#chemnitzersofinstagram – Eine Stereotypologie

Vor ein paar Jahren machte eine Meldung die Runde, die elitäre Snobs wie uns vorm Facebook-Newsfeed den Kopf schütteln ließ. Facebook sei das Netzwerk der Dummen, besagte die nicht von uns selbst gefälschte Studie, Instagram hingegen die Plattform der Intelligenz. Für uns war (und ist) Instagram bisher vor allem der Gipfel der digitalen Oberflächlichkeit: Man muss nichts lesen, keine Links anklicken, keine Gruppen gründen oder sich zwischen unzähligen ausdrucksstarken Emojis entscheiden. Man muss nur Bilder posten, mit Hashtags beschriften und mit Herzen versehen — soziales Netzwerken auf Grundschulniveau. Doch wir lagen falsch: Instagram ist für Gymnasiasten, Facebook für Hauptschüler. Instagram ist für professionelle Inszenierungskünstler, Facebook für provinzielle Inzestler. Instagram kann Scheinwelten erschaffen, auf Facebook kann man die Scheißwelt begaffen. In Wirklichkeit ist Instagram aber auch nur Facebook, nur ohne Text.
Deshalb haben wir uns vor etwa einem Jahr dort selbst angemeldet, um, unter dem warmen Filter der Öffentlichkeitsarbeit versteckt, die Chemnitzer Instagram-Szene intensiv zu beobachten, eine verdeckt teilnehmende Studie, kurz Stalking. Jetzt sind wir selbst so tief drin im narzisstischen Selbstinszenierungs-Sumpf, dass wir uns nur noch mittels eines gnadenlos analytischen Rundumschlags aus den Schlingen der digitalen Darstellungssucht befreien können. Eine selbstgerechte Szene-Studie muss her, wobei fraglich ist, ob es das überhaupt gibt: Eine Chemnitzer Instagram-„Szene“. Die Macken der Stadt, perfekt inszeniert im gefilterten Fotofeed — oder ob Instagram hier auch nur ist wie überall, wo Menschen zu den immergleichen Themen posten: Essen, Reisen, Gut aussehen. Nun haben wir also eine Stereotypologie der Chemnitzers of Instagram angefertigt, die vermutlich auch nur aus unserer Szene gefilterten Bloggerblase heraus zu betrachten ist – der normale Brauclub-Chemnitzer kommt nicht wirklich vor, da der Versuch, einen solchen zu finden bereits am Hashtag #cfc gescheitert ist. Der führt nämlich nicht in die Community4U-Arena oder in den neuen Kreissaal des Flemming Krankenhauses, sondern in den Londoner Stadtteil Chelsea. Ansonsten bleibt die  schmerzhafte Erkenntnis: Auf Instagram ist Chemnitz wie alle anderen Städte auch und so instazestuös verstrickt wie immer.


Die Karl-Mutti-Städterin:
Schickt ständig Stories, in denen sie den schicken Stokke-Kinderwagen mit Halterung für grüne Smoothies über den Kassberg schiebt sowie Wohnungs-Fotos, die offensichtlich in den Ausstellungsboxen bei Ikea entstanden sind. Sie lebt nicht mehr, sie wohnt schon in unbewohnt aussehenden Wohnungen.  Ansonsten zeigt sie viel Babybauch, Babybeine, Babykleidung, Babybettchen, Babystuhl, Erdbeertörtchen und Kaffeetassen, die auf der MacBook-Tastatur stehen wie Selbstmörder auf der Klippe über dem Meer. Versehen wird das Ganze mit Geburtsberichten und Tipps zum perfekten Wochenbett-Workout. Regelmäßige Spiegel-Selfies sorgen für bewundernde Kommentare a la „Wow, nur drei Stunden nach der Geburt und schon so einen perfekten Body!“
Hashtags: #momlife #lebenmitkind #momstyle #dickbauchdienstag #interiordesign


Der lokale DJ:
Ist ständig on the road, weshalb er gerne Bahnhofsbilder postet, um sein beeindruckendes Hobby-Hobo-Leben zu demonstrieren. Hauptsächlich besteht sein Feed aber aus Fotos von Plattenraritäten, Plattenregalen und Plattenläden. Betont immerfort, wie sehr er oder sie Vinyl liebt. Trägt generell oft Käppies, vorwärts und rückwärts. Zwischen Fotos von den DJ-Decks im Oberdeck klemmt er gerne gefotofilterte Flyer von der nächsten FlowerPower-Veranstaltung. Sammelt neben Platten auch lustige Autokennzeichen und seltene Daten auf Papier und hat sich mal an der Reichenhainer Straße an einen Baum gekettet.
Hashtags:
#djlife #vinyllove #karlrockstadt #gone #vinylporn


