The Hood, the Bad and the Ugly: Unterwegs in B-Village.

Jede gute Studentenstadt, wie sie Chemnitz jetzt nicht unbedingt ist, hat auch ein ebensolches Viertel. Wo sich die Kneipen aneinanderreihen wie die Ersties an der Essensausgabe, es mehr Fahrrad- als PKW-Parkplätze und viele entzückende kleine Buchläden gibt, man mit frischen Falafeln auf blumigen Wiesen rumliegen und nachts mit Bier auf Bürgersteigen sitzen kann. In Chemnitz sagt man dazu kurz: Bernsdorf. Jeder von uns hat zu einem Zeitpunkt seines bewegten Chemnitz-Lebens schon mal in Bernsdorf gewohnt. Von einigen als tonnenbrennende Hood kriminalisiert (Messerstichwort „B-Village“), bei anderen nur durch den schlüpfrigen YouTube-Klassiker „Bernsville Couple Making Out“ bekannt, ist Bernsdorf vor allem ein gutes Viertel zum naja, in Ruhe wohnen. Der Brühl ist wenigstens eine echte Geisterstadt, der Kaßberg hat die Häuser schön, der Sonnenberg steht für Gefahr, Gablenz und das Yorckgebiet haben das Gablenz- und das New Yorck-Center. Bernsdorf hat nichts: Nicht mal ein eigenes Einkaufscenter, nur Nah&Gut, na gut. Bernsdorf ist ein bisschen wie das Wetter an dem Tag, an dem wir die folgenden Fotos gemacht haben: Weder schön noch schlecht, sondern irgendwie profillos. Zwar ist das Flair vorm Assi-Netto recht räudig, und manchmal kann man Überfälle auf offener Straße beobachten oder Leute nachts laut kotzen hören, aber das war’s auch schon an Aufregung und großstädtischem Nervenkitzel. Ein paar Bahn-Unfälle gibt es ab und an noch zu sehen, aber das ist eher was für dauergaffende BILD-Leser mit hemmungslosen Hang zu affektierten Alliterationen. Anstelle von Kneipen, Galerien, Clubs und was man halt noch so cool finden kann, haben sich hier Wohnungsgenossenschaften angesiedelt und Steinmetze, denn der Friedhof scheint das heimliche Zentrum des hippen Stadtteils zu sein. So geht Kiez! Garantiert nicht.

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La Vie en Rose: Montkass, le plus beau quartier du monde.

Ein Freitagabend im April. Im Hinterhof eines großen, grauen Eckhauses an der Weststraße wird Glut geschürt. Jemand hat einen halben Baum ins Feuer geworfen und die Flammen haben jetzt die Höhe eines siebenfarbigen Schornsteins – natürlich stilsischer gestaltet von einem Franzose – erreicht. Farbton: Feuerwehrrot. Irgendwo nebenan geht ein Fenster auf, die Stimmung: Beschwerdegrau. „Jetzt macht doch mal das verdammte Feuer aus. Wisst ihr wie das stinkt? Wir versuchen schon seit ’ner halben Stunde zu schlafen“, pöbelt die einsame Eingabe aus dem Nichts der Nacht. Das Fenster knallt wieder zu. Freitagabend, um elf: Die Ruhe auf dem Berg wird nur gestört vom Knistern des Feuers.
Ein Freitagabend im Mai. Im Hinterhof eines großen, grauen Eckhauses an der Weststraße wird Grillgut kredenzt. Keine profanen Bratwürste, sondern feinste, fettige Chorizo. Es gibt lauwarmes Pils aus dem Fass, „VIPils“ der Edelbiermarke Perlbacher, aus dem Lidl von der Limbacherstraße. Mit der Nacht hat sich auch die Stille über Dächer gelegt, vereinzelt ertönt schrilles Mitvierziger-Lachen. In einer Wohnung flackert blaues Strobo-Licht. Irgendwo nebenan steht ein Fenster offen: Jemand hat Sex und das ganze Karree, vielleicht auch der halbe Hügel, hört mit. Keine Beschwerden an dieser Stelle. Schließlich muss man dafür sorgen, dass der erhöhte Kinderwagenverkehr auf der Weststraße nicht zum Erliegen kommt. Schließlich wird Ramontik hier noch falsch geschrieben. Schließlich ist Chemnitz die Stadt der Liebe.

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Eisblume Open Air am 10. Dezember 2011

Chemnitz in der Vorweihnachtszeit. Das bedeutet überfüllte Busse und Gehwege, hetzende Menschen in dicken Jacken, betrunkene Teeny-Cliquen auf dem Weihnachtsmarkt, und normalerweise auch Minusgrade in Verbindung mit einem anständigen Schneechaos. Doch gerade letzteres lässt in diesem Jahr (zum Glück) auf sich warten. So waren nämlich die Witterungsbedingungen für die zweite Auflage des Chemnitzer Blume Open Airs mit knackigen 2 Grad und einem schneidigen Ostwind durchaus passabel. Der vorweihnachtlichen Hatz nach den vermeintlich besten Geschenken war es zu verdanken, dass das in dieser Stadt heikle Thema der Geräuschbelästigung dieses Mal keine Rolle gespielt hat. An einem Adventswochenende ist eh die ganze Stadt auf den Beinen.

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