Memo aus der Sportredaktion: Für mich soll’s rote Dosen regnen. Beim Heimspiel von RB Leipzig.

Bei jeder unserer Redaktionskonferenzen stürzen wir uns in stundenlange Selbstreflexionen und überlegen, welche Themen bei den Lesern so richtig gut zünden und die Klicks stets in den Millionen-Bereich treiben könnten. Neulich lag die Antwort klar wie eine Chemnitzer Glasfläche auf dem Platz: Es sind unsere Fußball-Beiträge, die die magische fünf Likes-Hürde kaum übertreffen, und deshalb, so die bestechende Logik, brauchen wir wirklich mehr davon. Aus diesem Grund wollen wir heute das Naheliegende tun, und einen Blick nach Österreich werfen. Viele wichtige Bösewichte kommen aus Österreich. Also eigentlich war es nur einer, der den Lauf der Welt für immer tragisch verändern sollte, und ohne den Guido Knopp heute arbeitslos und das deutsche Fernsehen ein einziges großes Sendeloch wäre. Abgesehen davon denkt man an abgeschwächtere Formen des Bösen: Tiroler Blasmusik, Joseph Haider, die Musik von Christina Stürmer, kalorienreiche Süßspeisen oder fiese Entführer. Aber darum soll es heute nicht gehen, auch nicht um die braune Sau aus Braunau. Es geht um das Böse in Konzernform: Um Red Bull.

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Shitstorm überm Nischel – Eine Stadt sieht Schwarz, Rot, Gold.

Auf Chemnitz‘ Schultern lastet in diesen Tagen die unendliche Schwere der deutschen Vergangenheit. Die Aktion der „Die Stadt bin ich“-Macher, das Karl Marx Monument mit Unterstützung von Mercedes Benz im Zuge der diesjährigen Fußball-WM in ein Deutschland-Trikot zu hüllen, reißt alle längst verheilt geglaubten Nationalstolz-Wunden der Chemnitzer wieder auf. Deutschland, deine schweren Schultern, möchte man resigniert seufzen, in einem Land, das unter der Last seiner eigenen Vergangenheit so sehr ächzt, wie kein anderes dieser Welt. Dass nun die bronzegewordene Ikone des Antikapitalismus in ein (oh mein Gott!) deutsches (!!! ja – deutsches.. krass, oder?) Fußballtrikot gekleidet wurde, um für eine der umstrittensten, kapitalistischen Großveranstaltungen der modernen Neuzeit zu werben, ist außerordentlich ungeschickt.
Das eigentliche No-Go (#die90erwollendaswortzurück) an der ganzen Geschichte offenbart sich aber erst in der Rezeption des Ganzen, denn die Werbeaktion ist Wasser auf die Mühlen der selbsternannten Sittenwächter politisch korrekter Symbolik. Wo immer die Farben Schwarz-Rot-Gold innerhalb Deutschlands auftauchen, müssen Nationalisten am Werk gewesen sein, so die einhellige Meinung. „One reason why the city we live in and it’s administration sucks: refurbishing the public reputation by nationalistic bullshit” – schreibt jemand auf Facebook. Ein klassisches Beispiel für die Verteufelung eines im Grunde harmlosen Gegenstandes (Nationalfarben). Das Schlimme dabei: Die kopflose, oft nachgeplapperte Dämonisierung arg interpretationsabhängiger, vermeintlich „nationalistischer“ Symbole, erhält ihre übertrieben bedeutungsschwangere Symbolik am Ende doch nur durch eben genau jene kopflose, nachgeplapperte Dämonisierung. Ein Land, das die Namensgebung eines Schnitzels intensiver diskutiert, als zum Beispiel die angespannte asylpolitische Situation, hat eindeutig ein Problem bei der Fokussierung auf wirklich relevante Themen. Symbolik überwindet Inhalte, Interpretation kommt vor Aktion – leider gerade bei den politischen Strömungen, deren Werte man eigentlich uneingeschränkt vertreten kann.
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