Das Chemnitzer Model:
hat sehr schöne lange Haare, die es gerne über das Parkdeck-Geländer am Pegasus-Center hängen lässt, das sieht urban und cool aus. Deshalb steht das Möchtegern-Model mit seinen schönen Haaren überall da rum, wo Chemnitz hart und großstädtisch wirkt — auf Fußgängerbrücken über dem Südring, auf dem Tietzdach, vor der Stadthalle und unterm Überflieger. Sie trägt gerne Sneaker, gesponserte Armband-Uhren und mag Avocado-Brot.
Hashtags: #sundayfunday #normaleposeamshownsein #wokeuplikethis

Der Starfotograf:
Kennt nicht nur die richtigen Leute, sondern auch die richtigen Locations. Fotografiert je nach Karrierestand musizierende Brüder (etabliert) oder Schwestern (aufstrebend), Konzerte im Atomino (beide) und die Wüste bei LA (etabliert). Dreht auch manchmal Musikvideos. Portraitiert Models, Materia und Matthias Schweighöfer stets frontal und zentriert im Bild, gerne mit ein bisschen Bokeh, manchmal mit verschwommenen Großstadtlichtern, manchmal schwarzweiß. Dann gibt es noch den Künstler-Typ, der steht auf klare Linien und Beton und kaltes Licht, eher analog, viel Stadthalle, viel Street.  Und die pazifistische Alternativ-Intellektuelle, die bevorzugt friedliebende Frauen und generell eher nackte Menschen vor tapetenlosen Wänden fotografiert.
Hashtags:  #nohashtagsneeded

Die Kaf-Fee: könnte alternativ auch Ka-Ffee heißen, denn sie wohnt auf dem Kassberg in einer Altbau-WG, die aussieht wie aus einem Annenmaykantereit-Lied. Ihren Kaffee bekommt sie längst intravenös, füllt den Rest aber trotzdem in original aus westafrikanischer Tonerde handgetöpferte Keramikpötte, die auf dem SBS-Küchentisch unter einem hübschen Blumenstrauß stehen. Ihr Fotostream besteht zu 80 Prozent aus stilvollen Kaffeetassen-Fotos: Tasse in der Hand, Tasse im Bett, Kaffee im Cafè, psychedelischer Farbverlauf auf dem Cappuccino. Die anderen 20 Prozent sind Fotos vom letzten Marokko-Urlaub oder Küchwaldspaziergang und Catcontent. Die Kaf-Fee isst außerdem gerne Pizza, meist im Bett, manchmal im Augusto, liest ab und an ein Buch und frühstückt immer psychisch gesundes Müsli aus imposanten Schüsseln. Alle Kaf-Fees von Chemnitz scheinen im gleichen Kassberg-Karree zu wohnen, denn alle posten immer wieder den selben romantischen Altbau-Ausblick. Sie liegen eigentlich den ganzen Tag mit Katze und Kaffeetasse im Bett oder in der Badewanne, essen ausschließlich Waffeln und tragen stets einen supersüßen Wuschel-Bun.
Hashtags: #kaßbergliebe #meinkaffeeundich #firstcoffee #allesnichtskonkretes

Der Wanderhipster: Die Sächsische Schweiz ist sein heimliches Zuhause, zuhause ist er nie und überall, wo es Berggipfel, Wald und Lichtungen gibt. Pendelt zwischen Bernsdorf, Katzenstein und Keilberg, ist alle zwei Wochen in den Alpen, wo er auf einem verlassenen Steg sitzt, der vielleicht ins Ungewisse führt, bestimmt aber ins Nasse, oder in Neuseeland. Spießigere Wanderhipster fahren auch mal nur an die Ostsee, das ist auch okay, aber nicht so akzeptiert wie Alpenglück und seelenheilende Selbsterfahrung durch Gipfelbesteigung. Die Höhenmeter-Angabe ist sein Status-Symbol. Eigentlich reist er nur, um bei Instagram gute Bilder zu posten. Wenn es für das Matterhorn mal ausnahmsweise nicht reicht, erklimmt er eben restbesoffen das Pegasus-Parkdeck. Auch das gibt Likes vom Boofeladen.
Hashtags: #hiking #erzgebirge #elbsandstein #glücklichamberg #breathing #ontheroadagain

