Wiki-How Chemnitz: Wählen gehen und gut dabei aussehen

Am Sonntag ist es endlich soweit: Die Kommunal- und Europawahlen werden tausend wahlwütige Chemnitzer an die Urnen locken, wie es sonst nur die städtischen Friedhöfe tun. Das Wahllokal gilt gemeinhin als der Nachtclub der politischen Landschaft: Wie fast nirgendwo anders gilt es hier, der oder die Coolste zu sein, Haltung oder die Fassung zu bewahren, den Absturz abzuwenden, der am Ende doch wieder passiert (vor allem, wenn man SPD-Wähler ist), und nicht der/die Erste oder Letzte im Wahllokal zu sein, weil das bekanntermaßen peinlich ist. Das Wahllokal ist ein Ort für gebrochene Herzen und triumphale Freudestaumel, für Rausch und Ernüchterung, fürs Fremdflirten und fürs Prügel  austeilen. Damit ihr am Sonntag auch mit Abstand die Coolsten an der Urne seid, haben wir euch vorab nochmal ein kleines Wiki-How geschrieben. Heute: Wählen gehen und gut dabei aussehen.

1_Finde deine Wahlunterlagen:
Deine Wahlbescheinigung hast du schon vor Wochen bekommen, versehentlich für einen Brief vom Finanzamt gehalten und direkt weggeschmissen? Das ist schlecht, aber du kannst trotzdem wählen gehen – dafür brauchst du nur deinen Personalausweis und das richtige Wahllokal. Vielleicht hast du den Brief aber auch gemeinsam mit dem Amtsblatt und dem Photoshop-Phillip-Flyer der authentischen Pizzeria „Himalaya“ aus dem Briefkasten gefischt und auf den Papier-Mount-Everest in deiner staubigsten Schlafzimmerecke geworfen? Das ist super, jetzt musst du ihn nur noch finden. Deine Wahlbescheinigung hängt längst laminiert und von Wahl-Flyern gerahmt an deinem Chemnitz-Wutboard? Das ist perfekt. Ab zur Urne! 

Perfektes Outfit deiner Wahl: Europa-Sweater, Lulatschschal, gute Laune und festes Schuhwerk

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Die Post der Moderne: Was im März in Chemnitz geschah (ziemlich viel)

Ganz früher, vor einem Jahr ungefähr, galt es noch als Sensation, wenn Chemnitz mal in einem anderen Fernsehen als dem Sachsen Fernsehen zusehen war. Ganz ganz früher, vor zwei Jahren ungefähr, hat man noch euphorisch Buzzfeed-„Artikel“ namens „Warum Chemnitz das bessere Zwickau ist“ geteilt, hat direkt ein Public Viewing veranstaltet, wenn irgendwo jenseits des MDR ein Beitrag über die Stadt lief und ist fast ausgerastet, wenn der Lulatsch auch nur drei Sekunden lang im Morgenmagazin gezeigt wurde. Heute ist man froh, wenn man von der eigenen Stadt länger nichts gehört hat: Unsere Post der Moderne für den März. Einem Monat, in dem Freud und Leid so nah beieinander lagen wie Sonne und Regen. Aber immerhin gab’s viele Regenbögen.


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Mikroprojekte für Chemnitz2025 II: Ich bin ein Star, holt mich wieder heim

