Die Post der Moderne (KW 28): Was neulich in Sachsen geschah.

Aufgrund des andauernden Post-Streiks konnte die Post der Moderne in den letzten Wochen ja leider nicht ausgeliefert werden. Dafür schicken jetzt aber alle Briefe nach Freital. Also: Freital. Dieser Ort war uns ja noch nie so ganz geheuer. Wie er da so friedlich schläft, eingekuschelt zwischen den Felswänden des östlichen Erzgebirges. In diesem Tal, das immer halb im Schatten liegt. Ein recht beschaulicher, oder eher rechts beschauerlicher Vorhof des fürstlichen Dresdens, wo erst August der Starke regierte und später Lutz Bachmann. Denn auch in Freital wohnen, wie in vielen ostdeutschen Ortschaften auch, besorgte Bürger. Die Bürger Freitals sind jedoch besonders besorgt, so besorgt, dass sie hier ein großes, widerwärtiges Lichtenhagen-Revival feiern wollen. History repeats itself: Tröglitz, Schneeberg, Freital, Dresden, und wie die Käffer alle heißen – die Aufklärungsversuche gleichen Don Quijotes Kampf gegen Gebetsmühlen. Alles gesagt, alles geschrieben, alles beim Alten geblieben. Die Frage, die uns umtreibt, ist eher, warum gerade in der Peripherie Dresdens (sächsische Schweiz) die Ideologien der NPD auf derart fruchtbaren Boden treffen – von dem sich ja auch Pegida nährte.

pdm

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Der Mann hinter re:marx beantwortet Leserfragen. Diesen Monat: Dr. Sammer und die WM-Sorgen

Die heiße Glut des wärmsten Pfingstens aller Zeiten flimmert noch in unseren Köpfen, raubt uns die Klarsicht und den Weitblick, stattdessen sehen alle nur noch schwarzrotgold, die Feuerwehr löscht Sonnenbrände, das Sommerloch hat seinen gierigen Schlund geöffnet und verschlingt gnadenlos, was vom frühsommerlichen Rest-Niveau übrig geblieben ist. Die Deutschen grillen sich lieber krank oder liegen teilnahmslos im Freibad und braten das körpereigene Fett in den uns so wohlgesonnenen Sonnenstrahlen. Smells like Sommermärchen, inklusive Hitzschlag und Hitzefrei. Inhaltlich könnte man jetzt eigentlich Insolvenz anmelden und auch beim Blick in den Termin-Kalender gefriert uns das Blut eiskalt in den Adern: Abgesehen vom kommenden Wochenende und dem Kosmonaut, passiert im Juni gefühlt nichts und zwar absolut gar nichts. Der vermutete Grund dafür lässt sich mit zwei Buchstaben abkürzen und absurd vermarkten: We Em. Weltmeisterschaft im Fußball – und die beginnt am Donnerstag, falls es irgendjemand noch nicht mitbekommen haben sollte.
Beim Gedanken an die Fußball-Weltmeisterschaft erleidet die politische Korrektheit  vermutlich schon wieder Schnapp-, und das vereinigte Proletariat Schnaps-Atmung: Darüber, dass die Fifa pervers und Fußball ein schmutziges Geschäft ist, sind wir uns wohl alle einig. Oder darüber, wie schwachsinnig 95% der allerorts angepriesenen WM-Produkte sind. Zu allem Überfluss hat sich vergangene Woche dann auch noch der letzte lebende Sozialist, der Nischl, ein Trikot übergeworfen und die re:marx-Redaktion sich daraufhin beinahe zerworfen –  aber dann entschieden wir uns in letzter Minute für einen Rundum-Bash in alle Richtungen, der endlich auch mal Früchte des Zorns trug.