Die Kraftklubberin: ist Vollblut-Karlmarxstädterin und inszeniert sich auf Instagram unter dem Motto „Scheiß auf Boyfriend, ich brauch ein Kraftklub-Konzert.“ Mag außerdem Casper, KIZ und alle Landstreicher-Acts. Spricht und schreibt ausschließlich in Songtexten, die sie auch aufs Handgelenk tätowiert trägt. Posiert stolz im „Krasser Stoff“-Komplett-Look im „Kraftklubtunnel“, auch bekannt als DUZ-Röhre, und hält sich auffällig oft am Brühl auf. Schreibt konsequent alles mit K, liebt aber deutschsprachige Musik im Allgemeinen, sogar Bosse, Poisel und Jim Pandzko. Ein Selfie mit Felix aus dem Jahr 2014 ist mit 1.342 Likes ihr erfolgreichster Post. Ansonsten findet man auf diesem Profil überwiegend Fotos von Konzerttickets, Festivalbändchen und Bandshirt-Selfies.
Hashtags: #aufunddavon #konzertliebe #lieblingsmensch #randale #atomino

Der Fahrradfixer: Kommt mit seinem kostbaren Fixie die Kaßbergauffahrt rauf und ist so stolz darauf, dass er sich ständig beim Hochfahren und Runterradeln filmt. Digitale Mobilitätsmasturbation, sozusagen. Wer schön fahren will, muss eben leiden. Fixt sein Fahrrad natürlich selbst und verachtet charakterlose Stadlerbikes zutiefst. Postet ausschließlich Fotos vom Fahrrad am Zaun, Fahrrad an einer Hauswand, Fahrrad im Wohnzimmer, Fahrrad im Bett, Fahrrad im Bad, Fahrradlenker von oben, Fahrrad im Wald, Fahrrad am Berg,  Fahrrad wurde geklaut. Ist mit dem Wanderhipster seelenverwandt, sammelt Höhen- und Kilometerangaben und persönliche Berg-Bestzeiten wie andere Pfandflaschen. Weibliche Fahrradfixerinnen verfolgen oft eine Zweitkarriere als Kaf-Fee.
Hashtags: #fixedgear #bikeride #onegearonelove #outsideisfree #chemnitztal #criticalmasschemnitz #pistrada

Das Technopartygirl: Lebt scheinbar mit ihrem Squad in der Bazillenröhre, denn dort entstehen die meisten ihrer Bilder. Glitzert immer im Gesicht und trägt die Neunzigerjahre-Fummel, die vor drei Jahren noch als absolut geschmacklos galten, aber vor drei Jahren war ja eh voll 2014. Postet regelmäßig Exzessfotos und neblige Clubvideos von drogentot in der Ecke liegenden Gestalten. Ihr Leben ist wie ein einziges Meme, vor allem männertechnisch. Auch sie mag Boarden und Berge und ist Teil einer furchteinflößenden Mädchengang, mit der sie vor- und nach- und alpenglüht. Schwankt zwischen Trash-Tussi und High-Techno-Bitch.
Hashtags: #instabitch #lol #chemnitzravecity #girlgang #babe #crewloveistruelove

Der Hipster-Urtyp: Wieviel wiegt ein Hipster? 67000 Insta-Gramm, lol. Der Hipster-Urtyp ist eine vollbärtige Mischung aus Starfotograf und Wanderhipster und mit beiden gut befreundet. Komischerweise immer männlich. Trägt Hüte und Hawaii-Hemden, Manbuns und Melonenprints, jedoch immer nur ironisch. Sein heimlicher Hotspot und absoluter Place to be ist aber nach wie vor der Mensa-Vorplatz. Er fotografiert gern analog und ist Meister der authentischen Lichtstimmung. Mag Korn und Kodakfilme, kennt Indiebands und ein paar DJs der Stadt oder ist vielleicht sogar selbst einer. Fährt auch mal Snowboard, Fixie und Freitags oft ins IfZ, für einen kurzen hedonistischen MDMA-Trip.
Hashtags: #kodak #35mm #filmisnotdead #hoodlove #sundaze

Die Bloggerin: Zwischen Miami-Bildern und Fitnessstudio-Panoramas ist ihr Dreh- und Angelpunkt natürlich das Kosmonaut — das Coachella von Chemnitz, wo die hier ansässigen Bloggerinnen ja nur hinfahren, um die hottesten Festival-Styles und dichtesten Blumenkränze zu präsentieren. Isst täglich, und das sogar vegetarisch, interessiert sich für Vintage-Stylez auf dem Fashion-Bazar und liebt den verschneiten Andrèpark. Vermutlich von Nike gesponsert und natürlich immer auf Reisen. Liest gerne, vor allem Yoga- und Quinoa-Kochbücher und fotografiert Chemnitz ausschließlich im schönsten goldenen Licht. Interessiert sich für Kunst, Street und Medien. Bevorzugtes Emoji: Melone.
Hashtags: #fitxchemnitz #travelgram #insertthoughtfulquotehere #kosmonaut #besttimeofmylife  #healthyfood

