Endhaltestellen im Chemnitzability-Check: Mittweida

Immer wenn es Herbst wird, riecht die Luft so, als hätte jemand heimlich den Himmel angezündet. Vermutlich war es aber doch nur der Feuerteufel, der am Kaßberg fünf falschgeparkte SUVs und den Reifenstecher in Brand gesteckt hat. Jedenfalls starrt man dann meist trübsinnig ins himmlische Pastellgrau, inhaliert ein bisschen von der guten Diesellandluft und wälzt sich in Wehmut. Wer ohnehin chronisch melancholisch veranlagt ist, hält diese seltsame Zwischenwelt aus schwermütiger Sommerfrische und fröhlicher Herbstverstimmung für die beste Saison aller Jahreszeiten. Für alle anonymen Melancholiker und Weltschmerzmittelabhängige haben wir gute Nachrichten: Man muss nicht mehr auf den Herbst warten, um sich richtig schön trist zu fühlen.  Es reicht vollkommen aus, montags mal nach Mittweida zufahren. 


Die Chemnitzer Metropolregion blieb bisher eher unentschlossen. Burgstädt kennt man vom Schienenersatzverkehr nach Leipzig. In Wittgensdorf kommt der Käse in den Käsemaik. In Hainichen haben 30 Prozent AfD gewählt — damit ist es so hinterwäldlerisch und random wie jede andere sächsische Klein- und Großstadt auch. Von Mittweida hat man auch schon mal was gehört, und zwar, dass es dort angeblich das bessere Medien-Studium geben soll.

Doch das Ignorieren der Chemnitzer Peripherie ist keine gute Idee, denn die Stadt platzt schon jetzt aus allen Nähten. Überall wohnen heutzutage Menschen, sogar am Brühl und unter der Bazillenröhre, selbst das ikonische Kraftklubhochhaus an der Reichsstraße hat sich jetzt ein famegeiler Investor unter den Nagel gerissen. Der Freiraum wird knapp, der Wohnungsleerstand beträgt nur noch 16 Prozent, die Gentrifizierung — für viele Chemnitzer bisher ein Mythos aus echten Großstädten — klopft sanft an die schöne Jugenstiltür. Am Kaßberg werden klaffende Kriegslücken mit hässlichen Neubauten gestopft wie damals in den Neunzigern die löchrigen Buffalo-Schuhsohlen mit Bubblegum. (Keine Ahnung, ob man das wirklich so gemacht hat, es klingt aber plausibel). Und wenn Chemnitz 2025 europäische Kulturhauptstadt ist, werden hier massenhaft Investouristen aus dem ICE steigen und unsere schöne Stadt aufkaufen. Das Ausweichen ins Umland scheint unausweichlich, Hauptsache ist doch, man sieht die bunten Braunkohle-Wolken des Lulatschs noch. Die grüne Wiese war zwar Anfang der Neunziger schon mal im Trend, aber das ein oder andere lauschige Landplätzchen zwischen Gewerbegebiet und Chemnitz-Center ist bestimmt noch frei. Deshalb hat die CVAG in visionärer Voraussicht schon mal Straßenbahnlinien ausgebaut, die vom Stadtlerplatz — dem Kotti von Chemnitz — nach Burgstädt, Mittweida und Hainichen fahren, die sogenannten C-Linien.  Für unser Sommerblues-Spezial haben wir die Endhaltestellen der C-Linien bereist und die Orte einem strengen Chemnitzability-Check unterzogen. Denn wer weiß, vielleicht bloggen wir bald aus Burgstädt. Oder befüllen Käse-Eimer in Wittgensdorf.

Die Anreise: Ab Chemnitz Hauptbahnhof rast die hochmoderne Transrapidbahn, wegen der gerade die ganze Zenti umgebuddelt und ungemütlich wird, Richtung mittelsächsisches Nichts. Es ist vermutlich die schnellste Verbindung aus Chemnitz raus. Der Zwischenhalt „Kinderwaldstätte“ klingt nach einem unentdeckten Eldorado für Küchwaldentblößer, also eher unheimlich. Am Mittweidaer Bahnhof ist Endstation, nicht nur wirklich, sondern auch seelisch. Man stolpert direkt in eine große Baustellenfalle und fühlt sich gleich wie zuhause.

Über Mittweida gibt es nichtsweida zu schreiben: Es ist eine sächsische Kleinstadt wie jede andere auch: Fad und farblos, trist und trostlos, ein bisschen aus der Zeit gefallen, ein bisschen wie 1992. Im Herzen noch DDR, aber schon Westprodukte im Schaufenster.

