Chemnitz rasiert alle. Warum die anderen Kulturhauptstadt-Bewerber keine Chance gegen Chemnitz 2025 haben

Es wird die aufregendste Woche seit äh Wochen: Am Donnerstag entscheidet sich, ob Chemnitz noch Kulturhauptstadt werden kann oder ob die ganze Stadt kollektiv in ein Loch fällt, tiefer und schwärzer als das ehemalige Conti-Loch, die vermutlich dickste Depression seit August 2018.  Wir wollen erstens noch mal ganz beiläufig erwähnen, dass sich die Stadt ganz eindeutig auf unsere Initiative hin beworben hat. Zweitens wollen wir selbstlos das Chemnitzer Selbstbewusstsein aufpäppeln, indem wir endlich mal nicht die eigene Stadt bashen, sondern die anderen. Denn jeder weiß: Chemnitz2025 ist absolut alternativlos, vollkommen außer Konkurrenz, dass die anderen Städte überhaupt antreten ist eine Farce, niemand kann uns die Tränenflüssigkeit reichen. Wir haben Nazis. Wir haben Komplexe. Wir haben Industrie, Krieg und Zerstörung. Wir haben alles, was Gera und Magdeburg auch haben.
Warum die anderen Städte trotzdem von Chemnitz rasiert werden, haben wir für euch in den letzten Wochen lang und viel zu mühevoll recherchiert – wir haben alle acht Bewerberstädte auf Chemnitzability gecheckt.

Chemnitz 2025

Dresden:
Wo liegt eigentlich Dresden?
 Im konservativen Kessel der seligen Sächsischkeit, aus dem abgesehen von komischen Kretsche-Tweets nichts hinaus gelangt, und erst recht nichts hinein.
Motto: „Neue Heimat Dresden“. Klingt schön pegidafreundlich, ist aber natürlich ganz anders gemeint. Passt trotzdem perfekt zur sächsischen Hauptstadt, weil wirklich niemand so heimatgeil ist wie die Sachsen. Außer die Bayern vielleicht.
Bid Book/Themen: Dresden versucht, weniger wie Dresden zu sein, ist dabei aber so sehr Dresden, wie man es sich nur vorstellen kann. Das Bid Book sieht zwar schick aus und das Cover zeigt Dynamo-Fans in der Semperoper. (Das ist ungefähr so krass, als würde man CFC-Fans im AJZ zeigen). Der Inhalt aber bleibt boring und barock. Ständig fällt das Wort „reich“, ständig geht es um Kurfürsten, Klassik, höfische Kultur und die Sächsische Schweiz — also um alles, was man an Dresden hasst.

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Fantasy Land – Die Geschichte des Großen Exodus aus dem Kosovo.

Gewitterzellen ziehen über das klimawandelnde Land, von der Faulbrut verrückt gewordene Wespen verüben Selbstmordattentate auf unbekümmert bloß gelegte Körperpartien, unbekannte sirtakitanzende Gläubiger ziehen dem ordinären Girokontobesitzer das Geld schneller aus der Tasche als er seine IBAN aufsagen kann, der BVB kommt ausgerechnet dann, wenn man gerade nur ein halbes Stadion hat und dann wird Chemnitz auch noch von Asylbewerbern überschwemmt, geflutet und gestürmt. Es sind Krisenzeiten.
Kaum treibt der ehrlich zusammengeklaute Exportüberschuss sogar im ewig nicht blühen wollenden Osten ein paar zarte Blüten, da trampeln Flüchtlingshorden alles wieder platt und in unsere schönen leeren Platten ein. Als Chemnitzer steht man immer mit einem halben Bein auf der Wiese des Absurden, auch wenn man dabei jetzt keine auf dem Kopf stehenden Bilder mehr betrachten kann.
Aber es fällt trotzdem schwer zu verstehen, mit wie viel Futterneid und Fremdenhass und Existenzangst viele Menschen auf die Ankunft von Asylbewerbern reagieren, wie Politiker und Medien diese Entwicklung für Populismus und Propaganda ausnutzen als gäbe es tatsächlich eine Krise – so lange, bis es eine wird. Und man merkt, dass selbst eine ehrliche, tröstende Geste wie das Streicheln über die Wange eines weinenden Mädchens verlogen sein kann – weil es eben wegen der eigenen Politik und ihren Folgen weint. Scheiß Merkel, möchte man da manchmal sagen, wäre man nicht Merkel und hätte keine Alternative.
Weil remarx die Worte Party, Pop und Poesie und nicht Politik, Moral und Demagogie im Untertitel führt, wollen wir uns dem Thema Asyl auf eigene Weise nähern und haben uns ein paar Wochen im Kosovo umgesehen. Kosovo ist halb so groß wie Hessen. Schon ganz Hessen wäre den meisten trotz Äppelwoi, Schirrn und DFB wahrscheinlich zu klein, um ein ganzes Leben dort zu verbringen. Aber dann gibt es auch noch keine Arbeit. Einige Gründe, Kosovo für eine Weile zu verlassen, liegen also auf der Hand. Dass so viele von ihnen nach Deutschland kommen, liegt auch an den vielen Gerüchten, die es dort über Deutschland gibt – und die, wie das bei Gerüchten so ist, ziemlich viel über Deutschland verraten und über seine Krisen.IMG_3165

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