abgefakt: Zeitgeist 2014. Teil I (Januar bis Juni)

Die Jahresrückblicke im Fernsehen inszenieren die bewegensten Momente des Jahres ja gerne als diejenigen, in denen sich eine ganze Nation stolz selbst feiern darf: „Deutschland“, wie es vorübergehend auf dem ersten Platz des Medaillien-Spiegels der olympischen Winterspiele steht, Bastian Schweinsteiger, wie er mit blutigem Heldengesicht den Pokal küsst, Helene Fischer, wie sie im Lady-GaGa-Gedächtnis-Dress Millionen Deutsche atemlos macht, ganz Berlin, wie es leuchtende Luftballons in den dunklen Novemberhimmel stiegen lässt. Natürlich gab es auch schlimme Bilder, die man für die tägliche Dosis Unwohlsein zwischen den ganzen Jubelarien immer mal wieder einschieben sollte: Ebola, wie es Europa bedroht, der IS, wie er britische Geiseln köpft, Putin, wie er ungeniert vor sich hin annektiert oder natürlich jüngst Ramelow, wie er als erster linker Ministerpräsident für konservative Kräfte eine größere Terror-Bedrohung darstellt als sämtliche Salafisten in Frankfurt. Aber solche schrecklichen Dinge will man doch eigentlich gar nicht mehr sehen, wenn einen der schöne Schein der Adventskerzen bereits in vorweihnachtliche Besinnlichkeit gelullt hat. Wir sind Weltmeister, das ist Erinnerung genug. Schnell noch mal  die schwarzrotgoldenen Millionen am Brandenburger Tor zeigen. Für manche war das einer der finstersten Momente deutscher Jubelgeschichte seit 1933, für viele Leitmedien war es jedoch endlich der Weg zur geschichtsbefreiten Selbsterkenntis Deutschlands als liebenswerteste, beliebteste und wirtschaftlich geilste Nation aller Zeiten –  endlich on top of the world, und das auf völkerrechtlich absolut legitimen Weg. In diesem Rahmen möchten wir unsere liebenswerte Nation ganz ohne Hintergedanken übrigens noch einmal an den Slogan der WM 2006 erinnern, die dieses tolle „Wir-Sind-Schland“- Gefühl einst so fürsorglich reproduzierte: Die Welt zu Gast bei Freunden. Hust.
Weil re:marx typisch deutsch ist und sich 2014 selbst endlich als liebenswertestes, beliebtestes und wirtschaftlich geilstes Blog in Chemnitz erkannte, beweihräuchert es sich deshalb anlässlich des großen Finales mit einer emotionalen Chronik der bewegensten Bilder, Wortspiele, Schnapsideen und Alliterationen des Jahres noch mal so richtig selbst!

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Stolz und Vorurteil: Das Chemnitzer Bekenntnis Bingo.

Der Chemnitzer Stolz ist ein Phänomen, das führende Soziologen wie uns schon mal an den wissenschaftlichen Rande des Wahnsinns treibt. Wäre man irgendwie schlau, dann könnte man jetzt mit (ein-)gebildet klingenden, aber völlig unpassenden Theorien wie Webers protestantischer Ethik oder irgendwas von Bourdieu oder gar mit Vorwürfen der Deutschtümelei hantieren, aber als stolze Holzköpfe wagen wir die hölzern-hohle These, dass sich die Stolzfrage auf folgende formvollendete Formel
Chemnitz = Industrialisierung = Arbeit = Leistung = Stolz.
herunter brechen lässt. q.e.d. Letztendlich ist es ja auch vollkommen egal, woher der Stolz auf diese stählerne Stadt kommt, so lange er sich clever vermarkten lässt. Denn das, was Chemnitz am dringendsten braucht, ist bekanntermaßen ein funktionierendes Stadt-Marketing-Konzept – die Stadt hat das rechtzetig erkannt und im Oktober 2013 eine große Stadt-Marketing-Kampagne ausgeschrieben, die sowohl auswärtige Fachkräfte anziehen als auch die eingerostete Eigenliebe der Chemnitzer beflügeln sollte. Den Zuschlag  erhielt die ortsansässige Agentur Zebra, doch als deren erste Stolz-Offensive „Proud to be a Chemnitzer“ – eine volkstümliche Weisheit, gehüllt in den weltoffenen Deckmantel der Internationalität – hochgepitcht wurde, stieß das seltsamerweise auf wenig Gegenliebe. Vermutlich, weil die schrecklich hohe Sprachbarriere den Zugang zum gemeinsam geteilten Stolz versperrte.
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