Die Chemnitz-Krankheit.

Ich betrete den Weltecho-Innenhof. Dunkel, kalt, kondensierter Atem, Rauch über den vielen Menschen. Es ist viel los, wahrscheinlich ist Weihnachten oder Silvester oder ein lokaler DJ erfindet den Einvierteltakt neu. Ich scanne die Umgebung und versuche gleichzeitig viel Sichtangriffsfläche zu bieten. Routiniert ordne ich jeder Person eine Punktzahl zu, die den Platz im soziosexuellen Chemnitzranking angibt. Ziel des Abends ist es, soviele Punkte wie möglich zu sammeln.
Eine kleine Gruppe vorne links erkennt mich, die sind nicht sehr bekannt, es gibt dort also nur wenige Punkte zu holen. Wir begrüßen uns, aber schnell werde ich unruhig. Man selbst verliert nämlich Punkte, wenn man zu lange mit solchem Gesocks rumsteht. Diese elenden Parasiten ziehen mir Punkte ab. Schlimmer noch: wenn andere das sehen, bekomme ich ebenfalls Punkte abgezogen. Ich reiße mich los und renne sofort einer alten Bekannten über den Weg. Punktemäßig geht sie schon klar – Mittelmaß. Ich schenke ihr eine Minute Smalltalk, aber dann fragt sie unvermittelt, wie es mir geht. Diese Frage ist ein dreckiger Trick, denn wenn man jetzt nicht sofort freudestrahlend einen Haufen Scheiße redet, bekommt man ebenfalls Punkte abgezogen. Angstschweiß bricht bei mir aus und ich entziehe mich geschickt mithilfe einer direkten Beleidigung. Sie spielt ironisch eingeschnappt, um so zu tun als hätte ich einen bösen Spaß gemacht. Ich solle mich entschuldigen, sagt sie. Ich antworte nicht und stelle mir vor, dass ich John Wayne bin.

Ich gehe weiter, ein Freund steht dort. Wir reden über political correctness und ich sage ihm, dass er ein Spast ist. Sowas darf man nicht sagen, meint er. Er bezieht sich in seiner Begründung auf Kant, Goethe, Adorno, BündnisGrüne. Ich beziehe mich aber nur auf sein Gezucke, denn er kann meinem Blick nicht standhalten. Er guckt sich die ganze Zeit nervös um, prüfend ob noch jemand besseres im Hof steht. Jemand mit mehr Chemnitzpunkten, jemand, mit dem er sich noch besser sehen lassen kann. Denn auch er spielt dieses Spiel. Das Spiel, das unsere Stadt beherrscht. Dieses Spiel ist aber eigentlich kein Spiel, sondern ein Krankheitszustand. Eine Krankheit, die schwache und unsichere Menschen befällt, die in solchen Dorf-Stadt-Verkrüppelungen wie Chemnitz wohnen. Wir alle haben die Chemnitzkrankheit. Keine Zeit für hypochondrisches Selbstmitleid, weiter, Punkte holen!

Ein Musiker steht da und ich kenne ihn sogar! Er hat eine hohe Punktzahl, das erkenne ich an der Menschentraube um ihn herum, schnell ranschmieren! Wir unterhalten uns über „Kulturhauptstadt“ und darüber, dass schon bald ein anderer Wind wehen muss. Schluss mit Barpersonal, das während der Arbeitszeit draußen raucht, Schluss mit Vorzugsbehandlung und Laissez-faire, deutsche Ordnung muss auch in die abgewohntesten Hippieläden einziehen, wenn wir Kulturhauptstadt werden wollen. Weg mit dieser ganzen Nichtkunst, die muss rausgeworfen und durch was Richtiges ersetzt werden, am besten durch Hochkultur. Wir beschließen einen Maßnahmenkatalog für die Berni-Bar und vergewissern uns gegenseitig unserer Punktzahlen. Aber ich merke schon, meine ist niedriger als seine.

Auch er schaut unauffällig immer wieder zum Eingang, jetzt hat er was entdeckt, er läuft los und fängt eine Bloggerin ab. Ich ärgere mich nicht über seine Frechheit, sondern über die verpasste Bloggerin. Ihre Punktzahl ist so hoch, dass sich alle nach ihr umdrehen. Sie kommt offensichtlich gerade aus dem Ausland zurück. Das verspricht Extrapunkte. Ich stelle mich dreist zu ihr und ihren Belagerern und imitiere Interesse am hochtrabenden Kulturscheißgerede. Viermal sage ich „Awareness“, achtmal sage ich „Freiräume“, fünfmal „Plenum“, siebenmal sage ich „sich einbringen“ und neunmal „ausgestalten“. Sie guckt ganz verliebt und meine Punktzahl steigt erstmals an diesem Abend. Ich verabschiede mich freundlich bevor sie Punkte von mir abziehen kann und betrete das Weltecho.

