Dummheit der anderen aufregen und an der eigenen Bildung berauschen konnte, tritt nun der gemeinhin gruslige und grenzdebile Facebook-Leserkommentar, der sich derzeit unter den Statusmeldungen sämtlicher null-bis topseriöser Tageszeitungen ähnlich rasant verbreitet wie die europäische Panik vor Ebola.

bernd
Weil wir uns auch so gerne über andere aufregen, wollten wir uns schon lange einmal die Leserkommentare unter den Posts unseres städtischen Lieblings-Leitmediums, der Freie Presse, vornehmen und knallhart analysieren bzw. die Idee des Leserkommentar-Bullshit-Bingos von der LVZ klauen. Da Bullshit-Bingos mittlerweile jedoch so langweilig und vorhersehbar sind, dass man auch einfach ein Bullshit-Bingo-Bullshit-Bingo anfertigen könnte, haben wir uns dafür entschieden, unseren selbstauferlegten Bildungsautrag zu erfüllen und ausgewählte Freie-Presse-Facebook-Kommentare aus dem Monat Oktober fast unverfälscht und als das wiederzugeben, was sie auch sind: Ein antikes Drama ohne Sinn, in unendlich vielen Akten.
Sollte das nachfolgende Stück, das ausschließlich aus original Leserkommentaren und unheimlich schlechten Reimen besteht und deshalb orthografisch wie inhaltlich absolut fragwürdig ist, demnächst in sämtlichen sächsischen Schulen als Weihnachtsmärchen über die Mär von Nächstenliebe, gesamtdeutscher Gastfreundschaft und dem Volk der großen Dichter und Denker zwangsaufgeführt werden, wäre uns das jedenfalls eine große Freude.

jutta Weiterlesen