Monika Kitzler: Eine Frau – Ein Mythos!

Nach einem entbehrungsreichen Jahr voller Recherchen und kräftezehrender Netzwerkarbeit ist es uns endlich gelungen, Moni K., auch bekannt als Monika Kitzler, Labelchefin des gleichnamigen Chemnitzer Textilimperiums, ausfindig zu machen. Nun treffen wir sie endlich zum exklusiven Interview. Auf dem Gelände einer ehemaligen Schlachterei werden wir mittels knapper Telefonanweisung zu einer spärlich beleuchteten Halle im hintersten Bereich des Komplexes gelotst. Nie zuvor hat man Außenstehenden derart intime Einblicke in den Kosmos der aufstrebenden Mode-Ikone gewährt. Die Aufregung ist groß, auch bei uns. Noch größer allerdings ist die anfängliche Enttäuschung, denn Monika schickt ihre Mitarbeiter, zwei freundliche, harmlose Hipster mit beeindruckendem Bartwuchs (Mitarbeiter ist hier zwar die offizielle Bezeichnung, jedoch spekuliert die Szene schon länger darüber, welche Funktion die gutaussehenden Jünglinge in Wirklichkeit innehaben), die uns charmant, aber bestimmt, darum bitten, sämtliche Telefone, Kameras etc. abzulegen. Nur Stift und Papier sind zugelassen. Einer von ihnen führt uns dann endlich in Monikas Büro, einem dunklen Raum, der gleichermaßen Mafia-Hauptzentrale und Backstage-Bereich von Mariah Carey sein könnte. Verraucht, verrucht, schummriges Licht, weiße Orchideen. Der Toyboy schaut nervös auf die Uhr. Zehn Minuten, sagt er, mehr nicht.

Eindrücke aus dem Atelier von Moni.  Alle Fotos wurden bereitgestellt von Monika Kitzler.

Eindrücke aus dem Atelier von Moni.
Alle Fotos wurden bereitgestellt von Monika Kitzler.


Monika Kitzler, enge Vertraute nennen sie nur Moni, thront wie ein omnipotenter Pufflude in einem üppigen Ledersessel in der hintersten Ecke ihres Büros und sieht aus dem Fenster. Eine gewaltige Erscheinung von Frau, auch wenn ihr wahres Gesicht im Verborgenen bleibt. Monika kehrt uns den Rücken zu, denn Monika meidet die Öffentlichkeit. Sie traut fremden Menschen nicht – und schon gar nicht pseudo-investigativen re:marx-Reportern, die mit schlecht gefakten Stories die rare Aufmerksamkeit der Facebook-Nutzer erheischen wollen. Deshalb sei hier fest gehalten: dieses Gespräch gleicht einem Wunder. Es ist in etwa so, als würden Edward Snowden, Karl Lagerfell und der neue Anführer der pakistanischen Taliban gemeinsam eine Audienz im Bernsteinzimmer geben.

Monika spricht, gemessen an ihrer Physis, erstaunlich leise, fast schon bedacht. Wir sind froh, dass sie überhaupt mit uns spricht.

Wie sich der Puls der Stadt für sie anfühlt, wollen wir wissen. Unsere Stimmen zittern. Monika lacht, ganz kurz, dann sagt sie: „es gibt keinen Puls, ich fühle hier nichts.“ Tot sei Chemnitz deshalb aber dank der lebenserhaltenden Maßnahmen eines gewissen Huhlern Vereins und dessen Bemühungen in der hiesigen Festival-Szene noch nicht. „Die Hoffnung des Erwachens“, so es nennt Monika. Die Stilprobleme der Stadt sind ihr dabei herzlich egal, sie will einfach nur schocken. Als „bunt, frech, gesund“  beschreibt sie ihre Mode, generationsübergreifend tragbar, „von zwölf bis neunundneunzig“. Es gefalle ihr besonders, wenn ältere Generationen junge und junge Generationen ältere Mode tragen, sagt sie. Ihre Inspiration suche sie deshalb vor allem in den „guten, alten Zeiten, im 80er-Jahre-Koks-Business“, wie Monika es nennt. Koks nicht so, das steht auf einer ihrer legendären Totebags, dem Verkaufsschlager schlechthin. Mit derartigen Sprüchen wolle sie jedoch nicht provozieren, erklärt Monika, es gehe ihr in erster Linie nur um den witzigen Spruch, der die Leute zum Nachdenken, oder wenigstens zum Lachen anregen soll. Den „Druffies“ jedenfalls gefalle das ausgesprochen gut, bestätigt sie, was wir längst schon vermuteten.

1000743_644337652256179_330083242_nWir fragen nach den Produktionsbedingungen für ihre Kleidungsstücke und sind doch wenig überrascht, als sie erzählt, dass sie ausschließlich männliche Näher beschäftigt, „sexy Boys, die unter Tariflohn arbeiten, die ich aber mit einer Flasche Bier am Monatsende entschädige“. Aber, wie sie noch mal betonten möchte, immerhin sei die Kleidung wenigstens nicht in Bangladesh produziert, sondern original made in East-Germany.

Schnell wird klar: Monika ist eine Frau voller Widersprüche, sie wirkt bescheiden, ist sehr verschlossen, hält uns auf Distanz. Zurück bleiben ratlose Reporter und die Frage: Wer ist Monika Kitzler wirklich? Wir starten den letzten Versuch einer Annäherung. Monika weiß nicht, wie genau sie zur Mode gekommen ist. Eine Ausbildung hat sie nicht, angeblich nicht mal einen Grundschulabschluss. „Man macht doch immer das im Leben, wovon man keine Ahnung hat“, sagt Monika, fast schon weise, „mal funktioniert das, mal nicht.“ Plötzlich wird Monika doch noch persönlich: Ihr größtes Problem sei ihr mangelndes Selbstvertrauen, sagt sie ganz leise. So sei sie zwar überaus sexuell, finde sich jedoch überhaupt nicht attraktiv. Das ist auch der Grund für ihre öffentliche Zurückhaltung. Ihre Mode gestaltet sie unisex, ganz bewusst – doch mit dem Begriff „Gender“ kann die Frau, die man auch KitzlerIn nennt, nichts anfangen. Auch zur Homoehe will sie sich nicht äußern. „Ich glaube nicht an die Ehe“, resigniert sie und zündet sich die zehnte Zigarre an. Der perfekte Mensch ist der nackte Mensch: „Nackt oder natürlich mit meinen Kleidungsstücken. Obenrum nackt, untenrum Moni, ja das wäre perfekt.“

Der Toyboy räuspert sich. Die zehn Minuten sind schon seit zehn Minuten um. Eine letzte Frage noch. Ihr größter Erfolg? „ Das war definitiv Kraftklub in meinen Anziehsachen.“

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