Zehn Kurze/Fragen mit: Ingo Scheller.

Bild-Zeitungs-Niveau. Allein die Tatsache, dass es überhaupt Menschen gibt, die auf die irre Idee kommen, die sich kategorisch ausschließenden Wörter Bild-Zeitung und Niveau miteinander zu kombinieren, ist schier erstaunlich. Und trotzdem: Kein zusammengesetztes Substantiv liest man im Internet unter jeglicher Art von journalistischer Berichterstattung derzeit öfter, als dieses moralinsaure, polemische Totschlag-Argument. Lanzsche Lohnfragen? Bild-Zeitungs-Niveau! Freie Presse? Nur die Morgenpost ist schlimmer! Chuck Norris Witze über Wladimir Putin bei DIE ZEIT? Bild-Zeitungs-Niveau! Drogen-Report bei VICE? Bild-Zeitungs-Niveau für Hipster!
Mal ganz ehrlich: seriösen Journalismus gibt es doch schon seit Joseph Pulitzer nicht mehr. Deshalb wird es Zeit, dass auch wir unser Bild-Zeitungs-Niveau endlich etwas anheben.

Neben den alltäglichen albernen Alliterationen im Bauer-Sucht-Frau-Stil werden wir uns deshalb bald vermutlich auch um einen neuen Slogan bemühen. Party ist ja noch ganz okay. Aber Pop und vor allem Poesie scheinen den heutigen Bild-Zeitungs-Niveau-Maßstäben einfach nicht mehr gewachsen. Re:marx – Schnaps, Sex und Sensationen klingt da doch schon viel verlockender.
Den Anfang machen wir mit Schnaps und einer neuen Rubrik: Zehn Kurze/Fragen. Die Regeln: beim Redaktionstreffen wird der trinkfesteste aller trinkfesten Redakteure ermittelt, der dann die Chemnitzer Kultur-Prominenz zum Interview treffen darf. Gestellt werden zehn (na gut, es waren ein paar mehr) Fragen, die jeweils von Frager und Befragtem mit einem Kurzen begossen und von Lars von Trier filmisch festgehalten werden. Ihr sagt Bild-Zeitungs-Niveau? Wir sagen: Reporter ohne Grenzen.

Den Auftakt macht eine lebende Legende der dahin darbenden Chemnitzer Kulturlandschaft: Ingo Scheller vom Ufer e.v./Weltecho. Also: Schnaps ab!

Auf einen Whisky mit: TiKay One.

TiKay One ist ein Produzent, der sich die nächsten Tage auf eine Goldene Platte für Caspers XOXO freuen darf. Ansonsten hat er unter anderem auch schon für Hundreds, Prinz Pi, Bernd Bass und Suralin gearbeitet.

TiKay One

Seit wann wohnst du in Chemnitz?
Ursprünglich komme ich ja aus einem Ort nahe Annaberg-Buchholz. Ich bin dann, glaube ich, 2007 nach meinem FSJ, nach Chemnitz gezogen. Seit mittlerweile vier Jahren wohne ich nun auf dem wunderschönen Kaßberg. Ich war zwar auch schon in anderen Chemnitzer Gegenden, aber selbst wenn der Sonnenberg versucht Werbung mit Postkarten zu machen, bleibt er dennoch äußerst unattraktiv für mich, was seine Bewohner angeht. (A.d.R.: Bitte als Ironie verstehen, der Interviewer wohnt auf dem Sonnenberg.)

Warum bist du hier?
Anfangs bin ich wegen meinem Studium hergezogen. Ich bin da nach dem Ausschlussverfahren vorgegangen: NC nicht vorhanden und es klingt irgendwie gut. So ist es irgendwie passiert, dass ich mich dann für Soziologie eingeschrieben habe. Was ich sogar immer noch bin. Ich glaube ich muss bald wieder mal Semestergebühren bezahlen.