Der Chemnitz-Retter: Ist so eine Art digitaler Nichtexistenz-Gründer, der Chemnitz durch hart gephotoshoppte Schlossteichbilder ein bisschen schöner machen will. Arbeitet in Chemnitz als High Dynamic Ranger und viel mit Colour Key. Liebt spektakuläre Esse-Ansichten, Chemnitz in den Grenzen von 1939  und Lost Places, die aussehen wie die Zimmer von re:marx-Redakteuren. Irgendwas mit Karl-Marx oder „unser“ im Namen. Die Fotos sehen immer ein bisschen so aus, als würde gleich etwas explodieren, bombardieren oder die Stadt untergehen. Beliebte Motive außerdem: Lutherkirche, Nischl, Opernplatz, leerstehende Fabriken jeder Art, Burg Rabenstein.
Hashtags: #simplysaxony #chemnitz #karlmarxstadt #urbanexploring #rotten

Die tätowierte Traumfrau: trägt jeden Tag ein anderes cooles Hardcore-Shirt oder einen fliederfarbenen Unknown-Basic-Sweater und viele, viele Tattoos und hat auch Piercings. Posiert mit Schnapsflaschen oder auf Baggern, am liebsten aber vor der „Reich für Immer“-Wand. Fotografiert besonders gern ihre Beintattoos oder Skizzen davon und ist im besten Fall sogar selbst Tätowiererin. Mag eher härtere Musik oder Hip Hop oder Rock’n’Roll und ist verheiratet mit einem bärtigen Hipsterbär.
Hashtags:  #atomino #inked #tattoogirls #butfirstletmetakeaselfie

Musischer Gymnasiast: fotografiert gern in schwarzweiß und absichtlich in schlechter Bildqualität, denn das wirkt irgendwie tiefsinniger und hat größeren künstlerischen Anspruch. Sitzt außerdem gerne in Badewannen und trinkt Bier oder ist gerade auf Klassenfahrt in Barcelona oder off to new zealand. Sein Fotofeed zeigt filterlose Bilder von blutigen Knien und toten Vögeln, gerne auch eigene Zeichnungen und Collagen und irgendwas mit Kurt Cobain. Raucht gern am Fenster mit Blick auf Jugendstil, denn nur hier ist die Jugend noch stilvoll. Kennt alle Lieder der letzten BLOND-EP, ist vielleicht sogar selber DJ, feiert bei Popsugars im Weltecho die Hits der 00er-Kindheit.
Hashtags: #kurtcobain #russenhocke #öl #schönemenschen #fuckyeah #gönnung

Der Chemnitzer Kunst- und Kulturschaffende: Musischer Gymnasiast in Erwachsen. Verzichtet auf Hashtags, weil die zu Mainstream sind. Fühlt sich in der Nische wohl und fotografiert deshalb nur Absurditäten oder Tristessen, beispielsweise Plattenbauten und ausgestopfte Tiere, und verfügt über ein sehr spezielles Ästhetik-Empfinden. Sein Profil sieht aus wie ein Fotofeed gewordener Leonard Cohen Song, Grundstimmung: eher melancholisch. Mag Filter nur in seinen Selbstgedrehten und ausgefallene Anschnitte. Lebt auch nicht mehr, sondern wohnt schon in einer unsanierten Fassmann-Imobilie mit Parkett und Ofenheizung, beatmet mit den so gesparten Nebenkosten kulturell die Stadt.
Hashtags:  #monochrome #herbst #art #makechemnitzgreyagain #currentmood

2 Gedanken zu „#chemnitzersofinstagram – Eine Stereotypologie

  1. Euer Beitrag hat mir richtig gut gefallen! Könntet ihr auch so eine schöne Stereotypologie mit Chemnitzers of Facebook machen? Und da vielleicht nicht nur die ehrwürdige Schicht der veganen Interlektuellen, die Kraftklub, Kassberg und Atomino oder Annemaykantereit (sorry falls ich das falsch geschrieben habe) mögen. Da ist das Spektrum vielfältiger und noch unterhaltsamer..
    Damit würdet ihr nicht nur mir einen Traum erfüllen. Mit ganz herzlichen Grüßen,
    Euer Hot Angelo

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