Säxit through the Giftshop: Eine dunkeldeutsche Reise durch Sachsen.

Vor(w)ort
Die Welt ist im Wandel. Die Welt war nie ein Status quo, und sie wird es auch nie sein – das ist allein schon wegen der Erdrotation unmöglich. Die Erde wird sich immer weiter drehen. Das haben viele erst jetzt erkannt, nicht alle haben es akzeptiert, einige werden vermutlich ewig daran knabbern: Gesellschaften verändern und Platten verschieben sich, bestehende Strukturen verschwinden, neue entstehen.
Während deutsche Medien plötzlich  erkannt haben, dass Positiv-Berichterstattung über Flüchtlinge und Flüchtlingshilfe sinnvoller ist als halbblinde Panik-Mache, rätselt der Rest der sich wandelnden Welt über das Negativbild, das die Sachsen gerade von sich auf die schroffen Sandsteinfelsen projizieren. Unzählige Ursachenforscher versuchten sich jüngst an kausalen Ausgrabungen im Tal der Ahnungslosen: Ist es die hohe Arbeitslosenquote, der geringe Ausländeranteil, der schlechte Westfernsehenempfang, der Wendeverlierer, die DDR-Erziehung, die CDU-Regierung? Und weiß man in der Sächsischen Schweiz überhaupt schon vom Mauerfall? Oder ist Sachsen jener mystischer, in Silbermond-Balladen besungener Ort, an dem die Welt still steht?
Die ganze Nation unterscheidet gerade in helles und dunkles Deutschland wie CSU-Politiker in gute und böse Flüchtlinge. Das eine Deutschland ist eifrig hilfsbereit, tolerant und solidarisch, es begrüßt die Flüchtlinge am Bahnhof in München mit Bonbons und Beifall, das andere Deutschland kauert wütend in der finsteren Ecke und wirft Steine auf fremde Menschen: Das schwarzgelbe Schaf der BRD, Dunkeldeutschland, manche fordern schon den Saxit: Sachsen, rechts unten. Einst Monarchie, dann Wiege des protestantischen Proletariats, heute ideologischer NPD-Nährboden mit SED-ähnlichen CDU-Quoten, scheint der Freistaat schon vor Jahren in ein ultrakonservaties Koma gefallen zu sein.

Wenn Leute – vor allem aus den alten Bundesländern – sagen „in Sachsen, da sind doch alle rechts“, dann ist das nicht nur falsch, es ist auch ziemlich unfair – als Sachse jedenfalls fühlt man sich direkt angegriffen. Denn dass die Sachsen oft peinliche Hohlköpfe und Nazis sind, darf man natürlich nur sagen, wenn man selber Sachse ist. Weil man als Sachse viele andere Sachsen kennt, weiß man selbstverständlich, dass das so nicht stimmt. Dass man nicht in bester Nazi-Manier alle stramm über einen Kamm scheren darf. Dass es in anderen Regionen auch rege Nazi-Szenen gibt. In Dortmund, zum Beispiel. Dass die Gesinnung in Bayern nicht besser ist – nur wird sie dort abends am Stammtisch vorm Bierkrug postuliert, und nicht mit Molotowcocktails und Fackeln vorm Asylbewerberheim. Ohnehin fragen wir uns oft, wer für die Gesellschaft gefährlicher ist: Der stumpfe hirnreduzierte Heimatschützer, der auf der Straße „Deutschland den Deutschen“ grölt – oder der biedere Arbeitnehmer aus der bürgerlichen Mitte, der seine rechtspopulistischen Ansichten auf Hochdeutsch artikulieren und mit akademischen Anstrich versehen kann, wenn er sie in den SPON-ZON-whatever-Kommentarspalten oder auf AfD-Parteitagen kundtut. In Sachsen sind die Stumpfen leider am lautesten – der berühmte Sachsenstumpf eben. Die Anständigen sind immer ein bisschen zu leise, zu zurückhaltend, aber sie sind auch noch da.

Sachsen muss sich wehren – gegen Sachsen nämlich. Das sagen wir hier zwar nur, weil wir selber Sachsen sind, aber weil wir gleichzeitig auch re:marx und normalerweise Nihilisten sind, sagen wir auch, dass es absoluter Bullshit ist, sich über ein Bundesland oder überhaupt irgendeine Nationalität zu definieren und definieren zu lassen. Trotzdem haben wir letzte Woche unser Heimatbundesland per Bahn bereist, um in Freital, Heidenau, Dresden und der Sächsischen Schweiz nach den Rechten zu sehen. Danach, wie die Heimat aussieht, die hier beschützt werden soll. Eines vorweg: Auch in Freital, Heidenau, Pirna und erst rechts in Dresden gibt es Menschen, die sich aktiv für tolerante und weltoffene Städte einsetzen und Flüchtlingen helfen. Unsere fiesen Vorurteile haben sich trotzdem bestätigt.

Folgende Grafik kartographiert unsere Reise und porträtiert die besuchten Orte in Fakten für die Lesefaulen – hier gibt es sie nochmal in groß. Was wir wirklich erlebt haben, steht im Text, der wie immer viel zu lang ist. Aber viele Fotos hat.


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Die Post der Moderne (KW 28): Was neulich in Sachsen geschah.

Aufgrund des andauernden Post-Streiks konnte die Post der Moderne in den letzten Wochen ja leider nicht ausgeliefert werden. Dafür schicken jetzt aber alle Briefe nach Freital. Also: Freital. Dieser Ort war uns ja noch nie so ganz geheuer. Wie er da so friedlich schläft, eingekuschelt zwischen den Felswänden des östlichen Erzgebirges. In diesem Tal, das immer halb im Schatten liegt. Ein recht beschaulicher, oder eher rechts beschauerlicher Vorhof des fürstlichen Dresdens, wo erst August der Starke regierte und später Lutz Bachmann. Denn auch in Freital wohnen, wie in vielen ostdeutschen Ortschaften auch, besorgte Bürger. Die Bürger Freitals sind jedoch besonders besorgt, so besorgt, dass sie hier ein großes, widerwärtiges Lichtenhagen-Revival feiern wollen. History repeats itself: Tröglitz, Schneeberg, Freital, Dresden, und wie die Käffer alle heißen – die Aufklärungsversuche gleichen Don Quijotes Kampf gegen Gebetsmühlen. Alles gesagt, alles geschrieben, alles beim Alten geblieben. Die Frage, die uns umtreibt, ist eher, warum gerade in der Peripherie Dresdens (sächsische Schweiz) die Ideologien der NPD auf derart fruchtbaren Boden treffen – von dem sich ja auch Pegida nährte.

pdm

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