A Punsch In Your Face: Zwei Autoren, ein Wintermarkt

Re:marx ist ein Blog gewordener Traum der persönlichen Traumata-Bewältigung: Die wöchentliche argwöhnische Aufarbeitung und zynische Zubereitung von all dem Ekel, den entsetzlichen Ereignissen, den emotionalen Eskapaden, die uns in dieser Stadt immer wieder begegnen, ist für uns hilfreicher als es jede Psycho- und Eigenurintherapie jemals sein könnte. Und mit der Adventszeit ist nun eine wirklich traumahafte Zeit für uns angebrochen: Wintermarkt in Chemnitz.
Anlass genug für zwei unserer Autoren, sich getrennt von einander am selben Tag zur selben Zeit auf den Wintermarkt zu wagen, um dort die knallharte Konfrontation mit ihren inneren Ängsten, soziopathischen Neurosen und dem Hang zum Alkoholismus zu suchen – und die Erfahrungen anschließend hier zu Papier (naja) zu bringen. Ein Markt – zwei Perspektiven – drei Glühwein – und vier Euro für eine Zuckerwatte.

IMG_6248_klEins: Zwischen Weltenhass und Winterliedern von Rolf Zuckowski
Unbestimmte Menschenmassen, die sich, in glühselig gröhlenden Grüppchen formiert, durch die Chemnitzer Innenstadt schieben und nicht mehr wissen, ob sie gerade in köstlich duftende Kotze-Reste oder doch nur in eine klebrige Zucker-Lache getreten sind. Futterneidisches Gerangel an der Bratwurstbude, eine halbe Stadt kurz vor der Hungersnot, vom Glühwein glühende Wangen unter weinroten Wintermann-Mützen: Ja, es sind wieder Wintermarkt-Wochen, der Ausverkauf der seligen Nacht hat begonnen.

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Während der Wintermarkt dem gemeinen Chemnitzer heiliger als das Christkind, und mindestens als der Himmel auf erzgebirg`schen Erden scheint, bedeutet er für uns Wutblogger die Hölle, in der ein wahnsinnig gewordenes Wolfgang Petry-Double Abend für Abend „Last Christmas“ singt. Das Fegefeuer der Festlichkeiten lodert wieder in der Chemnitzer City – und wir stolpern blind vor Wut hinein.
Der Chemnitzer Wintermarkt ist populär. Vom MDR wurde er nicht umsonst mehrfach zum schönsten Wintermarkt Sachsens gekürt. Schön heimelig, traditionsbewusst und mit der mystischen Mittelaltermeile. Eine eigene kleine Welt, in der man sich fühlt wie Bilbo Beutlin in Bree. Man flaniert zu Musik, die auch von Evanescence (erinnert sich noch wer?) oder den Dudelzwergen oder von den Red Hot Chilly Pipers sein könnte und zahlt in einer fremden Währung namens Thaler, dessen Kurs zum Euro erstaunlicherweise 1:1 beträgt, man gaukelt und entflammt und funzelt und furzt, nur Althochdeutsch spricht hier leider keiner mehr

IMG_6038_kleinAber gemütlich ist’s und es gibt Essen in Massen. Das kann Chemnitz: In der Clublandschaft hat sich längst eine ermüdende Monokultur manifestiert, aber auf dem Wintermarkt blüht noch kulinarische Vielfalt. Man hat die Qual der Wahl. Zum Beispiel zwischen Roster mit oder Roster ohne Darm, oder Langos mit Schinken und Langos mit Käse. Womit wir auch schon beim wichtigsten Stand auf dem Wintermarkt wären: Käsemaik! Die gelbe Legende unter den Chemnitzer-Wintermarkt-Buden ist lange schon Wunschkandidat für unser Erfolgsformat Zehn Kurze/Fragen, und könnte, in Abwandlung mit zehn Kurzen/Käse und der Überschrift „To Brie or not to brie“ in die Blog-Analen (pubertäres Kichern in 3,2,1…) eingehen, wenn, ja wenn das Wörtchen wenn nicht wäre.