Das Trabi-Aufkommen ist verdächtig hoch, die Bäckerei-Dichte auch, der Burgerladen öffnet früh um sechs.  Die kleine Innenstadt hat ein hübsches historisches Rathaus und bietet eine erstaunliche Vielfalt an Ladengeschäften, was man vom Stadt gewordenen Einkaufscenter Chemnitz absolut nicht behaupten kann.

Die Stadt: Mittweida hatte mal 23.000 Einwohner (okay, das war 1946), jetzt sind es nur noch knapp 15.000, etwa 4000 davon sind Studenten. Bis 2010 erstattete die Stadt in einem Akt der Verwzeiflung den Studenten ihren Semesterbeitrag, wenn sie ihren Hauptwohnsitz in Mittweida anmeldeten.

Die Wahlbeteiligung zur Bundestagswahl lag bei 73 Prozent, 27,5 Prozent der Zweitstimmen gingen an die CDU, 26,5 Prozent an die AfD. 2006 gründete sich hier die rechtsextreme Kameradschaft Sturm 34 und prügelte sich durch die Region, um eine „national befreite Zone“ zu errichten. 2008 wurde sie verboten. Mittweida liegt an der Zschopau, hat ein Gymnasium, zwei Grundschulen, eine Hochschule und ein privates Raumfahrtsmuseum. Man kann nach Kriebstein wandern.

Urbanes Gefühl vong Zenti-Feeling her: Eher niedrig. Abgesehen vom handelsüblichen einsamen Alkoholiker am Marktbrunnen, konnten wir weder einen Platz mit Stadthallenpark-Vibe, noch einen sozial verkommenen Umsteige- und Umschlagsplatz ausmachen. Die Stadt scheint friedlich im Provinzkoma vor sich hin zu dümpeln, ganz schläfrig vom Status Quo, gesättigt von den guten Eierschecken der vielen Bäcker.

Fassmannsches Freiraumpotenzial: Hoch! Während in Chemnitz alles weg saniert wird, rottet Mittweida freundlich vor sich hin. Der gruslige Taubenfriedhof, auch ohne HDR-Filter der Losteste Place von ganz Sachsen, wäre bestimmt ein toller Space für das Sommerfest vom Kreativen Chemnitz.


Der architektonische Moderne-Faktor:
Ist eher gering. Die Innenstadt ist alt und kommt weitestgehend ohne sozialistische Kriegslückenfüller aus. Stattdessen schlängeln sich kleine Gässchen die Hügel hinauf wie in toskanischen Bergstädtchen, nur ohne das Flair und ohne die Touristen. Einzig das Medienzentrum versprüht ein bisschen was vom grauen Chemnitz-Charme (siehe Weinholdbau), den wir hier alle so lieben.

Lärm-Pegel: Mittel. Die großen Einfahrtsstraßen können vielleicht nicht ganz mit der Zwickauer oder der Leipziger Straße mithalten, sind aber akzeptabel laut und angemessen umweltverschmutzt. Da es nur einen Studentenclub gibt, dürfte eine Nachtruhe ohne Lärmbeschwerden oder Gründungen von dauerprotestierenden Bürgerinitiativen garantiert sein. Rund um das Szenelokal „Pulspub Alte Eiche“ und das Zocker-Mekka „Eldorado“ könnte es laut werden. Alle Ampeln sind wie immer ohne Gewehr.

Einsamkeits-Gefühl: Hoch. So leer wie die Auslagen der längst geschlossenen Läden sind, so leer fühlt man sich nach etwa 30 Minuten Mittweida selbst. Am schlimmsten ist es am Bahnhof, in der müden Spätsommer-Sonne, an einem Montagnachmittag, Mitte September: Ein paar Studenten versinken in ihren Smartphones, der Wind weht etwas trübe Stimmung von Chemnitz rüber. Der nächste Zug kommt erst in 40 Minuten. Endstation Einsamkeit, nächster Halt: hoffnungslos.

Wer hier hinziehen sollte: Siegmund Jähn, Menschen mit Interesse an einsturzgefährdeten Gammel-Immobilien, Trabi-Fahrer, Taubenzüchter, Schlagstocknazis, Bäckerei-Azubis, Menschen, denen der Brühl jetzt schon zu laut und der Lulatsch zu bunt ist und Leute, die vorhaben, ihren Bachelor in nur einem Jahr zu schaffen

Wer lieber in Chemnitz bleiben sollte: Modernisten, Satiriker, Krisenreporter, Leute, die das Extreme mögen und sich deshalb an der Zenti besonders wohlfühlen, lokale Elektro-DJS

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