Endhaltestellen im Chemnitzability-Check: Mittweida

Immer wenn es Herbst wird, riecht die Luft so, als hätte jemand heimlich den Himmel angezündet. Vermutlich war es aber doch nur der Feuerteufel, der am Kaßberg fünf falschgeparkte SUVs und den Reifenstecher in Brand gesteckt hat. Jedenfalls starrt man dann meist trübsinnig ins himmlische Pastellgrau, inhaliert ein bisschen von der guten Diesellandluft und wälzt sich in Wehmut. Wer ohnehin chronisch melancholisch veranlagt ist, hält diese seltsame Zwischenwelt aus schwermütiger Sommerfrische und fröhlicher Herbstverstimmung für die beste Saison aller Jahreszeiten. Für alle anonymen Melancholiker und Weltschmerzmittelabhängige haben wir gute Nachrichten: Man muss nicht mehr auf den Herbst warten, um sich richtig schön trist zu fühlen.  Es reicht vollkommen aus, montags mal nach Mittweida zufahren. 

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Die Post der Moderne: Was zuletzt in Texas geschah.

Dresden, wir haben ein Problem: Sucksen, das Bundesland, in das wir ungefragt hineingeboren wurden, hat sich wieder mal selbst in seiner eigenen Widerwärtigkeit übertroffen, und es damit sogar bis in den Guardian geschafft, wo unser liebster Lügenpresselokalmatador, also die Freie Presse, erwähnt wird, was uns eigentlich echt freuen würde, wenn der Anlass nicht so traurig wäre. Die Briten, von denen Reisezeugenberichten zufolge einige immer noch glauben, dass dieser Hitler gar nicht so übel war, wird’s freuen. German Nazi-awkwardness at it’s best. Prinz Harry kramt schon mal die alte SS-Uniform aus seiner Kostümkiste, beschulterpolsterflügelt von der neuen Erkenntnis, dass SS vielleicht ja auch für Sachsen-Staffel steht und die neuen Bürgerwehren meint, die nachts wutentbrannt ihre Kreise in Käffern ziehen, in die eh keiner freiwillig kommt, nicht mal bedürftige Beschaffungskriminelle oder sonstige vagabundierende Banden. Oder SS steht für Sachsen-Sheriffs, denn Bürgerwehren sind hier eigentlich ziemlich überflüssig, schließlich haben wir unsere (Chemnitzer) Polizei, die zuverlässiger denn je für Rechts und Ordnung sorgt, in dem sie Nazis schützt und Flüchtlingskinder zum weinen bringt, das dann auch noch richtig findet und deshalb jetzt  gegen Insassen des Busses ermittelt. Zum Beispiel gegen einen zehnjährigen Jungen, der dem Mob den verdienten Mittelfinger zeigte – und damit angeblich der wahre Übeltäter ist. Man hat gar nicht so viele Hände, wie man besorgten Bürgern und Behörden da Stinkefinger zeigen möchte.

Doch Sachsen hat mehr zu bieten als nur Menschen-Hass und menschliche Hässlichkeit.

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Auf der Jagd nach The Fucking Ausweis

Letzte Woche mussten wir mal kurz inne und verdammt oft die Luft anhalten: Wegen des Reizhustens, der sich wie ein trockener Alkoholiker an unsere Bronchien klammerte. Wegen der Mandarine, die Helge Schneider in einem Hotel in Hannover gegessen hat. Weil uns eine SPON-Eilmeldung nach der anderen jagte, und Eilmeldungen (Eil: Terrorist war irgendwann mal in Deutschland. Eil: Pariser Polizeihund bei Einsatz in Saint Denis getötet. Eil: Böhmermann-Video ist Satire) in nervösen Zeiten wie dieser ja ungefähr so beruhigend sind wie eine Pressekonferenz von Thomas De Maizière. Valium fürs Volk. Zwischen trotzigem Phlegma und kollektiver Panikattacke war uns nicht so nach Ironie, war uns nicht so nach allem. Außerdem wurde die Woche von einem weiteren Großereignis überschattet, nein, erhellt, einem Ereignis, das uns kein Anschlag der Welt vermiesen kann: Der viel antizipierten Ankunft des diesjährigen Chemnitzer Weihnachtsbaumes, einer prächtigen vogtländischen Fichte, die auf dem Markt mit einer Party und einem Set vom glatzköpfigen Star-DJ Locke warmherziger willkommen gehießen wurde, als Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof. #Christmastreesarewelcome in Sucksonie, Refugees ja leider weniger. Bei der Ankunft von fremden Nadelbäumen versammelt sich die Menge am Markt um zu jubeln, in diesen schweren Zeiten, bei der Ankunft von fremden Menschen protestiert sie vor Heimen und schmeißt mit Steinen. Was uns zum eigentlichen Thema führt: Einer nicht-mal-anonym aus Berlin eingegangenen Text-Spende der Krautreporter für die schwarze Seriositäts-Kasse von re:marx. Die folgende Reportage begleitet zwei junge Männer in Deutschland und erzählt von deren Leben nach der Flucht – beziehungsweise von der Flucht nach der Flucht: Und zwar der Flucht vor dem sächsischen Nazi-Mob und dem sachsen-anhaltinischen Nada.