Die Chemnitzer Kulturhauptstadt-Bewerbung wirft einige Fragen auf. Zum Beispiel, warum das Motto „AUFbrüche“ heißt, wenn doch so viele ihre Zelte hier ständig ABbrechen und wer da eigentlich auf der Caplock-Taste mAUSgerutscht ist. Oder ob sich später irgendjemand die zufallsgenerierten Slogans „Opening Minds“ und „Creating Spaces“ auf die Wade neben das CFC-Wappen tätowieren lassen wird.
Chemnitz wirkt wie ein tief verunsicherter Teenie zwischen Selbstsuche und Selbstbefriedigung, dem es nicht gelingt, sich von den spießigen Anderen abzugrenzen, aber auch nicht, sich einer coolen Subkultur-Szene anzuschließen und eine respektierte Underground-Größe zu werden. Frage: Was braucht ein taumelnder Teenie in der schwierigen Phase der Identitätsfindung? Genau: Vorbilder, Idole, Bravo-Starschnitte an der Wand. Da sieht es nicht so gut aus in Chemnitz, da gibt es quasi nur den Lulatsch, aber der ist vielen Chemnitzern  zu tolerant, und Kraftklub, aber die sind vielen Chemnitzern zu linksradikal. Nein, der gemeine Chemnitzer will endlich mal ungehemmt lokalstolz sein, will jemanden, der ihn im MDR-Riverboot repräsentiert und in der Carmen-Nebel-Show, will jemanden, den er am Marktplatz mit Deutschland-Fahnen empfangen kann, der einmal wöchentlich im Roten Turm Autogramme schreibt. Anschlussfrage:  Was haben Michael Ballack, Matthias Schweighöfer, Katarina Witt und Alexander Gauland gemeinsam? Genau: Sie leben alle nicht mehr in Chemnitz. Und die ganze Stadt trauert zumindest den ersten drei, vielleicht auch letzterem, nach wie ein Kleinkind dem verlorenen Lieblingskuscheltier. Das wollen wir ändern und beantragen hiermit 2.500 Euro Mikroprojekt-Gelder für die erfolgreiche Rückführung von ehemaligen Chemnitz-Legenden. Damit die gesamte Stadt auch mal eine Identifikationsfigur abseits des Sprechenden Nischels hat, damit Chemnitz endlich Kulturhauptstadt wird. Folgend ist aufgeführt, wie die vier deutschen Megastars die Stadt und ihre Bewerbung um die europäische Städtekönigin 2025 bereichern könnten.

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All I Want for Christmas is… aus dem Chemnitzer Souvenirshop. Die besten Geschenktipps für Chemnitzfans.

Vergesst selbstgeklebte Fotokalender, selbstgebackene Hanf-Kekse, selbstgesungene Lieder, selbstgelötete Lulatsche oder selbstgestrickte Sockensets – die besten Weihnachtsgeschenke kommen aus den Chemnitzer Souvenirshops. Egal ob für den grantigen AfD-Onkel, den Guido-Knopp affinen Großvater oder für die beste Insta-Freundin, hier ist für alle was dabei. Unser Geschenke-Guide für Kurzfristige und Chemnitzfans.

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I Bless the Rains Down in Africa – Spaziergang im Chemnitzer Tierpark

Wir wollten einen tristen Ausflug machen. In Chemnitz. Im Herbst, unter grauem Himmel, im feinen Nieselregen vielleicht. Aber dann war Wetter zu schön, der Himmel zu blau, die Sonne zu strahlend — wie immer in den letzten sechs Monaten. 2018, ein einziger ewiger Sommer, der selbst in einer Stadt wie Chemnitz mittelschwere Paradiesdepressionen ausgelöst hat. Ein Sommer, so gnadenlos schön, so furchtbar lang, dass man sich mit Regengenerator auf voller Lautstärke in abgedunkelten Räumen verschanzen und zum Netflix gucken in den Keller gehen musste, um gegen das schlechte Schöne-Wettergewissen anzukämpfen.
Was kann man also tun, wenn sich die mittlerweile weltberühmte Chemnitzer Tristesse, wegen der man die Stadt so verzweifelt liebt, aber auch so verdammt oft verflucht, einfach nicht einstellen will, nicht mal dann, wenn die Nazis mit ihren tätowierten Mondgesichtern die Sonne verfinstern?
Wir empfehlen einen ausgiebigen Spaziergang im Chemnitzer Tierpark. 

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Schöner Cornern in Carparkstadt — Chemnitzer Parkhäuser im Test.

