Lonely Planet Zenti – ein Reiseführer.

Die Zentralhaltestelle liegt zentral auf der Chemnitzer Inneren und ist das Peking des städtischen Nahverkehrs – mit einem Hauch von Methico-City: Laut und luftverschmutzt, hässlich bebaut, verhältnismäßig viele Menschen, ekliges Essen an jeder Ecke, Drogenkriminalität. Kurz: Hier muss man mal gewesen sein, um sich einen dieser Kulturschocks einzuholen, die man sonst nur in asiatischen Mega-Metropolen findet.
Die Zentralhaltestelle – von Einheimischen auch „Zenti“ genannt – ist stark frequentiert, und doch kaum bereist. Dabei vereint sie die multi-ethnische Vielfalt von New York mit dem Charme von Nordkorea. Hier trifft postsozialistische Tram-Tradition auf westliche Meth-Moderne, Altbau-Anwalt auf Plattenbau-Polierer, Chemnitz auf sich selbst. Am besten erreicht man die Zenti zwar per Bus oder Bahn von irgendwo anders herkommend, aber wir gehen zu Fuß. Wandern ist schließlich das neue Tanzen, nur ohne Drogen. Wir tragen einen orangefarbenen Fjällräven-Rucksack, das Wort „Wanderlust“ auf die Wade tätowiert und ein ganz neues, individuelles Freiheitsgefühl spazieren. Diese Reise wird unser Leben verändern – und unseren Instafame potenzieren.

An die Zenti geht man am besten an einem Wochentag zur Mittagszeit, wenn sich das müde Herz der modernen Stadt noch einmal wild schlagend gegen den bevorstehenden Tiefschlaf aufbäumt. Die Zenti ist nicht nur ein Ort, sie ist viele Orte, sie hat viele Persönlichkeiten, tausende Gesichter, aber nur eine hässliche Fratze. Wir haben sie für euch portraitiert. Und dafür eigens eine aufwändige und journalistisch hochinnovative Storymap gebaut.

Shades of Grey – Diese 88259847 Grautöne musst du gesehen haben, bevor du nichts mehr siehst.

Grau ist das Eigenschafts-Wort, das auf diesem Blog mit Abstand am häufigsten geschrieben wurde, das verrät uns zumindest die gefühlte Wahrheit, und die lügt bekanntermaßen nie. Ja, das farblose Wörtchen „grau“ haben wir als Adjektiv und Substantiv bereits derart oft verwendet, dass wir es fast schon zum Verb erklären könnten. Grauen. Ich graue, du gräust, er graut: Grau ist unsere Stimmung, grau ist unsere Stadt, grau werden auch bald unsere Haare sein, wenn wir hier so greisgrämig weiter schreiben.

Grau – das ist schwärzer als Weiß und weißer als Schwarz. Besser als böse, böser als gut. Mehr nichts als sagend, mehr trüb als sinnig, mehr Mono als Ton. Dauerfröhlichcamper und versonnenstrahlte „Die Welt ist schön“-Finder werden uns an dieser Stelle natürlich wieder Graumalerei vorwerfen. Aber Grau ist ja auch die Nicht-Farbe der Melancholie, jenem Gemütszustand der schönen Traurigkeit, in dem wir uns so gerne suhlen, und deshalb lieben wir Nebelschwaden. Sogar in Chemnitz. Denn Chemnitz ist die graue Eminenz unter den deutschen Großstädten. In jeder Hinsicht: Sachlich, alt, unscheinbar, bescheiden, langweilig, gleichgültig und zubetoniert. Eine gigantische Grauzone.

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re:marx in Gefahr: Wir sind wieder Wehr. Unterwegs als Bürgerwehr in Chemnitz.

Anfang März, es ist kalt in Deutschland. Kalt und dunkel, vielleicht regnet es auch.
Wir sind besorgt.

Das Pflaster des Chemnitzer Marktplatzes ist nicht nur holprig, es ist auch gefährlich. Wenn es dunkel wird trauen sich nur noch die Wagemutigsten hinaus in die feindselige, schwarze Nacht: Angst. Angst vor Kriminalität. Angst vor Armlängen, die zu kurz sind. Angst ums Abendland. Angst bis zur Morgenlanddämmerung.
Fast vollständig umnachtet scheint so manch besorgter bürgerliche Geist.

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Kreuzungsgefährlich und auch ein bisschen revisionistisch: Die Reichsstraße in Chemnitz, wo schöne blaue Narzissen wachsen.

