East of Eden: Unterwegs im Florida des Ostens. Report vom Markt.

Weil wir knalligbunt hinkende Vergleiche lieben wie – knalligbunt hinkenden Vergleich hier bitte einfügen – , muss die Stadt Chemnitz ja ständig als das Irgendwas des Ostens herhalten. Egal was, Hauptsache Osten, Hauptsache eine andere Stadt, Hauptsache keine eigene Identität.
Das sächsische Manchester, das Venedig, das Texas, das Bochum, das Tschernobyl, der Osten des Ostens. Oder das Atlètico Madrid des Ostens: Hässliche, destruktive Spielart und trotzdem effektiv und irgendwie sympathisch, wegen des starken Teamgeistes. Dabei ist es doch offensichtlich, dass Chemnitz vor allem eines ist: Nicht das Paris, sondern das Paradies, das Florida des Ostens.

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Lebensfrohe Sonnenschirme in der Bucht von Key West

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Chemnitz Zweitausendsechzehn: Ein Ausblick.

Hallo 2016. Das Jahr, das dem letzten jetzt schon mindestens eine Armlänge voraus ist: Nordkorea-Kim testet Atombomben, Saudi-Arabien und Iran testen den nicht vorhandenen Weltfrieden, Köln testet die Grenzen unserer Gesellschaft. Geht jedenfalls super los, dieses Jahr, und wenn wir Glück haben, wird alles noch viel besser.

Anlässlich des Jahreswechsels haben wir nicht etwa zu tief ins Glas (naja), sondern ganz tief in die Glaskugel geschaut, in der die Zukunft so unheilvoll dunkel glitzert wie das Wasser des Schlossteichs bei Regen. Bis sie uns schließlich phantastische Prophezeiungen vor die Füße gespuckt hat, die sich nicht etwa auf das durchweg verdorbene Weltgeschehen beziehen, sondern auf das besiegelte Schicksal der Stadt, über die wir hier hin und wieder schreiben, und das ist, Überraschung, Chemnitz. Jahresrückblicke sind ohnehin total 2014. Der moderne Blogger mit dem weltmännischen Weitblick von heute schreibt seine Jahreschroniken schon, bevor das Jahr überhaupt richtig begonnen hat. Deshalb hier, jetzt, exklusiv und nie wieder: Unsere Billanz für das Jahr 2016. Eine leichte Prise schwerer Schwachsinn, bevor wir uns wieder dem Ernst des Chemnitzer Lebens widmen.

In diesem Sinne: Frohes Neues!

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abgefakt: Zeitgeist 2014. Teil I (Januar bis Juni)

Die Jahresrückblicke im Fernsehen inszenieren die bewegensten Momente des Jahres ja gerne als diejenigen, in denen sich eine ganze Nation stolz selbst feiern darf: „Deutschland“, wie es vorübergehend auf dem ersten Platz des Medaillien-Spiegels der olympischen Winterspiele steht, Bastian Schweinsteiger, wie er mit blutigem Heldengesicht den Pokal küsst, Helene Fischer, wie sie im Lady-GaGa-Gedächtnis-Dress Millionen Deutsche atemlos macht, ganz Berlin, wie es leuchtende Luftballons in den dunklen Novemberhimmel stiegen lässt. Natürlich gab es auch schlimme Bilder, die man für die tägliche Dosis Unwohlsein zwischen den ganzen Jubelarien immer mal wieder einschieben sollte: Ebola, wie es Europa bedroht, der IS, wie er britische Geiseln köpft, Putin, wie er ungeniert vor sich hin annektiert oder natürlich jüngst Ramelow, wie er als erster linker Ministerpräsident für konservative Kräfte eine größere Terror-Bedrohung darstellt als sämtliche Salafisten in Frankfurt. Aber solche schrecklichen Dinge will man doch eigentlich gar nicht mehr sehen, wenn einen der schöne Schein der Adventskerzen bereits in vorweihnachtliche Besinnlichkeit gelullt hat. Wir sind Weltmeister, das ist Erinnerung genug. Schnell noch mal  die schwarzrotgoldenen Millionen am Brandenburger Tor zeigen. Für manche war das einer der finstersten Momente deutscher Jubelgeschichte seit 1933, für viele Leitmedien war es jedoch endlich der Weg zur geschichtsbefreiten Selbsterkenntis Deutschlands als liebenswerteste, beliebteste und wirtschaftlich geilste Nation aller Zeiten –  endlich on top of the world, und das auf völkerrechtlich absolut legitimen Weg. In diesem Rahmen möchten wir unsere liebenswerte Nation ganz ohne Hintergedanken übrigens noch einmal an den Slogan der WM 2006 erinnern, die dieses tolle „Wir-Sind-Schland“- Gefühl einst so fürsorglich reproduzierte: Die Welt zu Gast bei Freunden. Hust.
Weil re:marx typisch deutsch ist und sich 2014 selbst endlich als liebenswertestes, beliebtestes und wirtschaftlich geilstes Blog in Chemnitz erkannte, beweihräuchert es sich deshalb anlässlich des großen Finales mit einer emotionalen Chronik der bewegensten Bilder, Wortspiele, Schnapsideen und Alliterationen des Jahres noch mal so richtig selbst!

