„ANGST! Marrokaner vergewaltigt Perversen“ – MoPo-Schlagzeilen zum Selberbauen.

Bekanntermaßen ist die Chemnitzer Medienlandschaft in etwa so dürr wie der linke Arm von Lena Meyer-Landrut. Es gibt eine große regionale Tageszeitung für alle über 60, ein absolut relevantes, aber unglaublich arrogantes Blog für alle um die 30, zwei Stadtmagazine, Radio T und Facebook. Und es gibt die Morgenpost, die seit Oktober Tag24 heißt, weil sie nicht nur früh am Morgen, sondern rund um die Uhr sorgfältig recherchierten Bullshit publiziert.

Die Tag24-Homepage, auf der wir uns zugegebenermaßen so regelmäßig herumtreiben wie die Entblößer im Küchwald, bietet eine einmalige Mischung aus leidenschaftlicher Lokalhetze, unfassbaren Unfallfotos, perverser Panikmacherei und Sex – und ist damit eine Art Hybrid aus Buzzfeed, BILD und Bunte. Wenig Wortschatz, viel Hauptsatz, große Reichsweite im Osten. Die Mopo fungiert als journalistischer Bedürfnisbefriediger des kleinen dummen Mannes, bei dem der Schlägerzeilen-Syrer immer entweder Opfer (der kleine Mann freut sich und reagiert mit „Love“) oder Täter ist (der kleine Mann empört sich und reagiert mit „Wütend“) – Hauptsache HORROR, Hauptsache Klicks, Hauptsache angekommen im morgenpostfaktischen Zeitalter.

Weil wir von dieser Art der Berichterstattung gleichermaßen amüsiert wie angewidert und darüber hinaus auch noch arbeitslos sind, hängen wir täglich stundenlang auf tag24.de/chemnitz/lustigerleichenfundinleipzig und regen uns auf. Denn die Mopo-Schlagzeilen sind nicht nur voller plumper Alliterationen, an denen wir uns aufgeilen wie die CSU an der Obergrenze für Flüchtlinge, nein, sie sind gleichermaßen so gefährlich wie eine billige Straßendroge, kurz Meth: Sie ruinieren Geist und Gesellschaft und machen schwer aggressiv, aber wir kommen einfach nicht davon los und brauchen täglich mehr. Deshalb haben wir uns unseren eigenen Schlagzeilen-Generator gebastelt, der aus einem von Stephen Hawking programmierten Algorithmus besteht und deshalb bessere Hauptsätze (Subjektiv – Prädikat Wertlos – ohne Objekt) bilden kann als mancher MoPo-Leser in der Kommentarspalte und am Frühstückstisch.
Weil Neujahr ist und Weihnachten war und wir noch viel vorhaben, laden wir euch hiermit zum Mitspielen ein. Make your own Mopo-Schlagzeile.

Die Post der Moderne: Was letzte Woche in Chemnitz und Texas geschah.

Wir von re:marx lieben es ja, im Zuge unserer maßlos arroganten Meta-Selbstironie vor allem das öffentlichkeitswirksam (mehr oder weniger) zu hassen, was wir selber sind. Also Blogger, Eltern, Schnapstrinker, Medienkommunikationsstudentinnen. Oder eben Sachsen.
Manchmal sitzen wir aber auch gemütlich bei einer heißen Kanne Pfeffi-Tee zusammen und finden, dass wir echt mal wieder was Positives schreiben sollten, um dann wiederum festzustellen, dass uns nichts Positives einfällt und grimmiges Gebashe die einzige schwermutige Sprache ist, die wir fließend sprechen. So geschehen der Autorin, als sie die Ereignisse der Woche zu einer Post der Moderne zusammentragen wollte. Es ließ sich einfach nichts Erhellendes finden. Wir leben schließlich in Sachsen.

Weiterlesen

Wie es euch nicht gefällt: Der Tragödie zweiter Teil. Ein Bullshit-Drama in vier Akten.

Weihnachten, Fest der Liebe, Fest der Familie, Fest der festlichen Werbung, Fest des Fettfressens, Fest des glücklichen Glühwein-Erbrechens, Festung der abendländischen Tradition. Zeit, besinnlich das Jahr ausklingelingen zu lassen, das, zeitgeschichtlich und weltpolitisch betrachtet, noch beschissener war als das letzte, und das, obwohl man letztes Jahr den Gipfel der Beschissenheit der Dinge längst erreicht glaubte. Würde es bei re:marx einen Jahresrückblick geben, er wäre finsterer als die einsamste regnerische November-Nacht in Chemnitz: Menschenhass, graue Bilder, getrübte Emotionen.