Im Vorraum stehen ein paar sehr hippe Jungs mit Spielzeugkameras und spielen Boygroup. In Wahrheit spähen sie aber mit ihren fiesen Kameragucklöchern ins Mädchenklo hinein. Wusste ich es doch, sie geben sich immer den asexuellen Anschein aber befriedigen sich dann kollektiv auf diese hinterhältige Weise. Eklig. Aber es hilft nichts, auch sie haben höhere Punktzahlen als ich und ich muss mich an sie ranschmeißen. Ich kann ihren Gesprächen leider nicht folgen, ihre von Hashtags und Insiderwitzen verseuchte Sprache ist so unverständlich wie ihre Uniformsordnung. Sie ignorieren mich, sind aber durch meine Anwesenheit sichtlich angespannt. Ich passe nicht in ihre einstudierte Choreografie, ihre fest definierte Rangfolge, ihrem Style. Ich versau ihnen die Punktzahl und werde deshalb verstoßen.

Na Scheiß drauf, im Vorraum schaut eh niemand zu, schnell die Treppe hoch. Der Einlasstisch bietet eine gute Gelegenheit meine Punktzahl aufzubessern. Ich schreie laut „GÄSTELISTE“ und alle in der Schlange gucken zu mir. Meine Punkte schießen nach oben, ich genieße diesen Moment. Ich spüre ganz kurz so etwas wie Selbstwert in mir aufflackern. Dieses Gefühl töte ich aber gleich wieder ab, denn es steht dem Punktesammeln im Weg. Heimlich nicke ich der Kassiererin zu und bezahle den Eintritt. Ich gehe zur Bar, davor habe ich richtig Angst. Die Weltechobar ist ein Ort, an dem fast jeder Punkte verliert. Der totale Gesichtsverlust steht auch mir bevor. Hasserfüllte Barkeeperaugen meiden mich und ich bekomme Panik. Doch ich habe Glück: eine Freundin taucht plötzlich neben mir auf. Sie kennt diese ganze Bar-Sippe irgendwoher und deshalb geschieht das Wunder: wir werden bedient. Die Barfrau schmilzt plötzlich und ist lieb zu mir, Hass weicht Anbiederung. Ich sage meiner Freundin danke und dass ich jetzt auf die Tanzfläche gehe.

Ich hole die kleinen Beutelchen mit angemalten Ibuprofen400 hervor und verteile sie an die bekannten Zappelphillips. Sie denken, dass in meinen Pillen das Übliche ist: Amphetaminreste, Rodentizide, Schweinskopfsülze. Der Placeboeffekt kickt hart und sofort fangen alle an davon zu reden, dass sie eine große friedliche Feier-Familie sind. Das einzige, das sie aber mit Familie gemein haben, ist ihre überspielende Aufgesetztheit. Meine Punktzahl steigt durch das Drogenverteilen und ich gehe den nächsten Schritt: ich gebe dem DJ ein Beutelchen. In diesem ist tatsächlich ein bisschen Beruhigungsmittel drin. Ich erhoffe mir davon, dass er die Musik leiser macht. Ich bin noch nicht so richtig zufrieden mit meiner Punktzahl heute Nacht und überlege fieberhaft nach weiteren Aufstiegsmöglichkeiten.

Ich muss in den Backstage, egal wie. Zum Glück habe ich mein buntes Walkie-Talkie dabei, das Chemnitzer Statussymbol der Wichtigkeit. Ich komme problemlos rein und die Creme de la creme sitzt dort. Sie schätzen das geeignete Verhältnis zwischen Kokain und Ketamin ab. Irgendjemand sagt, das beide Substanzen mit K anfangen. Alle lachen. Ich beobachte die Szene und erkenne, dass sich niemand anguckt. Alle schauen abwechselnd zur Tür und aufs Handy. Von der Tür erhoffen sie den Eintritt eines Künstlers, der ihrer Punktzahl weiterhelfen könnte. Die Gespräche drehen sich um erfolgreich abgeschleppte Höhergestellte. Kein Wort über Schwänze oder Gefühle, nein, Künstlermarktwert, Bekanntheit und akademische Titel werden durch den Raum geworfen. Der Künstler tritt ein, Haare werden verführerisch gerichtet und der Rauchstil ändert sich von krankhaft-süchtig zu lässig-sexy. Hier kann ich nicht mithalten. Die Krankheit potenziert sich, wenn Infizierte zusammensitzen, die Atmosphäre ist nicht auszuhalten. Ich packe den Künstler am Arm, erzähle ihm etwas von wegen „10 kurze Fragen mit einem Qualitätsblog“ und stelle Schnaps in Aussicht. Und ich flüstere ihm zu, dass diese im Backstage hockenden Geier nur Traubenzucker ziehen. Der Hass brennt im Rücken, als ich den Star aus dem Raum entführe.

