Draußen vor Emmas Onkel: Eine Anleitung zum szenischen Sitzen.

Chemnitz war schon immer cool, das wusste bisher nur keiner, am wenigsten die Chemnitzer selbst. Hier hat man sich schon mit Pfeffi die Zähne geputzt und den Lippenstift abgeschminkt, bevor Puma überhaupt auf die Idee kam, Turnschuhe in „Berliner Luft“-Farben zu verkaufen, hier sind die Clubs schon gestorben, da hatten sie in Berlin noch nicht mal eröffnet, hier heißt das, was andere Städte „cornern“ nennen, schon immer „An der Zenti-Uhr treffen“ — und es ist auch kein Geheimnis, dass die „Russenhocke“ in den Neunzigerjahren im Heckert erfunden wurde. Doch seitdem die Stadt einen Ringbus hat und die Zenti das neue Kotti ist, hat es sich auch innerhalb der Stadt herumgesprochen: Chemnitz ist jetzt cool. Vielmehr noch, die Stadt ist kaum wieder zuerkennen: Auf den Straßen sind manchmal Menschen, und sie reden jetzt von der „City“, wenn sie das Zentrum meinen, sie sitzen vor Läden und sehen gut dabei aus und internationale Lifestyle-Trends kommen nur noch mit zwei Jahren Verspätung hier an. Chemnitz ist jetzt so hip, dass es nicht verwunderlich wäre, wenn eine Berliner Band bald ein Lied darüber singt, dass sie auf gar keinen Fall nach Chemnitz ziehen will, obwohl da jetzt alle ihre Freunde wohnen. Doch die neue Hipheit konzentriert sich glücklicherweise nur auf drei Stadtteile, einer davon ist der Kaßberg: Wer am Prenzlauer Berg keine Wohnung mehr bekommt, zieht jetzt hier her und nimmt uns die Spielplätze weg. Am Kaßberg wird gerade das letzte verfallene Haus eigentumssaniert und vor den vielen Cafés so häufig Englisch geredet, dass Jens Spahn in der Freie Presse schon einen Gastkommentar über die bieder-elitären Chemnitz-Hipster geschrieben hat. Weil das Viertel so gut wie durchgentrifiziert ist, wird es Zeit, dass wir endlich nach Zittau ziehen. Vorher müssen wir uns aber noch mal im angesagtesten Café der Stadt sehen lassen – klar, im Emmas Onkel. Wie man das am lässigsten macht, haben wir mittels intensiver Recherche für euch herausgefunden – eine Anleitung zum szenischen Sitzen.

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Der re:marx-Leserpoll 2017. Die Ergebnisse. 

Ihr habt gevotet, wir haben ausgewertet.

Club des Jahres:
Kaum eröffnet, schon hängt er alle anderen ab: Der Technopark konnte beachtliche 82% der Stimmen auf sich vereinen — der beste Umfragewert für einen Chemnitzer Club seit Martin Schulz. Der Vorjahressieger N’Dorphin landete trotz Schließung im Sommer mit 10% auf Platz zwei. Sax und Pentagon3 teilen sich den dritten Platz.

Bar des Jahres: Hier konnte vor allem das oberschichtige Oberdeck (37%) überteuerte Longdrinks abräumen. Andere Bars landeten auf anderen Plätzen.

Regionaler DJ des Jahres:  Der aufstrebende Newcomer „Der Musikling“ (35%) ist euer Plattenteller-Darling des Jahres.  Auf Platz 2 performt die Freiberger Flower-Power-Legende Falko Rock (FR%), auf den dritten Platz habt ihr überraschenderweise DJ Uwe Bier (20%) gewählt.

Festival des Jahres:
Ein herber Rückschlag für das Kosmonaut Festival: Aus Solidarität mit re:marx haben viele von euch den Rabensteiner Ringelpietz hart abgestraft. Sieger wurde stattdessen mit über 50% das MS Beat 2014, das vielen Szene-Kennern als Vorbild fürs Kosmonaut gilt. Auch die Makers Faire freut sich zunehmender Beliebtheit und konnte 20% der Stimmen für sich gewinnen. Die restlichen Stimmen sind wild über die Chemnitzer Festivalszene verteilt: Von „Brühlfest“ über „buntes Brühlfest, bis hin zu „Baumwollbaum“ und „Kiezmarkt Brühl“ ist alles dabei.

Leerstes Konzert des Jahres: 
5 Prozent stimmten für das „Friends of Gas“-Konzert im Rahmen der Reihe „Die unteren Zehntausend“. 95 Prozent gaben an, gar nicht auf Konzerte zu gehen. Weiterlesen

Endhaltestellen im Chemnitzability-Check: Mittweida

Immer wenn es Herbst wird, riecht die Luft so, als hätte jemand heimlich den Himmel angezündet. Vermutlich war es aber doch nur der Feuerteufel, der am Kaßberg fünf falschgeparkte SUVs und den Reifenstecher in Brand gesteckt hat. Jedenfalls starrt man dann meist trübsinnig ins himmlische Pastellgrau, inhaliert ein bisschen von der guten Diesellandluft und wälzt sich in Wehmut. Wer ohnehin chronisch melancholisch veranlagt ist, hält diese seltsame Zwischenwelt aus schwermütiger Sommerfrische und fröhlicher Herbstverstimmung für die beste Saison aller Jahreszeiten. Für alle anonymen Melancholiker und Weltschmerzmittelabhängige haben wir gute Nachrichten: Man muss nicht mehr auf den Herbst warten, um sich richtig schön trist zu fühlen.  Es reicht vollkommen aus, montags mal nach Mittweida zufahren. 

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