Alternative für den Stadthallenpark – Mit diesen Ideen lässt sich der Chemnitzer Problemkiez vielleicht noch retten

Wenn eine Stadt Europäische Kulturhauptstadt wird, dann wird meistens viel Neues gebaut. Sie bekommt neue Brücken, Blumenbeete, Betonwände und andere Prestige-Objekte, die touristischen Aufschwung und Hoffnung für alle versprechen sollen. Die kritischen Ecken hingegen werden vom Stadtplan radiert wie kapitale Rechenfehler, die urbane Räudigkeit wird einfach wegbetoniert, Problemzonen-Waxing dank europäischer Fördergelder. Subsubkultur wegsubventionieren und dann bei Subway ein Sandwich essen. Dieser Satz existiert nur, weil wir inflationär das Präfix „Sub“ verwenden wollen.
Wenn Chemnitz 2025 europäische Kulturhauptstadt wird, dürfte das allerdings problematisch werden: Die kritischste Ecke von Karl-Marx-Stadt liegt schließlich direkt im Zentrum und beherbergt den einzigen wichtigen Kulturpalast der Stadt, weshalb sie sich schlecht wegradieren lässt. Wir reden natürlich vom mit dem Görlitzerpark seelenverwandten Sorgenkind Stadthallenpark. Suff, Schlägereien, im Blumenbeet gedeihen Drogentütchen, es gibt Ballspiele, es gibt Bäume, es gibt Ostrock-Konzerte – die Situation scheint Ordnungsbürgermeister Runkel vollkommen aus dem Tretboot-Ruder gelaufen zu sein. Also macht die Stadtverwaltung nun konsequent das, was alle guten Diktaturen tun, wenn das System bröckelt und die Machtsäulen instabil sind: Mehr Repression, mehr Militär, mehr Angst und Schrecken verbreiten. Mittlerweile kann man im Stadthallenpark also nicht mal mehr in Ruhe ein Rosa-Pampelmuse-Eis verzehren oder sich Tickets für das nächste „Amigos“-Konzert besorgen, ohne dabei gleich von der Polizei verfolgt und paranoid zu werden. Aber Polizeigewalt erzeugt Gegengewalt und halbierte Hecken helfen nicht gegen Drogenkriminalität. Nein – es muss endlich was passieren! Bisher haben wir städtische Schwachstellen immer nur aufgezeigt und wutblind auf sie eingeschlagen oder satirisches Salz in offene Wunden gestreut und uns über den Schmerz gefreut. Doch dann haben wir neulich etwas über konstruktiven Journalismus gelesen – jener sei nämlich das Bashing der Zukunft. Lösungen aufzeigen und so, nicht immer nur die wundgelegenen Problemstellen. Deshalb haben wir uns lange den Kopf zerbrochen über friedliche Alternativen für den heimlichen Diabetikerfuß unter den Chemnitzer Parks – eigentlich gehört er amputiert, aber vielleicht kann man ihn doch noch irgendwie retten. Mit folgenden maximal-invasiven Ansätzen oder, um es clickbeet-journalistisch zu sagen, mit „Zehn Vorschlägen zur Rettung des Stadthallenparks“. Mit denen wir uns übrigens offiziell bei der CWE bewerben und Teil des großen Kulturhauptstadt-Pitches werden wollen. Arbeitstitel unserer hochprofessionellen Bewerbungsmappe: „Parkhäuser statt Parksträucher! Stadthallen-Dark 2025 – Im Dunkeln ist gut Runkeln.“

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Partypopundpoesie ohne Grund: Wenn wir nicht so arrogant wären, würden wir jetzt haltlos über PARTY OHNE GRUND spekulieren