Überall im Land, von der Maas bis an die Memel, streifen derzeit Bürgerwehren über Bürgersteige, um die abendländische Sicherheit zu schützen und unsere schönen deutschen Frauen zu retten (aber nur die Blonden!). Wutiges Patrouillieren auf den bürgerlichen Pfaden der Selbstjustiz. Die Selfmade-Sheriffs mit ganz viel Pfeffi-Spray und Schlagstock im Gepäck stilisieren sich als Freund und Helfer der überforderten Polizei – nachtwandeln aber aus Gründen einer übersteigerten Empathie mit sich selbst. Kleingärtner zum Beispiel, die ihre Lauben vor Lauch-Langfingern schützen und um ihre Beete beten, in denen noch deutscher Kohl gedeiht, bald aber Kichererbsen wachsen werden – wenn wir nicht aufpassen. Wenn wir uns nicht wehren.

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Das Wort zum Sonntag: An einem Sonntag in Chemnitz

Sonntag. SONNTAG – sieben Buchstaben, sieben Zeichen, sieben Tage in der Woche,  die mit dem Sonntag jedes mal ein jähes Ende findet. Der Letzte macht das Licht aus und der Letzte ist in diesem Fall immer der Sonntag. An dieser Stelle wollen wir über den letzten Tag der Woche philosophieren, der nicht umsonst polarisiert wie kein anderer. Schließlich kam der Allerheiligste an genau diesem Tag zur Ruh‘, gibt es Suppe im Lokomov und das letzte Spiel der ersten Fußballbundesliga findet um 17.30 Uhr statt. Und trotzdem: In einer Rangliste aller Wochen(end)tage ist der Sonntag stets derjenige, der wahlweise auf dem letzten oder dem ersten Platz landet. Verhält es sich doch so: An guten Sonntagen gibt es Rouladen mit Rotkohl und Klößen und im ZDF klatschen grenzdebile Graukappen zum stumpfen Schlagertakt des Fernsehgartens. An guten Sonntagen trifft man sich mit Freunden zum Frühstück und abends schaut man gemeinsam Tatort, obwohl man Tatort hasst und eigentlich nur über Til Schweiger twittern will. Die Sonne scheint und im besten Fall ist Sommer und man kauft sich in Winters Eisgarten ein Schoko-Vanille-Softeis, das später in den Haaren klebt.

soft1An guten Sommersonntagen wird im Hinterhof gegrillt. An guten Sonntagen gewinnt der Lieblingsverein das schwere Auswärtsspiel.
Doch nicht jeder Sonntag ein guter Tag. Im Gegenteil. Laut einer persönlichen und deshalb absolut stichfesten Statistik von Re:marx (März 2015) sind gute Sonntage so selten wie journalistisch angemessene Berichterstattung über Flugzeugabstürze. Es gibt Leute, die meinen, der Montag sei das wahre Enfant Terrible unter den Wochentagen, was vermutlich mit der Arbeit zu tun hat, die sie ausüben. Sonntage sind für sie Glückstage (keine Arbeit, Zeit für sich oder einander), Naherholungs-Paradiese, Liebesinseln oder weiß der Teufel was. Aber der Teufel weiß hier vermutlich nichts genaueres, denn der Sonntag gehört Gott allein. Also Satan Ibrahimovic. Also doch dem Teufel. Herr je – Mindfuck as usual. Dabei dürfte doch mittlerweile jedem klar sein, dass an Montagen das Wetter grundsätzlich besser und der Sonntag in Wirklichkeit genau so ein fieses Charakterschwein wie der Montag ist. Und überhaupt: Schlechte Sonntage sind statistisch ähnlich wahrscheinlich wie alberne Alliterationen bei Re:marx.

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Durch die Chemnitzer Nacht mit: Future Islands.

Es scheint wie eine kleine Ewigkeit:

Damals, im legendären Sommer 2011, ein nasskalter Tag im Juli, der regengraue Brühl, die bunt erleuchtete Beta-Bar.
Innen: die Future Islands, eine heimliche Lieblingsband von re:marx, und vor allem: viele, viele Menschen, die gemeinsam ein rauschendes und vor allem schwitzig-hitziges Popfest feierten.
Mittlerweile ist nicht nur der Sommer vergangen, die Beta-Bar ist es auch, ja sogar der Weltuntergang naht. Doch all das ist noch lange kein Grund, den Kopf ganz tief hängen zu lassen. Denn dank Beta-Booking (und dem Weltecho) hatte die siebenmonatige Abstinenz des Trios aus Baltimore am 21.02.2012  endlich ein jähes Ende.
Wir nutzten die Chance und krallten uns die drei Jungs – diesesmal aber nicht für ein romantisches Ständchen im Kerzenschein, sondern für einen knallharten Stadtspaziergang, der zwar schonungslose Realitäten des urbanen Alltags in Chemnitz  zeigt, aber dennoch friedlich bei Bier und Braten im Brauhaus endet. Pop trifft auf  industrielle Urbanität trifft auf erzgebrigische Tradition also.

Wie das genau aussieht, seht ihr hier: