abgefakt: Bleich für immer – Make Chemnitz Grey Again. Re:marx feiert Geburtstag.

Es gab eine Zeit, da war re:marx irgendwie cool. Als man sich noch Blogger nannte und in schlecht gelaunte Anonymität gehüllt auf die brachliegende Chemnitzer Kultur-Landschaft einfiel wie rasant radelnde Sommerfrischler in Marschners Eisdiele, Partys generell lieber mied und Menschenmengen auch. Das war vor „Bleich für immer“, jener Festivität am 22. Oktober 2016, die das hoffnungsvolle Versprechen gab, die Stadt, die längst viel zu fröhlich geworden war, endlich wieder grau zu machen.bfi_teasPlötzlich drehte sich alles.
Nur noch um diesen einen Abend: Die Post der Moderne wurde eingestellt, der Paint-Pinsel beiseite gelegt, das wutblinde Gebashe, das uns einst berühmt gemacht und gleichermaßen ruiniert hatte, verstummte im Veranstalterwahn, der uns mit Walkie-Talkies bewaffnet in burnout-große Funklöcher stolpern lies. Re:marx war unter die Party-Macher gegangen, und niemand, wirklich niemand konnte ahnen, dass das einsiedlerischste Kollektiv seit  Misanthropie-Gedenken damit zum Scheitern verurteilt war.
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Zehn/Kurze Fragen mit Playfellow

„Dummheit frisst, Intelligenz säuft“, sagte mal wer. Wer wissen wir gerade nicht genau.
„Happiness in intelligent people is the rarest thing I know“, schrieb mal wer. Das war Hemingway, der depressive Säufer mit der nüchternenen Sprache.

Wer sehr intelligent ist, ist selten glücklich, und wer selten glücklich ist, trinkt intellektuell-bordaeuxfarbenen Wein wie Wasser, schlussfolgern wir daraus und aus unserer eigenen, über Jahre hinweg angetrunkenen Rotwein-Weisheit.

Chemnitz ist in ihrer nischlbetonharten Modedrogenresistenz seit jeher eine Stadt, durch die zwar nur ein kleiner unbedeutender Fluss, dafür aber ein kontinuierlicher Strom Alkohol fließt, der viele immer wieder ins Verderben reißt.

Daran, dass die Chemnitzer besonders intelligent sind, liegt das vermutlich nicht. Daran, dass die postsozialistische Traurigkeit in Chemnitz so großflächig grau erlebbar ist, wie nirgendwo sonst (übertrieben geschrieben) vielleicht schon.

Vor zwei Wochen haben wir uns mit der traurigsten Band der Stadt getroffen, um all das kollektive Chemnitz-Leid in Gin zu ertränken, uns melancholisch im Schnaps zu baden und peinliche Lanz-Fragen zu stellen.  Es folgen: Zehn/Kurze Fragen mit Playfellow, genau, die, die heimlich bei Radiohead klauen und die ab morgen mit ihrem neuen Album „Ephraim’s House“ ein Stück der Chemnitzer Melancholie in die weite Welt tragen.

abgefakt: Zeitgeist 2014. Teil II (Juli bis Dezember)

Juli:
Eintrag vom 02. Juli 2014
Liebes Tagebuch,
„Heute ist wieder einer dieser Tage. An dem eine unendliche Leere die Seele umschlingt wie Lianen die Bäume im Dschungel. Denn heute ist fußballfrei. […] kein Tor in der Nachspielzeit der Nachspielzeit, kein Wet-Look-Jogi im Regen von Recife, keine Kathrin Müller-Hohenstein, die mit Poldi am Pool sitzt und mit den Füßen leise Muster ins Wasser malt. Und so droht man in ein bodenloses Loch zu fallen, ein Loch, größer als das Conti-Loch, ein Loch, größer als das größte Sommerloch jemals sein kann.“


Was sonst noch geschah:

Der Aufreger des Monats:
Diese „bloggende Selbstherrlichkeit“, diese „Bastion der Arroganz“, dieser „lose Verband wahnsinniger Geisteswissenschaftler“ (Zitat re:marx über re:marx) ging uns so richtig auf die Eier. Zeit für ein abgefakt! Die Chemnitzer Community dankte es uns inständig – scheinbar haben wir damit vielen Lesern aus der Seele geschrieben.

IMG_6249Was außer sonst noch sonst noch geschah:

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Wieder im Angebot: 10 Kurze/Fragen. Heute mit: Sir Henry.

Das redaktionelle Re:marx-Jahr folgt einem strengen Zyklus: Winterschlaf, Osterloch, Frühlingshoch, Sommerloch, Herbstdepression, Conti-Loch, Weihnachten: Best-Of-Loch-Listen. Da bleibt kaum Zeit für echte Inhalte, weshalb wir den Autorenkreis von fünf auf einen reduzieren, die Schnapsatmungs-Patienten zur Kur schicken, Rico Ranunkel als schlechtbezahlte Aushilfskraft ausbeuten und unser Erfolgsformat  „10 Kurze/Fragen“ vorerst auf Trockeneis legen mussten. Doch hiermit soll die fünfmonatige Durststrecke nun endlich offiziell enden, denn auf dem Sonnenberg – dem derzeit angesagtesten Viertel der Stadt – hat ein neuer Club eröffnet, der Nikola Tesla heißt und dem Kritiker einen gewissen Verwandschaftsgrad mit dem Atomino unterstellen. Weil Club-Betreiber erfahrungsgemäß die härtesten Interviewpartner sind und zehn+ Schnäpse trinken wie ayurvedisches Ingwerwasser, haben wir Sir Henry, Chemnitzer Adelsexperte und Ritter aus Leidenschaft, zur verheerenden Verbal-Verkostung geladen – oder war es eher umgekehrt?
Egal! Schonungs- und hemmungslos wie eh und je haben wir uns auch in diesem Gespräch an die Grenzen der menschlichen Würde herangetastet und die vielgefürchtete Lanz-Frage („Wieviel?“) gleich zum Einstieg gestellt – zumindest wenn man dem durch Schnitttechnik stark manipulierten Video glaubt. Was Nikola Tesla außer Wechselstrom sonst noch zu bieten hat, was an den Verschwörungstheorien rund um’s Atomino dran ist und ob wir wirklich alle Alkoholiker sind, verrät ein Klick auf folgenden Film.

Das Nikola Tesla steht auf der Zietenstraße, gegenüber vom Lokomov. Wir sagen: Nix wie gin!