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Unser Album des Monats Juni: Glass Animals – ZABA

Heute ist wieder einer dieser Tage. An dem eine unendliche Leere die Seele umschlingt wie Lianen die Bäume im Dschungel. Denn heute ist fußballfrei. Spielpause! Keine WM! Kein Kahn, kein Scholl, keine geballte Expertise von Bla Rethy, kein tattriger Blatter auf der Tribüne, kein Tor in der Nachspielzeit der Nachspielzeit, kein Wet-Look-Jogi im Regen von Recife, keine Kathrin Müller-Hohenstein, die mit Poldi am Pool sitzt und mit den Füßen leise Muster ins Wasser malt. Und so droht man in ein bodenloses Loch zu fallen, ein Loch, größer als das Conti-Loch, ein Loch, größer als das größte Sommerloch jemals sein kann.

Aus dem Boden dieses bodenlosen Loches kriecht nun die Re:marx-Redaktion, oder das was von ihr übrig blieb – ein armseliger Haufen fußballfressender Zombies, getrieben von der ewigen Erinnerung daran, dass es noch ein Leben jenseits der grünen Hölle von Manaus gibt.
In Chemnitz zum Beispiel! Aber Moment: Gibt es Chemnitz überhaupt noch? Nach unserer ausgelassenen Abi-Feier am Staussee am vergangenen Wochenende waren wir uns eigentlich ziemlich sicher: Ja, Chemnitz hat Swag, oder wie man das so sagt, wenn man gerade Abi feiert. Aber jetzt ist es wieder da, dieses Loch. Dieser gefährliche Sog des Sommers, obwohl ja eigentlich noch gar nicht so richtig Sommer war.
Doch auch wenn wir uns in dieses Loch haben fallen lassen wie Robben in den Strafraum – der Druck bleibt enorm, Experten sind sich einig: Re:marx muss jetzt liefern, re:marx ist inhaltlich noch nicht wieder bei 100 %. Nachdem Ideen wie „mit einer Algerien-Flagge zum Public Viewing auf den Markt gehen“ an der Mauer der Motivationslosigkeit scheiterten und Chemnitz auch sonst nichts weiter zu bieten hat, außer Pressefest und Filmnächte und irgendwelche mickrigen Festivals, blieb für diesen Beitrag nur eine der letzten Säulen unseres leeren Lebens: Musik. Das Album des Monats. Wobei hier in der redaktionsinternen Befragung das Panini-Album ganz weit vorne lag und kurz dahinter „One Love, One Rhythm – The Official Fifia World Cup Album 2014“. Letzteres kann man aber getrost in die Eistonne treten, denn hier kommt die mit Abstand heißeste Platte des Jahres. Sagt re:marx. Frauenzeitschriften würden an dieser Stelle vermutlich irgendwas von smooth und sexy schreiben, Pitchfork irgendwas von Jungle und LSD faseln und Rihanna würde tweeten how „phucking hot da music“ is. Und wenn wir schon mal bei Twitter sind:

Ein Album, 140 Zeichen (0614)


Glass Animals – Black Mambo from Harry Reavley on Vimeo.