Bei 371 Grad im Schatten kann es selbst im sozialkalten Chemnitz schon mal warm werden. Dann wird Chemnitz zum sächsischen Death Valley: Ein grauer Hitzeschleier senkt sich über die Stadt wie die Burka-Bedrohung über die Frauen von AfD-Anhängern. Der Asphalt flimmert, die Sonne knallt so unerbittlich wie der dritte Sangria-Eimer, der Beton zerfließt in der Hand, Tumbleweed-Tüten rollen durch den leeren Stadthallenpark. Die Rentner sitzen trotzdem beim Weinfest als sei es eine Donaukreuzfahrt und schunkeln sich bei Riesling und Roster zum Hitzschlag. Es gibt kein Wasser in der vorerzgebirgischen Wüste, nur Museen statt Seen, nur zwei Frenchfrybäder (man geht ja nur wegen der Pommes ins Freibad) statt Gunzenhauser und einen Tümpel in Niederwiesa, der unschuldige Schwimmer in grün glitzernde Aliens verwandelt als wäre er die Zauberkugel der Mini-Playbackshow. Es gibt nichts, wirklich nichts, was man an solchen heißen Hundstagen in Chemnitz machen kann, außer sich im nächstgelegenen Edeka vor das Kühlregal zu stellen und so tun, als bräuchte man zwei Stunden, um sich für die richtige Wurstsorte zu entscheiden.
In Chemnitz badet man deshalb in der kalten Klimaluft, die aus den unzähligen Einkaufsgalerien strömt, planscht zwischen Sale-Schildern, erfrischt sich am Wühltisch. Doch das muss nicht sein — wir haben den ultimativen Hitzetipp für heiße Tage, für kalte Tage, für alle Tage, genau: Parkhäuser. Sie sind angenehm dunkel, kühl und videoüberwacht, es riecht nach Benzin und die Luft ist viel besser als auf den Straßen. Parkhäuser gibt es in Chemnitz wie Sand am Uferstrand, mehr als Freibäder, Museen und Spätis zusammen. Wir haben alle für euch getestet, natürlich fachgemäß zu Fuß, haben am Asphalt geleckt, in Kameras gewunken, haben die Türsteher ausgetrickst, sind die Rampen runtergerollt als wären es blühende Bergwiesen. Alles für den großen Parkhaus-Test, so ausführlich und so lang wie eine Parkplatzsuche auf dem Kaßberg.

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Die Post der Moderne: Was im Juli in Chemnitz geschah.

Früher war mehr Loch: Mehr Sommerloch, mehr Conti-Loch, mehr Schlagloch. Na gut, vielleicht war früher ein bisschen weniger Arschloch, aber das sind ja angeblich immer nur gefühlte Wahrheiten. Und weil heute viel mehr Arschloch ist, also gefühlt, gibt es auch kein Sommerloch mehr. Stattdessen überall menschlich vollkommen verkorkste Debatten: Darüber, ob Özil nun ein aufrichtiger Deutscher ist oder ernsthaft auch darüber, ob man ertrinkende Menschen aus dem Meer rettenden sollte, viel zu wenig aber darüber, was eigentlich mit dieser verdammten Gesellschaft gerade nicht stimmt. Wer das alles nicht mehr erträgt, weil das alles kaum noch zu ertragen ist, der kann nach Chemnitz gucken.
In Chemnitz ist alles wie immer, denn das Einzige, das hier debattiert wird, ist die Frage, ob Chemnitz jetzt fast wie eine richtige Stadt oder doch nur ein bedeutungsloser Furz zwischen Gera und Görlitz ist. Deshalb haben wir ein neues Sommerloch für euch ausgehoben: Die Post der Moderne im Juli. 


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re:marx auf dem Kosmonaut: Als Oldtimer auf dem Autotuner-Treffen. 

Früher war Auto-Tuning ein Großereignis für Leute mit tiefergelegten Freizeitinteressen und fragwürdigen Felgenfetischen, die sich regelmäßig im größtmöglichen Parkhaus ihrer Stadt trafen, um Speziallacke anzurühren, Motorhauben mit Wolfsmotiven airzubrushen und natürlich für die Sexy Carwash-Show. Auto-Tune war auch das, was Xzibit damals bei „Pimp my Ride“ gemacht hat, der zweitbesten MTV-Show nach „Cribs“: Pools und Cocktails-Bars und bombastische Bassanlagen in Kofferräume einbauen und Menschen mit dem simplen Satz „Hey, I’m Xzibit, and I’m here to pimp yo `ride“ zu Tränen rühren.
Heute ist Autotune der Stoff, aus dem große Youtube-Hits und die Stimme von Cher gemacht sind: Automatische Tonhöhenkorrektur, das klingt nach betrunkenen Handy-Tippfehlern, wurde aber einst entwickelt, um schiefe Stimmchen im Studio wieder gerade zu biegen. Mittlerweile werden vor allem Rap-Tracks inflationär damit aufgepimpt, mit der Konsequenz, dass ein Großteil der Musik immer mehr nach einem Rummelbesuch auf Gras, oder schlimmer, Opioiden, klingt. Das heißt dann Cloud Rap, weil es direkt aus der Internet-Cloud in die Downloadordner tröpfelt — und am Cloud Rap scheiden sich auf dem diesjährigen Kosmonaut nicht so sehr die Geister, sondern eher die Alter, die Alters, die Eltern oder was auch immer der autokorrekte Plural davon ist. Weil wir super gern über Dinge berichten, von denen wir absolut keine Ahnung haben, Basketball-Spiele zum Beispiel oder eben Deutsch-Rap, haben wir uns dieses Jahr aufs Kosmonaut gewagt, um mit Festivalberichterstattung krass abzureißen, obwohl wir schon mindestens Ende Zwanzig sind. Am Ende sind wir auf dem Kosmonaut zwar als Musikkritiker gescheitert, aber als Influencer und auch als Chemnitzer gewachsen.