Prinzipiell sind auch wir eher keine gröhlenden Schland-Fans und ein Teil der Redaktion ist ebenfalls allergisch gegen Fahnen an Autos. Wir sind außerdem gegen Blut und Spiele und wären wir in Brasilien, würden wir niemals in der VIP-Lounge, sondern in einer gentrifizierten Favela sitzen und den ersten Stein aufs Maracanã werfen. Wir würden auch so etwas wie olympische Winterspiele in Katar nie befürworten, wenn die Scheichs vorher nicht genug Geld überwiesen haben. Und wir hoffen heimlich auf das Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft und zerstören wutwillig Rewe-Papier-Fähnchen mit Thomas Müllers diabolisch grinsender Visage und ersetzen sie durch Fotos von Hans Sarpei.

unschuld

Original-Aufnahme aus dem WM-Finale 1974. Die Deutschen wurden Weltmeister im eigenen Schland.

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Unser Album des Monats (Mai): Little Dragon – Nabuma Rubberband

Katastrophen-Alarm in Chemnitz! Am Samstag wackelten die Häuser und man wusste nicht so recht: Ist das jetzt noch das erschütternste erzgebirgische Erdbeben ever oder doch schon der bumsfidele Bass von Mc Fitti?
Während die Region also nur knapp einem fetten RTL-Blockbuster mit Weltuntergang, Explosionen und Til Schweiger als Erlöser entging (mögliche Titel:  Killer-Beben: Das Erzgebirgs-Inferno | Endstation Erzgebirge | 4,2 – Aftershock in Annaberg | Armageddon Auerbach: Die Erde brennt | Hölle-Hilbersdorf: 17 Prozent für Pro-Chemnitz oder Population Zero -Die Stadt ohne uns…wobei – letztere klingen leider doch recht realistisch) demonstrierte die Chemnitzer Jugend anlässlich des ersten Rock am Kopp-Konzertes am Nischl ihre von Demagogen …. Dermatologen Demografen lange angezweifelte Existenz. Nachdem bereits unzählige Versuche einer Chemnitzer Verjüngungskur an der Grausamkeit des Altersdurchschnitts scheiterten und selbst das einstige Frischzellenlabor des MS Beat mittlerweile einen auf glückseliges Seniorenparadies macht (Stichwort „vital“), mussten erst ein Mann namens Rico Ranunkel ein niveauloses Trinkgelange und später ein rappendes Hashtag namens MC Fitti ein kostenloses Konfetti-Werfen veranstalten, um die Teens und Tweens und Ü30s endlich mal hinter ihren PCs hervorzulocken. Allerdings stieg die Party nur punktuell: Gefühlt fünf Peeps puteten ihre Hands up, der Rest gaffte, sah gut aus oder wiegte sich in distanzierter Sicherheit. Trotzdem gab es ganz viel #yolo und #swag und #whatsapp und #wodkamate und Neunjährige, die stolz #Selfies vorm Marx-Kopf machten. Und das war natürlich derbe #geilon. Nein: Es war übelst geilon! Und weil wir voll swag und geilon und tagesaktuell sind sollte an dieser Stelle noch irgendwas in schwarz stehen, aber leider ist unsere Schriftfarbe weiß.
Worum’s hier eigentlich geht? Ach ja, Musik. Und zwar gute Musik und die kommt diesen Monat nicht von MC Fitti, sondern von einer Band namens Little Dragon, womit wir eigentlich wieder beim Katastrophen-Film oder bei Fukushima wären, aber zum Glück hat das jüngste Gericht der re:marx Redaktion entschieden, dass die neue Platte der vier ungeheuerlichen Schweden keine musikalische Apokalypse, sondern unser verdientes Album des Monats ist.

Ein Album, 140 Zeichen (0514)

little dragon

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(Dieser Screenshot birgt eine Schwierigkeitsstufe. Wer es dennoch lesen kann ist ein echtes Apple-Opfer)


Little Dragon – Paris on MUZU.TV.

LITTLE DRAGON „Klapp Klapp“ from Taylor Cohen on Vimeo.