Re:marx kommt zu jeder Party und macht Stress ohne Grund, kennt das Fler-Original und die KIZ-Adaption, weiß aus dem Kopf in welchem Lied und in welcher Zeile die Textausschnitte zu finden sind und rühmt sich damit vor Leuten, die das eher als peinliche Offenbarung empfinden. Peinliche Offenbarungen gönnen, kurz POG oder Party ohne Grund, mischt seit kurzem mit geklauten Witzen oder unlustigen Memes das Chemnitzer Internet auf und stellt unser labiles Selbstwertgefühl, das aus 1539 Followern besteht, zunehmend auf die Probe. Eigentlich eine Art Re:marx light, nur eben für Leute, die keine ganzen Texte mehr lesen und sich nur noch auf Zweizeiler konzentrieren können – aber auch nur dann, wenn es ein Foto dazu gibt. Mit Zweizeilern für digitale Einzeller, der zu Tränenlachsmileys rührenden Poesie des Pöbels, konnten sie mittlerweile über eintausend Liker generieren, nur um dann zu Lesungen statt zum Braustolz-Fest einzuladen. Wenn jemand seine Zielgruppe nicht kennen will, dann sind wir das! Vielleicht ist das alles auch tiefgründige Satire und es versteht einfach wieder niemand. Auch das, von uns geklaut!

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Okay, wir geben es zu: Wir haben einen leichten PARTY OHNE GRUND-Komplex. Was noch untertrieben ist – wir sind regelrecht besessen von diesem postmodern postenden Projekt, aber eher so auf paranoide Art. Dass aufregende Dinge im Chemnitzer Internet passieren, ist ja doch eher selten: Die Bloggerszene ist überschaubar, auf Twitter ist auch nicht so viel los, Facebook-Projekte wie „Dinge, die ein Chemnitzer nicht sagt“,  „Occupy Conti-Loch“ oder „Herzschlag der Moderne“ (erinnert sich noch jemand?) scheitern schneller als man „The Rage of Chemnitz“ sagen kann – typisch re:marx, immer alles mies machen, was anderen Leuten einfach nur Spaß macht. Es könnte der Like-Neid sein, der hier gnadenlos an unseren raucherbeingelben Seelen nagt – eine Eigenschaft, so hässlich wie das Heckert im November-Nebel, aber man muss auch zu seinen schlechten Seiten stehen. Vielleicht empfinden wir es auch nur als schreiend große Ungerechtigkeit, wenn wenig Aufwand mit viel Fame belohnt wird, während wir um jeden einzelnen Like kämpfen müssen wie die SPD um Wähler, aber die Gesetze der digitalen Natur sind nun einmal hart.
Und vielleicht ist das auch alles gar nicht so wichtig, also die Sache mit dem Like-Neid, wurden wir doch vor kurzem berühmt-berüchtigter als Ingo-Steuers Stasi-Akte, die auf dem Grund des Schlossteichs vermutet wird und keinen interessiert. Mit einem Meme über den Lulatsch, niemand erinnert sich, schnupperten wir am Clickbait-Fame – die Like-Night war eröffnet und billiges Heroin schoss uns durch die Adern wie Tränenlachsmileys in die Finger unserer neuen Fans.

Als Mittel der Katharsis  (Nein, das ist nicht das, was man im Krankenhaus gelegt bekommt und hat auch nix mit der übernächsten WM zu tun) widmen wir POG heute und einmalig einen ganzen Beitrag – und dann werden wir nie wieder auch nur ein einziges Wort darüber verlieren. Nicht versprochen! Vorher aber wollen wir uns an der Internetbörse verspekulieren und konspirative Theorien ins Netz tröpfeln lassen wie feine Chemikalien in die Luft: Denn die wichtigste Frage ist immer noch: Cui Bono? Das heißt: Wer könnte hinter Party Ohne Grund stecken – und warum? Eines schon mal vorweg (Achtung: Spoiler!): Es ist nicht Michelle Obama. Und auch nicht Chad Kroeger. Ist es Herbert Grönemeyer? Rando Re:marxkotte wagt einen Annäherungsversuch.
Gern würden wir dafür auf irgendwelchen Gehaltslisten stehen, beipielsweise auf der vom Karl-Marx-Kopp-Verlag, – auf die Klauliste (noch einmal und es gibt was in die Kauleiste) von POG haben wir es schon geschafft, hoffen aber, dass unser Name auf den Abschusslisten folgender Personen(gruppen) landet, von denen wir vermuten, dass sie hinter der Vermemisierung des Abendlandes stecken. Re:marx kommt auf keine Party und ist beleidigt ohne Grund.

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Shades of Grey – Diese 88259847 Grautöne musst du gesehen haben, bevor du nichts mehr siehst.