Aber weil uns das zu fröhlich wäre, widmen wir uns einem Thema, das letztes Jahr schon da und dieses Jahr noch präsenter war: Hatespeech, sagt man hier in Chemnitz beim Projekte-Pitchen dazu, Hasskommentare. Man will sie ignorieren, man will sie nicht weiter kommentieren, man will nicht schon wieder einen Herzinfarkt riskieren. Aber sie sind da, die ganze Zeit. Überall. Immer wieder. Immer mehr. Und wenn man ihnen nicht in den virtuellen Virenschleudern begegnet, dann eben am gemütlichen Kaffeetisch bei der achsofriedlichen Familienfeier. Möge der Hass mit dir sein.
Des einen Not ist des anderen Brot, sagt man ja auch. Das gilt besonders für Journalisten und solche, die es gerne wären, also Blogger wie uns. Und so haben auch wir uns für ein paar mickrige Likes an der Dummheit, Empathie-Befreitheit, Sturheit, Weltfremdheit, also an der akuten Not der sächsischen Gesellschaft ergötzt – und die Fortsetzung des renommierten Bullshit-Dramas „Viel Lärm um Nichts“ verfasst. Dieses Mal ausschließlich aus originalen und nur minimal manipulierten* MoPo-Leserkommentaren (Facebook) bestehend: „Wie es euch nicht gefällt – der Tragödie zweiter Teil“. Ein Drama in vier Akten. Jetzt mit noch mehr Wut, mehr Verschwörung, mehr Hass, mehr Vorurteilen und vielleicht sogar Bildern. Das perfekte Weihnachtsgeschenk für alle, denen Weihnachten schon immer zu besinnlich war.

schwibsbogen

*hin und wieder wurden einzelne Wörter sinngemäß getauscht oder ersetzt, des schlechten Reimes wegen. 96 Prozent sind jedoch Original-Wortlaut, daher auch die mangelhafte Grammatik.
Weiterlesen

Im Görli von Karl-Marx-Stadt: Ein Abend im städtischen Sperrgebiet Stadthallenpark.

Als wir vor langer Zeit nach Chemnitz zogen, waren die Straßen der Stadt kein sonderlich hartes Pflaster – trotz des bombastischen Betons, der hier in kapitalistischen Nachwende- und kommunistischen Nachkriegszeiten verbaut wurde. Zu alt, zu überschaubar, zu beschaulich schien die Stadt und die Gehwege waren oft so leer, dass sich nicht mal ein ausgefuchster Kleinkrimineller nach Einbruch der Dämmerung alleine hinaus wagte – schließlich war ja auch niemand da, den man hätte überfallen können. In Chemnitz blieb es meist derart ruhig, dass schon leisester Lärm als mittelschweres Verbrechen galt: Eine Hochburg der Sicherheit.
Im Laufe der letzten Jahre jedoch scheint die Kriminalitätsrate rund um den Marx-Kopf drastisch gestiegen zu sein. Man denke nur an das gewaltsam heruntergerissene Schland-Trikot während der Fußball-WM, an die Wildpinkler auf dem Brühl oder die unzähligen Verstöße gegen das Glasflaschenverbot. Glaubt man obendrein Facebook-Kommentaren, Zeitungsberichten und „Tatort Chemnitz“-Befürworten, so leben wir mittlerweile in einer Hochburg des Verbrechens.

IMG_7849

Ort des Grauens: Der Stadthallenpark – der Görli von Chemnitz.

Weiterlesen

Die Post der Moderne (KW 28): Was neulich in Sachsen geschah.

Aufgrund des andauernden Post-Streiks konnte die Post der Moderne in den letzten Wochen ja leider nicht ausgeliefert werden. Dafür schicken jetzt aber alle Briefe nach Freital. Also: Freital. Dieser Ort war uns ja noch nie so ganz geheuer. Wie er da so friedlich schläft, eingekuschelt zwischen den Felswänden des östlichen Erzgebirges. In diesem Tal, das immer halb im Schatten liegt. Ein recht beschaulicher, oder eher rechts beschauerlicher Vorhof des fürstlichen Dresdens, wo erst August der Starke regierte und später Lutz Bachmann. Denn auch in Freital wohnen, wie in vielen ostdeutschen Ortschaften auch, besorgte Bürger. Die Bürger Freitals sind jedoch besonders besorgt, so besorgt, dass sie hier ein großes, widerwärtiges Lichtenhagen-Revival feiern wollen. History repeats itself: Tröglitz, Schneeberg, Freital, Dresden, und wie die Käffer alle heißen – die Aufklärungsversuche gleichen Don Quijotes Kampf gegen Gebetsmühlen. Alles gesagt, alles geschrieben, alles beim Alten geblieben. Die Frage, die uns umtreibt, ist eher, warum gerade in der Peripherie Dresdens (sächsische Schweiz) die Ideologien der NPD auf derart fruchtbaren Boden treffen – von dem sich ja auch Pegida nährte.

pdm

Weiterlesen