dm-Haul and other Poems.

„Heute Vormittag ging ich mal wieder kurz zu dm Drogerie Markt. Sie kennen das. Man braucht nur Zahnpasta und kauft dann noch Duschgel, Lebkuchen, Geschenkpapier, Windeln … zum Schluss ist der Wagen voll und man tritt reumütig den Weg zur Kasse an. Als ich all meine Einkäufe auf das Band gelegt hatte, entdeckte ich aus dem Augenwinkel eine neue Manomama-Tasche! Wer hier schon etwas länger mit liest, weiß ja inzwischen, dass ich jede Manomama-Taschen mit Begeisterung und aus Überzeugung kaufe.“

OK, kurze Pause. Sind den Hipsterschmierfinken von re:marx nun endgültig die Gehirne windelweich gespült und, in einer Berliner-Luft-dichten Kruste aus Duschgel und Lebkuchen versiegelt, in Geschenkpapier verpackt der Zahnpastafee auf das Motelbettkopfkissen gelegt worden? Nein, aber dazu später mehr. Der zitierte Text ist die Einleitung zu einer spektakulären Enthüllung der Bloggerin Pia Drießen, die einen „Shitstorm über dm“ (Meedia, Chip, Huffington Post) regnen ließ. Einen Tag, nach dem der Beitrag „Nicht nur eine Tasche“ auf ihrem Blog erschien, der von einer Biowaschmittelfirma gesponsert wird, hat Drießens beeindruckende Recherche ihren eigenen Hashtag, damit sich die öko-alarmbereite Landlust-Gesellschaft so schnell wie möglich gegenseitig mit einem Tweet vor der fiesen Drogeriekette warnen kann. Einen Tag später ist der #Taschengate bei Spiegel Online und der Süddeutschen angekommen, die dm-Webseite  lahmgelegt und vor der neuen dm-Filiale in der Ermafa-Passage legten Menschen am Sonntag spontan Kränze nieder.

Irina_Gache

Po-e-sie: Kommerziell katastrophale Kunstform für verzweifelte Versfans Foto: Irina Gache für Besser Als Heute Morgen

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Unser Album des Monats: Thom Yorke – Tomorrow´s Modern Boxes

„Die größte Hit-Vielfalt“ und „Spaß nonstop“ verspricht es einem. Hier läuft das Beste, das Tollste und natürlich das Neuste. Keiner entkommt ihm, es ist allgegenwärtig und angeblich niemand kann es leiden: Das zeitgenössische Mainstream-Radio.

Doch ist Mainstream-Radio wirklich per se schlecht?

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real, marx: Einmal hin, alles drin. Ein Poethischer Report von den Begehungen.

Mal ganz ehrlich. Wer vergangenen Freitag das Sensationsspiel des CFC gegen Mainz 05 im DFB-Pokal verpasst hat, kann nur einen vernünftigen Grund dafür gehabt haben: Die Begehungen in Bernsdorf. In seiner elften Auflage beging das Kunstfestival dieses Jahr vom 14. bis 17. August den Rosenplatz – ein beschaulicher kleiner Park, idyllisch gelegen zwischen Fetisch-Laden und Nutten-Netto. Chemnitz-Kenner wissen, dass Bernsdorf dem Sonnenberg als angesagtes Problemviertel längst den Rang abgelaufen hat. Der Rosenplatz schien deshalb der perfekte verlassene Ort, um Kunst zu kuratieren und Werke zu installieren zwischen der knarrenden Schaukel auf dem Spielplatz und dem kühlen Serbst-Wind, der leise in den Baumwipfeln wehte. Begangen wurde auch die vergangene Edeka-Kaufhalle auf der Bernsdorferstraße, seit deren Schließung nie wieder auch nur ein einziger Edeka-Supermarkt in Chemnitz gesichtet wurde. Aus diesem Supermarkt wurde nun ein Kunstmarkt, weshalb bei den diesjährigen Begehungen grundsätzlich viel über Konsum im Konsum reflektiert werden durfte. Aber kommen wir zum Wesentlichen: zu uns. Re:marx war erwartungsgemäß dabei und überlegte zunächst lange, wie man sich dem Kunst-Konsum am besten annähern könnte, stieß aber schließlich auf etwas, das stets volksnah, simpel und für alle zugänglich ist: Lyrik! [Bzw. das, was man heute gemeinhin für Lyrik hält]. So kroch in unserem Autorenkreis nicht nur ein heimlicher Hobby-Dada-Dichter aus seinem Kreativkeller ans virtuelle Tageslicht, nein wir praktizierten auch die kunstvolle Form der öhm Live-Lyrik, in Echtzeit geschrieben von den Dichten an der MS BEAT Bar, die endlich noch Dichter werden wollten. Die Resultate: Berauschende MSBeat-Poesie über Konsum; Alkohol-Konsum, Wurst-Konsum, Pfeffi-Konsum, Bier-Konsum, Kunst-Konsum. Alle Gedichte der dichten Dichter und ein bisschen visuelle Poesie in Form von Fotos könnt ihr jetzt und hier konsumieren.

