Viel Lärm um Nichts: Das große FP-Leserkommentar-Bullshit-Drama in vier Akten.

Auch wenn man als echter Ureinwohner des Internets die digitale Weisheit mit goldenen Löffeln gefressen und das gesamte Internet schon mindestens einmal ausgedruckt und auswendig gelernt hat, so wird man doch täglich auf’s Neue von weltweitwebbewegenden Erkenntissen erschüttert. Zum Beispiel durch diese: Facebook-Kommentare sind das neue Unterschichten-Fernsehen!
Wo früher konfliktgeile Koriphäen wie Britt, Bärbel, Arabella und Vera, Andreas Türck und Oliver Geissen prekäre Familienstreits und bumsfidele Bumsgeschichten schlichteten, klafft heute eine große Lücke, die weder von „Mitten im Leben“ noch durch formvollendete Formate wie „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ mit dem entsprechenden Müllgehalt gefüllt werden kann. Weil der Fernseher ja aber ohnehin ein nahezu archaisches Gerät aus dem letzten Jahrhundert und in der digitalisierten wie intellektuell inszenierten Welt vom Aussterben bedroht ist (Stichwort: „Zum Glück schaue ich schon seit Jahren kein Fernsehen mehr“), sind solche Formate auch gar nicht mehr von Nöten, denn stattdessen gibt es heute ja glücklicherweise das dicke große Facebook, in dem man abends lieber liest, anstatt sich durch Zwangsgebühren finanzierte Volksverdummungsmusikshows anzuschauen. Anstelle des trashigen Nachmittagstalks, mittels dessen man sich stets so wunderbar über die Dummheit der anderen aufregen und an der eigenen Bildung berauschen konnte, tritt nun der gemeinhin gruslige und grenzdebile Facebook-Leserkommentar, der sich derzeit unter den Statusmeldungen sämtlicher null-bis topseriöser Tageszeitungen ähnlich rasant verbreitet wie die europäische Panik vor Ebola.

bernd
Weil wir uns auch so gerne über andere aufregen, wollten wir uns schon lange einmal die Leserkommentare unter den Posts unseres städtischen Lieblings-Leitmediums, der Freie Presse, vornehmen und knallhart analysieren bzw. die Idee des Leserkommentar-Bullshit-Bingos von der LVZ klauen. Da Bullshit-Bingos mittlerweile jedoch so langweilig und vorhersehbar sind, dass man auch einfach ein Bullshit-Bingo-Bullshit-Bingo anfertigen könnte, haben wir uns dafür entschieden, unseren selbstauferlegten Bildungsautrag zu erfüllen und ausgewählte Freie-Presse-Facebook-Kommentare aus dem Monat Oktober fast unverfälscht und als das wiederzugeben, was sie auch sind: Ein antikes Drama ohne Sinn, in unendlich vielen Akten.
Sollte das nachfolgende Stück, das ausschließlich aus original Leserkommentaren und unheimlich schlechten Reimen besteht und deshalb orthografisch wie inhaltlich absolut fragwürdig ist, demnächst in sämtlichen sächsischen Schulen als Weihnachtsmärchen über die Mär von Nächstenliebe, gesamtdeutscher Gastfreundschaft und dem Volk der großen Dichter und Denker zwangsaufgeführt werden, wäre uns das jedenfalls eine große Freude.

jutta Weiterlesen

re:marx bastelt: Schwibbogen Modell „Tausendundeine (Weih)Nacht“

Unser geliebtes Erzgebirge: Heimliche Hipsterwiege und heimelige Traditions-Trutzburg im Süden Sachsens. Hier wird Volkskunst noch geschätzt, werden Werte noch groß geschrieben und Bräuche liebevoll gepflegt, hier gab es Weihnachten schon, bevor der große Coca-Cola-Truck den ahnungslosen Rest der Welt damit missionierte. Jeder eingefleischte Erzgebirgs-Experte weiß: Am allerschönsten ist es hier in der Adventszeit. Wenn die eifrigen Bergmänner durch festlich geschmückte Straßen marschieren. Wenn die kleinen Dörfer und Crystal-Küchen unter der zuckerweißen Schneedecke glitzern. Wenn Weihnachtspyramiden brennen und der Räucherma hustet, wenn es auf den Märkten verführerisch nach Stollen duftet, nach gebrannten Mandeln und nach ausgekotztem Glühwein. Dann, ja dann, wird endlich auch wieder gelichtelt im Erzgebirge.

schwibbsbogen

Bilder aus vergangenen Tagen, Weihnachten, wie es früher war: der klassische selbstgesägte erzgebirgische Schwibbogen.

Dieses Jahr jedoch schien die Sehnsucht nach der erzgebirgischen Gemütlichkeit besonders groß. So groß, dass man in Schneeberg im November – ohne lange zu fackeln – sozusagen schon mal auf Verdacht vorlichtelte.
So kam es, dass die Autorin aus Recherche-Gründen in die Facebook-Gruppe „Schneeberg wehrt sich“ klickte, um sich (unter der Gefahr einer möglichen späteren NPD-Werbung am rechten Facebook-Werbe-Rand) davon zu überzeugen, wie abgrundtief blöd der Mensch eigentlich sein kann, wenn ihn der Sozialneid innerlich zerfrisst und eine rechtsextremistische Partei dessen Ängste erst ein bisschen schürt und anschließend, in Kombination mit wertbehafteten Bräuchen, stark instrumentalisiert. Unter den unzähligen kotzhohlen Kommentaren befand sich auch der einer besonders besorgten Bürgerin. So könne das mit Schneeberg unmöglich weitergehen, schrieb sie. Was solle denn dann bloß aus unserem schönen Weihnachten werden? Unsere geliebten Weihnachtsmärkte und die Schwibbögen und überhaupt, das alles werde es bald nicht mehr geben, alarmierte sie ihre ebenfalls besorgten Mitleser.

Weil heute Nikolaus, und weil wenigstens Weihnachten das Fest der Liebe und der friedlichen Koexistenz ist, sagen wir es mit Siegmar (höhö) Gabriel: Das ist natürlich Quatsch und mindestens absoluter Blödsinn. Schwibbögen sind schließlich für alle da, Glühwein scheint interkulturell konsensfähig und die drei Weisen aus dem Morgenland waren keine „Asylbetrüger“, sondern ein wichtiger Teil der hier doch so frenetisch gefeierten Weihnachtsgeschichte.
Unser Vorschlag für eine friedliche Vorweihnacht im Erzgebirge: Das integrative Schwibbogen-Modell „Tausendundeine (Weih)Nacht“ zum Selbersägen (Achtung: nur für Fortgeschrittene) – für ein weltoffenes Lichteln im abendländischen Advent.

schwibsbogen