Exklusive Leseprobe: Rico Ranunkel – Mein Leben mit der Misanthropie: Geständnisse eines soziophoben Schnapstrinkers

Ein später Spätsommernachmittag in Chemnitz. Der Himmel strahlt freundlich und blau wie das Wappen des CFC, aber die Luft ist bitterlich kalt und alles, was kürzlich noch Hoffnung auf den Sommer machte, wurde vom sintflutartigen Regen der letzten Tage zurück auf den Boden der Tatsachen gespült. Im Schatten des innerstädtischen Alkoholverbotes – am Ende des Brühls – steht ein Mann an der Ecke und atmet in eine Tüte, atmet tief ein und dann noch viel tiefer wieder aus, krisenresistente Schnaps-Atmung, ein einsames Röcheln im polyphonen Rhythmus von „Jeffer“. Dann nagt er nervös an seiner getrockneten Salami – Walnuss-Geschmack, Marke Kaufland Classic. Wurst isst Rico Ranunkel immer dann, wenn er sich ausgeschlossen und unverstanden fühlt, wenn er die ganze Welt gegen sich wähnt, mal wieder. Manchmal, an den schlimmen Tagen, isst er drei Packungen am Tag.

Wir treffen Ranunkel am Brühl, einem Ort, wo kaum noch echte Menschen hinkommen. Hier fühlt er sich wohl, hier ist er Mensch, hier kann er allein sein. Sein Coming-Out als Misanthrop sei ihm nicht leicht gefallen, seufzt er schwerfällig. Als Menschenfeind fühlt er sich gefangen in der globalen Spaßgesellschaft, an die er ohnehin noch nie geglaubt hat. Im Gegenteil: So stark wie nie spüre dieser Tage den apokalyptischen Atem der dekadenten westlichen Welt, sagt er. Mit der Zeit habe er es jedoch einfach nur noch „unerträglich“ gefunden, Tag für Tag die gute Miene zum bösen Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel wie eine kaputte Karnevals-Maske mit sich herum tragen zu müssen.

Heute erscheint seine Autobiografie „Rico Ranunkel – Mein Leben mit der Misanthropie: Geständnisse eines soziophoben Schnapstrinkers“ im Chemnitzer Verlag.

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Nie und Nipster: Du wirst nicht glauben, wie diese fünf Wahl-Plakate aus Chemnitz dein Leben für immer verändern werden!

Vergangene Woche neigte Klaus Kleber im heute-Studio den Kopf ganz besonders schief zur Seite und sprach vom „Sommer der Kriege“. Na fein, denkt sich da der geneigte Zyniker vorm Mediengerät angesichts der derzeitigen globalen Schieflage. Hieß das neulich nicht noch „Sommer der Liebe“? Sprach man nicht einst vom „Sommer unseres Lebens“? Wo “früher“ also alles besser war und man im Sommer barfuß über duftende Alpenwiesen tanzte und mit haarigen Hippies am Lagerfeuer sang und nachts nackt in den See sprang und die BILD Schlagzeilen wie „Hammer-Hitze in Heidelberg“ auspackte, tobt nun der „Sommer der Kriege“. Für grundsätzlich weltschmerzgeplagte Kulturpessimisten wie mich uns sind das wahrlich harte Zeiten, in denen nicht mal mehr die in Deutschland ohnehin schwer auslieferbare Allzweckwaffe Ironie hilft. Auch der vom Aussterben bedrohte Qualitätsjournalismus hechelt da nur noch hilflos hinterher, röchelt schwerfällige Schlagzeilen und kotzt Informationsbrocken ins Netz – Hauptsache sie lassen sich leicht wegputzen:
Fünf Dinge, die Sie jetzt über den IS wissen sollten.
Fünf Fotos von kopflosen Toten, die Sie nie vergessen werden.
Fünf Fakten über die Ausbreitung von Ebola in Europa, die Ihr Leben verändern werden. Sie werden nicht glauben, was diese fünf süßen Katzenbabies mit dieser kleinen Spitzmaus machen!

Und: Er erfindet neue furchtbare Wörter für eigentlich nicht so ganz neue, aber nicht minder unschöne Phänomene – die Rede ist vom Nipster. Was klingt wie ein niedliches Nagetier ist jedoch weitaus schlimmer als die letzte Waschbärenplage in Niederwiesa: Nazis, die gern so wären wie Hipster. Sie tragen Jute-Beutel und Bärte und kochen vegan und anti-koscher auf YouTube. Und weil das Elend der Welt anscheinend noch nicht groß genug ist, bedrohen sie nun auch noch die demokratische Grundordnung in Chemnitz.

   undercut

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