IMG_6303„Immer wenn du denkst es geht nicht mehr kommt von irgendwo ein Pfeffi her.“ [Terle M.]

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Abgefakt: Re:marx – Party, Pop und Poesie.

Re:marx. Ein Name wie ein Verbrechen. Ein Name, der Industrie- mit Popkultur und kreativlose Arbeiterklasse mit arbeitsloser Kreativklasse vereint und der mit dem hippen Doppelpunkt zudem noch für grafische Raffinesse im steinernen Wortwitzwald der Chemnitzer Kulturszene sorgt. Party, Pop und Poesie: Ein Slogan, der das Gehör so zart umschmeichelt wie ausgelassene Butter ein saftiges Schnitzel. Nur inhaltlich scheint Re:marx derzeit passiver als die brasilianischen Abwehrreihen und ideenloser als Özil beim Passspiel. Das einzige was hier noch errichtet wird, ist eine Mauer der Ignoranz. Zeit, dieser bloggenden Selbstherrlichkeit eines unserer gefürchteten „abgefakts“ zu widmen.

Das war:
Gegründet:
wurde Re:marx vor dreihundert digitalen Jahren, nämlich 2011. Eine wilde, eine unbeschwerte Zeit, in der man noch Statusmeldungen und rote Herzen bei Facebook postete und dabei Witch House hörte. Aus Witch House wurde Future R’n’B und wofür genau Facebook eigentlich noch gut ist, weiß mittlerweile keiner mehr. Heute erzählt man sich die Legende, Re:marx sei ursprünglich als mediale Plattform für die sagenumwobene Beta-Bar gedacht gewesen. Der Hauch einer absurden Idee, zum Leben erweckt von einer handvoll irrer Musikredakteure des ausblutenden Radio UNiCC – eine sektenartig eingeschworene Gemeinschaft, fest vereint im Glaube, Jeffer sei der beste Song aller Zeiten.

Was bisher geschah: Nach Jahren mickriger Klickzahlen und monatlichen, als Redaktionstreffen getarnten, Besäufnissen zwischen ausbleibender Resonanz und sich anschleichender Resignation, blühte der Blog im vergangenen Jahr plötzlich auf und statt räudigem Sterni gab es bei den Treffen nur noch edlen Pfeffi. Re:marx avancierte zum letzten große Mythos des Chemnitzer Nachtlebens. Gerüchte wurden laut über einen Schatten im Osten, ein namenloses Grauen ging um, ein gnadenloses Gebashe: Herzlos und kaltblütig, feige gehüllt in den duckmäuserischen Deckmantel der Anonymität. Clubs schlossen reihenweise, nachdem Re:marx sie gecheckt hatte, Weltansichten gerieten ins Wanken, Lichtgestalten wie Rico Ranunkel erschienen auf der Bildfläche, andere verschwanden. Renommierte Chemnitzer Leitmedien wie das 371 sprachen bereits vom „wichtigsten popkulturellen Medium der Stadt“. Formate wie „Zehn/Kurze Fragen“, „Hit The Klo, Check“ und „Po:esie“ verhießen Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Plötzlich wollte sich Prominenz gemeinsam mit Re:marx besaufen, plötzlich hatte Re:marx über sechshundert Likes bei Facebook, plötzlich glaubte man wieder an eine Chemnitzer Zukunft. Doch dann kam der Sommer.

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Der Po:esie dritter Teil. Mit Lyrik von Livia Stefan.

Zugegeben: Anfang Juni ist nicht der beste Zeitpunkt, um über Vergänglichkeit zu reden. Schließlich ist gerade Frühling und bei allen flippen die Hormone und auf dem Aldi-Parkplatz wird unter Birken gegrillt. Die Festivalsaison steht an, Urlaub, Ferien, eine Fußball-WM hat ihre schwarzrotgoldenen Kitschkrakenarme ausgestreckt und eine nach Gartenlauben riechende Stadt sich dazu verschworen, auf Flip Flops und Achselshirts umzusatteln. Dass die Chemnitzer auch 1989 schon die Trümmerfrauen des Sommers waren, zeigt gerade die Kunstdoku „Menschen der Stadt“ von Erich Wolfgang Hartzsch, die in den Kunstsammlungen läuft.

