Nie wieder Selfiestick: Der große Überwachungskamera-Check

Chemnitz, wir müssen über Chemnitzer Gefühle reden. Während andere Städte vom Völlegefühl völlig übersättigt vor Bars und Kneipen hängen, ist Chemnitz eher so der Schnaps-Exzess auf nüchternen Magen: Eine Mischung aus melancholischem Leere- und postmodernem Freiheitsgefühl. Nachts mitten auf der Straße nachhause zu laufen und dabei nicht überfahren zu werden, weil überhaupt niemand da ist, der einen überfahren könnte, das ist so ein typisches Chemnitz-Gefühl. Sich bei einem Konzert nicht aus dem schüchternen Halbkreis heraus vor die Bühne zu trauen, auch. Dann gibt es noch die soziopathische Angst, vor Emmas Onkel vorbeizulaufen und Leute grüßen zu müssen. Das traurige Geltungsbedürfnis der Chemnitz-Krankheit. Das euphorische „Fast-wie-eine-richtige-Stadt“-Gefühl und das warmherzige Gefühl der Familien-Zusammenführung, wenn man irgendwo hinkommt, und alle die man kennt, sind auch schon da. Und dann wäre da noch das Sicherheitsgefühl Komma subjektiv. Warum das Sicherheitsgefühl neuerdings immer mit dem Zusatz subjektiv versehen wird, ist uns ehrlich gesagt vollkommen unklar, denn Gefühle können ja von Natur aus gar nicht objektiv sein. Mit dem Sicherheitsgefühl Komma subjektiv ist es jedenfalls kompliziert, denn wie alle Gefühle ist es vollkommen fakten– und vernunftresistent, quasi postfaktisch. Es ist immer nur dann da, wenn es nicht da ist, bezieht sich seltsamerweise ausschließlich auf deutsche Städte, nicht aber auf die deutsche Autobahn, ist das wütend lamentierte Lieblingsargument bei Bürgersprechstunden, vielleicht ist es auch nur als Angst getarnte Fremdenfeindlichkeit. Denn gefühlt betrifft es vor allem beigejackige Jammerossis zwischen 50 und 70, die abends ohnehin nie rausgehen, weil sie lieber die hundertste Tatort-Wiederholung auf ihrem 2478 Zoll Flatscreen gucken, und sich ihr Sicherheitsgefühl aus den Tag24-Schlagzeilen konstruieren.
Das Sicherheitsgefühl ist kein alleiniges Chemnitz-Problem, sondern allgemein das fragilste aller deutschen Gefühle, schlimmer noch, als die Angst davor, auch bei der nächsten Fußball-WM wieder in der Vorrunde auszuscheiden. Deshalb hat die Stadt Chemnitz dem kleinen Sensibelchen jetzt gleich mehrere videofähige Babyphones neben das Bett gestellt: 31 schicke neue Überwachungskameras vom Typ Panomera S4 und S8, im Mai vom Stadtrat beschlossen, im Sommer installiert, seit heute in Betrieb. Echte Herbst-Babys also, wobei Herbst auch wieder nur so ein Gefühl ist, genauso wie das Gefühl, von Big Babalu beobachtet zu werden. Die Kameras, ob sinnvoll oder nicht, sind jetzt jedenfalls da, und wir müssen das Beste daraus machen, wie ein Sportverein in der Krise twittern würde. Und was ist das Beste, das man mit einer Kamera machen kann? Genau: Selfies! Unser Guide zum Beobachten und Beobachten lassen in Chemnitz Mitte. 

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re:marx in Gefahr: Wir sind wieder Wehr. Unterwegs als Bürgerwehr in Chemnitz.

Anfang März, es ist kalt in Deutschland. Kalt und dunkel, vielleicht regnet es auch.
Wir sind besorgt.

Das Pflaster des Chemnitzer Marktplatzes ist nicht nur holprig, es ist auch gefährlich. Wenn es dunkel wird trauen sich nur noch die Wagemutigsten hinaus in die feindselige, schwarze Nacht: Angst. Angst vor Kriminalität. Angst vor Armlängen, die zu kurz sind. Angst ums Abendland. Angst bis zur Morgenlanddämmerung.
Fast vollständig umnachtet scheint so manch besorgter bürgerliche Geist.

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Kreuzungsgefährlich und auch ein bisschen revisionistisch: Die Reichsstraße in Chemnitz, wo schöne blaue Narzissen wachsen.

Überall im Land, von der Maas bis an die Memel, streifen derzeit Bürgerwehren über Bürgersteige, um die abendländische Sicherheit zu schützen und unsere schönen deutschen Frauen zu retten (aber nur die Blonden!). Wutiges Patrouillieren auf den bürgerlichen Pfaden der Selbstjustiz. Die Selfmade-Sheriffs mit ganz viel Pfeffi-Spray und Schlagstock im Gepäck stilisieren sich als Freund und Helfer der überforderten Polizei – nachtwandeln aber aus Gründen einer übersteigerten Empathie mit sich selbst. Kleingärtner zum Beispiel, die ihre Lauben vor Lauch-Langfingern schützen und um ihre Beete beten, in denen noch deutscher Kohl gedeiht, bald aber Kichererbsen wachsen werden – wenn wir nicht aufpassen. Wenn wir uns nicht wehren.

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