Was ist deine Mission?
Meine Mission ist hier so lange wie möglich zu wohnen ohne sinnlos arbeiten gehen zu müssen. Damit möchte ich sagen, mit dem was ich mache genug Geld zu verdienen um hier glücklich zu sein. Aber wenn mich die Stadt irgendwie aufhält, dann würde ich auch wegziehen.
Aber zur Zeit, den Eindruck habe ich zumindest, ist Chemnitz so ein bisschen wie Heidelberg zu Beginn der Neunziger Jahre, als dort eine riesige Underground-Rapszene herrschte. Zumindest fühlt man sich heute manchmal in Chemnitz so, wenn man mal im Weltecho ist. Dort trifft man Philipp, der die Partys macht. Dann trifft man DJ Zorro der ja jetzt sein Projekt ZOLÅR hat mit Fabian zusammen. Und natürlich die ganzen anderen Bands wie Suralin, Kraftklub, Playfellow für die Zorro gerade einen richtig guten Remix gemacht hat und Bombee+ natürlich. Mit dem Sänger von Bombee+, Alexander Seypt sitze ich ja gerade für meine EP an einem Track. Der singt den Chorus.
Eine weitere Mission oder besser gesagt mein Ziel, ist es derzeit mit dem DJ-ing Fuß zu fassen, womit ich gerade anfange. Ich selbst würde mich jetzt zwar nicht als DJ bezeichnen, aber mein erster offizieller Auftritt wird jetzt Ende Februar in Zwickau zum Rumpel-Spielchen sein.
Ansonsten wünsche ich mir, dass ich mit meiner EP weiter voran komme und viele Leute beim Rumpel-Spielchen in Chemnitz.

Was sind deine Lieblingslieder?
Puh. Das ist echt hart. Ähm, eines meiner Lieblingslieder ist sicher der Koan Sound Remix zu „The A-Team“ von Ed Sheeran, weil das produktionstechnisch auf höchstem Niveau ist und schön dubsteplastig.
Dann was total pathetisches, was aber trotzdem schön ist und zwar Ton-Steine-Scherben mit „Wenn die Nacht am tiefsten…“. In meiner Jugendzeit, als ich gerade von meiner damaligen Freundin getrennt war, hatte dieses Lied mich wieder aufgebaut.
Dann E-G-O von Bonaparte, und das obwohl es ein untypischer Song auf ihrem Album ist; oder auch gerade deswegen ist es wohl, glaube ich, mein absolutes Lieblingslied.
Weiterhin noch von Kanye West das gesamte 808s & Heartbreaks Album. Das ist richtig krass. Weil ich das immer im Ganzen höre, kann ich jetzt keinen bestimmten Titel sagen. Das ganze Album ist echt der Hammer und deswegen ist es schwer da was bestimmtes herauszupicken.
Von den Songs die ich selbst gemacht habe, ist vom aktuellen Casper-Album „Lilablau“ mein Favorit. Der Song sticht rhythmisch aus dem Album heraus. Die Strophen sind total ruhig gehalten, aber der Refrain ist dann das komplette Gegenteil. Die Bridge erwartet man so nicht und damit pusht sie dann das ganze Lied noch einmal richtig.

Welcher ist dein Lieblingsort in Chemnitz?
(überlegt lange) Ich überlege gerade ob es einen Ort gibt an dem ich sehr gerne chille. Ich bin gerne mal im Küchwald. Aber dadurch das ich vom Dorf komme, ist es komisch aller 10 Minuten einen Menschen zu sehen. Da kann ich dann nicht wirklich entspannen um dies dann als schönsten Ort zu betiteln. Außerdem bin ich mehr so ein Drin-Kind.
Ich denke um Leute zu treffen, sind das Atomino und das Weltecho die Orte wo ich gerne hingehe. Aber sonst ist natürlich das Monk, in dem ich arbeite, definitiv eine Anlaufstelle um die coolen Leute vom Kaßberg zu treffen. Von den „normalen“ Leuten bis zu den Punks die aus Servietten Konfetti machen wenn sie betrunken sind, um das dann über den anderen Gästen auszuschütten. Soetwas finde ich durchaus sympathisch.

Vielen Dank an TiKay One für das offene Gespräch, sowie die Verköstigung und ein bis zwei Zigaretten.