Die Reportage erschien Anfang November bei den Krautreportern. Das war zwar schon vor drei Wochen, und wäre bei SPON heute keine Eilmeldung mehr wert, aber weil wir gegen ungefähr alles sind, sind wir auch gegen das pseudobeschleunigte Tempo des Internets. Eile ist uns egal.
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Säxit through the Giftshop: Eine dunkeldeutsche Reise durch Sachsen.

Vor(w)ort
Die Welt ist im Wandel. Die Welt war nie ein Status quo, und sie wird es auch nie sein – das ist allein schon wegen der Erdrotation unmöglich. Die Erde wird sich immer weiter drehen. Das haben viele erst jetzt erkannt, nicht alle haben es akzeptiert, einige werden vermutlich ewig daran knabbern: Gesellschaften verändern und Platten verschieben sich, bestehende Strukturen verschwinden, neue entstehen.
Während deutsche Medien plötzlich  erkannt haben, dass Positiv-Berichterstattung über Flüchtlinge und Flüchtlingshilfe sinnvoller ist als halbblinde Panik-Mache, rätselt der Rest der sich wandelnden Welt über das Negativbild, das die Sachsen gerade von sich auf die schroffen Sandsteinfelsen projizieren. Unzählige Ursachenforscher versuchten sich jüngst an kausalen Ausgrabungen im Tal der Ahnungslosen: Ist es die hohe Arbeitslosenquote, der geringe Ausländeranteil, der schlechte Westfernsehenempfang, der Wendeverlierer, die DDR-Erziehung, die CDU-Regierung? Und weiß man in der Sächsischen Schweiz überhaupt schon vom Mauerfall? Oder ist Sachsen jener mystischer, in Silbermond-Balladen besungener Ort, an dem die Welt still steht?
Die ganze Nation unterscheidet gerade in helles und dunkles Deutschland wie CSU-Politiker in gute und böse Flüchtlinge. Das eine Deutschland ist eifrig hilfsbereit, tolerant und solidarisch, es begrüßt die Flüchtlinge am Bahnhof in München mit Bonbons und Beifall, das andere Deutschland kauert wütend in der finsteren Ecke und wirft Steine auf fremde Menschen: Das schwarzgelbe Schaf der BRD, Dunkeldeutschland, manche fordern schon den Saxit: Sachsen, rechts unten. Einst Monarchie, dann Wiege des protestantischen Proletariats, heute ideologischer NPD-Nährboden mit SED-ähnlichen CDU-Quoten, scheint der Freistaat schon vor Jahren in ein ultrakonservaties Koma gefallen zu sein.

Wenn Leute – vor allem aus den alten Bundesländern – sagen „in Sachsen, da sind doch alle rechts“, dann ist das nicht nur falsch, es ist auch ziemlich unfair – als Sachse jedenfalls fühlt man sich direkt angegriffen. Denn dass die Sachsen oft peinliche Hohlköpfe und Nazis sind, darf man natürlich nur sagen, wenn man selber Sachse ist. Weil man als Sachse viele andere Sachsen kennt, weiß man selbstverständlich, dass das so nicht stimmt. Dass man nicht in bester Nazi-Manier alle stramm über einen Kamm scheren darf. Dass es in anderen Regionen auch rege Nazi-Szenen gibt. In Dortmund, zum Beispiel. Dass die Gesinnung in Bayern nicht besser ist – nur wird sie dort abends am Stammtisch vorm Bierkrug postuliert, und nicht mit Molotowcocktails und Fackeln vorm Asylbewerberheim. Ohnehin fragen wir uns oft, wer für die Gesellschaft gefährlicher ist: Der stumpfe hirnreduzierte Heimatschützer, der auf der Straße „Deutschland den Deutschen“ grölt – oder der biedere Arbeitnehmer aus der bürgerlichen Mitte, der seine rechtspopulistischen Ansichten auf Hochdeutsch artikulieren und mit akademischen Anstrich versehen kann, wenn er sie in den SPON-ZON-whatever-Kommentarspalten oder auf AfD-Parteitagen kundtut. In Sachsen sind die Stumpfen leider am lautesten – der berühmte Sachsenstumpf eben. Die Anständigen sind immer ein bisschen zu leise, zu zurückhaltend, aber sie sind auch noch da.

Sachsen muss sich wehren – gegen Sachsen nämlich. Das sagen wir hier zwar nur, weil wir selber Sachsen sind, aber weil wir gleichzeitig auch re:marx und normalerweise Nihilisten sind, sagen wir auch, dass es absoluter Bullshit ist, sich über ein Bundesland oder überhaupt irgendeine Nationalität zu definieren und definieren zu lassen. Trotzdem haben wir letzte Woche unser Heimatbundesland per Bahn bereist, um in Freital, Heidenau, Dresden und der Sächsischen Schweiz nach den Rechten zu sehen. Danach, wie die Heimat aussieht, die hier beschützt werden soll. Eines vorweg: Auch in Freital, Heidenau, Pirna und erst rechts in Dresden gibt es Menschen, die sich aktiv für tolerante und weltoffene Städte einsetzen und Flüchtlingen helfen. Unsere fiesen Vorurteile haben sich trotzdem bestätigt.

Folgende Grafik kartographiert unsere Reise und porträtiert die besuchten Orte in Fakten für die Lesefaulen – hier gibt es sie nochmal in groß. Was wir wirklich erlebt haben, steht im Text, der wie immer viel zu lang ist. Aber viele Fotos hat.


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