IMG_6222_klUm echte Frustration zu fühlen, entschied sich die Autorin für diejenige Variante des Wintermarkt-Besuchs, die am allerwenigsten Spaß macht: Allein. Kalt. Doof. Abgestorbene Finger und eine tropfende Nase zwischen Weltenhass und Weihnachtsliedern von Rolf Zuckowski und irgendwo in der Ferne singt das Wolfgang-Petry-Double leise „All by myself“.
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IMG_6174_klDer Gipfel äh Zipfel der Sozio-Unverträglichkeit ist endgültig erreicht beim Anblick der Wintermann-Mützen auf den Köpfen der Menschen, die in den Bussen sitzen oder angetrunken auf dem Bahnsteig stehen – keine Tricolor-Frisur dieser Stadt kann so schlimm sein, dass man sie unter einer solchen Mütze verstecken müsste. Außer natürlich, es handelt sich um eines der begehrenswerten Exemplare mit Blinkeffekt – ohnehin blinkt es in manchem Fenster derart bunt und motiviert, dass man sich über einen plötzlichen Ausbruch von Epilepsie auch nicht weiter wundern würde.

IMG_6194_klIMG_6258_klDie zarte Schneedecke, die sich vorsichtig über Bäume und Budenzauber gelegt hat, wirkt so besänftigend, dass man die fremden, feindlichen Ellenbögen fast vergessen könnte, von denen man ständig versehentlich gerammt wird, weil man selbst gerade wieder mal einem überambitionierten Ehepaar mit Nordic Walking Stöcken ausweichen muss. Denn jene scheinen der neueste Trend zu sein. Das stocksteife Symbol dessen, was der Weihnachtsmarkt eigentlich ist: Ein Rennen. Ein Fress-Marathon, ein Trinkwettbewerb, ein innerstädtisches Großsportereignis. Ein aus den Reihen geratener Standard-Tanz im Takt von „Alle Jahre Wieder“

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IMG_6140_klKein Wunder, dass sich der Groundhopper-Hype unlängst auf Wintermärkte übertragen hat: Nur die Harten kommen in den Wintergarten. Der erzgebirgsche Ehrgeiz  jedenfalls scheint im Advent besonders beflügelt: Jeden Tag ein anderer Wintermarkt der Region, jeden Tag eine neue Tasse mit hässlicher Stadtsilhouette in der Tasche verschwinden lassen, jeden Tag dieselben Mützen-, Holzschmuck-, und Schafsfell-Buden, so lange, bis man stolze sächsische Sätze sagen kann wie „Hier is heid eher ruhisch. Gäsdorn war’sch in Zwigge, da woar vielleischd’n Wuhling!“

IMG_6184_klMarathon macht aber keinen Spaß, wenn man schon immer eine Niete im Sport war: Und so kämpft man sich durch die Gassen, die für so viele der Himmel sind, und für uns die Hölle, vorbei an angetrunkenen Arbeitskollegen, vorbei an satanischen Kreisen kreischend-kichernder Frauen-Sportgruppen, die Final Destination fest im Blick: Den Glühweinstand. Schließlich ist das das letzte, was einem noch zur (Un)glückseligkeit gefehlt hat: A Punsch in your face! Und so wäre man gerne überall, nur nicht hier, und man träumt sich auf die eingeschneite, einsame Berghütte voller Wolfgangs und Whams! unterm geschmücktem Weihnachtsbaum. In diesem Sinne:

IMG_6182_klZwei:  Wo früher meine Leber war, ist heute eine Glühweinbar

Das MS Beat Festival, das Kosmonaut, und sogar das altehrwürdige Splash!-Festival können einpacken: Das erfolgreichste Open Air der Region ist und bleibt der Chemnitzer Wintermarkt. Die Besucherzahlen sind trotz widriger Witterungen unerreicht und die Umsatzzahlen damit auch. Man kann mit Recht behaupten, dass der Wintermarkt von Chemnitzern jeglicher Fasson angenommen wird, denn es gibt in dieser Stadt wahrscheinlich niemanden, der noch nicht da war.

IMG_6177_klWährend auf den im Sommer stattfindenden Festivals schnöde Bands und immer gleiche DJs ihrem Hang zur Selbstinszenierung nachgehen und Festivalbesucher am Einlass anscheinend ihr Gehirn abgeben müssen (Anders ist das Konglomerat der Peinlichkeiten aus Verkleidungen und alkoholbedingten Kontrollverlusten nicht zu erklären.), begeht man den vierwöchigen Wintermarkt in kollektiver Besinnlichkeit und völliger Harmonie. Hier wird noch mit Stil gefeiert. Selbstinszenierung findet höchstens über weihnachtlich blinkende Kopfbedeckungen statt.

