Re:marx in Gefahr: Das Fest.

Die Sterne am Nachthimmel über dem Thüringer Wald sehen aus wie mit der Paint-Sprühdose gemalt. Unzählige feine, gelbfunkelnde Sprenkel auf tiefem Blau. Zwischen hohen Tannenspitzen hat die Nacht ihr Zelt über den Wald gespannt: Eine kühle Schutzhülle für den heißen Tag, der hier gerade endet, friedlich und still.

Aber ich bin nicht für den Frieden da, sondern in der Hoffnung auf einen Eklat.

Tief in Thüringen könnten Skandale gelingen, denkt man. Und dabei natürlich an den NSU. Die Reise in das Herz der Finsternis führt über Dörfer, die „Jesuborn“ heißen, vorbei an Kneipen namens „Zur Sorge“, und eine leise Ahnung davon, wie viel Kummer hier schon im Bierkrug ertränkt wurde, wird laut. Graue Schieferhäuschen säumen die Straßen, manche prächtig, andere mit bröckelnder Fassade. Wie eine kitschig überzeichnete Märchenwelt liegen sie in der Landschaft, derart eingeschlafen und vergessen, dass man hinter jeder vergilbten Spitzengardine eine schlummernde Terrorzelle, Drogenküche oder einfach nur Inzucht vermutet. Ein Plakat eines engagierten Verschwörungstheoretikers hängt einsam am Straßenrand und solidarisiert sich mit Russland („Russen sind unsere Freunde“). Weit und breit kein einziger geöffneter Bratwurststand. Das Schlecker-Schild prankt noch blau und blass über dem leerstehenden Laden: Thüringen hat heute geschlossen.

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