Grau ist das Eigenschafts-Wort, das auf diesem Blog mit Abstand am häufigsten geschrieben wurde, das verrät uns zumindest die gefühlte Wahrheit, und die lügt bekanntermaßen nie. Ja, das farblose Wörtchen „grau“ haben wir als Adjektiv und Substantiv bereits derart oft verwendet, dass wir es fast schon zum Verb erklären könnten. Grauen. Ich graue, du gräust, er graut: Grau ist unsere Stimmung, grau ist unsere Stadt, grau werden auch bald unsere Haare sein, wenn wir hier so greisgrämig weiter schreiben.

Grau – das ist schwärzer als Weiß und weißer als Schwarz. Besser als böse, böser als gut. Mehr nichts als sagend, mehr trüb als sinnig, mehr Mono als Ton. Dauerfröhlichcamper und versonnenstrahlte „Die Welt ist schön“-Finder werden uns an dieser Stelle natürlich wieder Graumalerei vorwerfen. Aber Grau ist ja auch die Nicht-Farbe der Melancholie, jenem Gemütszustand der schönen Traurigkeit, in dem wir uns so gerne suhlen, und deshalb lieben wir Nebelschwaden. Sogar in Chemnitz. Denn Chemnitz ist die graue Eminenz unter den deutschen Großstädten. In jeder Hinsicht: Sachlich, alt, unscheinbar, bescheiden, langweilig, gleichgültig und zubetoniert. Eine gigantische Grauzone.

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Chemnitz Zweitausendsechzehn: Ein Ausblick.

Hallo 2016. Das Jahr, das dem letzten jetzt schon mindestens eine Armlänge voraus ist: Nordkorea-Kim testet Atombomben, Saudi-Arabien und Iran testen den nicht vorhandenen Weltfrieden, Köln testet die Grenzen unserer Gesellschaft. Geht jedenfalls super los, dieses Jahr, und wenn wir Glück haben, wird alles noch viel besser.

Anlässlich des Jahreswechsels haben wir nicht etwa zu tief ins Glas (naja), sondern ganz tief in die Glaskugel geschaut, in der die Zukunft so unheilvoll dunkel glitzert wie das Wasser des Schlossteichs bei Regen. Bis sie uns schließlich phantastische Prophezeiungen vor die Füße gespuckt hat, die sich nicht etwa auf das durchweg verdorbene Weltgeschehen beziehen, sondern auf das besiegelte Schicksal der Stadt, über die wir hier hin und wieder schreiben, und das ist, Überraschung, Chemnitz. Jahresrückblicke sind ohnehin total 2014. Der moderne Blogger mit dem weltmännischen Weitblick von heute schreibt seine Jahreschroniken schon, bevor das Jahr überhaupt richtig begonnen hat. Deshalb hier, jetzt, exklusiv und nie wieder: Unsere Billanz für das Jahr 2016. Eine leichte Prise schwerer Schwachsinn, bevor wir uns wieder dem Ernst des Chemnitzer Lebens widmen.

In diesem Sinne: Frohes Neues!

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Zehn Kurze/Fragen mit: Jan Kummer.

Aus Rücksicht auf die Wähler ist er nicht Bürgermeister geworden.
Wenn es nach ihm ginge, würde Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt heißen.
An seinen Texten hat sich die Stasi die kleinen grauen Zellen wund geschubbert.
Und seine Hochzeit hat er beinah beim Friseur verpennt.
Jan Kummer ist der erste Interview-Gast, bei dem wir überlegt haben, ob wir ihn nicht Siezen müssten. Der Don Brummer, Maler, Atomino-Gründer, Papa von zwei Kraftklub-Kids, 371-Kolumnist etc. pp., Jahrgang 1965, muss auch darüber nachgedacht haben. „Hallo, ich bin der Jan“, ist das erste, was er sagt. Und dann redet er vier Stunden ununterbrochen, signiert ein AG Geige-Plakat, raucht eineinhalb Schachteln Petra, die Mutti aus Tschechien mitgebracht hat, trinkt eine halbe Flasche Whiskey, hat nix zum Abendbrot gegessen und sieht trotzdem so aus als könnt er noch fahren:
Zehn Kurze/Fragen mit dem ewig unverstandenen Chuck Norris von Chemnitz!