„Nie wieder Buchmesse“. Ein Gespräch mit Linus Volkmann und Felix Scharlau

Wir sind (angehende) Geisteswissenschaftler, Kreative, Freiberufler. Tausend Semester Studium, hundert Jahre Eigenwilligkeit, ohne Zukunft, ohne Geld. Ohne Perspektive führen wir ein wirres Dasein am Rande der ökonomischen Akzeptanz, vereint im Kampf gegen die mörderischen Mechanismen der Leistungsgesellschaft. Diese Sonderform der geisteswissenschaftlichen Umnachtung führt zur fortschreitenden Identifikation mit allem Randständigen und das wiederum lässt unser Herz für Minderheiten schneller, weiter und höher schlagen. Eine solche Minderheit soll heute nun im Fokus dieses im Beschäftigungsmangel wurzelnden Beitrags stehen. Es geht um ein Phänomen, das beim hyperaktiven Internetnutzer mittlerweile etwa so beliebt ist wie Markus Lanz beim Rundfunk-Gebührenzahler: um den Text.
In unserer schnelllebigen Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne der Webuser die einer Eintagsfliege kaum übersteigt, scheint der Text, der langweilige, der konservative, der eindimensionale Text schlichtweg nicht mehr tragbar, eine unpopuläre Randerscheinung, die kaum noch mit glühender Aufmerksamkeit gehuldigt, sondern nur noch mit bitteren Vorwürfen torpediert wird. Denn mal ganz ehrlich – wer liest den Scheiß?

Stattdessen locken Fotos mit Brüsten, Einhörnern und Katzenbabys vor Hubble-Space-Teleskop-Aufnahmen und verheißen Klicks und Shares, Content-Gold, Facebook-Geld. Ästhetisch inszenierte Werbefilmchen, retro-rote Instagramm-Filter-Fotos von Cheeseburgern, Musik, das geht immer. Auch das ist Text (um mal medienwissenschaftliche Verwirrung zu stiften). Wir aber meinen das, was höchstens noch hip ist, wenn man es sich von blonden Psychologie-Studentinnen auf Poetry-Slams vorlesen lässt oder im Rahmen der virtuellen Selbstdarstellung auf 140 belanglose Zeichen komprimiert – Text in Textform. Nicht nur ein Wort, oder zwei, oder drei, oder fünf, nein, viele viele Wörter, bestehend aus Buchstaben, inflationär angehäuft zu einem Müllberg der Zeitverschwendung. Unzählige nutzlose Worte nebeneinander, große, kleine, federleicht und tränenschwer, prosaisch, poetisch,vernichtend, erhaben, bedeutungsvoll und sinnentleert, sinnvoll und bedeutungsleer, einfach nur so, ohne Foto, ohne Youtube-Einbettung, ohne Spotify-Link. Kurzum: Ekelhaft! Das liest doch kein Schwein!
Doch damit sei der Gipfel der Textlastigkeit noch nicht erreicht: Am Donnerstag sandten wir unsere Atomino-Außenkorrespondenten aus, um ihm Rahmen der „Monsters of Borderline“-Lesung mit zwei Männern zu sprechen, die als Musikjournalisten nicht nur täglich mit Text und Elend zu tun haben, sondern die erst kürzlich Text in seiner vielleicht brutalsten Form bewältigt haben – dem Buch. Wem beim bloßen Anblick von so viel Text schon ganz übel und sterbenselend zumute geworden ist, der sollte an dieser Stelle eigenverantwortlich handeln und lieber nicht weiterlesen.

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Für alle militanten Hard-Core-Leser folgt nun ein Gespräch mit Linus Volkmann, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur der INTRO sowie Felix Scharlau, dem Textchef des Musik-Magazins, über Gentrifizierung, Chemnitz und den Brühl, Bücher, die Buchmesse, das Schreiben und den Text im Allgemeinen und Besonderen.

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