Der Abend war anstrengend, meine Punkte sind gestiegen, aber ich halte es nicht mehr aus. Ich muss hier weg, um zu ergründen, ob die Chemnitzkrankheit auch woanders ausgebrochen ist oder ob es nur an unserer gefährlichen Stadtgröße liegt. Ich fahre deshalb zur Kur nach Leipzig und atme erstmal auf. Keine Chemnitzkrankheit zu spüren, kleine Freundeskreise treffen sich und alle haben sich ein bisschen lieb. Wenig Konkurrenz, kein giftiges Reviermarkieren. In den Kneipen gucken sich die Menschen in die Augen, keine panischen Blicke zur Tür, kein Gedankenkreisen darüber, ob man gerade den bestmöglichen Gesprächspartner erwischt hat oder ob man bald upgraden sollte. Das scheint an der höheren Einwohnerzahl zu liegen, denke ich. Es gibt genug Menschen, um anonym zu bleiben und deshalb kann man auf die Soziosexualpunktzahl scheißen. Aber andererseits stinkt Leipzig entsetzlich nach Yuppies, das Umland ist eine schreckliche Einöde vergifteter Seen und öder Felder, die Themen drehen sich um die erschrockene Tatsache, dass Leipzig jetzt irgendwas wichtiges ist und rehäugige Karli-Prinzessinnen verderben Instagram mit ihren langweiligen Altbauselfies. Die großen schüchternen Augen täuschen mich lange nicht mehr, auch sie sind Getriebene ihrer Selbstverachtung. Das echte Leipzig hinter dieser ganzen Plagwitzscheiße ist noch immer verarmte DDR. Eigentlich genauso schlimm wie China, nur eben ohne die leckeren Teigtaschen. Wahrscheinlich werden nach dem Platzen der Leipzigblase kleine Südvorstadtkrankheiten und Connewitzkrankheiten und Gohliskrankheiten ausbrechen.

Ich muss aufs Land und verziehe mich nach Zwönitz. Mal sehen, ob es dort die Zwönitzkrankheit gibt. Ich passiere die gefährliche Grenze am Südring, hinter der die Wilden leben. Gesetzlosigkeit liegt in der Luft. Hier ist die Welt noch in Ordnung, jeder kennt jeden. Ich setze mich in die Jägerwurstschänke und bemerke sofort die andersartige Stimmung. Wenn jemand zur Tür reinkommt, interessiert es nicht, denn wenn er dazugehört, wird er mitsaufen. Und er gehört dazu, Fremde sind nicht erwünscht. Man muss sich Aufmerksamkeit nicht erkämpfen, höher eingestufte Leute sind einfach am GTI oder T6 zu erkennen (für Öffi-Nutzer: das sind Proll-Autos) und haben sich dadurch auch echten Respekt verdient. Nicht diesen Pseudokulturrespekt, sondern Pferdestärken und Allrad. Um sicherzugehen führe ich einige Interviews: von der Chemnitzkrankheit hat hier noch niemand was gehört. Aber immer wenn ich „Krankheit“ sage, schreit jemand „Flüchtlinge!“ aus dem Hintergrund.

Ich fahre zurück nach Chemnitz und denke lange über meine Abenteuer nach. Ich schließe mich ein. Die Chemnitzkrankheit hat anscheinend gar nichts mit der Stadt Chemnitz zu tun, sondern entsteht bei einer kritische Menge an Szeneleuten. Dann kennt nämlich fast jeder jeden und fast jeder hatte mal was mit fast jedem. Alles ist ein bisschen anonym, aber auch total bekannt. Dorfintimität kommt nicht zustande, dafür sind es zu viele Leute und in jedem Wintersemester kommt Frischfleisch dazu. Stadtanonymität gibt es auch nicht, dafür sind die Freundeskreise zu vernetzt. Statt zehn Dorfdeppen hat man zehn Deppenfreundeskreise und der Gossip sprudelt. Was daraus resultiert, sind tausend Halbbekanntschaften, und alle gieren nach den interessantesten und besten. Die Chemnitzkrankheit ist das Gefühl, dass man jederzeit sitzen gelassen werden kann, wenn jemand die Bar betritt, der potentiell wichtiger ist. Keine Kurzzeitbeziehung ist genug, Langzeitbeziehungen kommen wegen den wechselnden Moden nicht in Frage, für keine der zwei Veranstaltungen will man zusagen. Am Ende besucht man doch jede verfügbare Veranstaltung, um alle zu sehen und überall gesehen zu werden. Heilen lässt sich die Chemnitzkrankheit nur mit einem radikalem Rückzug aus der Szene. Ich lade dazu neuerdings die interessantesten Leute der Stadt zu mir nach Hause ein. Hier in meiner kleinen Anstalt vergebe ich die Punktzahlen. Hier beherrsche ich die Chemnitzkrankheit. Ich schaue nervös zur Tür.

Ein Gedanke zu „Die Chemnitz-Krankheit.

  1. Sollte man sich fragen ob die Chemnitzkrankheit ein lebensumfassendes oder nur ein, die Sauf- und Partyszene betreffendes Problem darstellt?
    Sollte man sich bei ersterem Gedanken machen?

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