abgefakt: Die Chemnitz-Fresse 

Wenn man in einer Stadt mit mehr als 100 Einwohnern lebt, kann es passieren, dass man auf offener Straße manchmal anderen Menschen begegnet. In Chemnitz ist man mit solchen Situationen meistens direkt überfordert. Dann wird gemeckert, gehupt, ge“oaaaaar“t und sich beschwert. Dann zeigt sie sich von ihrer grimmigsten Seite: Die Chemnitz-Fresse, das schlecht gelaunteste Gesicht, seitdem es das Marx-Monument gibt. Wir haben sie für euch portraitiert und dabei gleich ganz schlechte Laune bekommen.

Das war: Der Mythos von der Arbeiterstadt, die Chemnitzer als pragmatische Macher und wortkarge Workaholics, die erst nach etwa drei Jahren Bekanntschaft ganz langsam auftauen. Aber weil Arbeit nervt, haben sich tiefe Furchen in die Chemnitzer Gesichter gegraben: Die Chemnitzer kommen an jede Supermarktkasse und machen Stress ohne Grund, sind ständig gelaunt, genervt und etwa so verschlossen wie der eiserne Vorhang, aufgeschlossene Ausnahmen sind entweder aus dem Westen zugezogen oder einfach ungewöhnlich jung (2-32 Jahre). Auch 150 Jahre nach der Industrialisierung hat Chemnitz immer noch den Biorhythmus einer alten Arbeiterin: Die Stadt ist zeitig wach, geht früh zu Bett und will dabei auf gar keinen Fall gestört werden. Es ist eben ihr Spirit, dieser Schlummer-Modus: Berlin hat Techno, Schlager und Kokstaxis, Leipzig hat die Sachsenbrücke, München den Weißwurst-Äquator, Chemnitz schläft einfach gern gut.

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