Exklusive Leseprobe: Rico Ranunkel – Mein Leben mit der Misanthropie: Geständnisse eines soziophoben Schnapstrinkers

Ein später Spätsommernachmittag in Chemnitz. Der Himmel strahlt freundlich und blau wie das Wappen des CFC, aber die Luft ist bitterlich kalt und alles, was kürzlich noch Hoffnung auf den Sommer machte, wurde vom sintflutartigen Regen der letzten Tage zurück auf den Boden der Tatsachen gespült. Im Schatten des innerstädtischen Alkoholverbotes – am Ende des Brühls – steht ein Mann an der Ecke und atmet in eine Tüte, atmet tief ein und dann noch viel tiefer wieder aus, krisenresistente Schnaps-Atmung, ein einsames Röcheln im polyphonen Rhythmus von „Jeffer“. Dann nagt er nervös an seiner getrockneten Salami – Walnuss-Geschmack, Marke Kaufland Classic. Wurst isst Rico Ranunkel immer dann, wenn er sich ausgeschlossen und unverstanden fühlt, wenn er die ganze Welt gegen sich wähnt, mal wieder. Manchmal, an den schlimmen Tagen, isst er drei Packungen am Tag.

Wir treffen Ranunkel am Brühl, einem Ort, wo kaum noch echte Menschen hinkommen. Hier fühlt er sich wohl, hier ist er Mensch, hier kann er allein sein. Sein Coming-Out als Misanthrop sei ihm nicht leicht gefallen, seufzt er schwerfällig. Als Menschenfeind fühlt er sich gefangen in der globalen Spaßgesellschaft, an die er ohnehin noch nie geglaubt hat. Im Gegenteil: So stark wie nie spüre dieser Tage den apokalyptischen Atem der dekadenten westlichen Welt, sagt er. Mit der Zeit habe er es jedoch einfach nur noch „unerträglich“ gefunden, Tag für Tag die gute Miene zum bösen Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel wie eine kaputte Karnevals-Maske mit sich herum tragen zu müssen.

Heute erscheint seine Autobiografie „Rico Ranunkel – Mein Leben mit der Misanthropie: Geständnisse eines soziophoben Schnapstrinkers“ im Chemnitzer Verlag.

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