IMG_6148_klDieser Trend – von der Mehrheit der Besucher mittlerweile als Kitsch abgestraft – ist zum Glück wieder am abklingen und tritt nur noch vereinzelt bei übermotivierten Familienvätern auf. Im Großen und Ganzen besticht der Markt nämlich durch seine unaufgeregte Schlichtheit, die jedem Besucher hilft in sich zu gehen und zu erkennen, was wirklich im Leben zählt: Glühwein, „Böffsteck“ und Zuckerwatte.IMG_6146_klDie Vielfalt der feilgebotenen Speisen, Getränke und Geschenkideen ist überwältigend. Allein ein Blick auf das Angebot an Heißgetränken treibt der Leber den Schweiß auf die Stirn. Die unbeliebten Festivals im Sommer lassen ihren Gästen hingegen kaum Zeit zur Wahl. Drei Tage Dosenravioli oder Magengeschwür – Friss oder Stirb. Nirgends tritt die Ellenbogenmentalität dieser unsittlichen Veranstaltungen deutlicher zu Tage. Zu allem Überfluss erdreisten sich diese Ausbeuter dann auch noch horrende Eintritte oder „Spenden“ für diesen Quatsch zu verlangen, um ihre Unkosten zu decken. Was für eine Frechheit! Ein Besuch des Wintermarktes ist als Zeichen der weihnachtlichen Nächstenliebe und Barmherzigkeit natürlich umsonst. Kein Wunder also, dass er den Festivals das Wasser abgräbt. Hier geht es nicht darum möglichst viel in kurzer Zeit zu erleben und von einer Attraktion zur nächsten zu hetzen, nein. Hier gilt: Der Weg ist das Ziel.

IMG_6134_kleinIMG_6131_kleinMan sollte sich Zeit nehmen und möglichst keine Gelegenheit zur Verpflegung auslassen. Nicht mehr, als mit aller Gewalt rein geht, das ist die Devise. Erst während einer sich andeutenden Lebensmittelvergiftung nach dem Genuss der lecker-dampfenden Pilzpfanne, die mit mehreren Tassen Glühwein verdünnt wurde, lässt sich die kunstgeschichtliche Tragweite erzgebirgischer Holzkunst wahrhaftig erkennen.

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Die Macher des Chemnitzer Wintermarktes wären nicht so erfolgreich, wenn sie mit ihrer Arbeit nur auf das plumpe Verhökern von allerlei Waren abzielen würden. Wer den Eindruck hat, hier wird der Besucher erst mit überteuerten Spirituosen abgefüllt, um ihm dann noch einfacher sein verbliebenes Geld für unnützen Kram aus dem Kreuz zu leiern, ist auf dem Holz(kunst)weg. Die Verantwortlichen wollen mit ihrer Installation viel mehr erreichen. Sie wollen ihren Gästen eine Geschichte erzählen – wie so oft in der zeitgenössischen Kunst.

IMG_6099_klIMG_6072_kleinEine unsichtbare Hand scheint die Besucher sanft an den zahlreichen Ständen entlangzuführen. Jedes Kind erkennt sofort die filigrane Dramaturgie: Es beginnt mit Fettigem im Duett mit Hochprozentigem, zieht sich über Süßes im Duett mit Dekorativem und schließt wieder mit Hochprozentigem. Am Ende findet man sich völlig verweihnachtlicht am Lagerfeuer des Mittelalter-Marktes wieder und der Körper weiß gerade nicht, welche Grenzerfahrung ihn mehr beeindruckt. Die Kälte oder das Zusammenspiel von Fett und Alkohol im Blutkreislauf. Wahrlich ein Meisterwerk und ein revolutionärer Ansatz im Vergleich zum festgefahrenen Frontalunterricht eines Musikfestivals.

IMG_6064_kleinIMG_6058_kleinUnd auch der Aha-Effekt bleibt nicht aus. Bei einem Blick in die Taschen fühlt man sich rasch an die Berichte über Taschendiebe erinnert und versteht plötzlich, was eigentlich damit gemeint war. Doch in diesem seligen Adventsmoment bleibt auch diese Erkenntnis ohne Folgen, denn es ist ja Weihnachten, aufregen kann man sich dann wieder im Sommer und man hat wenigstens ein neues Räuchermännlein, um es zuhause hinzustellen und anzuschauen. Was will man mehr?

IMG_6200_klUnd nächste Woche auf re:marx: Inside Mühlenschänke – Meine Zeit auf dem gefährlichsten Wintermarkt der Welt. Ein Insider berichtet.

(azw, ylh)

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