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Lonely Planet Chemnitz: Als Tourist im rauen Herz des Ostens.

Bis vor kurzem fuhr man für die Selbst- und Sinnsuche und natürlich für den Insta-Travelfame noch mit dem Rucksack durch Südostasien, in überfüllten alten Rumpelzügen, jeder Halt ein kleines Abenteuer auf dem langen Weg zur Katharsis. Zwischendurch musste man den Kopf aus dem Fenster in die tropisch-schwüle Luft halten und ganz tief vom Kulturschock inhalieren, damit man sich das später in die Social-Media-Vita schreiben konnte. Doch auch Reisetrends wandeln sich so stet wie die Mode an der Zenti. Und seitdem der Lonely Planet entdeckt hat, dass sein Name nirgendwo mehr Programm ist, als in Chemnitz, gilt die kleine graue bei Stadt bei Leipzig als der Geheimtipp für Leute, die schon jede peruanische Panflöte gespielt und jeden neuseeländischen Nationalpark durchwandert haben, die also nichts mehr kulturschockieren kann. Außer eine Reise nach Chemnitz: Leer wie die karge Steppe der Mongolei, bergig wie das Himalaya, kalt und dunkel wie ein Winter auf Spitzbergen, der Verkehr so hektisch wie in Hanoi, die Straßen so kriminell wie ganz Südamerika, der Charme postindustriell wie in Detroit und überall kleben die Klischees an den Laternen — kurz: Chemnitz hat alles, was das rucksackreisende Herz begehrt. Nach Chemnitz reist man nicht wie nach Indonesien, um die innere Leere mit Abenteuern zu füllen, sondern damit sich die innere Leere weiter ausdehnen kann. Wer nicht wenigstens einmal im Leben fast an einer trockenen Roster erstickt oder mit einem dieser MRB-Züge gefahren ist, die selbst in Myanmar ausrangiert worden wären, weiß nichts über die Welt oder das Leben im Allgemeinen. Nicht umsonst wurde Chemnitz vom Lonely Planet zu dem Reiseziel 2018 erkoren. Ihr solltet lieber schnell hin, bevor alle anderen kommen. Damit ihr euch besser orientieren könnt, haben wir typische Touristenfallen aufgespürt und ein paar nützliche Insider-Tipps für euren Trip ins wilde Herz Mitteldeutschlands gesammelt.

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Die Post der Moderne: Was im April in Chemnitz geschah.

Das Blau vom Lulatsch ist stellenweise stark verblasst, und wir alle wissen, was das heißt: Vierte Liga. Das Grün vom Lulatsch hingegen strahlt mehr denn je, und wir alle wissen, was auch das heißt: Es ist Frühling in Chemnitz – oder sogar schon Sommer oder Frommer und plötzlich sieht man wieder Menschen und Tätowierungen auf den Straßen, plötzlich riecht es wieder überall nach Flieder und nach Grill, das schwere Betongrau ist von zartem gelben Blütenstaub bedeckt und alle sehen viel glücklicher aus. Und auch die Stadt blüht auf, denn Chemnitz ist überall: Auf arte tanzen die Nischelhupper ihren antikapitalistischen Balztanz, in der Zeit erklärt die in den Ruhestand verabschiedete Frau Mössinger, warum Chemnitz cool ist, aber keine Ironie versteht, ja selbst Jan Böhmermann hat die Stadt 20 Sekunden lang erwähnt, woraufhin natürlich alle ausrasten, wie immer, wenn Chemnitz mal in irgendeinem Medium erwähnt wird, das nicht das Sachsenfernsehen oder die Freie Presse ist. Deshalb wird es Zeit, dass auch wir endlich mal was über Chemnitz schreiben: Die Post der Moderne für den April.

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