Die Post der Moderne: Was im April in Chemnitz geschah.

Das Blau vom Lulatsch ist stellenweise stark verblasst, und wir alle wissen, was das heißt: Vierte Liga. Das Grün vom Lulatsch hingegen strahlt mehr denn je, und wir alle wissen, was auch das heißt: Es ist Frühling in Chemnitz – oder sogar schon Sommer oder Frommer und plötzlich sieht man wieder Menschen und Tätowierungen auf den Straßen, plötzlich riecht es wieder überall nach Flieder und nach Grill, das schwere Betongrau ist von zartem gelben Blütenstaub bedeckt und alle sehen viel glücklicher aus. Und auch die Stadt blüht auf, denn Chemnitz ist überall: Auf arte tanzen die Nischelhupper ihren antikapitalistischen Balztanz, in der Zeit erklärt die in den Ruhestand verabschiedete Frau Mössinger, warum Chemnitz cool ist, aber keine Ironie versteht, ja selbst Jan Böhmermann hat die Stadt 20 Sekunden lang erwähnt, woraufhin natürlich alle ausrasten, wie immer, wenn Chemnitz mal in irgendeinem Medium erwähnt wird, das nicht das Sachsenfernsehen oder die Freie Presse ist. Deshalb wird es Zeit, dass auch wir endlich mal was über Chemnitz schreiben: Die Post der Moderne für den April.

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Im Görli von Karl-Marx-Stadt: Ein Abend im städtischen Sperrgebiet Stadthallenpark.

Als wir vor langer Zeit nach Chemnitz zogen, waren die Straßen der Stadt kein sonderlich hartes Pflaster – trotz des bombastischen Betons, der hier in kapitalistischen Nachwende- und kommunistischen Nachkriegszeiten verbaut wurde. Zu alt, zu überschaubar, zu beschaulich schien die Stadt und die Gehwege waren oft so leer, dass sich nicht mal ein ausgefuchster Kleinkrimineller nach Einbruch der Dämmerung alleine hinaus wagte – schließlich war ja auch niemand da, den man hätte überfallen können. In Chemnitz blieb es meist derart ruhig, dass schon leisester Lärm als mittelschweres Verbrechen galt: Eine Hochburg der Sicherheit.
Im Laufe der letzten Jahre jedoch scheint die Kriminalitätsrate rund um den Marx-Kopf drastisch gestiegen zu sein. Man denke nur an das gewaltsam heruntergerissene Schland-Trikot während der Fußball-WM, an die Wildpinkler auf dem Brühl oder die unzähligen Verstöße gegen das Glasflaschenverbot. Glaubt man obendrein Facebook-Kommentaren, Zeitungsberichten und „Tatort Chemnitz“-Befürworten, so leben wir mittlerweile in einer Hochburg des Verbrechens.

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Ort des Grauens: Der Stadthallenpark – der Görli von Chemnitz.

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