Und unsere Po-etin des Monats Livia Stefan schreibt: „I’m gonna die because I didn’t killed myself“. Vergänglichkeit ist nämlich gar nicht so ein passiver Vorgang, wie immer angenommen. Wortstamm ist schließlich „gehen“, und wer oder was geht, hat ein Ziel. Livia Stefan, die in Bukarest lebt und dort ihr Geld als Kolumnistin, Dichterin, Model und Musikerin verdient, hat in ihrem Gedicht das lyrische Zelt schon mal am Ziel aufgestellt. Verschiedene Möglichkeiten, um dort hinzukommen, hat sie darin für uns aufgeschrieben. Und wie kriegen wir jetzt wieder den Bogen zum nahenden Chemnitzer Sommer? Gar nicht. „I’m gonna die not finishing a text“

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Der Po:esie zweiter Teil. Mit Lyrik von Tom Schilling.

Ein Montag fühlt sich irgendwie tröstlicher an, wenn man am Tag zuvor schon den neuen Spiegel gelesen hat. Vielleicht, weil man dann für einen Tag lang das Gefühl hat, gut informiert zu sein. Was man natürlich nie ist – allein während der Lektüre des Spiegels könnte man schon verpasst haben, dass in einen Supermarkt in Chemnitz eingebrochen wurde, dass das Weltecho noch geöffnet, dass sich im Conti-Loch ein Occupy-Zeltlager gebildet und das ZDF unserem Beispiel gefolgt ist, und Lanz kalt gestellt hat. Oder dass ein Chemnitzer Grundschulhausmeister die Polizei rief, weil vor der Schule Fußbälle lagen. Originalverpackt! Außerdem hat Tape TV unsere alkoholigrafische Interviewreihe Zehn Kurze/Fragen kopiert. Allerdings mit nur sechs Schnäpsen. Ist ja auch vernünftiger.

Der Spiegel jedenfalls stellt auf seinem aktuellen Titel die Frage, wie schädlich Pornografie für Jugendliche ist. Nicht nur, dass wissenschaftlich längst erwiesen ist, dass Masturbation häufig Fieber verursacht und blind machen kann – ein Spiegelredakteur hat mittels Selbstbespiegelung und Umfragen in seinem Bekanntenkreis festgestellt, dass Pornokonsum dazu führt, dass das männliche Brusthaar ausstirbt. Stark gefährdet sind auch Achselhaare. Fiebrig fingierte Umfragen in unserem Bekanntenkreis  haben jedoch ergeben: diese erregende Erkenntnis ist schlichtweg falsch. Deshalb haben wir den Chemnitzer Lyriker Tom Schilling (Anfang 40, behaart) gebeten, die Wahrheit über Sex zu schreiben und das Intro seiner spritzigen Analyse auf einem behaarten Männerkörper festgehalten. Es folgt Teil zwei unserer schlüpfrigen Lyrik-Latte
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Leserlyrik: Party vs. Poesie

Warum wir damals den schönen Slogan „Party, Pop und Poesie“ als catchy re:marx-Trademark auserkoren haben, wissen wir ehrlich gesagt selbst nicht mehr so genau. Vermutlich war es die anmutige Alliteration im besten Bauer-Sucht-Frau-Stil, die uns von geflügelten Worten als blühende Bastion der Hoffnung im grauen Gemnitz hat träumen lassen. Doch die Realität kennt keine Gnade und holte uns schnell auf den harten Beton-Boden der urbanen Tatsachen zurück. Alles was blieb war Party hier, Party da, ab und an ein Hauch von Pop, ansonsten jedoch jede Menge blinde Wut (wir nennen es den „kritischen Bloggerblick“), die in brutalen Bashings gipfelte und den Lesenden the Rage of re:marx mit jeder zweifelnden Zeile spüren ließ.

Für subtile poetische Wortgewächse hatte unser Aggressionsventil 2.0  bisher irgendwie keinen Platz, doch das soll sich ab nun ändern, denn zum Glück gibt es euch – und die Möglichkeit, uns anonyme Fanpost via Mail zukommen zu lassen.

So erhielten wir bereits im Februar von einem uns unbekannten Absender dieses wundervolle Gedicht, das uns zunächst zwar ein wenig zweifeln ließ, aber das wir euch dennoch um keinen Preis vorenthalten möchten. Interpretationsvorschläge sind willkommen.

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